Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 06.05.2010

GET UP, STAND UP!

Summend erreiche ich den Hafen und es scheint mir, als hätte Bob Marley den Soundtrack zu meinem Tagesvorhaben geschrieben: Stand Up Paddle Surfen! Pure Spekulation, denn als das Lied 1976 entstand, war die erste 20 Jahre andauernde Welle des SUP-Booms schon wieder abgeflaut. Erst die lange Swellpause 2000 verhalf dem Sport zu neuer Popularität: Weltklasse-Surfer wie Laird Hamilton griffen zum Paddel, zunächst um die Form zu wahren, dann aus Spaß. Unter Anleitung der beiden Vorsitzenden von SUSE e.V. will ich wissen, was es auf sich hat mit diesem Hoe he'e nalu, wie die Hawaiianer sagen. Auf einem Surfbrett stehen und paddeln – kann ja so schwer nicht sein, denke ich und fürchte weniger die sportliche Herausforderung, als mangels Adrenalinausschüttung auf dem Brett einzuschlafen.
Daniela Wolff paddelt mit Susanne Keller und Nina Krüger.
Ich denk, wir wollen Surfen? Wo sind denn die Wellen?
S: Das hören wir öfter. Wart's ab, nachher willste gar nicht mehr vom Brett.
N: Also los, zieh deine Sportsachen an! Du kriegst den Whopper.
[Einen Burger? Ich dachte, wir machen Sport. Aber natürlich geht es nicht um Fleischbrötchen – ich Banause!]
S: Das ist das stabilste Brett und du hast erstmal 'nen sicheren Stand.
[Ich freue mich über die Nachsicht, bin aber weiterhin skeptisch, was das Gefahrenpotential angeht.]

Mädels, mal ehrlich: Adrenalin-Junkies seid ihr nicht gerade, oder?
N: Hier auf dem Kanal nicht, das stimmt … wenn's in die Wellen geht aber schon!

Warum SUP? Seid ihr am richtigen Wellenreiten gescheitert?
S: Nein! Ursprünglich komm ich sogar vom Wellenreiten. In Münster hab ich mich sonst mit Liegendpaddeln auf dem Kanal fit gehalten. Auf der Suche nach einem leichteren Brett bin ich im Internet auf die Stand-Up-Paddleboards und den dazugehörigen Sport gestoßen, hab’s ausprobiert und war gleich infiziert. Es ist so toll, dass man es überall machen kann.

Wie kommt’s, dass man so wenig von SUP hört?
N: Deutschland ist da irgendwie hinterwäldlerisch. Wir sind der erste und immer noch einzige SUP-Verein in ganz Deutschland. In England gibt es sogar eine Bundesliga!
S: Aber ich glaube, einen gemeinnützigen Verein wie unseren gibt es weltweit nicht noch einmal.

Wieso habt ihr SUSE e.V. gegründet?
S: Mit SUSE – oder voll Stand Up Surfen Erleben e.V. – wollen wir unsere Leidenschaft für SUP teilen und es als Breitensport fördern. Vor allem sollen Kinder und Jugendliche in sozialen Notlagen die Möglichkeit haben, diese Sportart zu erleben.
N: Und die fahren da total drauf ab! Das macht denen total Spaß, ist was Anderes, was Neues und Surfer haben ja eh ein cooles Image …

Wie kann man denn bei euch mitmachen?
S:
Einfach auf die Homepage gehen. Da findet man die aktuellen Termine und kann Kontakt mit uns aufnehmen. Wir freuen uns über jeden Interessenten und melden uns schnell zurück. Man kann dann eine Schnupperfahrt machen und, wenn's gefällt, dem Verein beitreten oder alternativ pro Termin was spenden …

Wie finanziert ihr euch?
N:
Damit sprichst du unser Hauptproblem an. Bisher vor allem über die Mitgliedsbeiträge. Aber das bringt lange nicht genug ein. Schüler und Studenten zahlen ja nur 20 Euro, Erwachsene 25 Euro im Jahr. Das reicht hinten und vorne nicht. Deshalb zahlen wir zurzeit noch drauf und haben auch leider erst fünf Bretter.
S: Vielleicht könnte man mal eine Spendenaktion organisieren. „Race around the Kanalinsel“ oder so [lacht]!

