Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 11.02.2010
DICHTER UND BOBTRÄGER

Viele verorten den Jungliteraten und Poetry Slammer Andy Strauß zwischen Friedrich Schiller und Helge Schneider, doch er selbst sieht sich eher auf einer Linie mit Herta Müller und Angela Merkel. Mit dem Literaturnobelpreis hat es zwar noch nicht geklappt, dafür hat er sich aber einen Bob frisieren lassen. Und obwohl der Haarschnitt schon fast bis zur Unkenntlichkeit ausgewachsen ist, stand er uns an einem kalten Donnerstagnachmittag Rede und Antwort, statt sich auf den Weg zum Coiffeur zu machen.
Sebastian Golla trifft Andy Strauß.
Ich bin echt ein bisschen angepisst.
Wie kommt's?
Ich wurde aus der Liste der berühmten Bob-Trägerinnen bei Wikipedia entfernt.
Was wirst du nun unternehmen?
Ich weiß es nicht genau, aber ich wollte schon immer etwas gegen Wikipedia machen, weil sie mich nicht für würdig halte, dort eine Seite haben zu dürfen. Dabei habe ich acht Buchveröffentlichungen, die ich dort alle angegeben habe. Und mein nächstes Buch erscheint im Herbst bei Ubooks.
Ach ja? Wie heißt es und worum geht es?
Es heißt „Albträumer“ und es geht um Personen, die Träume haben, diese aber nicht leben. Es ist ein fragmentierter Roman. Das heißt, er besteht aus Kurzgeschichten, die für sich alleine stehen können, aber sehr eng miteinander verknüpft sind. Es tauchen immer wieder die gleichen Personen auf. Man sollte es auf jeden Fall von Anfang bis Ende durchlesen, damit es wirkt.
Hast du dich seit deinem letzten Buch „Establishmensch“ weiterentwickelt?
Ich habe mir mehr vorgenommen. Ich wollte in meinem neuen Buch die Züge eines Romans haben, es aber so schreiben, dass jede Geschichte für sich stehen kann. Ich habe mir mehr Gedanken gemacht, mehr Konzept entwickelt und mehr Kontinuität...
Deine Kurzgeschichten sind nichts für schwache Gemüter. Kürzt dein Verlag viel?
Nein, gar nicht. Sonst hätte ich den Verlag auch nicht genommen. Ubooks ist ein ordentlicher Verlag, der aber Literatur so veröffentlicht, wie sie gemeint ist und mir da keine Grenzen setzt.
Wie waren die Reaktionen auf „Establishmensch“? War vernichtende Kritik darunter?
Ja, zum Glück – sonst wäre ich irritiert. So ein Do-It-Yourself-„Wir schneiden uns die Arme auf“-Emo-Magazin hat mein Buch verrissen, aber das ist okay. Ich finde die Leute nicht gut, die dieses Heft machen.
Schreiben dir denn etwa auch besorgte Mütter?
Nein, vielleicht möchten sie mich nicht kontaktieren.
Hast du viele junge Leser?
Ja, einen ganzen Haufen. Ich werde auch öfters mal von Schülervertretungen eingeladen, um an Schulen zu lesen.
Was hältst du vom Deutschunterricht in den Schulen?
Ich hatte einen alten, steinkonservativen Deutschlehrer, der großartig war. Wir haben viele Klassiker gelesen und der Unterricht hat einen guten Schnitt davon gezeigt, wie sich die deutsche Literatur entwickelt hat. Es ist natürlich blöd, unter Zwang zu lesen, aber mir hat der Deutschunterricht immer Spaß gemacht.
Wer ist für dich der größte lebende deutschsprachige Autor?
Ein Däne. Er heißt Arne Nielsen, lebt in Hamburg, hat erst zwei Bücher herausgebracht und seit drei Jahren nichts mehr veröffentlicht. Trotzdem ist er für mich der Beste. Er schreibt Kurzgeschichten im Stil von Raymond Carver. Es kommt keine explizite Gewalt vor, aber es sind dennoch sehr brutale Bücher, die eine bestimmte Stimmung hinterlassen. Man möchte diese Geschichten immer wieder lesen, weil man mit etwas konfrontiert wird, hinter dem man mehr vermutet. Ich habe angefangen zu schreiben, nachdem ich Arne Nielsen gelesen habe. Das war eine Initialzündung.
Und wer beeindruckt dich in der westfälischen Szene?
Es gab gerade eine Anthologie westfälischer Autoren namens „Frische Eier“, in der ein paar nette Beiträge waren. Empfehlenswert ist auch die „Zettelwirtschaft“, herausgegeben von Andreas Weber und mir: Ein kostenloses Magazin, das mindestens vier mal im Jahr erscheint.
