Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 25.02.2010

IM HERZEN DER STADT

Wahnsinn, wie viele Leute man kennen lernt, wenn man mit dem Präsidenten des DRK-Landesverbandes ein Interview führen darf. Nach so viel förmlichem Händeschütteln war es eine freudige Überraschung, einen bodenständigen und locker aufgelegten Dr. Jörg Twenhöven anzutreffen. Der ehemalige Oberbürgermeister Münsters und frühere Präsident unseres Regierungsbezirks fährt noch immer mit dem Fahrrad zur Arbeit und fühlt sich beim Fußball und im Karneval wohl. Unser Blut ist bei ihm gut aufgehoben, finde ich.
Malte Limbrock trifft Dr. Jörg Twenhöven.
Schalke 04 hat am Wochenende 1:2 gegen Wolfsburg verloren. Fällt Ihnen der Start in die neue Woche deshalb schwer?
Ich bin zwar ein Sympathisant von Schalke 04 und bin auch am Wochenende mit hochverdienten Rotkreuz-Leuten aus Berlin „auf Schalke“, um denen mal zu zeigen, wie gut das Rote Kreuz die Sache dort im Griff hat. Die Niederlage gegen Wolfsburg ist natürlich schade und hat auch eine besondere Note wegen Felix Magath. Anscheinend wollte Grafite seinem alten Boss zeigen, dass er doch noch treffen kann. Aber für mich ist Fußball auch nur ein Spiel.

Sie haben Ihre Wurzeln im Sauerland. Woher kommt die emotionale Bindung zu den Königsblauen?
Ich hatte früher mit Fußball auch nicht so viel am Hut. Und wenn, dann war ich ein Fan von Kaiserslautern. Witzigerweise damals in den 50er-Jahren, als die mal gegen Preußen Münster um die Deutsche Meisterschaft gespielt haben. Was mich an S04 bindet, war meine Arbeit als Regierungspräsident. Dort eine geordnete Zusammenarbeit hinzukriegen, war nicht leicht. Man kann das bürokratisch machen, dann hat man viel Krach, oder man regelt es so, dass man rechtzeitig das Gespräch sucht und Alternativen aufzeigt. Mit Rudi Assauer, dem damaligen Manager, bin ich immer sehr gut klar gekommen. Heute bin ich einfaches Mitglied und gehe hobbymäßig dahin.

Die KG „Schlossgeister“ hat sie kürzlich zum Freud- und Friedensritter ernannt. Konnten Sie im Karneval dieser Doppelbelastung gerecht werden?
Ja. Ich habe viel Freude gehabt und auch viel Freude gespendet. Und überall, wo ich war, hat es keinen Krach gegeben. Das ist doch viel wert.

Welche Aufgaben fallen als Freud- und Friedensritter so an?
Man muss mindestens zwei Reden halten, nämlich eine Dankesrede, wenn man die Urkunde kriegt, und im neuen Jahre eine Laudatio, wenn der neue Freud- und Friedensritter ausgerufen wird.

Überschaubar!
Ja.

Sie waren einst als der „fahrradfahrende Oberbürgermeister“ bekannt. Sind Sie heute noch mit der Leeze unterwegs?
Stehen Sie mal auf und kommen Sie mit zum Fenster. Wenn Sie sich hier hinstellen und vorbeugen, können Sie meine Leeze sehen.

Da steht ja nur eins. Sind Sie der Einzige, der mit dem Fahrrad kommt?
Die andere stellen ihre hinter das Gebäude. Ich stelle meins davor.

Oh, der Chefparkplatz …
Da habe ich ein Dach drüber.

Warum wurde eine neue Blutspendestelle am Hanse Carré eingerichtet?
Wir müssen auf die Leute zugehen. Die meisten Menschen erreicht man in der Innenstadt. Das DRK bittet über die Blutspendedienste Menschen, etwas Lebenswichtiges preiszugeben. Menschen können oft nur dann eine stark blutende Operation überleben, wenn sie hinreichend Blut zugeführt bekommen. Ich habe selbst mal als 18-Jähriger meiner Großtante eine Lebendblutspende gegeben. Und da ich vorher zwei Pils getrunken hatte, ist ihr das gut bekommen.

