Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 31.12.2009
ALS DER PAPST NOCH DOZENT IN MÜNSTER WAR

Als Josef Ratzinger noch Dozent in Münster war, hat sie ihn erlebt: Als junge Novizin besuchte sie seine Vorlesungen und war begeistert. Heute ist er Papst in Rom. Sie ist Nonne im Orden der Clemensschwestern in Münster und übernimmt zum Jahresbeginn 2010 die Stelle einer Krankenhauspastoralreferentin im Krankenhaus Maria Frieden in Telgte. Im Interview erzählt sie vom Aufbruch in den 60er Jahren, die heutige Stagnation und Hoffnungen für die Zukunft der Kirche.
Kerstin Leppich im Gespräch mit Schwester Huberta
Sind Sie gerne Nonne?
Früher, die ersten zehn Jahre, war ich sicherlich gern Nonne. Ich bin ganz bewusst und gern in den Orden eingetreten. In den 70er Jahren kam die Zeit des Aufbruchs. Da hat man sich gefragt, warum und wozu. Aber ich habe mich immer wieder besonnen. Ich habe mich einmal entschieden und werde für immer dabei bleiben. Meine bäuerliche Herkunft kommt da wohl durch [lacht]. Ich habe mich auch nie ganz unwohl gefühlt, da ich in meiner Arbeitswelt als Krankenschwester und Pastoralreferentin immer sehr frei war.
Wie kam es zu dem Entschluss, in einen Orden einzutreten?
1957 starb mein Vater ganz plötzlich. Ein Jahr später verunglückte mein Bruder Hubert tödlich. Plötzlich gab es diesen Einbruch in meinem Leben und ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht. Was willst du im Leben, wenn es so kurz ist? Gutes tun und für andere Menschen da sein, dachte ich. Schließlich trat ich schon mit 20 Jahren bei den Clemensschwestern in Münster ein, habe normal das Noviziat durchlaufen und Krankenpflege gelernt.
Wie wichtig ist Ihnen denn der Glaube?
Glaube bedeutet mir sehr viel. Gut, ich bin in einer bäuerlichen Familie aufgewachsen und bei uns zu Hause wurde nicht über den Glauben gesprochen. Aber der Glaube und das Kirchenjahr wurden gelebt. Ich weiß heute, dass Kirche eigentlich nur eine Krücke auf dem Lebensweg ist, doch ohne meinen Glauben könnte ich nicht leben.
Haben sie sich gefreut, als Josef Ratzinger als deutscher Kardinal 2005 zum Papst gewählt wurde?
Nein. Im ersten Moment war ich sogar ein bisschen traurig, weil ich ihn als Konservativen kannte. Dann habe ich gedacht, warum tut man dem alten Mann das an? Denn ich möchte ja in meinem Alter schon nicht mehr ein Amt bekleiden und er ist noch älter. Aber vielleicht lässt er von der Frische aus seiner Jugend noch mal etwas durchblicken.
Sie haben Josef Ratzinger ja live erlebt. In den 60er Jahren, als er Dozent in Münster war, haben sie seine Vorlesungen besucht.
Das war so ein Aufbruch! Ratzinger war damals sehr fortschrittlich, zum Beispiel in Bezug auf die Liturgie. Die Gottesdienste sollten in der Muttersprache gestaltet und den Menschen verständlicher werden. Ich war immer sehr begeistert von seinen Vorlesungen.
Wie haben Sie ihn denn erlebt, den Dozenten Ratzinger?
Er war lebendiger, aber sonst genau wie heute. Er stand ganz gerade und man konnte kaum feststellen, ob er sich über die Begeisterung der Studenten freute. Er war ein richtiger Dozent. Wenn alle geklatscht haben, fing er sofort wieder an weiterzureden. Auch sonst war sein Verhältnis zu den Studenten eher distanziert. Er ging immer mit geraden, schnellen Schritten durch die Reihen zum Pult und nach der Vorlesung war er genauso schnell auch wieder weg.
Wie haben die Studenten auf Josef Ratzinger reagiert?
Die Säle waren rappelvoll! Und die Studenten waren begeistert! Weil in den 60ern so große Theologen in Münster waren, gab es plötzlich viele Studenten, die Theologie noch als Zusatzfach studierten. Da war auch an der Uni ein Aufbruch.
Münster gilt ja generell als konservativ.
Ja, man kann nicht von Fortschritt im heutigen Verständnis sprechen. Aber es war ein richtiger Aufbruch. Vorher wurde gesagt, es darf an nichts darf gerüttelt werden und plötzlich gab es ganz neue Ideen.
Waren Sie damals ein Fan von Ratzinger?
