Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 11.03.2010

KUNST VOM ANDEREN ENDE DER WELT

Was weiß man über Chile? Es liegt irgendwo da unten, am Ende Südamerikas. Amtssprache ist Spanisch, Fußballfans denken an Arturo Vidal von Bayer Leverkusen. Und einige erinnern sich auch an Augusto Pinochet. Während seiner Militärdiktatur sind zwischen 1973 und 1989 tausende Bürger spurlos verschwunden. Alex Mora ist auch Chilene und hat das als Junge miterlebt. Vor 15 Jahren ist der Performance-Künstler zum Studium nach Münster gekommen und geblieben. Über seine Geschichte, seine Kunst und was man sonst noch über sein Heimatland wissen sollte.
Sebastian Golla trifft Alex Mora.
Kürzlich bist du mit einer Holzkiste mit Kartoffeln aus Münster nach Santiago de Chile geflogen. Wieso?
Es ging dabei um die Konzepte Rückkehr und Herkunft. Ich habe eine Reihe von Arbeiten namens „Comeback“, die den Leuten über Dinge zu denken geben sollen, mit denen wir alltäglich leben. So wie Kartoffeln, die wir in vielen Formen konsumieren, ohne uns darüber im Klaren zu sein, wie wichtig sie sind. Sehr wahrscheinlich stammt die Kartoffel von der chilenischen Insel Chiloe, wo ihre ältesten Wurzeln gefunden wurden. Sie sind über 3000 Jahre alt.

Du bringst nicht nur die Kartoffel heim, sondern engagierst dich auch stark in der Politik deines Heimatlandes. Wie schaffst du das von Deutschland aus?
Es ist ziemlich schwer, weil Chile seine im Ausland lebenden Staatsangehörigen nicht besonders gut integriert. Wir können zum Beispiel immer noch nicht wählen. In den Strukturen des Systems hat sich seit der Militärdiktatur von Pinochet nichts geändert. Es existiert natürlich nicht mehr der alte Terror, aber die gesetzlichen Grundlagen sind dieselben. Das Engagement ist mir jedoch eine Herzensangelegenheit und obwohl ich bei dieser Arbeit unsichtbar bleibe, investiere ich viel Energie. Ich arbeite zum Beispiel mit der Casa Chile in Hamburg zusammen, die letztens im Rahmen eines Projekts einen Feuerwehrwagen an ein chilenisches Dorf verschenkt hat.

Die Militärdiktatur in Chile endete vor 21 Jahren. Welche Erinnerung hast du an diese Zeit?

Ich war damals 17 und wurde für zwei Jahre zur Marineinfanterie einberufen, also gab es für mich kein echtes Ende. Die ersten vier Monate lang wurde ich bei der Marine mit einer Ausbildung gequält, bei der es zuging wie in einem Internierungslager in der Militärdiktatur. Ich bin dabei beinahe ums Leben gekommen: Ein Aufseher warf mir einen Stein an den Hinterkopf, als ich draußen putzte. Ich muss-te mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, stand der Sergeant vor mir und sagte: Wenn du auch nur ein Wort über den Vorfall verlierst, dann wirst du nach Punta Arenas [Stadt im extremen Süden Chiles, Anm. d. Red.] gebracht – und dort wird es dir sehr schlecht ergehen. Für die Militärs waren all wir Jugendlichen nach dem Ende der Diktatur nur diejenigen, die damals Steine auf der Straße geworfen haben. Und so wollten sie es uns heimzahlen. Es war ihre Rache.

Einige Jahre später hast du dein Studium an der Kunstakademie Münster begonnen. Wie kam es dazu?
Nach meiner Marinezeit begann ich ein Kunststudium in Valparaíso. Dort besuchte ich immer wieder das Goethe-Institut, um deutsche Filme zu sehen. Ich sah einige Aktionen von Joseph Beuys und es faszinierte mich. Die-se Sprache müssten auch die Künstler Chiles erlernen, dachte ich mir. Eines Freitags schlich ich mich in das Haus eines schrecklich arroganten Professors und veranstaltete dort eine Performance. Ein Freund von mir hatte es im Radio angekündigt und es kamen ein paar Gäste, unter denen auch ein Professor aus Hamburg war. Wir hielten ihn zuerst für einen verlorenen Touristen. Nach der Performance sagte er zu mir: „Niemand in Chile versteht, was du hier machst. Ich empfehle dir, nach Deutschland zu gehen.“ Er half mir, die Papiere zu besorgen, und ich kam nach Münster, wo mich Timm Ulrichs an der Kunstakademie aufnahm.

Wie hast du Münster am Anfang erlebt?
Die Stadt hat mich fasziniert und begeistert. Nach Deutschland zu kommen, war ein Märchen. Ich konnte zuerst nicht glauben, dass die Leute auf den Wiesen sitzen und einfach Bier trinken, ohne dass die Polizei sie festnimmt. Und das Fehlen von Kriminalität: Sogar dein Fahrrad konntest du ohne Schloss vor der Tür stehen lassen und wenn du zurückkamst, war es immer noch da. Es war eine enorme Erfahrung. Ich kam mit 24 Jahren her und es war, als hätte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, wie ein normaler Jugendlicher zu leben. Ohne all die Angst und Beschränkung. Ich war die ganze Zeit in der Kunstakademie und arbeitete vier Jahre lang wie ein Verrückter, weil alles für mich so gut war. Es war wie eine geistige Genesung.

