Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 22.04.2010

FUNKENMARIECHEN STATT KILLERPLAUZE

Als sich Stefan Raab alias „Killerplauze“ von einer 1,61 Meter großen Gegnerin durch den Ring treiben ließ, dachte er vermutlich nicht an seine Bedeutung für den Frauenboxsport. Tatsache ist: Damals hat Regina Halmich ein Zeichen gesetzt. Mittlerweile hat sich Boxen als Frauensport etabliert. Auch in der Trainingshalle des BC Münster 1923 wippt zwischen geschorenen Hinterköpfen ein blonder Pferdeschwanz. Der gehört Martina Schwarzer, die Münsteranerin boxt seit vier Jahren und ist mittlerweile selbst Trainerin. Im Interview erzählt sie von ihrer Vergangenheit als Funkenmariechen, Klischees und dem ersten Knockout.
Urs Spindler trifft Martina Schwarzer.
Martina, hast du nicht manchmal Angst um deine Nase?
Ne, ich habe das Glück, dass ich eine ziemlich bewegliche Nase hab. Die ist wie aus Gummi. Ein Mal hatte ich Nasenbluten, aber noch nichts gebrochen oder so.
 
Was sagen denn Bekannte oder Kommilitonen, wenn du Ihnen erzählst, dass du boxst?
Die Standardreaktion ist: Wie, du boxst? Muss ich jetzt Angst haben? Manche Männer belächeln Frauenboxen ein bisschen, aber die meisten finden es auch spannend. Manchmal kommen natürlich auch so Kommentare wie: Du siehst ja gar nicht aus wie eine Boxerin. Weil viele stellen sich Boxerinnen eben immer noch als Kampflesben mit platten Nasen vor.
 
Stört es dich, dass mit Frauenboxen noch immer dieses Mannsweiber-Klischee verbunden wird?
Ja, vor allem weil die meisten bekannten Boxerinnen wirklich hübsch sind. Susi Kentikian, Alesia Graf oder früher Regina Halmich. Die sind ja wirklich alle sehr schön anzusehen.

Was hältst du von Regina Halmichs öffentlichen Auftritten?
Die Aktion mit Stefan Raab fand ich richtig gut. Ich bin keine große Raab-Sympathisantin und er hat vor der Show ja auch ordentlich über das Frauenboxen hergezogen. Da fand ich es gut, dass er mal einen auf die Nase bekommen hat. Ich glaube auch, dass Regina Halmichs Engagement für den Boxsport vielen Mädchen den Zugang erleichtert hat: Die sieht gut aus, die ist bekannt, vielleicht ist Boxen ja auch was für mich. Sie hat dieses Klischee des Frauenboxens etwas aufgehoben. Mittlerweile ist Regina Halmich aber selbst ein bisschen zu sehr im Showbusiness angekommen. Mit Sport haben ihre Fernsehauftritte ja nicht mehr viel zu tun.

Hast du ihre Fotos im Playboy gesehen?
Ja, fand ich nett anzusehen. Das muss eben jeder selbst entscheiden, ob er so etwas will. Mein Ding wäre es nicht.

Regina Halmich hat Stefan Raab vermöbelt. Gegen welchen Promi würdest du gerne mal in den Ring steigen?
Oliver Pocher wäre ein Kandidat. Der hat ja vor kurzem bei dieser Box-Show große Töne gespuckt.
 
Um sich dann hinter riesigen Handschuhen zu verstecken ...
Ja, genau. Ziemlich feige. Ich finde seine ganze Art unangenehm. Dem würde ich gerne mal zeigen, was ein schöner Leberhaken ist.
 
Hast du schon mal jemanden k.o. geschlagen?
Beim Wettkampf nicht, aber meinen Sparringspartner hat es mal erwischt. Ich habe ihn an der Halsschlagader getroffen, dadurch wird kurz die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen. Er meinte, er hätte dann nur noch Sterne und rote Blitze gesehen.
 
Was ging dir in dem Moment durch den Kopf?
Im ersten Moment: Krass! Cool! Im nächsten Moment: Oh, geht’s dir gut, ist dir was passiert?

Was gibt es denn für Unterschiede zwischen Männer- und Frauenboxen?
Frauen boxen mehr mit Köpfchen. Wenn Männer gereizt sind, kommt bei ihnen manchmal noch eher das Testosteron durch, der wilde Stier und so. Natürlich boxen Frauen auch mit Leidenschaft, Susi Kentikian zum Beispiel, die ist ein richtiges Energiebündel. Aber meistens achten Frauen etwas mehr auf Technik und auf Taktik.

Tragen Frauen eigentlich einen Tiefschutz?
Können sie, müssen sie aber nicht. Bei den Männern ist das ja Pflicht. Dafür können Frauen auch einen Brustschutz tragen.
 
Was muss man denn mitbringen, wenn man als Frau boxen will – außer einer beweglichen Nase vielleicht?
Grundfitness wäre schön, muss aber nicht sein. Wir kriegen Anfänger auch so fit, das ist kein Problem. Interesse am Sport ist wichtig, ein bisschen Körpergefühl und vor allem Durchhaltevermögen. Der Rest kommt.
 