Ein Fan war ich nicht, aber ich habe ihn gemocht, weil die Themen mich angesprochen haben. Plötzlich war etwas Neues in der Kirche. Wieso er aber später so konservativ geworden ist, bleibt mir ein Rätsel ...
Wie stehen sie zu den konservativen Ansichten von Papst Benedikt XVI.?
Ich bin traurig. Über die Rolle der Frau in der Kirche; darüber, dass alles nur noch stagniert, und dass wir keinen Zugang zu Ämtern haben. Wir sind vor Gott doch gleich, warum sind wir in den Ämtern ungleich? Das ist Diskriminierung. Es wundert mich, dass die katholische Kirche sich für Gleichberechtigung in der Welt einsetzt, aber in den eigenen Reihen nicht dazu steht. Da ist die Kirche wirklich schizophren. Aber ich bin auch traurig über die Frauen, die sich nicht wehren, vielleicht einfach mal aus der Kirche fernbleiben. Aber stattdessen machen sie alles: In jedem Pfarrheim sind es die Frauen, die alles vorbereiten. Sie streiten nicht, sie sagen nichts.
Sie haben die Ungleichbehandlung in der katholischen Kirche selbst erfahren?
Ja, ich wäre auch gerne als Diakonin zugelassen worden. Es war schon 1974 von den deutschen Bischöfen auf der Würzburger Synode beschlossen worden, dass Frauen zu Diakoninnen geweiht werden sollten. Aber diese Pläne wurden dann gestoppt. Josef Ratzinger war einer von denen, die das unterdrückt haben.
Glauben Sie, dass sich die Rolle der Frau in nächster Zeit wandeln wird?
Ich weiß nicht, ob es sich in nächster Zeit ändern wird, aber irgendwann werden Frauen aufstehen und sagen: „So nicht!“ Jesus hat schließlich auch keinen einzigen Priester eingesetzt.
Denken Sie, dass es in Zukunft vielleicht einen Papst geben wird, der eine kleine Revolution von oben herbeiführt?
Das muss vom Volk kommen. Die da oben denken viel zu theologisch, viel zu dogmatisch und viel zu theoretisch. Ich glaube, dass sie sich in die einzelnen Teile gar nicht reindenken können.
Ihre Meinungen sind nicht gerade linientreu.
Eigentlich bin ich immer freier geworden, je älter ich geworden bin. Als ich jung war, war ich vielleicht nicht wirklich konservativ, aber doch in das damalige Weltbild reingewachsen. Und je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto offener bin ich geworden.
Ratzinger ist im Laufe seines Lebens immer konservativer geworden. Sie werden immer offener. Woran liegt das?
Wahrscheinlich, weil ich mit den Menschen gelebt habe.
Früher, die ersten zehn Jahre, war ich sicherlich gern Nonne. Ich bin ganz bewusst und gern in den Orden eingetreten. In den 70er Jahren kam die Zeit des Aufbruchs. Da hat man sich gefragt, warum und wozu. Aber ich habe mich immer wieder besonnen. Ich habe mich einmal entschieden und werde für immer dabei bleiben. Meine bäuerliche Herkunft kommt da wohl durch [lacht]. Ich habe mich auch nie ganz unwohl gefühlt, da ich in meiner Arbeitswelt als Krankenschwester und Pastoralreferentin immer sehr frei war.
Wie kam es zu dem Entschluss, in einen Orden einzutreten?
1957 starb mein Vater ganz plötzlich. Ein Jahr später verunglückte mein Bruder Hubert tödlich. Plötzlich gab es diesen Einbruch in meinem Leben und ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht. Was willst du im Leben, wenn es so kurz ist? Gutes tun und für andere Menschen da sein, dachte ich. Schließlich trat ich schon mit 20 Jahren bei den Clemensschwestern in Münster ein, habe normal das Noviziat durchlaufen und Krankenpflege gelernt.
Wie wichtig ist Ihnen denn der Glaube?
Glaube bedeutet mir sehr viel. Gut, ich bin in einer bäuerlichen Familie aufgewachsen und bei uns zu Hause wurde nicht über den Glauben gesprochen. Aber der Glaube und das Kirchenjahr wurden gelebt. Ich weiß heute, dass Kirche eigentlich nur eine Krücke auf dem Lebensweg ist, doch ohne meinen Glauben könnte ich nicht leben.
Haben sie sich gefreut, als Josef Ratzinger als deutscher Kardinal 2005 zum Papst gewählt wurde?
Nein. Im ersten Moment war ich sogar ein bisschen traurig, weil ich ihn als Konservativen kannte. Dann habe ich gedacht, warum tut man dem alten Mann das an? Denn ich möchte ja in meinem Alter schon nicht mehr ein Amt bekleiden und er ist noch älter. Aber vielleicht lässt er von der Frische aus seiner Jugend noch mal etwas durchblicken.