Ihr braucht also Sponsoren.
N: Genau! Die suchen wir dringend. Werbeflächen gibt es auf den Brettern und Paddeln genug. Außerdem kommen wir viel rum, so dass sich die Werbung bestimmt lohnt. Wir fallen auch einfach auf und werden ständig angesprochen.
S: Ich glaube außerdem, dass das SUP dieses Jahr richtig boomen wird. Es gibt so viele Veranstaltungen … Neulich waren wir in Holland zur Tulip-Challenge, die wunderschön war. Es kommt noch die King of SUP-Tour, die deutsche Meisterschaft in Köln und einiges mehr.

Seid ihr scharf auf 'nen Titel?
S:
Naja. Wir haben nicht so viele Aussichten auf einen und uns geht's auch eher um den Spaß und darum, Sport zu machen …
N: Obwohl wir letztes Jahr im Finale standen! Wir sind halt fit [grinst]. Einigen unserer Mitglieder geht es auch tatsächlich um die Wettkämpfe. Die fördern und trainieren wir natürlich dahingehend.

Habt ihr dafür einen speziellen Trainingsschein?
S: So was gibt's noch gar nicht. Wir sind alle ausgebildete Rettungsschwimmer und haben in Anlehnung an Surfschulen ein eigenes Trainingskonzept entwickelt; samt der theoretischen Backgrounds zu Strömungen, Wasserverkehrsordnung und so.
N: Genug der Theorie. Es wird Zeit, dass du aufs Wasser kommst! Du wirst sehen: Das Stehen haste nach fünf Minuten drauf. Lasst uns die Bretter mal zum Wasser schleppen.
[Schleppen ist das richtige Wort, denn die Bretter sind über drei Meter lang und knapp einen Meter breit. Aber schwer sind sie nicht und die beiden Ladies machen auf jeden Fall was her, mit den Surfbrettern unterm Arm. Da pack ich doch mit an. Urlaubsfeeling stellt sich ein.]
S: Sollen wir den Kuchen mitnehmen?

Aufs Board? Das ist ja entspannt … Picknick on the water.

[„Entspannt“ ist meine Lage leider nicht mehr, als ich fünf Minuten später versuche, mich von der herrlich unaufregenden Startposition in die Senkrechte zu begeben. Das Problem: Ich knie auf einem wackeligen Surfbrett, das im Hafenbecken treibt, und es sind gefühlte 12°C Außentemperatur. Über das Wasser will ich gar nicht nachdenken.]
N: Siehste? Du stehst doch schon, ist gar nicht schwer, ne?

Wenn man davon absieht, dass meine Knie zittern, als hätte ich Parkinson im fortgeschrittenen Stadium …

N: Das wird voll schnell besser. Gleich vergisst du die Angst und es wird voll easy. Du musst die Arme gestreckt halten und das Paddel tief einstechen, direkt neben dem Brett, und dann durchziehen.

Trainiert ihr viel, um das so lässig hinzubekommen?
N:
Geht so. Eigentlich ist das wie Fahrradfahren: unverlernbar.
Wäre es wärmer, würde ich mich ja liebend gern fallen lassen.
N: Ja klar! Im Sommer ist das herrlich: Surfen, schwimmen und zum Ausklang gemeinsam grillen. Letztes Wochenende waren wir den ganzen Tag draußen in Hiltrup, wo wir unseren zweiten Standort haben. Man kann sogar mit dem Board von hier dorthin paddeln. Dauert so eineinhalb Stunden und ist 'ne schöne Strecke.

Klingt gut, so eine Tour … Hat ein bisschen was von Kanufahren, oder?

N:
Ja schon, aber es ist noch cooler, denn man hat 'ne ganz andere Perspektive. Jetzt zum Sommer hin planen wir viele solcher Ausflüge in die Natur – es geht an die Werse oder die Ems. Das sind ganz friedliche Momente, nur das Plätschern auf dem Wasser, die zwitschernden Vögel und ab und zu kommt mal eine Bisamratte vorbeigeschwommen …

Hmm … besser als Krokodile allemal.
S: Das mit den Ausflügen könnte man natürlich auch weiter ausbauen und richtige Fahrten machen, über mehrere Tage mit Campen und so. Auf den Brettern kann man in wasserdichten Säcken ja einiges transportieren – das wäre schon der Hammer.