Gut bekommen?
Heute würden sich uns die Haare sträuben. Aber das war für meine Tante damals ein wichtiger Überlebensfaktor. Nicht das Pils, sondern das Blut. Wir arbeiten im Blutspendedienst mit etwas, das nach allgemeiner Auffassung der Weltgesundheitsorganisation ein Organ ist. Wir machen keinen Organhandel. Leider kommt heute mehr der Marktgedanke auf. Wir vom DRK halten daran fest, dass wir im Blut etwas Lebenswichtiges für den sehen, der es hat – und ein lebensspendendes und lebensverlängerndes Mittel für den, der es braucht.

Wofür wird das Spenderblut überwiegend benötigt?
Die Medizin hat sich dahingehend entwickelt, dass man nicht mehr das meiste Blut für Operationen braucht, weil sich die Technik verbessert hat, sondern täglich für schwer Krebskranke. Dafür muss man immer Vorräte haben und wir haben den Auftrag des Landes NRW, die Versorgung sicherzustellen. Die Blutkonserven, die für die Krebstherapie gebraucht werden, sind drei bis vier Tage konservierbar. Nun ist die Spendebereitschaft an Tagen wie z.B. Gründonnerstag oder Karfreitag geringer. Aber der Krebs hört ja nicht an Ostern auf. Deshalb brauchen wir auch an solchen Tagen Aktive, die bereit sind, Blut zu spenden.

Der Spender wird nun also von aufwendiger Mobilität entbunden?
Ja. Wir möchten auf uns aufmerksam machen, die Leute an uns erinnern und ihnen ein Ambiente bieten, in dem sie sich gut aufgenommen fühlen. Sie sollen uns leicht finden. Zudem haben wir durch den Herzenssterne-Boulevard einen Wiedererkennungswert geschaffen.

Kann man auch bei der Cityblutspende als Erstspender einen Herzensstern bekommen?
Ja. Man bekommt einen Herzensstern als Erstspender weiterhin in der Hauptstelle und auch in der neuen Cityblutspende.

Glauben Sie, dass der Boulevard bis Ende 2010 komplett gefüllt sein wird?
500 Sterne gibt es bereits. Wir haben eine Steigerung der Blutspenden von 2008 auf 2009 von etwa 400. Für neue Sterne gibt es aber noch reichlich Platz. Wir wollen, dass das ein richtig bunter Sterneboulevard wird. Dichter als das, was es in Hollywood gibt. Sie müssen wissen, bei uns sind die Sterne alle von Leuten, die da keine Dollars für gekriegt haben.

Im Gegensatz zu Hollywood …

Richtig! Wir sind Herrn Deilmann übrigens sehr dankbar, dass er uns seine Privatstraße zur Verfügung stellt. Leider haben einige Leute nachgefragt, ob der Stern Ähnlichkeit mit dem Judenstern aus dem Dritten Reich habe. Nein! Da sind wir im Vorfeld sehr behutsam vorgegangen und haben gesagt: Immer in Verbindung mit einem Herz, um die Assoziation zum Davidstern auszuschließen. Es ist ein Herzensstern und kein Stolperstein.

Das DRK hat in Haiti ein mobiles Krankenhaus errichtet. Sind auch Menschen aus Ihrem DRK-Verband vor Ort?
Drei: Herr Prof. Dr. Gardemann, Herr Muchow und Herr Schmidt. Unser Arzt Prof. Dr. Gardemann ist gerade am Sonntag zurückgekehrt. Der Mann ist schon fast auf jedem Kontinent gewesen. Ein Urgestein. Gardemann hat das mobile Krankhaus geleitet.