Wie findest du Charlotte Roches literarisches Werk?
Ich habe ihren Roman nicht gelesen. Nach der Überflutung von „Feuchtgebieten“ in den Medien wusste ich, worum es ging und dachte mir, dass es mir nichts geben würde.
Es heißt, du hast „Feuchtgebiete“ in einer Kurzgeschichte vorweggenommen...
Eine meiner Storys aus der Zeit vor „Feuchtgebiete“ beinhaltet den Roman komprimiert auf drei DIN A4-Seiten.
Sie hat sich wahrscheinlich nur nicht so oft verkauft...
Ja, aber der Erfolg liegt nicht an der Qualität des Buches, sondern ist ein reiner Marktmechanismus. Charlotte Roche hat eine gute Fanbasis, denn sie hat bei Viva immer nur interessante Sachen gemacht. Dadurch ist sie sympathisch und durch das Thema des Romans kommt noch ein zusätzliches Interesse.
Könntest du dir vorstellen, so in der Öffentlichkeit zu stehen wie sie?
Ja, auf jeden Fall. Ich würde gerne MTV-Moderator sein. Es gibt dort momentan nichts, was man sich angucken kann und dennoch existiert ein großer Markt durch all die Leute, die MTV-überdrüssig sind – anspruchsvolle Musikfernseh-Konsumenten.
Du bist bekanntlich auch selbst als Musiker tätig. Wie geht diese Karriere weiter?
Es wird auf jeden Fall ein Album kommen und wir haben schon unendlich viele Aufnahmen mit meiner Band Doomed Zau gemacht. Die müssen wir jetzt nur noch zurechtfeilen.
Ist die Musik für dich mehr als eine Plattform für Texte?
Musik zu machen bedeutet einfach Spaß zu haben. Man schreibt ja grundsätzlich für sich, aber musizieren kann man auch mit mehreren Leuten. Wir machen Schlager, Grindcore, Country... Um die verschiedenen Möglichkeiten zu erproben.
Spielt ihr absichtlich stümperhaft?
(Lacht) Auf den Aufnahmen zumindest nicht.
Einer eurer größten Hits heißt „Liebeliebeliebeliebeliebe“ und ist dem Genre des sozialkritischen Schlagers zuzuordnen. Wie ist das Stück entstanden?
Das Lied ist mir während eines der zeitaufwendigen und unnützen Plena des AStA eingefallen, als ich noch dort aktiv war. Ich wollte einfach einen Schlagertext schreiben und habe die Obdachlosen thematisiert. So ist es ein sozialkritischer Schlager geworden – Schöne-Welt-Gesang mit Nicht-so-schöne-Welt-Inhalt. Auf einem Milli Vanilli-Beat!
Ist die Musik eine Inspiration für dich zum Schreiben?
Ja, immer! Musik mit deutschen Texten. Wenn der Fluss im Kopf stoppt, dann höre ich einen deutschen Text, greife ein Wort auf und schreibe weiter. Dann bin ich direkt wieder drin.
Welche Künstler helfen gegen die Schreibblockade?
Knarf Rellöm aus Hamburg hilft immer und hat geile Beats. Oder Les Trucs aus Mainz – sehr harter Elektro mit 8-Bit Musik und tollen Texten.
Du trittst zur Zeit regelmäßig bei drei Poetry Slam-Lesebühnen in drei verschiedenen Städten auf. Wirst du diesen Rhythmus beibehalten können?
Im Dortmunder Jazz-Club domicil, in Münster und in Osnabrück. Es macht mir unglaublich viel Spaß und ich werde solange weiter Poetry Slam machen, bis kein Zuschauer mehr kommt. Das ist allerdings im Moment nicht abzusehen.
Wächst die Poetry Slam-Gemeinschaft nach dem jüngsten Hype weiter?
Ja, das Format ist großartig. Es sind immer zahlreiche Leute auf der Bühne, da es auch inzwischen viele gibt, die es richtig gut können. Und es kommen immer ein paar neue, die sich ausprobieren. Man ist stets gut unterhalten – selbst bei den schlechten Texten, wenn man sich nur denkt „Oh Gott, oh Gott...“
Hält die Lyrik jetzt Einzug in die Popkultur?
Jetzt darf ich nichts Falsches sagen, denn sonst bekomme ich Ärger mit dem Literaturverein. Zuletzt hatten wir im Cuba Nova die Diskussion, wie viel Pop die Literatur verträgt. Es ging um die klassische Lyrik und ihr verstaubtes Ansehen in der Öffentlichkeit. Und eigentlich sind sich der Literaturverein und die Poetry Slam-Szene gar nicht so fremd, nur gibt es in beiden Lagern Vorurteile. Der Literaturverein will nicht einsehen, dass es bei Slams teilweise erstklassige Lyrik zu hören gibt. Und ein Teil des Slams denkt sich: Dieser Lyrikbetrieb ist aber schon ziemlich grau... Ich beziehe da Stellung für das Unkonkrete.
