Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 21.01.2010

KAUF MICH

Hast du dich schon einmal für etwas verkauft? Bald können 17 junge Menschen diese Frage mit Ja beantworten: Die Klasse Buetti der Kunstakademie Münster versteigert sich selbst. Am 3. Februar kommen im Leonardo Campus 2 exklusive Briefe, Tätowierungen und Saufgelage unter den Hammer. Dir fehlen die Worte? René hätte da eins anzubieten...

Sarah Bornemann trifft René, Johannes und Friederike.
Moment - was ist denn eine „Klasse Buetti“?
J: Du machst den O-Bereich, wenn du anfängst zu studieren. Das heißt, du machst ein Jahr Orientierung, kannst alles ausprobieren und dann gehst du in eine Klasse. In jeder Klasse gibt es einen Dozenten, der auf einen Bereich mehr oder weniger spezialisiert ist. Es gibt eine Malerei-Klasse, Fotografie-Klasse, Film-Klasse, Skulptur-Klasse und so weiter.
R: Daniele Buetti ist ein Schweizer Künstler, und die Professoren hier sind alle Künstler, die auch auf dem Markt sind. Eigentlich ist die Klasse so organisiert, dass man nicht auf ein Medium festgelegt ist, sondern dass es eigentlich mehr um die Idee geht. Das Material ergibt sich dann quasi.

Aha. Also: Was hat es mit eurem Projekt „artist for sale“ auf sich?
R: Der ausschlaggebende Punkt ist eigentlich der Rundgang. Jedes Jahr stellt die ganze Akademie aus, aber wir wollten halt keine klassische Ausstellung machen, in der wir unsere Werke präsentieren. Und dann sind wir darauf gekommen, eine Auktion zu machen, fanden es aber unspannend, Arbeiten von uns zu versteigern. Jetzt versteigern wir uns selbst für diverse Sachen.

Wie sind die Ideen entstanden?
R: Also, die einzelnen Konzepte hat sich jeder selbst überlegt, und die wurden dann quasi ins Kolloquium geworfen und nach allen Ecken hin ausgetestet, ob’s sinnvoll ist oder gut oder nicht gut. Es sind schon künstlerische Arbeiten, aber nicht in dem Sinne, dass man ein Objekt oder ein Bild hat.

Was bedeutet denn „sinnvoll“ in dem Zusammenhang?
R: Ob die Idee in sich funktioniert, ob es versteigerbar ist. Die Idee wurde darauf getestet, ob sie Lust macht, das haben zu wollen. Danach haben wir sie untersucht und der Auktionskatalog ist das Ergebnis. Am Eröffnungsabend des Rundgangs gibt’s diese Auktion, die einmalig ist. Es wird Publikum da sein, jeder kann mitsteigern. Wir haben auch eine Auktionatorin vom Auktionshaus Christie’s dabei, Christiane Gräfin zu Rantzau, die uns professionell anbietet und unterstützt.

Wie habt ihr die Frau bekommen?
R: Connections.
J: Vitamin B.

Müsst ihr sie bezahlen?
F: Nein. Aber wir bringen sie dafür im Schloss Wilkinghege unter.

Erzählt mal, was ihr versteigert.
J: Ich versteigere meinen Arbeitsplatz hier in der Klasse für ein Semester.

Weil du so faul bist?
J: Nein! Ich arbeite halt mehr von zuhause aus und deshalb kann man das ganz gut machen. Man kann dann hier alle Vorzüge nutzen, die ganzen Werkstätten, man kann am Kolloquium teilnehmen, über seine Arbeiten reden.

Wo ist dein Arbeitsplatz?
J: Den richte ich dann hier ein.
R: Wir machen ja eh jetzt erst mal Tabula rasa für die Auktion, wir bauen ein Auktionshaus hier rein. Wie es jetzt aussieht, das ist Baustelle. Das wird leer. Es gibt ‘ne Bestuhlung und eine kleine Bühne und Videoportraits von uns an den Wänden. Der Raum bleibt hinterher noch so für den Rundgang, drei, vier Tage, und man kann die Videodokumentation von dem Abend hier sehen.

Was ist deine Auktion, René?
R: Ich versteigere das Wort Kunst aus meinem Wortschatz. Ich hab mir dabei gedacht, dass der Wert eigentlich darin liegt, über Kunst zu reden, und das ist genauso wertvoll, wie Kunstwerke selbst zu schaffen. Dann hab ich mir überlegt, wirklich einen Teil von mir da zu versteigern. Man kann meinen Kunstbegriff ersteigern und ich darf dann das Wort – für 16 Jahre ist der Vertrag – nicht mehr benutzen. Die Person besitzt dann quasi dieses Wort und kriegt das zertifiziert.

Dann habt ihr beide ja schon sehr unterschiedliche Auktionen.
J: Ja, und da gibt’s noch in alle möglichen Richtungen ganz andere Sachen. Zum Beispiel versteigert Daniela eine Tätowierung. Also derjenige, der sie ersteigert, dessen Namen lässt sich Daniela auf den Unterarm auf 85cm² tätowieren.

Ist sie schon komplett tätowiert?
R: Es ist dann ihr erstes Tattoo. Ich glaub, es spielt mit einer Art Besitztum. Ein Tattoo ist ja eigentlich immer was persönliches, was man sich ausdenkt und dann muss alles stimmen. Dann kommt aber so’n Tattoo da drauf, was eigentlich unvorhersehbar ist! Und es ist natürlich auch reizvoll, seinen Namen da auf den Arm tätowiert zu sehen.