Was erreichen Sie für Wasserstandsmeldung aus Port-au-Prince?
Dort befindet man sich in einer Umbruchsituation. Die Katastrophenbeseitigungsarbeiten sind erledigt. Jetzt kommen die schwierigen Nacharbeiten. Manche Hilfsorganisationen arbeiten so, dass sie sofort eine Wasseraufbereitungsanlage, ein paar Zelte oder medizinische Versorgung kaufen, entsprechende Versorgungspakete bunkern und fünf, sechs Journalisten mitnehmen. Sie werfen die Maschine an, die Journalisten machen ein paar Bilder und dann fliegen sie wieder zurück. Aber wir wollen uns nicht beschweren. Besser solche Hilfe als gar keine. Wir als DRK richten uns auf drei Jahre ein. Unser komplettes Krankenhaus bleibt in Haiti – für immer.

Wird Haiti eigentlich auch mit Blut aus Münster unterstützt?
Wir haben hier beim Blutspendedienst West ein weltweit einzigartiges Instant-Verfahren. So wie diese Krümel beim Kaffee. Nescafé, können Sie sich da noch dran erinnern? Für mich war das damals noch eine Entdeckung. Mit sauberem Wasser und gefriergetrocknetem Blutplasma könnten Sie auch in solch entfernten Ländern arbeiten. Das ist wie Kaffeepulver mit Wasser aufgefüllt und geschüttelt. Es hält über ein Jahr. Dieses Blutplasma wurde getestet und für gut befunden. In unserem Verbreitungsgebiet Saarland, Rheinland-Pfalz und NRW setzen wir es auch ein.

Also gelangt es nicht nach Haiti?
Nein! Die US-Armee möchte es gerne kaufen, darf es aber nicht, weil die Amerikaner sagen: Das ist nicht unser eigenes Blut – und warum machen wir so etwas nicht selber? Und sie probieren seit 15 Jahren daran rum, kriegen es aber nicht hin. Haiti wäre eigentlich ein richtiger Einsatzort für diese Sache und es ärgert mich, wenn eine Erfindung, die dringend benötigt wird, nicht eingesetzt werden darf. Bei den herkömmlichen Blutbeuteln muss die Kette aber auch lückenlos sein: Wenn das Blut einmal warm wird, kann man es nicht wieder einfrieren. Mit Blut darf man überhaupt keine Faxen machen. Wir testen jede Spende sehr sorgfältig und geben dem Spender eine Rückmeldung.

Macht Ihnen Ihre heutige Tätigkeit mehr Spaß als das parteipolitische Tagesgeschäft von damals?
Mir macht es sehr viel Spaß. Aber alles war zu seiner Zeit schön. Ich war gerne OB, ich war gerne Regierungspräsident. Ich mache auch dies gerne. Alles wunderbar.

Was haben Sie sonst noch für Hobbys? Außer Friedensritter zu sein …
Skifahren. Ich habe allerdings vor drei Jahren eine neue Hüfte bekommen. Nach der OP habe ich den Arzt gefragt: Wie viel Blut habe ich verloren? Sagt er: Keine halbe Tasse. Dabei war eine Hüft-OP früher eine der blutigsten Operationen überhaupt. Gut, oder?

Haben Sie noch keine Lust, die Füße hochzulegen oder aufs Kreuzfahrtschiff zu gehen?
Nein, ich habe Spaß an dem, was ich mache, und eine gut ausgewogene Freizeit.

Vielen Dank für das Gespräch!



Vita:
Dr. Jörg Twenhöven ist der Präsident des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe. Er war außerdem schon Münsters Oberbürgermeister, Präsident unseres Regierungsbezirks und saß im Landtag. Der Schalke-Sympathisant und fleißige Fahrradfahrer erblickte 1941 im sauerländischen Gevelinghausen das Licht der Welt, studierte in Münster und Fribourg und promovierte in Jura 1972 zum Dr. jur. utr. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und bekleidet aktuell auch das Amt des Freud- und Friedensritters bei den „Schlossgeistern“.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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