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Stadtgeflüster Münster

Liebe auf den zweiten Blick

Tom im Sozi-Talk mit Christoph Strässer.

Wenn die Arbeitnehmerorganisationen zum Gewerkschaftsfrühstück laden, dann darf natürlich ein Sozi nicht fehlen. Besucht man selber dieses morgendliche Treffen, ist man überrascht: Man betritt keine Eckkneipe, wo die Luft geschwängert ist vom Duft des Bieres und Kornes, dem Rauch der Fehlfarbenzigarren und dem Atemgeruch voller Zwiebeln und Mett, während in der Ecke Arbeitskampfparolen geschwungen werden. Nein, man geht in ein Studentencafé am Aasee und trifft die Genossinnen und Genossen sowie deren Sympathisanten bei italienischen Caféspezialitäten und Croissant, diskutierend über die Probleme der Arbeitnehmer in der heutigen Zeit. Hier begegnet man Christoph Strässer (SPD, MdB), der sich merklich wohlfühlt und bei einer befleckten Milch nicht nur uns Rede und Antwort steht. Christoph spricht über seinen politischen Werdegang, genießt Siege, hadert mit Niederlagen und erlebt die Schwierigkeiten, eine Fehlentscheidung zu korrigieren. Doch gerade deswegen liebt und lebt er Politik.

Christoph, du bist bereits in der dritten Legislaturperiode Bundestagsabgeordneter für die SPD und vertrittst in Berlin die Interessen der Münsteraner Bürger …

Ja, das ist richtig. Neben der bundespolitischen Arbeit vertrete ich unsere Stadt und ihre Belange im Bundestag.

Gar nicht so selbstverstКndlich – denn deine parteipolitische Kariere bewegte sich anfangs in eine gänzlich andere Richtung.

Als ich 1969 mein Studium der Rechtswissenschaften in Bochum begann, trat ich den Jungdemokraten bei. Deren Bundesvorsitzender war ich von 1977 bis 1980. Außerdem gehörte ich ab 1972 dem Bundesvorstand des Liberalen Hochschulverbandes an. Den gibt es heute aber gar nicht mehr.

Wann kamen dein politisches Umdenken und der damit verbundene Austritt aus der FDP?

Mit dem Bruch der sozial-liberalen Koalition 1982 trat ich noch im selben Jahr nach einer öffentlichen Demonstration auf dem Parteitag der FDP aus. Ich sah in dieser Partei einfach keine Perspektive mehr für mich. Schließlich war ich seit jeher im linksliberalen Flügel der FDP gewesen und außerparlamentarisch sehr aktiv. Friedensbewegungen und Anti-Atomkraft-Demos wie in Brokdorf waren da an der Tagesordnung. Aber  wie gesagt, mit der FDP war es 1982 vorbei.

Also bist du in die SPD übergewechselt …

Nicht sofort. Erst zwei Jahre später.

Wieso diese deutliche Auszeit von der Politik?

Ich konnte nach dreizehn Jahren bei den Liberalen nicht einfach das Schiff wechseln. Schließlich war ich ja nicht einfach grundlos in der Partei. Ich brauchte erst mal eine Denkpause und musste mir über gewisse Dinge klar werden. Ich habe also lange gesucht – und muss zugeben: Die SPD war nicht gerade das, was ich mir als politische Alternative in dieser Zeit vorgestellt hatte.

Woran lag das?

Ich stand einfach weiter links als Helmut Schmidt und andere Politiker in der SPD.

Dennoch bist du dann bei den Sozialdemokraten eingetreten?

Sämtliche politischen Gruppierungen außerhalb der SPD trafen ebensowenig meinen Nerv wie die FDP – so trat ich dann letztendlich nach langem überlegen 1984 in die SPD ein.

Welche Ämter hast du seit deinem politischen Engagement hier in Münster bekleidet bzw. ausgeübt?

