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Stadtgeflüster Münster

Gott und die Welt

Marie diskutiert mit Prof. Mouhanad Khorchide über sein modernes Islambild. / Februar

Prof. Mouhanad Khorchide hat eine Mission: Er möchte den Islam in Deutschland erneuern. Dafür bildet er an der WWU islamische Religionslehrer aus, erklärt immer wieder, warum Gott barmherzig und der Koran ein Liebesbrief ist. Zwischen Vorlesungen in Münster und Vorträgen in Wien oder Kairo
spricht er mit Wissenschaftlern, Politikern, islamischen Verbänden und Journalisten. Sein Tagesplaner ist immer voll. Das Handy klingelt pausenlos. Eine ganze Stunde nimmt er sich trotzdem Zeit, um meine Fragen zu beantworten. Sein Büro sieht aus wie eine Bibliothek. Weit über tausend Bücher stehen in den Regalen, stapeln sich auf dem Tisch, an dem wir Platz nehmen. Wir sind uns einig, dass die Buchrücken mit den arabischen Schriftzeichen eine beruhigende Wirkung haben, und fangen an, zu diskutieren. Über Gott, den Arabischen Frühling, Sarrazin und die Angst vor dem Islam.

Prof. Khorchide, Sie lehren einen modernen Islam. Welches Bild haben Sie von Gott?
Gott zeigt sich im Koran als der absolut Barmherzige, der seine Liebe mit uns teilen möchte. Im Gegenzug verlangt er nichts von uns. Auch keine Verherrlichung.

Warum wird er dann angebetet?
Gebete sind Wege, um mit Gott zu kommunizieren. Sie sollten aber nicht genutzt werden, um etwas von Gott zu fordern. Der gläubige Mensch sollte gut sein, ohne etwas dafür bekommen zu wollen.

So wie Goethe sagt: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.
Genau. Dafür ist die Religion da. Sie existiert nicht, um uns Gesetze aufzuerlegen. Sie erinnert uns stets daran, dass wir kontinuierlich an uns arbeiten müssen, um vollkommen zu werden.

Und ein nicht-gläubiger Mensch kann nicht vollkommen werden?
Doch, natürlich. Aber dem Menschen würde vielleicht ein wichtiger Aspekt fehlen. Zu wissen, es gibt da jemanden, der ein großes Interesse an einem hat und mit dem man immer reden kann, spendet Trost, Halt und Kraft. Das verleiht dem Leben einen Sinn.

»Zu wissen, es gibt da jemanden, der ein großes Interesse an einem hat und mit dem man immer reden kann, spendet Trost, Halt und Kraft. Das verleiht dem Leben einen Sinn.«

Wie wäre denn eine Gesellschaft ohne Religion?
Eine Gesellschaft braucht ethische Werte, die für alle gelten. Diese Werte müssen nicht zwangsläufig mit Hilfe einer Religion vermittelt werden, doch ohne solche stabilisierenden Prinzipien würde Anarchie herrschen.

Wo Sie gerade Werten erwähnen: Sie sagen, dass der Islam mit westlichen Werten vereinbar sei. Aber wie ist das zum Beispiel mit der Zwangsehe oder der Kopftuchpflicht?
Die Zwangsehe ist eine archaische Praxis, sie steht im Widerspruch zum Islam. Oft werden solche Traditionen so verkauft, als seien sie ein Teil der Religion. Das stimmt aber nicht. Indem wir Muslime darüber aufklären, was der Islam möchte – und was nicht – wollen wir diesen Unterschied deutlich machen.

Und wie ist es mit dem Kopftuch?
Aus dem Koran geht kein explizites Kopftuchgebot hervor, aber laut der prophetischen Tradition hat Mohammed verkündet, dass die Frauen ihre Haare bedecken sollten. Theologisch lässt sich darüber sehr viel debattieren. Das Problem ist aber auch nicht das Kopftuch selbst.

Sondern?
Die Frage lautet: Ist das Tragen eines Kopftuches eine Entscheidung, die eine Frau selbst getroffen hat? Wenn eine Frau sagt, sie fühlt sich mit einem Kopftuch unwohl und benachteiligt, dann sollten Theologen und die muslimische Gesellschaft nichts dagegen sagen. Wenn sie das Kopftuch aber aus eigener Überzeugung tragen möchte, muss man auch das akzeptieren.

Dennoch ist es in manchen Bundesländern verboten, dass Frauen ein Kopftuch in öffentlichen Einrichtungen, wie beispielsweise Schulen, tragen.
Der Islam hat kein Problem mit der institutionellen Trennung von Religion und Staat. Das soll aber nicht die Verbannung religiöser Symbole bedeuten, die es im Zuge der Aufklärung gegeben hat. In Europa sind Staat und Kirche seitdem strikt getrennt und die Menschen längst nicht mehr so religiös wie früher. Im Gegensatz dazu ist der Islam mit dem Kopftuch, mit seinen Moscheen und Minaretten eine sehr sichtbare, eine präsente Religion. Das wirkt auf viele Menschen befremdlich.

»Natürlich müssen Medien über Terroristen berichten, aber es muss dabei auch differenziert werden. Sie sind nämlich nicht DIE Muslime.«

Laut einer Studie der Uni Münster aus dem Jahr 2010 stehen die Hälfte der Deutschen dem Islam kritisch gegenüber. Woher kommt diese Skepsis?
Das liegt neben der Fremdheit des Islam daran, dass soziale Probleme mit religiöser Zugehörigkeit verwechselt werden. Migranten aus der Türkei und Nordafrika sind in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Da sie jedoch zu einer sozial schwachen Schicht gehörten und schlecht gebildet waren, hatten auch ihre Kinder und Enkelkinder schwierige Startbedingungen in Deutschland und werden einem sozial schwachen Milieu zugeordnet.