Klingt ganz so, als wolltet ihr das Hobby zu Beruf machen.
S: Das ist das Ziel, geht aber momentan noch nicht. Aber wenn wir erstmal Fuß gefasst haben, könnte man ein unabhängiges kommerzielles Konzept entwickeln und damit wiederum den Verein unterstützen. Und dann expandieren wir immer weiter und alle sind glücklich. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, aber wir arbeiten dran [freut sich sichtlich]!

Musik! Was ist der passende Soundtrack für den nahenden SUP-Sommer?
N:
Also auf unseren Partys läuft Skate-Punk, Surf-Punk, Reggae und ganz viel Sublime …
[Inzwischen haben wir das gesamte Hafenbecken durchpaddelt. Ich bin immer noch trocken.]
N: Merkst Du's? Du bist schon viel entspannter!

Stimmt. Außer meine Füße: die sind recht verkrampft. Aber es macht echt Spaß und ist gar nicht anstrengend!
N: Genau! Und trotzdem ein tolles Ganzkörpertraining! Um das Gleichgewicht zu halten, spannst du automatisch alles an und das geht voll auf die Tiefenmuskulatur. Man merkt total schnell, wie sich Muskeln aufbauen und die Figur immer sommertauglicher wird. Auch bei Rückenproblemen ist SUP sehr empfehlenswert. Und wenn die Sonne scheint, wird man auch noch schön gleichmäßig braun...

Könnt ihr auch irgendwelche Tricks?
N: Ja, so ein paar Sachen übt man im Laufe der Zeit. Die Nase aus dem Wasser schauen lassen und so. Warte, ich zeig dir das mal …
[Nina balanciert auf dem Brett nach hinten und macht etwas, das ich als Kickstart beschreiben würde. Beeindruckt entschließe ich mich, das nicht zu versuchen und in eben jenem Moment hör ich's platschen. Da liegt sie im Wasser, die Nina, und lacht.]
S: Das ist halb so schlimm, wenn man reinfällt. Dann wirkt die Außentemperatur jedenfalls wärmer.
N: Ha! Dann geh doch auch mal 'ne Runde schwimmen.
[Ich stehe noch immer auf dem Brett und fühle mich ein bisschen wie ein venezianischer Gondoliere. Langsam werde ich mutiger in Sachen Richtungswechsel …irgendwie gefällt mir das!]

Also, ich muss sagen, das hat Spaß gemacht! Und ich spüre jetzt schon zwei, drei Muskeln, die sonst inkognito bleiben – Mädels, ich glaub wir sehen uns diesen Sommer öfter.
S: Schön, dass es dir gefallen hat! Wir freuen uns auch schon tierisch auf die Saison. Und jetzt gibt's endlich den Kuchen!

Ich wünsch euch einen tollen Sommer und bedanke mich fürs Training, den Kuchen und vor allem das Gespräch!


Vita:
Susanne Keller und Nina Krüger sind die beiden Vorsitzenden von SUSE – Stand Up Surfen Erleben e.V., einem gemeinnützigen Verein zur Förderung des Stand Up Surfens. Gegründet haben sie ihn zusammen mit Yasmin Firat, der Dritten im Bunde, im Februar 2009. Hauptberuflich arbeitet die Sozialpädagogin Susi in einem Frauenhaus. Nina und Yasmin stecken gerade mitten im Examen. Auf www.standup-surfen.de findet ihr alle Informationen zum Verein sowie zur Geschichte des SUP. Wer die Öffentlichkeit nicht scheut, kann das Stehpaddeln auf dem Hafenfest vom 4. bis 6. Juni ausprobieren, wo SUSE e.V. wie schon im letzten Jahr einen öffentlichen Contest veranstaltet.

Kommentare

Kommentar von Malte:
(06.05.2010 16:04 Uhr)
Sehr ansprechender Bericht, ich werde es bei wärmeren Temperaturen (!) mit Suse ausprobieren!!!

Hang loose,

Malte

Kommentar von Nina SUSE e.V.:
(06.05.2010 20:32 Uhr)
Ja feine Sache, wir freuen uns auf Dich!

Kommentar von Sarah:
(06.05.2010 20:43 Uhr)
ich möchte das auch mal machen! wenn daniela das kann... ;)

Kommentar von Daniela:
(06.05.2010 21:05 Uhr)
Ja, Ja...testet Ihr das mal bei besserem Wetter, Ihr Im-Neoprenanzug-Duscher ;-)

Neuer Kommentar
Sie schreiben als:

Kommentar:





Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
Benutzeranmeldung