Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 15.07.2010

FRUCHTIGE VERFÜHRUNG

Angela von der Goltz liebt Marmelade. Und weil die Unternehmerin gerne macht, was sie gerne mag, ist die Marmelade seit drei Jahren ihr Beruf. Der Ausgangspunkt ist ihre "Marmeladenmanufaktur" in Münsters Süden, von da aus verschickt sie die Marmelade an Feinschmecker in ganz Deutschland – und darüber hinaus. Das nächste Ziel: Dubai. Für uns lässt die Unternehmerin die süßen Leckereien kurz warten und erzählt stattdessen von Gelee-Gourmets, Marmelade mit Pferdeleckerlie-Geschmack und der Lust an der süßen Verführung.
Urs Spindler ist zu Besuch bei Angela von der Goltz.
Frau von der Goltz, Marmelade ist ja nicht gerade ein Grundnahrungsmittel …
Doch! Weil 90 Prozent aller Deutschen Marmelade zum Frühstück essen.

Aber braucht man deshalb einen ganzen Laden voll davon?
Ja. Die Marmelade, so wie wir sie in der Manufaktur herstellen und vermarkten, ist einzigartig in Deutschland. Und für so gute Marmelade gibt es einen Markt, hier in Münster und weit darüber hinaus.

Wie unterscheidet sich denn ihre Marmelade von der aus dem Supermarkt?
Da gibt es einige Gründe. Die Produkte sind alle handgemacht, der Fruchtanteil ist sehr hoch und es wird wenig Zucker eingesetzt. Es sind keine chemischen Zusätze drin, kein Gelierzucker, keine Zitronensäure, keine Fette. Die Zutaten kommen aus der Region, viele haben Bio-Qualität. Die Geschmackskompositionen sind neu und, innovativ, die Gläschen sehen gut aus und der gesamte Markenauftritt ist frisch, modern und stylisch. Schließlich ist auch die Präsentation wichtig, das haben mir in den vergangenen drei Jahren auch meine Kunden immer wieder bestätigt.

Präsentation, Komposition – das klingt schon nach Gourmetküche. Gibt es denn so einen Club der Marmeladen-Gourmets?
Es gibt sicherlich Kenner, die in der Branche gut Bescheid wissen. Menschen mit einer Zunge, die gute Zutaten schmeckt – und die auch Zusatzstoffe herausschmeckt. Aber auch Menschen, die einfach viel Wert darauf legen, dass ihre Lebensmittel richtig lecker sind. Die wollen wissen, was da drin ist, wo das hergestellt wurde und wie. Denn das alles schmeckt man im Ergebnis.

… und spürt man im Geldbeutel?
Mir ist es wichtig, einen fairen Preis zu haben. Ein Glas Marmelade kostet 3,90 Euro, dafür bekommt man ein sehr gutes Produkt. Es gibt andere Hersteller, die nehmen für ihre Marmelade sehr viel mehr als ich.

Wie isst denn ein Kenner seine Marmelade? Pur? Auf dem Brot?
Da ist alles erlaubt, was lecker ist. Manche essen die Marmelade direkt mit dem Löffel aus dem Glas, andere nur auf Toast, manche zu einem Croissant oder einem Weichkäse. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Was ist die neueste Marmeladenkreation?
Aprikose mit weißer Schokolade. Da stehen hinten noch die frisch gefüllten Gläser.

Wer denkt sich diese Kombinationen aus?
Meistens ich, manchmal haben auch Kunden Wünsche oder spezielle Vorstellungen. Meine Mitarbeiterinnen haben auch viele tolle Ideen und einen guten Geschmackssinn. Wenn man den schult und viele Ideen hat, sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt. Deshalb gibt es bei mir im Laden auch etwa 65 Sorten Marmelade. Da ist für jede Geschmacksrichtung und jeden Anlass etwas dabei.

Was braucht es für Gaben zum Marmeladekochen?
Die Lust am Essen ist wichtig und eben ein guter Geschmackssinn. Ein gewisses kreatives Potenzial gehört dazu und ein Gefühl dafür, was auch andere Menschen gerne mögen.

Welche Marmelade würden Sie für ein romantisches Rendezvous empfehlen?
Erdbeere mit Prosecco.

Und welche Marmelade gibt es für die Schwiegermutter?
Das kommt drauf an, ob die nett ist oder nicht. Falls nicht: Ich hätte da was mit Chili … Nein, im Ernst, bei so vielen Geschmacksrichtungen müsste man eigentlich für jeden etwas finden.

Aber erst mal ist Marmelade doch vor allem süß und mit ordentlich Zucker.
Bei mir eben nicht. Beim Geschmack sollte immer die Frucht im Vordergrund stehen. Ein bisschen süß darf es natürlich trotzdem sein, sonst ist es keine richtige Marmelade. Aber wenig süß. Dieses klassisch Süße einer Supermarktmarmelade gibt es bei mir nicht.

Können Sie überhaupt noch eine Marmelade aus dem Aldi essen?
Ich probiere natürlich immer wieder mal, um Geschmack, Konsistenz, Farbe und so weiter zu vergleichen. Aber die meisten Marmeladen aus dem Supermarkt schmecken mir nicht mehr.