Ich war Vorstandsmitglied des Ortsvereines Münster Süd. Tatsächlich war ich Schriftführer, glaube ich. Ich habe das nicht mehr so genau im Sinn. Ich meine aber, dass ich 1987 in den Unterbezirksvorstand gewählt wurde. Ich war erst Beisitzer und zwei Jahre später Schriftführer. Weitere zwei Jahre später wurde ich stellvertretender Vorsitzender und 1993 dann Vorsitzender des Unterbezirkes. Den Posten hatte ich dann 14 Jahre inne.

Das war doch aber noch nicht alles? Du wurdest doch irgendwann in den Rat der Stadt Münster gewählt?

Das war 1999. Als ich vom Wähler damit beauftragt wurde, mich kommunalpolitisch zu betätigen.

Anfang des neuen Jahrtausends hast du dann die Nachfolge von Wolf-Michael Catenhusen angetreten, dem damaligen Bundestagsmitglied der SPD Münster. Wolltest du das aus eigenem Antrieb oder wurdest du von der Partei gedrängt?

Das war gewollt. 2002 – wenn ich mich an die ganze Diskussion von damals recht entsinne – war ich ja Parteivorsitzender und niemand in der Partei hatte damit gerechnet, dass Catenhusen aufhören würde. Der richtige Weg war demnach, dass Wolf-Michael mich als erstes über sein Vorhaben informieren würde, was im Jahr davor geschah. Er teilte mir also mit, dass er als Kandidat nicht mehr antreten würde. Es gab natürlich Überlegungen was seine Nachfolge betraf. Und ich warf damals als Erster meinen Hut in den Ring und sagte, dass ich das politische Erbe gerne antreten wolle. Auf der größten Mitgliederversammlung der SPD Münster, an der 400 Genossen teilnahmen, wurde ich dann im zweiten Wahlgang zum Kandidaten gewählt.

Bei der Bundestagswahl 2002 kommt es in der Stadt Münster zu einem politischen Erdbeben. Du holst das Direktmandat zum Einzug in den Bundestag und zwingst somit deine politischen Gegner in die Knie. Wem oder was ist dieser Umstand geschuldet?

Ich denke, eine Mischung aus vielen verschiedenen Faktoren hat dazu beigetragen. Vor allem war es meine einzige Chance. Denn in der SPD gilt folgendes Prinzip: Wer neu anfängt, muss sich hinten anstellen. Und über die Landesliste hätte ich es damals nicht in den Bundestag geschafft. Von daher war es auch für mich eine Sensation. Ich habe damit nicht gerechnet. Es war ein super Wahlkampf mit einer großartig motivierten Truppe.

Christoph, du packst deinen Koffer und machst dich auf den Weg aus dem beschaulichen Münster nach Berlin, um dich in Bundes-, Europa-, und Weltpolitik zu betätigen – und das Ganze nicht als Oppositions- sondern als Regierungspolitiker. Was war dein erstes Erlebnis, die erste Lehrstunde, die du bekommen hast?

Wenn man schon so lange Politik macht wie ich, dann denkt man gerne, dass man weiІ wie es geht. Und ich sage dir, es war alles ganz anders! Die Überlegung, ich bin jetzt hier in Münster gewählt, Münster ist die schönste Stadt der Welt und deshalb hören alle auf mich, das war natürlich Quatsch. Jeder der Kolleginnen und Kollegen in Berlin hat seine eigenen Interessen und vertritt seinen Wahlkreis. Das galt es zu erkennen.

Bei der nächsten Wahl holst du erneut das Direktmandat und ziehst zum zweiten Mal in den Bundestag ein. Aber es gibt eine Besonderheit. Denn dieses Mal entscheidest du dich, als OB-Kandidat in Münster anzutreten und deine Kariere in Berlin im Falle des Sieges zu beenden. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Gefiel es dir in Berlin nicht mehr?

Es war 2004 und ich war zu diesem Zeitpunkt immer noch Vorsitzender der Münsteraner SPD. Wir suchten sehr intensiv nach einer Kandidatin, einem Kandidaten. Bundesweit hatten wir mit einer so genannten Personalfindungskommission gesucht. Eine schmerzliche Erfahrung, weil niemand mit großen kommunalpolitischen Qualitäten und einer sicheren beruflichen Laufbahn bereit war, eine unsichere Kandidatur in Münster anzutreten – das ist heute zum Glück anders. Irgendwann bist du dann als Vorsitzender in der Pflicht und so bin ich halt angetreten.