Und Friederike, was kann man von dir kaufen?
F: Es ist angelehnt an meine eigene künstlerische Arbeit. Der Titel lautet „Let your past become a piece of art“, also „Lass deine Vergangenheit zu einem Stück Kunst werden“. Die Person ermöglicht mir dann Zugang zu ihren persönlichen Geschichten, zu Bildern, Videos, Briefen. Also, es ist abhängig davon, wie offen die Person ist. Und ich mach daraus eine Ausstellung und die Person bekommt auch ein Kunstwerk geschenkt.

Viel Arbeit, oder? Eine ganze Ausstellung?
F: Ja, das mach ich ja sowieso in meiner eigenen Arbeit. Ich ersteigere zum Beispiel auch Dias bei eBay. Ich hab zum Beispiel eine ganze Serie gefunden von einer Person, die hat einfach aus dem Küchenfenster raus fotografiert: den Himmel, aber auch Nachbarn und Katzen, und das schönste Bild ist eins, wo eine Person so breitbeinig auf einem Sonnenstuhl sitzt und man sieht nur links und rechts das Bein und ein ganz bisschen Kopf (lacht).

Und dann habe ich noch was von Aktien und Saufgelagen gehört?
R: Jan Partke versteigert 1% seines künstlerischen Einkommens auf Lebenszeit, also es ist quasi wie eine Aktie angelegt. Der Ersteigerer bekommt dann diese Jan Partke-Aktie und bekommt 1% von dem Gewinn, den er durch seine künstlerische Arbeit annimmt.
J: Und Carola kann man ersteigern, um sich mit ihr einen Abend in einer Bar zu betrinken und sich dabei kennenzulernen. Der Gedanke ist, dass Kinder und Betrunkene immer die Wahrheit sagen, deswegen das Betrinken. Die Rechnung wird dann hinterher brüderlich geteilt, wenn man sich soweit kennengelernt hat.

Was hat das mit Kunst zu tun, sich zu besaufen?
R: Ist natürlich eine Frage, wie man die Kunst auffasst. Bei vielen von uns ist das eine Erweiterung aufs Leben oder geht eigentlich Hand in Hand, bis ins Private rein. Viele Auktionen werden sich radikal auf unser Leben auswirken. Zum Beispiel gibt’s auch noch eine Auktion, wo eine Handynummer versteigert wird, die Nummer bekommt dann nur der Ersteigerer. Er ist in der Lage, Jana rund um die Uhr für zehn Jahre immer anrufen zu können und sich mit ihr zu unterhalten.
F: Wir versteigern ja auch nicht in erster Linie Kunst, sondern uns als Künstler, so dass man Einblicke bekommt in das Leben eines Künstlers – und sei es nur einen Abend lang. Oder eben durch Tagebücher: Katja liest zum Beispiel aus ihren Tagebüchern vor. Man ersteigert nicht nur einfach ein fertiges Werk, sondern einen Teil des Künstlers. Das war die Idee.

Bietet auch jemand sein Wissen an?
R: Ja, Il Jong versteigert sich als Kunstlehrer für ein Jahr, so dass man sich einmal im Monat trifft, um das kreative Potenzial durch Handwerklichkeit zu entwickeln und zu festigen.
F: Oder Rosanna, die ist ein Art Guide und begleitet dich zu Kunstausstellungen. Die bringt dir dann ein paar didaktische Kniffe zum Kunstbetrachten bei.

Was glaubt ihr, was bei der Auktion am besten ankommen wird?
R: Die Auktionatorin (lacht).
F: Schwierig. Wenn man so mit Eltern spricht, sagen die „Huh, ein Tattoo, wie furchtbar!“, und wenn man halt mit Künstlerkollegen spricht, sagen die „Ja krass, das kommt bestimmt am besten an“. Es kommt auf das Publikum an.

Wen erwartet ihr?
F: Sammler, Galeristen, reiche Menschen... (lacht)

Das ist Wunschdenken, oder?
F: Ja. Tatsächlich kommen Mami und Papi, Freunde, Verwandte. Und wir haben eben auch Kataloge und Einladungen an die potenziellen Käufer verschickt. Es kommen beim Rundgang immer auch Leute, die Geld haben, und da hoffen wir, dass die an dem Abend um 21 Uhr hier vorbeischauen.

Was macht ihr mit dem Geld?
R: Erst mal müssen wir zusehen, dass wir auf Null kommen, weil das Projekt ja auch schon Geld schluckt. Wir wissen überhaupt nicht, wie viel dabei rumkommen wird. Das werden wir dann sehen.

Bei welchem Gebot fangen die Auktionen an?
F: Zweistellig fängt’s an, aber die genauen Beträge gibt’s noch nicht.

Was wird am meisten wert sein?
J: Ich glaub, die Aktiengeschichte. Da ist das Potenzial da, dass sie viel wert sein kann, und deshalb wird sie wahrscheinlich auch hoch anfangen.

Wollt ihr eigentlich auch etwas ersteigern?
R: Hach, ich hätte ja schon gerne das Tattoo. Oder Richard, der versteigert sich als Brieffreund, also er wird 120 Briefe schreiben, über seine Gedanken, und das interessiert mich total.
J: Die Aktie. Aber mitsteigern dürfen wir natürlich nicht.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!




Infobox
René Haustein (21), Johannes Lesske (29) und Friederike Nemitz (27) studieren Freie Kunst bei Prof. Daniele Buetti. Am Eröffnungsabend des Rundgangs 2010 an der Kunstakademie Münster wird ihre Klasse eine spektakuläre Auktion veranstalten... KünstlerInnen zu verkaufen! 3. Februar, 21 Uhr, Leonardo Campus 2. Mehr Infos unter www.artistforsale.de.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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