Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 18.03.2010

DER VERSSCHMIED

Der Durchschnittsdeutsche lebt 2.504.411.136 Sekunden. In dieser Zeit spricht er 461.782.349 Worte und gibt bis zu 1.011.164 Euro aus. Er trinkt 77.000 Tassen Kaffee, verbraucht 44.821 Liter Kraftstoff, liest 9304 Zeitungen, isst 5.192 Laib Brot und verbraucht 3.600 Rollen Klopapier. Weiterhin vergießt er in seinem Leben 69,5 Liter Tränen, geht durchschnittlich 51 Mal zur Wahl, verbringt 6,2 Jahre vor dem Fernseher, steht sechs Monate seines Lebens im Stau und hat sechs Bettgefährten. Ich hatte zehn Minuten Zeit mit Bodo Wartke!
Claus Hensel telefoniert mit Bodo Wartke.
Claus Hensel vom Stadtgeflüster-Münster!
Ja, hallo! Hier spricht Bodo Wartke. Wir hatten heute einen Interview-Termin!

Schön, dass Sie sich melden. Ich hörte, Sie hätten eine halbe Stunde Zeit für mich!?
Ääääh … jein! Ich habe gleich noch ein Fernseh-Interview und kann Ihnen nur zehn Minuten schenken.

Zehn Minuten? Oh …
Heute ist der Terminplan ziemlich voll.

[Anm. d. Red.: Die Zeit läuft!]

Von Ihrer PR- und Öffentlichkeitsabteilung erfuhr ich im Voraus, dass ich Sie kurz vor einem Auftritt antreffe. Wo befinden Sie sich gerade?
Ich befinde mich gerade in der Garderobe vom Stadttheater in Ingolstadt.

Backstage?
Ja.

Und? Zufrieden?
Oh ja! Da hier auch viel klassische Musik dargeboten wird, ziehe ich mich im Dirigentenzimmer um.

Meine Güte!
Ja! Also, hier stehen Blumen auf der Fensterbank, ein Obstkorb und leckere Schnittchen. Hier wird sehr für uns Sorge getragen!

So sollte also auch Ihr Backstage-Bereich am 19.03. in Münster aussehen?
[Lacht] Davon gehe ich fest aus!

Haben Sie heute schon heimlich das Publikum beobachtet – vielleicht schon ein Warm-Up gemacht?
Ne, also so was passiert eher beim Fernsehen und nicht bei mir. Das Warm-Up setzt mit Beginn der Show bei mir ein.

Welche Rituale gibt’s gleich noch vor dem Gang auf die Bühne?
Äh ja … ich mache mich warm. Das habe ich schon hinter mir. Ich singe mich ein, aber das kommt noch. Und ich steppe mich ein.

Steppen?
Ja, wenn dazu noch Zeit ist, denn das werde ich heute nämlich auch ein wenig auf der Bühne machen.

Sie sind also ein klavierspielender Kabarettist, der auch noch tanzen kann, oder sind Sie ein kabarettistischer Klavierspieler, der ebenfalls tanzen kann?

Beides!

Und wie hat beides angefangen?
Ich habe beides irgendwann kombiniert. Von Kindesbeinen an hatte ich Klavierunterricht und von Kindesbeinen an schreibe ich Gedichte, weil mir das Spaß macht. Irgendwann habe ich dann einfach mal einen Song geschrieben.

Was findet sich eher in Ihren Gedanken: Wort oder Musik?

Mal so, mal so. Meistens entsteht beides parallel mit einem leichten Vorsprung auf Textseite. Mir fällt dann eine Strophe oder ein Fragment ein und ich überlege mir, wie könnte das klingen und wie könnte ich das vertonen. So schaukeln sich beide Sachen auf!

In Ihren Liedern und Reimen steht der Witz im Vordergrund. Können Sie auch traurig?

Durchaus. Es ist nicht alles lustig, was ich mache. Da sind auch sehr ernste Lieder ?dabei.

Was fällt Ihnen denn leichter? Der Witz oder die Tragik?

Mir persönlich fällt es auf der Bühne leichter, lustig zu sein. Ernst zu sein bedeutet viel mehr, sich zu öffnen und von sich preiszugeben. Man begegnet dem Publikum ganz anders. Aber ich stelle fest, dass das Publikum sehr dankbar ist, wenn ein Künstler so was tut.

War das eine Umstellung für Sie?

Ich musste mich das tatsächlich trauen. Ich habe angefangen mit lustigen Liedern, aber im Laufe der Zeit sind ernste Stücke hinzugekommen, die mir sehr wichtig sind – sonst würde ich sie auch nicht singen. Aber noch sind die lustigen Stücke in der Überzahl. Ich glaube halt, dass … wie sag ich das nur? Um unterhaltsam zu sein, muss ein Stück nicht zwangsläufig witzig sein. Ein Stück kann auch sehr unterhaltsam sein, wenn es die Leute berührt.

[Anm. d. Red.: Bodo Wartke hat nur noch sechs Minuten Zeit!]

Mit Blick auf die Uhr würde ich gerne einen thematischen Sprung machen. Mit Abitur, Zivildienst, abgebrochenem Physikstudium und Musik auf Lehramt sind Sie einen klassischen Weg gegangen.
Das ist richtig. Ich habe nur zwei Semester Physik studiert und danach Musik auf ?Lehramt.

Was ist bei Physik falsch gelaufen?