Also stellt man Migranten mit Muslimen gleich …
Genau. Sagte man früher noch, dass Gastarbeiter kein Deutsch sprechen können, heißt es heute hingegen, Muslime könnten kein Deutsch. Das suggeriert, dass das Problem gelöst wäre, würden morgen alle konvertieren.

Und der 11. September? Hat er das Bild von Muslimen nicht auch negativ beeinflusst?
Der 11. September hatte auf jeden Fall einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Muslimen. Aber auch hier ist die Verallgemeinerung ein großes Problem. Natürlich müssen Medien über Terroristen berichten, aber es muss dabei auch differenziert werden. Sie sind nämlich nicht DIE Muslime.

In Deutschland hat es lange keine intensive Integrationsdebatte gegeben. Doch dann erschien 2010 das Buch von Thilo Sarrazin.
Sein Buch hat eine Debatte ausgelöst, aber sie war nicht sachlich. Das habe ich vermisst. Thilo Sarrazin hat eine Schwarz-weiße Welt gemalt, in der die Muslime die Bösen sind und der Rest die Guten. Dadurch wurde die Debatte noch emotionaler. Die Gesellschaft wurde noch mehr gespalten.

»Es müssen erst wieder ein paar Jahre vergehen, bis die Menschen merken, dass die Islamisten auch nur Machtinteressen haben.«

Aber kurz darauf sagte der damalige Bundespräsident Christian Wulff, dass der Islam zu Deutschland gehört.
In der Wahrnehmung der Muslime ging es in der monatelangen Debatte aber nicht um die Frage „Gehört der Islam zu Deutschland?“, sondern „Gehöre ich zu Deutschland?“. Das verletzte vor allem junge Muslime der zweiten und dritten Generation, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und für die es eine Selbstverständlichkeit ist, Teil Deutschlands zu sein.

Wie würden Sie denn die Integration in Deutschland auf einer Notenskala von Eins bis Sechs bewerten?
Das hängt davon ab, wie man Integration definiert. Nimmt man soziologische Kriterien, wie den Zugang zur Bildung und die Situation auf dem Arbeitsmarkt, sind Muslime hier gut integriert – und der Prozess geht aufwärts. Deswegen würde ich die Integration zwischen 1,5 bis 2 bewerten.

Und warum nimmt dann der Fanatismus zu? Die Zahl der Salafisten hat sich im letzten Jahr allein in NRW verdoppelt.
Junge Muslime, die in der Schule scheitern, keine Perspektive für sich sehen und sich in Deutschland ausgeschlossen fühlen, sind für die Kampagnen der Salafisten sehr anfällig. Mit einem mächtigen und restriktiven Gott und einer starken Gemeinschaft wollen sie ihr eigenes Ohnmachtsgefühl kompensieren. Das ist aber kein ausschließlich theologisches Phänomen.

Fanatismus gibt es ja auch unabhängig von Religion.
Eben. Es ist ein psychologisches Problem und muss von der Gesellschaft gelöst werden. Wenn wir jungen Muslimen zeigen, dass sie dazugehören und ihnen ein vernünftiges theologisches Angebot machen, wird es für die Salafisten viel schwieriger, sie für ihre Propaganda zu gewinnen.

Ist das Bedürfnis nach Orientierung auch ein Grund für die Islamisierung in der arabischen Welt?
Erst einmal waren Diktatoren wie Saddam Hussein, Mubarak und Gaddafi über Jahrzehnte hinweg Freunde der USA. Obwohl die westlichen Staaten wussten, dass diese Regime ihre Bevölkerung ausbeuten und unterdrücken, haben sie die Diktatoren lange unterstützt – und sprechen dann auf einmal von Demokratie und Menschenrechten. Das passt nicht zusammen und die Menschen in der arabischen Welt sind nicht dumm. Sie kennen die wahren Interessen des Westens und misstrauen den USA und Europa.

Sie meinen wirtschaftliche Interessen?
Ja. Die Menschen wissen genau, dass es um Geld und Öl geht. Ich weiß, dass das viele nicht hören wollen, aber es ist die Wahrheit.

Und inwiefern profitieren davon die Islamisten?
Die Islamisten waren vor dem Arabischen Frühling jahrelang in der Opposition und sagen jetzt, nach dem Sturz der Diktatoren, dass der Islam die Lösung sei. Es müssen erst wieder ein paar Jahre vergehen, bis die Menschen merken, dass die Islamisten auch nur Machtinteressen haben.

facebook.com/stadtgefluester.muenster

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Mouhanad Khorchide
Mouhanad Khorchide hat früh gelernt, was es heißt, in einem Land willkommen zu sein – oder nicht. Nachdem seine Großeltern aus Palästina in den Libanon geflohen waren, wurde er 1971 in Beirut geboren. Kurz darauf zog seine Familie nach Saudi-Arabien, wo Mouhanad Khorchide zwar zur Schule ging, aber nicht studieren durfte. Deswegen lernte er Deutsch, um hier zur Uni gehen zu können. Aber auch das blieb ihm verwehrt. Weil er als „Staatenloser“ kein Visum bekam, studierte er Soziologie in Österreich und islamische Theologie in Beirut. Seit 2010 ist er nun Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster. Mouhanad Khorchide scheint endlich angekommen zu sein. Einen Entwurf zur Theologie der Barmherzigkeit liefert er in seinem jüngst beim Herder-Verlag erschienenen Buch „Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion“.