Vielen Dank für das Interview!
Wie kommt's?
Ich wurde aus der Liste der berühmten Bob-Trägerinnen bei Wikipedia entfernt.
Was wirst du nun unternehmen?
Ich weiß es nicht genau, aber ich wollte schon immer etwas gegen Wikipedia machen, weil sie mich nicht für würdig halte, dort eine Seite haben zu dürfen. Dabei habe ich acht Buchveröffentlichungen, die ich dort alle angegeben habe. Und mein nächstes Buch erscheint im Herbst bei Ubooks.
Ach ja? Wie heißt es und worum geht es?
Es heißt „Albträumer“ und es geht um Personen, die Träume haben, diese aber nicht leben. Es ist ein fragmentierter Roman. Das heißt, er besteht aus Kurzgeschichten, die für sich alleine stehen können, aber sehr eng miteinander verknüpft sind. Es tauchen immer wieder die gleichen Personen auf. Man sollte es auf jeden Fall von Anfang bis Ende durchlesen, damit es wirkt.
Hast du dich seit deinem letzten Buch „Establishmensch“ weiterentwickelt?
Ich habe mir mehr vorgenommen. Ich wollte in meinem neuen Buch die Züge eines Romans haben, es aber so schreiben, dass jede Geschichte für sich stehen kann. Ich habe mir mehr Gedanken gemacht, mehr Konzept entwickelt und mehr Kontinuität...
Deine Kurzgeschichten sind nichts für schwache Gemüter. Kürzt dein Verlag viel?
Nein, gar nicht. Sonst hätte ich den Verlag auch nicht genommen. Ubooks ist ein ordentlicher Verlag, der aber Literatur so veröffentlicht, wie sie gemeint ist und mir da keine Grenzen setzt.
Wie waren die Reaktionen auf „Establishmensch“? War vernichtende Kritik darunter?
Ja, zum Glück – sonst wäre ich irritiert. So ein Do-It-Yourself-„Wir schneiden uns die Arme auf“-Emo-Magazin hat mein Buch verrissen, aber das ist okay. Ich finde die Leute nicht gut, die dieses Heft machen.
Schreiben dir denn etwa auch besorgte Mütter?
Nein, vielleicht möchten sie mich nicht kontaktieren.
Hast du viele junge Leser?
Ja, einen ganzen Haufen. Ich werde auch öfters mal von Schülervertretungen eingeladen, um an Schulen zu lesen.
Was hältst du vom Deutschunterricht in den Schulen?
Ich hatte einen alten, steinkonservativen Deutschlehrer, der großartig war. Wir haben viele Klassiker gelesen und der Unterricht hat einen guten Schnitt davon gezeigt, wie sich die deutsche Literatur entwickelt hat. Es ist natürlich blöd, unter Zwang zu lesen, aber mir hat der Deutschunterricht immer Spaß gemacht.
Wer ist für dich der größte lebende deutschsprachige Autor?
Ein Däne. Er heißt Arne Nielsen, lebt in Hamburg, hat erst zwei Bücher herausgebracht und seit drei Jahren nichts mehr veröffentlicht. Trotzdem ist er für mich der Beste. Er schreibt Kurzgeschichten im Stil von Raymond Carver. Es kommt keine explizite Gewalt vor, aber es sind dennoch sehr brutale Bücher, die eine bestimmte Stimmung hinterlassen. Man möchte diese Geschichten immer wieder lesen, weil man mit etwas konfrontiert wird, hinter dem man mehr vermutet. Ich habe angefangen zu schreiben, nachdem ich Arne Nielsen gelesen habe. Das war eine Initialzündung.
Und wer beeindruckt dich in der westfälischen Szene?
Es gab gerade eine Anthologie westfälischer Autoren namens „Frische Eier“, in der ein paar nette Beiträge waren. Empfehlenswert ist auch die „Zettelwirtschaft“, herausgegeben von Andreas Weber und mir: Ein kostenloses Magazin, das mindestens vier mal im Jahr erscheint.
Wie findest du Charlotte Roches literarisches Werk?
Ich habe ihren Roman nicht gelesen. Nach der Überflutung von „Feuchtgebieten“ in den Medien wusste ich, worum es ging und dachte mir, dass es mir nichts geben würde.
Es heißt, du hast „Feuchtgebiete“ in einer Kurzgeschichte vorweggenommen...