Wie viele Frauen seid ihr beim Training?
Das wechselt immer ein bisschen, aber etwa zehn Frauen kommen regelmäßig zum Training. Das ist eine sehr nette Truppe, auch wenn wir aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen. Da ist zum Beispiel eine Medizinstudentin dabei, eine Zahnärztin und seit kurzem auch eine Friseurin.

Mittlerweile bist du selbst Trainerin. Was ging dir denn durch den Kopf, als du das erste Mal vor dem Boxring standest?
Ich musste nicht mal bis zum Ring, schon als ich in die Halle kam, dachte ich: Okay, so muss es bei der Bundeswehr zugehen. Unser Trainer, der Rainer, hat den Laden gut im Griff. Da trainieren hauptsächlich Männer, und dann wird es eben auch mal laut. Beim ersten Mal bin ich richtig erschrocken vor diesem Befehlston: Strengt euch jetzt mal an, los, das muss schneller gehen. Wie so ein Drill-Instructor. Im Endeffekt habe ich dann festgestellt: Mir tut es ganz gut, wenn mir jemand verbal in den Hintern tritt.
 
Warum musste es denn Boxen sein und nicht Volleyball oder Badminton?
Ich wollte auch mal einen Richtungswechsel. Früher habe ich Karnevalstanz gemacht, ich war elf Jahre lang Funkenmariechen, nebenbei habe ich noch Basketball gespielt. Aber irgendwann habe ich mit dem Tanzen aufgehört und alles Sportliche ein paar Jahre lang schleifen lassen. Dann war natürlich auch bald das Übergewicht da. Deshalb kam vor vier Jahren die Überlegung: Auf zu neuen Ufern. Ich habe mich damals mit zwei Freundinnen aus dem Karnevalsverein zusammengetan. Wir wollten alle ein bisschen fitter werden und haben ein paar Sportarten ausprobiert, übrigens auch Badminton. Aber ich bin beim Boxen hängengeblieben.
 
Was war denn das entscheidende Argument gegen Karnevalstanz und für Boxen?
Boxen ist gut, um Aggressionen rauszulassen. Man kann sich richtig auspowern. Und es gibt schon ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Boxen und Tanzen. Rhythmus braucht man beim Boxen auch, und man muss flink auf den Beinen sein. Boxtechnik kann wie eine Choreographie sein. Außerdem hat mich der Boxsport schon immer fasziniert. Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen, und seitdem ich denken kann, haben wir immer Boxen im Fernsehen geschaut. Axel Schulz, Henry Maske, Sven Ottke – die begleiten mich seit früher Kindheit. Ich stehe auch heute noch nachts auf, wenn Arthur Abraham oder Wladimir Klitschko boxen.
 
Du hast selbst auch bei Turnieren im Ring gestanden. Wann kam für dich der Punkt zu sagen: Ich will nicht mehr nur Sparring, sondern auch ?kämpfen?
Das kam so mit der Zeit. Am Anfang wollte ich erst mal die Bewegungen lernen, mich ausprobieren, ein bisschen in Form kommen. Ich schätze für neun von zehn Frauen steht beim Boxen der Fitness-Charakter im Vordergrund. Bei mir kam irgendwann der Gedanke dazu, dass ich mich auch mal mit Anderen messen wollte. Mal schauen, wer die Bessere ist, welche Taktiken funktionieren. Die Technik auch mal anwenden. Es kommt ja nicht nur auf die Kraft an beim Boxen. Mit der richtigen Technik können Frauen ziemlich zulangen.

Glaubst du denn, dass Frauen ein bisschen Kampfgeist besonders gut gebrauchen können?
Ja, vor allem in der heutigen Arbeitswelt. Wenn man in die Vorstandsetagen schaut, gibt es anscheinend noch zu wenige Frauen, die sich gegen Männer behaupten können. Ich glaube, wenn manche Frauen ein bisschen mehr Biss hätten, sähe das schnell anders aus. Ich habe mich auch durch den Sport verändert. Ich bin selbstsicherer geworden, kann mich besser durchsetzen. Man kämpft natürlich im Alltag nicht im eigentlichen Sinne. Aber man kann trotzdem viel aus dem Ring mitnehmen.


Vita:
Martina Schwarzer kam im März 1982 in Münsters Kreuzviertel zur Welt. Abitur am Pascal-Gymnasium, dann Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Nach einem kurzen Abstecher ins ferne Neuseeland kehrte sie nach Müns-ter zurück. Jetzt wohnt sie in Gievenbeck und ärgert sich, dass die Decken im Dachgeschoss nicht stabil genug für einen Boxsack sind. Martina boxt seit vier Jahren beim BC Münster 1923, mittlerweile ist sie selbst Trainerin. Seit Oktober studiert sie Kommunikationswissenschaft und Soziologie.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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