Mit Erfolg, aber ohne OB-Titel.

Es war ein sehr engagierter Wahlkampf. Es gab dann – aus meiner Sicht völlig überraschend, denn bei Tillmann handelte es sich ja nun nicht um einen schlechten OB – keine absolute Mehrheit für ihn. Also kam es zur Stichwahl. Hier erzielten wir nochmals ein respektables Ergebnis. Knapp 48 Prozent, was somit aber leider nicht ausreichend war.

Wie hat sich das für dich angefühlt?

Wenn ich für eine Wahl antrete und in eine Stichwahl komme, will ich natürlich gewinnen. Deshalb war ich selbstverständlich enttäuscht. Wenn man so knapp daneben liegt, kann man einfach nicht zufrieden sein. Das tat wirklich weh!

Bei deiner dritten Kandidatur verlierst du das Direktmandat für den Bundestag. Die SPD verlässt die Regierungsbank und macht den Gang in die Opposition. Beides ist … doof?

… nicht nur doof, sondern aus meiner Sicht eine Riesenkatastrophe.

Woran lag es, dass du das Direktmandat verloren hattest?

Bis zu einem bestimmten Punkt kann man als Person Boden gutmachen. Aber wenn der politische Trend, in diesem Fall minus 10 Prozent für die Partei, so dramatisch ausfällt, dann färbt das auch auf den Wahlkreis ab und daran lässt sich dann nicht mehr rütteln.

Denkt man da nicht an zurücktreten?

Nein, ich dachte mir „Jetzt erst recht!“ – und es war mir sofort bewusst, dass ich mit einem solchen Ergebnis nicht bereit war, meine politische Kariere zu beenden. Das konnte doch nicht das letzte Wort gewesen sein.

Welchen Fehler hast du rückblickend in deiner Zeit in Berlin gemacht?

Das ist schwer zu analysieren. Ich frage mich, ob es richtig war, in den Jahren 2002 bis 2005 den Kurs der Renten- und Arbeitsmarktpolitik mitgemacht zu haben. Abgesehen davon würde es meinem Menschenbild und meinem Denken widersprechen wenn ich behauptete, ich sei fehlerfrei.

Welche Erfolge kannst du für deinen Wahlkreis in Münster verbuchen?

Es gibt unterschiedliche Ebenen, wie man sich für seinen Wahlkreis einsetzt. Es gibt in Deutschland 299 Wahlkreise. Jeder Abgeordnete versucht einzubringen, was für seinen Wahlkreis gut ist. Wir haben einige Projekte für Münster angestoßen: Den Umbau des Hauptbahnhofs; die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur. Es gibt aber auch kleine Geschichten und da bin ich jetzt stolz drauf, dass es uns gelungen ist durch großen Einsatz und die Einwerbung von Bundesmitteln ein zweites Mehrgenerationenhaus in Münster zu stabilisieren und dessen Schließung zu vereiteln. Es sind mehr so die kleinen Dinge, die einen beschäftigen und mit denen man Erfolg hat.

Zum Abschluss dieses Gespräches wüsste ich gerne, ob du stolz darauf bist, den Friedensnobelpreis gewonnen zu haben?

Ich glaube, das ist eine Anerkennung für Europa. Da bin ich jetzt nicht persönlich stolz drauf. Es ist vielmehr ein Signal, dass sich Europa in den letzten 60 Jahren wirklich positioniert hat, dass es keine Kriege mehr zwischen den Nationen gibt und dass es eine Aufgabe ist, dieses Europa weiter zu entwickeln. Europa ist nicht nur Geld. Europa ist eine Gemeinschaft, in der gemeinsame Werte gelebt werden. Diese müssen wir stärken und nicht schwächen. Auf anderen Gebieten muss sich Europa diesen Preis jetzt noch verdienen: z.B. durch einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen im Inneren und an den Außengrenzen.

Christoph, danke für deine Zeit. Immerhin spielen die Preußen gerade.

Bitte. WeiІ eigentlich einer, wie es steht?

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