Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 02.06.2010

REGG'N'ROLL

Münster kniet nieder! Nicht für den Papst, sondern für Paul – so geschehen auf dem Eurocityfest 2010. Der rothaarige Rastafari und Frontmann von Dreadnut Inc. hat Münster flachgelegt und wie es dazu kommen konnte, wollte ich von der Band selbst wissen. Dass es bei ihrer Musik weniger um Jamaika, als um die Literatur des 19 Jh. geht, wie man 10 Leute nicht nur unter einen Hut, sondern auch in einen Setrabus bekommt und was das Ganze mit Kokosnüssen, Reißverschlüssen und den Rolling Stones zu tun hat, erzählen Paul und Jonas im Interview.

Daniela Wolff trifft Paul und Jonas von Dreadnut Inc.
P: Ich mache gerade Ingwer-Tee. Möchtest du?

Gerne! Ähem … und? Alles irie bei dir?
P: (lacht) Also wenn dann heißt das: Do you feel irie? Das heißt so viel wie: Seid ihr glücklich? Mit dem Spruch kündigen wir unser Lied „Irie“ an. Das war unsere allererste Demo und inzwischen würden wir den Song am liebsten aus der Setlist schmeißen.

Der berühmte Hit, den die Band nicht mehr spielen will, aber muss.
P:
Genau. Das ist bei uns echt auch schon so. Aber egal in welcher Stadt: Nach dem Lied haben wir die Leute auf unserer Seite, deshalb spielen wir es dann auch wieder gerne. Unser Hauptauftrag ist es ja, den Leuten 'ne gute Zeit zu bescheren.

Woher kommt der Name Dreadnut? Hat das was mit deiner Haarpracht zu tun?
P: Nee (lacht). Das ist eigentlich total bescheuert: Bei unserem ersten Konzert 2005 hatten wir noch keinen Namen und bevor wir als Paderborner Reggaecombo angekündigt werden, habe ich mal schnell in so 'n jamaikanisches Englischwörterbuch geschaut und stieß auf Dreadnut, was Kokosnuss heißt. Und irgendwie ist es bei dem Namen ist geblieben.

Warst du schon mal auf Jamaika?
P:
Nee. Will ich auch gar nicht hin. Und was den musikalischen Einfluss angeht: Das wird immer weniger. Eigentlich bin ich der Einzige in der Band, der privat Reggae hört. Jonas zum Beispiel kommt ganz woanders her und bringt mit seinen Gitarrenriffs ein neues Element rein.

Aus welcher musikalischen Ecke kommst Du denn, Jonas?
J:
(an seiner Jacke rumfuchtelnd) Gerade bekomm ich erstmal meinen Reißverschluss nicht auf. Argh. Sonst bin ich wohl eher so der Rocker.
P: Und die anderen kommen teils aus dem Jazz-, Latin-, Popbereich. Das merkt man ganz stark in den drei neuen Singles, die im August rauskommen. Das ist fast gar kein Reggae mehr.
J: Stimmt. Musikalisch hat sich die Band stark verändert. Inzwischen schmeißt jeder rein, was er zu geben hat. Das ist ein Prozess, der nicht immer gleich zu Beginn reibungslos abläuft, aber da ist etwas passiert. Es hat sich etwas Neues entwickelt, das funktioniert.
P: In dem Sinne ist es einzigartig, was wir machen. Es gibt keine Band, die so einen Crossover spielt.
J: Najaaa …
P: Nenn mir eine!
J: Es gibt einfach allein in NRW so viele unglaublich gute Bands, von denen kein Schwein weiß, weil die nicht rauskommen. Und die sind auch alle einzigartig.
P: Na gut. Trotzdem, wir machen schon besondere, anspruchsvolle Musik. Und nach einem Konzert von uns reagieren Emos wie Hardrocker gleichermaßen positiv. Eben weil wir nicht stumpf das Reggaeding durchziehen. Wir machen einfach das, worauf wir Bock haben. Egal, ob mit Off-Beat oder nicht.

Beatles oder Stones?
Beide: Stones!
P: Aber die Beatles sind auch cool! (beide lachen)

Ihr habt eine wahnsinnige Bühnenpräsenz! Ich hab euch auf dem Eurocityfest gesehen: Ihr macht einfach gute Laune.
P:
Das ist schön. So soll's auch sein! Das Eurocityfest war auch wirklich geil! Die Mischer haben den Klang toll hinbekommen, was bei so 'ner großen Band mit Bläsern und allem schwierig ist. Einer der schönsten Gigs, die wir bisher gespielt haben.
J: Es war einfach alles perfekt. Ich würde gern mal wissen, wie viele da waren.
P: Über tausend Leute auf jeden Fall.

Und alle sind vor euch auf die Knie gegangen …
P: Ja, das war voll krass, weil wir ja gar nicht dazu aufgefordert hatten. Es gehört zu einem Song dazu, das mit dem Hinknien, aber als das einfach so passierte, das war echt cool. Die Leute haben voll auf uns reagiert, uns wirklich zugehört. Von der ersten Sekunde bis zum Schluss. Wow, denkt man da, jetzt mal keinen Scheiß bauen.

Was passiert mit euch auf der Bühne, wenn die Atmosphäre zu vibrieren beginnt?
J: Ich glaub, wir werden süchtig.
P: Keine Ahnung … es ist eine Wechselwirkung mit dem Publikum. Wir haben eh immer Bock zu spielen, egal, wie lange wir vor so 'nem Auftritt unterwegs waren. Und wenn das Gefühl aufs Publikum überspringt, dann kommt alles von selbst. Da halte ich problemlos bis zum Ende durch. Danach bin ich immer total platt, klatschnass geschwitzt, aber glücklich.