Inzwischen bist du Lateinamerikabeauftragter der Kunstakademie. Was tut ihr momentan für die Beziehungen mit Deutschland?
Im nächsten Semester wird es einen Vortrag von Professor Paul Isenrath an der Kunstakademie geben. Er wird dort über unser Projekt eines Austauschs mit Unis in Santiago de Chile informieren und über seine Erfahrungen während einer Gastprofessur an einer chilenischen Uni berichten. Ich habe dort als Assistent mit ihm zusammengearbeitet. Eines Tages werden wir auch das Projekt „El Manifiesto de Santiago“ von 2007 wiederholen, bei dem 23 deutsche Künstler in Chile waren.

Bist du in Deutschland mit vielen Chilenen vernetzt?
Es gibt einen Künstlerverein namens „Network Of Chilean Artists“, in dessen Vorstand ich bin. Es ist eine Initiative des Schriftstellers Skármeta. Das ist die einzige Arbeit, die ich in Deutschland mit Chilenen mache. Wir treffen uns und haben eine Plattform im Internet: www.inoca.net.

Was denkst du über die Arbeit der Künstler in deinem Heimatland?
Viele chilenische Künstler suchen ihren Input im Ausland, ohne sich selbst in ihrer ursprünglichen Kultur zu reflektieren. Das Problem ist, dass ihnen eine fremde Kultur auferlegt wurde. Das funktioniert aber nicht. Für die Chilenen ist es also sehr schwierig, eine authentische Kunst zu schaffen. Unser Weg muss eine Kunst sein, die sich an der Politik und der Gesellschaft orientiert. Sonst bauen wir nur Luftschlösser in einer Realität, die nicht existiert.

Fühlst du dich noch als Teil der chilenischen Kunstszene?
Meine Kunst ist Teil der „Escena de Avanzada“. Die Aufgabe unserer Kunst ist es, Zeuge zu sein. Und wenn ich sehe, dass es in meiner Gesellschaft eine Gruppe von Personen wie die indigenen Mapuche gibt, die mit Gewalt unterdrückt werden, dann können wir nicht weiterhin nur schöne Häuser und Landschaften malen. Es ist ein Prozess, der vollzogen werden muss und den die deutsche Kunst schon in den 60ern erlebt hat. Unter anderem mit Joseph Beuys und Timm Ulrichs.

Bist du nach fünfzehn Jahren in Deutschland heute eher Zeuge der deutschen oder der chilenischen Gesellschaft?
Ich bin ein gespaltenes Wesen. Nach zehn Jahren in Deutschland geschah etwas in mir – ein Bruch. Ich war kein Chilene mehr, aber auch kein Deutscher. Die Leute in Chile sagten mir, ich sei sehr deutsch geworden. Aber überhaupt denke ich nun eher in globalen Dimensionen. Auf die soziale Lebensform und die Toleranz in Deutschland bin ich sehr stolz. Chile ist eher ein Land mit elitären Zügen, in dem man andere Personen oder Kulturen weniger anerkennt. Aber hier lebe ich etwa Tür an Tür mit Menschen aus dem Iran und lerne von ihnen.

Gibt es einen besonderen Charakterzug, den du in Deutsch-land entwickelt hast?
Mein Wort und Versprechungen zu halten. Dies ist übrigens auch ein indigener Charakterzug. So wie auch die Pünktlichkeit und Vereinbarungen ernst zu nehmen. Der Chilene ist allgemein nicht so, obwohl wir in Lateinamerika zu den Zuverlässigsten gehören.

Die Chilenen gelten als kühler und introvertierter als ihre Nachbarn. Sind sie die Deutschen von Lateinamerika?
Ja, das liegt an der geographischen Lage des Landes. Chile ist eine Insel auf dem Kontinent: Die Anden bilden eine natürliche Grenze mit Argentinien, Bolivien und Peru – eine sechstausend Meter hohe Mauer. Der Pazifik begrenzt uns nach Westen und dazu kommt noch die riesige Wüste im Norden, in der du dich nur verlieren und sterben kannst.

Vielen Dank für das Interview!


Vita:
Alex Marcelo Jimenez Mora wurde an einem herrlichen Frühlingstag im November 1971 in Concepción, Chile geboren. Nach seiner Schulausbildung und einer mörderischen Marinezeit studierte er Kunst in der malerischen Hafenstadt Valparaíso. Sein nächster Weg führte ihn an die Kunstakademie Münster, wo er Meisterschüler von Guillaume Bijl wurde. Mora ist für seine außergewöhnlichen Performances und sein vielseitiges Engagement bekannt. Er setzt sich unter anderem bei der Gesellschaft für bedrohte Völker für das indigene Volk der Mapuche ein.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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