Also, zu Schulzeiten hatte ich ein großes Interesse für Mathe und Physik, deshalb dachte ich, mich würde das interessieren. Sehr schnell habe ich dann gemerkt: [Lacht] Nein, tut es nicht! Ich hatte dafür überhaupt keine Leidenschaft und hätte mich dafür richtig reinknien müssen. Das Studium ist nämlich sehr schwierig! Ich hatte eher die Leidenschaft fürs Liederschreiben und Auftreten. Somit lag es nahe, Musik auf Lehramt zu studieren, um mich in den Dingen, die ich sowieso auf der Bühne tue, weiterzubilden: Gesang und Klavier.

Also doch eher Musiklehrer?
Das hätte ich mir gut vorstellen können. Als ich aber schon von der Bühne leben konnte und Musikkabarett mein Beruf war, und beides aus Zeitgründen einfach nicht mehr ging, da habe ich mich dazu entschieden, das zu tun, was ich schon die ganze Zeit mache. Ich habe mich einfach getraut.

Sie sprechen vom Trauen. Mussten Sie sich überwinden, um auf die Bühne zu gehen?
Unterschiedlich! Für mich ist dieser Schritt nur konsequent. Andere scheitern aber genau an diesem Punkt. Wenn ich etwas schreibe, dann will ich das auch vorsingen.

Ihre Programme heißen „Achillesverse“, „Noah war ein Archetyp“ und „König Ödipus“. Sind Sie ein Geschichtsfan?
Ich bin ein Geschichten-Fan. Ich bin ein Fan guter Geschichten.

Wird Ihre Trilogie noch erweitert?

Ich plane bereits „Antigone“. „Antigone“ ist auch ein klassisches griechisches Drama und es geht dort um eine Tochter von Ödipus. Also quasi der zweite Teil der Geschichte.

Sie produzieren momentan eine DVD zum Programm „König Ödipus“. Wie ist der Stand der Dinge?

Genau! Die offizielle Handelsveröffentlichung ist am 6. Mai 2010, über den Online-Shop auf meiner Homepage gibt’s die Scheiben schon ein wenig früher. Wir produzieren die DVD sehr aufwendig und mit viel Liebe zum Detail, deswegen steckt dort drin auch eine Menge Arbeit. Es rundet natürlich das Bühnenstück ab, wie ich es auch auf der Bühne spiele, allerdings mit filmischen Mitteln. Das Ganze ist quasi wie ein Spielfilm, deswegen wird die Premiere auch am 12. April im Abaton-Kino in Hamburg sein. Das wird sicher ein großer Spaß!

[Anm. d. Red.: Bodo Wartke hat nur noch drei Minuten Zeit!]

Auf der Bühne singen Sie über die Liebe, über Ihre Freundin, über Ihren Schwiegervater, den Schönheitschirurgen, und über George W. Bush. Wie viel Bodo Wartke steckt wirklich in den Liedern?
Manche Lieder sind zu hundert Prozent autobiographisch. Andere sind durch autobiographische Züge inspiriert. Und dann gibt’s auch ganz fiktive Stücke, wie zum Beispiel „Ja, Schatz!“. Das habe ich natürlich nicht erlebt, sonst säße ich jetzt wahlweise im Gefängnis oder in der Psychiatrie!

Als ich das Schwarzbuch über die Deutsche Bahn gelesen habe, dachte ich, man hätte sich gedanklich und erlebnistechnisch an Ihrem Reisetagebuch bedient. Immerhin berichten Sie, Sie hätten in der Warteschlange im DB-Reisecenter „Harry Potter“ Band 1 bis 5 gelesen.

Das möchte ich nicht unterstellen. Ich glaube einfach, dass sich vielmehr die Erlebnisse decken, [lacht] denn vieles, was ich dort berichte, ist mir nicht nur ein Mal passiert. Jetzt muss ich leider auch mal auf die Uhr gucken …

Kein Problem! Wir sind sofort durch. In Ihrem Song „Liebeslied“ singen Sie die Strophen in 88 Sprachen. Sind Sie so sprachgewandt?
Na ja, ich kann nicht alle sprechen, aber ich kann immerhin diese Strophe in allen 88 Sprachen auswendig. Natürlich kann ich die am besten, die viel vom Publikum gewünscht werden. Da gibt es schon Vorlieben für bestimmte Sprachen.

Aber Sie könnten auch auf dem falschen Fuß erwischt werden?
Ich bin dann auch ehrlich, wenn mir die Strophe nicht einfällt. Ich biete dann eine Alternative an. [Lacht] Oder ich verspreche, dass ich sie bis zum nächsten Mal auswendig lerne.

Sie reimen, was das Zeug hält. Ist Sprache für Sie die stärkste Waffe?
Ich würde es nicht als Waffe bezeichnen, sondern eher als Hilfsmittel, um sich verständlich zu machen und um andere zu verstehen!

Dann danke ich für diese zehn Minuten und wünsche Ihnen gleich viel Spaß auf der ?Bühne!




Vita:
Bodo Wartke erblickte am 21. Mai 1977 in Hamburg das Licht der Welt. Als Einzelkind verbrachte er seine Jugend in Reinbek und Bad Schwartau, wo er vielleicht zum ersten Mal mit einer Buchstabensuppe in Verbindung kam, um das zu werden, was er heute ist: Deutschlands begnadetster Wortakrobat am Klavier. Auch ein Physikstudium hielt ihn nicht auf, und so reist der Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises heute durch die Lande, um Menschen mit seinen Liedern zu berühren. Am 19. März 2010 ist er in Münster zu Gast. Mehr Infos unter: www.bodowartke.de

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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