Ihr seid eine ganz schön große Combo …
P: Ja. Wir sind zehn Leute. Da kommt es öfters vor, dass jemand ausfällt, und die Proben sind schwer zu koordinieren. Deshalb ist auch unsere Bandgeschichte so, wie sie ist – mit oft wechselnder Besetzung. Von den Gründungsmitgliedern sind eigentlich nur noch der Bassist und ich dabei. Es ist einfach ein großer zeitlicher Aufwand. Keine Wochenenden und auch unter der Woche wird es schwierig, die Alltagsverpflichtungen, sprich den Beruf und die Band, unter einen Hut zu bringen. Das verlangt schon eine sehr große Opferbereitschaft …
J: Wobei wir im Moment an dem Punkt sind, an dem alle sich dessen bewusst sind und das gleiche wollen, Musikstudenten halt. Wir kennen uns alle von der Musikhochschule in Enschede.
P: Und zudem verstehen wir uns untereinander wirklich ekelhaft gut!

Verdient ihr überhaupt was mit den Auftritten?
J: Nee. Also die Band bekommt schon etwas Geld, das dann sofort in sinnvolle Sachen investiert wird. Die einzelnen Musiker verdienen gar nichts.
P: Manchmal fragt man sich, wofür das Ganze. Oft wird man nach dem Motto behandelt: Das macht dir ja eh Spaß, da brauchste doch kein Geld dafür kriegen. Aber nach jedem Auftritt ist es dann wieder klar: Das ist es einfach. Ich hoffe, dass das Gefühl noch lange anhält. Also das wir nicht den Anreiz "Geld" brauchen, um Spaß an der Sache zu haben.

Aber ihr wollt schon hoch hinaus?
P: Ja! Wir wollen so viel erreichen, wie es geht.

Ich persönlich habe da ein extrem gutes Gefühl …
P:
Das hören wir voll gerne, aber wir kommen halt von einer Popakademie und sind daher sehr nüchtern. Wir wissen einfach, wie das in dem Business läuft. Ich kümmere mich um Booking und Management und mir ist schon klar, dass wir mit einer so großen Band und bei dem Musikstil keinen krass-kommerziellen Erfolg haben werden. Vor allem wollen wir einfach viel mehr spielen und dafür müssen wir unsere Fanbase ausbauen. Unsere Musik im Radio zu hören, das ist aber wohl noch weit weg.

Warum solltet ihr keinen kommerziellen Erfolg haben? Man denke an Seeed.
J: Seeed ist eine Ausnahmeerscheinung und der Vergleich hinkt schon allein wegen der Sprache. Um im Moment oben mitmischen zu wollen in Deutschland, muss man schon deutsche Texte machen.
P: Da hätt' ich sogar Bock drauf, aber es funkt einfach noch nicht. Unsere Texte sind schon so lange englisch.

Wer schreibt die Texte?
P: Meistens entstehen die Songs in der Zusammenarbeit und ich setz mich dann zu Hause hin und schreib Texte drauf. Mir geht's immer mehr darum, Musik mit Statement zu machen. Mit 17 hat man noch eher coole Floskeln gedroschen. Mittlerweile habe ich den künstlerischen Anspruch, Bilder in den Köpfen hervorrufen. Naja, aber eigentlich geht's doch in erster Linie um die Melodie, nicht um die Worte … versteht ja auch kein Schwein. (Er grinst und beginnt, etwas zu singen …)

Wovon singst du?
P: Jaaa … also für die neuen Sachen hat mich die Literatur des 19. Jahrhunderts inspiriert, diese Endzeitstimmung: Wir tanzen auf dem Müllberg unserer Gesellschaft freudig lächelnd gen Weltuntergang. Die Stimmung ist gerade in Deutschland immer grauer, immer weniger sozial, immer kapitalistischer und ohne Freude. Es geht darum, dass die Menschen wieder anfangen sich zu begegnen, sich in die Augen zu schauen.

Was sind eure Pläne für die nächste Zukunft?
P: Im Oktober gehen wir auf Tour mit 'nem alten Setrabus – total geil! Im August kommt schon die erste von drei Singles raus – samt Video! Wir möchten unsere Musik visualisieren, also den musikalischen Ausdruck in Bilder fassen. Es geht auch darum, einen Brand entwickeln! Etwas, das man sieht und denkt: Das ist Dreadnut, das sieht gut aus und hört sich geil an. Das wäre ein Schritt in Richtung Erfolg.

Apropos Erfolg: Wer wird Fußballweltmeister? (beide lachen)
J: Also, was ich mitbekommen habe, da ich manchmal fernsehe, ist, dass die WM in Südafrika ist.
P: Und Deutschland hat nicht so gute Karten, stand in der BILD.
J: Aber wer gewinnt, weiß ich nicht. Südafrika!
P: Ja, denen gönne ich es auch.

Euch gönne ich den Erfolg! Wir sehen uns am 4. Juni und nun erst mal: Vielen Dank fürs Interview!

Vita:
Dreadnut Inc. gibt es seit 2005. Ursprünglich in Paderborn beheimatet, hat die zehnköpfige Band ihre Homebase inzwischen nach Münster verlagert und eine beachtliche Fanbase aufgebaut – Tendenz wachsend. Ab August gibt's die neuen Songs im Netz. Aber immer nur einen. Erst wenn genug Klicks zusammengekommen sind, gibt's was Neues. Also: Klicken, Posten, Verschicken! Wer die Dreadnuts live erleben möchte – am 4. Juni spielen sie in der Sputnikhalle! www.dreadnut.net

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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