Sie haben Josef Ratzinger ja live erlebt. In den 60er Jahren, als er Dozent in Münster war, haben sie seine Vorlesungen besucht.
Das war so ein Aufbruch! Ratzinger war damals sehr fortschrittlich, zum Beispiel in Bezug auf die Liturgie. Die Gottesdienste sollten in der Muttersprache gestaltet und den Menschen verständlicher werden. Ich war immer sehr begeistert von seinen Vorlesungen.
Wie haben Sie ihn denn erlebt, den Dozenten Ratzinger?
Er war lebendiger, aber sonst genau wie heute. Er stand ganz gerade und man konnte kaum feststellen, ob er sich über die Begeisterung der Studenten freute. Er war ein richtiger Dozent. Wenn alle geklatscht haben, fing er sofort wieder an weiterzureden. Auch sonst war sein Verhältnis zu den Studenten eher distanziert. Er ging immer mit geraden, schnellen Schritten durch die Reihen zum Pult und nach der Vorlesung war er genauso schnell auch wieder weg.
Wie haben die Studenten auf Josef Ratzinger reagiert?
Die Säle waren rappelvoll! Und die Studenten waren begeistert! Weil in den 60ern so große Theologen in Münster waren, gab es plötzlich viele Studenten, die Theologie noch als Zusatzfach studierten. Da war auch an der Uni ein Aufbruch.
Münster gilt ja generell als konservativ.
Ja, man kann nicht von Fortschritt im heutigen Verständnis sprechen. Aber es war ein richtiger Aufbruch. Vorher wurde gesagt, es darf an nichts darf gerüttelt werden und plötzlich gab es ganz neue Ideen.
Waren Sie damals ein Fan von Ratzinger?
Ein Fan war ich nicht, aber ich habe ihn gemocht, weil die Themen mich angesprochen haben. Plötzlich war etwas Neues in der Kirche. Wieso er aber später so konservativ geworden ist, bleibt mir ein Rätsel ...
Wie stehen sie zu den konservativen Ansichten von Papst Benedikt XVI.?
Ich bin traurig. Über die Rolle der Frau in der Kirche; darüber, dass alles nur noch stagniert, und dass wir keinen Zugang zu Ämtern haben. Wir sind vor Gott doch gleich, warum sind wir in den Ämtern ungleich? Das ist Diskriminierung. Es wundert mich, dass die katholische Kirche sich für Gleichberechtigung in der Welt einsetzt, aber in den eigenen Reihen nicht dazu steht. Da ist die Kirche wirklich schizophren. Aber ich bin auch traurig über die Frauen, die sich nicht wehren, vielleicht einfach mal aus der Kirche fernbleiben. Aber stattdessen machen sie alles: In jedem Pfarrheim sind es die Frauen, die alles vorbereiten. Sie streiten nicht, sie sagen nichts.
Sie haben die Ungleichbehandlung in der katholischen Kirche selbst erfahren?
Ja, ich wäre auch gerne als Diakonin zugelassen worden. Es war schon 1974 von den deutschen Bischöfen auf der Würzburger Synode beschlossen worden, dass Frauen zu Diakoninnen geweiht werden sollten. Aber diese Pläne wurden dann gestoppt. Josef Ratzinger war einer von denen, die das unterdrückt haben.
Glauben Sie, dass sich die Rolle der Frau in nächster Zeit wandeln wird?
Ich weiß nicht, ob es sich in nächster Zeit ändern wird, aber irgendwann werden Frauen aufstehen und sagen: „So nicht!“ Jesus hat schließlich auch keinen einzigen Priester eingesetzt.
Denken Sie, dass es in Zukunft vielleicht einen Papst geben wird, der eine kleine Revolution von oben herbeiführt?
Das muss vom Volk kommen. Die da oben denken viel zu theologisch, viel zu dogmatisch und viel zu theoretisch. Ich glaube, dass sie sich in die einzelnen Teile gar nicht reindenken können.
Ihre Meinungen sind nicht gerade linientreu.
Eigentlich bin ich immer freier geworden, je älter ich geworden bin. Als ich jung war, war ich vielleicht nicht wirklich konservativ, aber doch in das damalige Weltbild reingewachsen. Und je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto offener bin ich geworden.
Ratzinger ist im Laufe seines Lebens immer konservativer geworden. Sie werden immer offener. Woran liegt das?
Wahrscheinlich, weil ich mit den Menschen gelebt habe.


Kommentare
Bisher wurden keine Kommentare abgegeben.