Auf Ihrer Internetseite kann man Hochzeitsmarmelade bestellen, Geburtstagsmarmelade, Jubiläumsmarmelade – gibt es überhaupt ein Fest, an dem Sie keine Marmelade verschenken würden?
Da fällt mir keins ein. Wenn sich Menschen eine passende Marmelade zu ihrem Fest wünschen, dann mache ich die gerne. Hochzeitsmarmeladen gibt es häufiger, aber manche Ideen sind auch deutlich verrückter. Ich hatte zum Beispiel einen Auftrag von einer Firma aus dem Taunus, die Pferdefutter herstellt. Auf einer großen Fachmesse wollten die neue Leckerlies präsentieren und haben dann den Züchtern das geschmackliche Pendant zum Pferdeleckerlie als Marmelade mitgegeben. Da konnten die Pferdefreunde für ihre Lieblinge schon mal vorkosten. Karotte mit Bockshornklee gab es da, Orange-Papaya mit Ananas. Das war so eine crazy Idee, da wäre ich vorher nie drauf gekommen. Aber die Geschmacksrichtungen sind ja nicht schlecht und so habe ich mich eben in die Küche gestellt und diese Marmeladen für Pferdeliebhaber kreiert.

Kochen Sie denn die gesamte Marmelade selbst?
Die Sachen sind alle selbst gemacht, aber ich stehe nicht mehr oft in der Küche. Manchmal schenke ich mir einen Tag in der Küche, zum Beispiel wenn Großaktionen anstehen. So wie morgen, da werden zehn Kilo Bio-Rosenblütenblätter angeliefert. Daraus machen wir dann etwa 1000 Gläser Rosenblütengelee. Das wird der erste Schwung für diese Saison. Da mache ich gerne mit, es duftet wunderbar und macht einfach Spaß.

Wo kommen die vielen Zutaten her?
Ganz viele Rohstoffe kommen hier aus der Region, alles, was hier wächst. Ich bekomme auch viele Sachen gebracht, von Privatleuten hier aus der Gegend. Ein Herr, der im Finanzamt gegenüber arbeitet, hat in einem Garten einen Kiwibaum stehen, der jedes Jahr ganz viele Fürchte trägt. Der wusste gar nicht mehr wohin mit den Kiwis und hat mir dann netterweise seine Ernte zur Verfügung gestellt. Das wollen wir dieses Jahr auch wieder machen.

Eigentlich kommen Sie aus einer ganz anderen Richtung: Sie sind Kulturwissenschaftlerin. Wie ist da die Verbindung zur Marmelade?
Die Verbindung zur Marmelade ist die Esskultur. Das heißt für mich, hochwertige Rohstoffe zu haben, diese respektvoll und wertschätzend zu verarbeiten und etwas zu produzieren, was gut schmeckt und gut aussieht. Geschmackvoll in jeder Hinsicht – das ist für mich Esskultur.

Warum haben Sie sich denn für einen Berufswechsel entschieden?
Nach meinem letzten Kind, mein jüngster Sohn ist jetzt gerade fünf, wollte ich meinen Berufs- und Lebensweg neu gestalten, noch mal ganz anders anfangen. Ich habe mir dann ein Dreivierteljahr Zeit genommen, um herauszufinden, wo ich alles anwenden kann, was ich so gelernt habe, was ich kann. In diesem Prozess ist dann die Marmeladen-Idee entstanden. Auf den ersten Blick verrückt, aber als ich mir den deutschen und auch den internationalen Markt für Edelmarmelade angeschaut habe, ist mir klar geworden, dass das klappen könnte. Im Moment arbeite ich so viel und so erfüllt wie noch nie in meinem Leben.

Und jetzt werden Sie die nächsten 20 Jahre lang Marmelade kochen?
20 Jahre … das weiß ich nicht. So lange, wie es mir Spaß macht – also auf jeden Fall die nächsten Jahre. Die Firma wächst, ich habe mittlerweile viele Stammkunden. Im Moment schaue ich ein bisschen auf den Markt im Ausland, Dubai ist da so eine Idee. Ich denke, in der nächsten Wintersaison werde ich mal rüberfahren und ein paar Kontakte knüpfen. Deutsche Produkte und Dienstleistungen haben im arabischen Raum ein ganz hohes Ansehen. Und ich habe da einfach Lust drauf, und dieses Lust-Prinzip ist mir sehr wichtig.

Apropos Lust: Zum Schluss bitte eine Marmeladen-Empfehlung für die heißen Tage.
Blutorangen-Gelee mit Wodka. Das ist perfekt bei dem Wetter. Leicht und total erfrischend!


Vita:
Angela von der Goltz, Jahrgang 1962, rührt seit drei Jahren im Marmeladentopf. Seit 1990 lebt sie in Münster, arbeitete als Kulturwissenschaftlerin, im Verlagswesen, als Lektorin, Tutorin und und und. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes sollte sich etwas ändern – und sie entdeckte ihre Liebe zur Marmelade. Seitdem kocht und verkauft Angela von der Golz ihre Kreationen in der "Marmeladenmanufaktur", einer umgebauten Backstube an der Blücherstraße. Ob Gelee-Gourmets oder Sonntagsfrühstücks-Fans – unter mehr als 65 Sorten sollte jeder die richtige Marmelade finden. Egal ob für den Eigenbedarf, Hochzeiten oder böse Schwiegermütter … Mehr Infos unter: www.die-marmeladenmanufaktur.de.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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