Eine meiner Storys aus der Zeit vor „Feuchtgebiete“ beinhaltet den Roman komprimiert auf drei DIN A4-Seiten.
Sie hat sich wahrscheinlich nur nicht so oft verkauft...
Ja, aber der Erfolg liegt nicht an der Qualität des Buches, sondern ist ein reiner Marktmechanismus. Charlotte Roche hat eine gute Fanbasis, denn sie hat bei Viva immer nur interessante Sachen gemacht. Dadurch ist sie sympathisch und durch das Thema des Romans kommt noch ein zusätzliches Interesse.
Könntest du dir vorstellen, so in der Öffentlichkeit zu stehen wie sie?
Ja, auf jeden Fall. Ich würde gerne MTV-Moderator sein. Es gibt dort momentan nichts, was man sich angucken kann und dennoch existiert ein großer Markt durch all die Leute, die MTV-überdrüssig sind – anspruchsvolle Musikfernseh-Konsumenten.
Du bist bekanntlich auch selbst als Musiker tätig. Wie geht diese Karriere weiter?
Es wird auf jeden Fall ein Album kommen und wir haben schon unendlich viele Aufnahmen mit meiner Band Doomed Zau gemacht. Die müssen wir jetzt nur noch zurechtfeilen.
Ist die Musik für dich mehr als eine Plattform für Texte?
Musik zu machen bedeutet einfach Spaß zu haben. Man schreibt ja grundsätzlich für sich, aber musizieren kann man auch mit mehreren Leuten. Wir machen Schlager, Grindcore, Country... Um die verschiedenen Möglichkeiten zu erproben.
Spielt ihr absichtlich stümperhaft?
(Lacht) Auf den Aufnahmen zumindest nicht.
Einer eurer größten Hits heißt „Liebeliebeliebeliebeliebe“ und ist dem Genre des sozialkritischen Schlagers zuzuordnen. Wie ist das Stück entstanden?
Das Lied ist mir während eines der zeitaufwendigen und unnützen Plena des AStA eingefallen, als ich noch dort aktiv war. Ich wollte einfach einen Schlagertext schreiben und habe die Obdachlosen thematisiert. So ist es ein sozialkritischer Schlager geworden – Schöne-Welt-Gesang mit Nicht-so-schöne-Welt-Inhalt. Auf einem Milli Vanilli-Beat!
Ist die Musik eine Inspiration für dich zum Schreiben?
Ja, immer! Musik mit deutschen Texten. Wenn der Fluss im Kopf stoppt, dann höre ich einen deutschen Text, greife ein Wort auf und schreibe weiter. Dann bin ich direkt wieder drin.
Welche Künstler helfen gegen die Schreibblockade?
Knarf Rellöm aus Hamburg hilft immer und hat geile Beats. Oder Les Trucs aus Mainz – sehr harter Elektro mit 8-Bit Musik und tollen Texten.
Du trittst zur Zeit regelmäßig bei drei Poetry Slam-Lesebühnen in drei verschiedenen Städten auf. Wirst du diesen Rhythmus beibehalten können?
Im Dortmunder Jazz-Club domicil, in Münster und in Osnabrück. Es macht mir unglaublich viel Spaß und ich werde solange weiter Poetry Slam machen, bis kein Zuschauer mehr kommt. Das ist allerdings im Moment nicht abzusehen.
Wächst die Poetry Slam-Gemeinschaft nach dem jüngsten Hype weiter?
Ja, das Format ist großartig. Es sind immer zahlreiche Leute auf der Bühne, da es auch inzwischen viele gibt, die es richtig gut können. Und es kommen immer ein paar neue, die sich ausprobieren. Man ist stets gut unterhalten – selbst bei den schlechten Texten, wenn man sich nur denkt „Oh Gott, oh Gott...“
Hält die Lyrik jetzt Einzug in die Popkultur?
Jetzt darf ich nichts Falsches sagen, denn sonst bekomme ich Ärger mit dem Literaturverein. Zuletzt hatten wir im Cuba Nova die Diskussion, wie viel Pop die Literatur verträgt. Es ging um die klassische Lyrik und ihr verstaubtes Ansehen in der Öffentlichkeit. Und eigentlich sind sich der Literaturverein und die Poetry Slam-Szene gar nicht so fremd, nur gibt es in beiden Lagern Vorurteile. Der Literaturverein will nicht einsehen, dass es bei Slams teilweise erstklassige Lyrik zu hören gibt. Und ein Teil des Slams denkt sich: Dieser Lyrikbetrieb ist aber schon ziemlich grau... Ich beziehe da Stellung für das Unkonkrete.
Vielen Dank für das Interview!


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