Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 24.12.2009
MEINT ES GUT MITEINANDER!

Ungefähr in drei Jahren könne er sich sehr gut vorstellen, Heiligabend mal wieder daheim zu verbringen. Dann wären es über 25 Jahre, in denen Erwin Stroot die „Offene Weihnacht“ in Münster organisiert und mit bis zu 200 Menschen pro Jahr gefeiert hat – mit Menschen, die an Weihnachten niemanden sonst haben, der sie zum Fest der Liebe erwartet. Durch Berge von matschigem Schnee kämpfe ich mich in der Morgendämmerung raus zu Erwin, der mir erklärt, worauf es am Heiligen Abend ankommt.
Malte Limbrock trifft Erwin Stroot.
Schade, dass der Schnee schon wieder wegtaut, oder? Sonst wäre die Stimmung an Heiligabend noch weihnachtlicher gewesen.
Ja, viele wünschen sich eine weiße Weihnacht. Ich finde es aber gar nicht so schlimm, dass es etwas taut, denn viele bleiben auch einfach zu Hause, wenn es zu sehr schneit.
Ist Weihnachten für dich ein stressiges Ereignis?
Nicht grundsätzlich. Aber weil wir Weihnachten immer 200 Gäste haben, gibt’s viel zu bedenken. Jetzt machen meine Frau und ich die Offene Weihnacht aber schon seit 23 Jahren. Da ist auch viel Routine dabei. Dennoch passiert immer irgendwas Überraschendes.
Was ist in diesem Jahr überraschend?
In diesem Jahr haben wir eine große Spende von einer Firma aus Roxel bekommen. In Zusammenarbeit mit dem Schuhhaus Zumnorde besorgen wir mit dem Geld für zehn bis fünfzehn Leute neue Schuhe.
Die landen dann unter dem Weihnachtsbaum?
Nein, die werden vorher vergeben. Meine Frau geht mit den Leuten los, um für jeden einzeln die passenden Schuhe zu finden. Außerdem verteilen wir 25 Kartons mit Altkleidern. Heiligabend habe ich einen vollen Terminkalender. Von morgens halb acht bis nachts um zwei.
An welchen Orten wird die Offene Weihnacht veranstaltet?
In den Räumen des Pfarrheims von St. Martini und St. Lamberti und im Hansahof. Als vierter Ort kommt in diesem Jahr erstmalig das Pfarrzentrum von St. Clemens in Hiltrup dazu. Dort bietet der ASB sogar einen Fahrdienst an. Ich würde mir wünschen, dass in diesem Jahr möglichst viele Leute zu Lamberti gehen, da war zuletzt nicht so viel los.
Das Essen wird von der Bundeswehr organisiert. Was zaubern die in diesem Jahr auf den Tisch?
Was Leckeres. Rheinischen Sauerbraten mit Rotkohl und Knödeln. Als Nachtisch gibt’s Eiscreme von der Münster-Tafel.
Wie werden die Leute auf die Veranstaltung aufmerksam?
Durch „Mund-zu-Mund“, durch die lange Tradition und 70 Prozent der Informationen kommen aus der Zeitung.
Wie ist der Ablauf?
Um sieben Uhr kommt der Weihbischof, liest das Evangelium vor und erklärt es auch. Das macht er schon seit 30 Jahren und hat die richtige Art, mit den Leuten zu reden. Er lässt sich unendlich viel Zeit, geht von Tisch zu Tisch und begrüßt alle Ehrenamtlichen. Vorher ist der Bläserchor Altenberge schon da. Das ist auch ’ne verrückte Sache. Die kommen jedes Jahr. Junge Leute, so alt wie du, kommen und spielen Weihnachtslieder für und mit uns.
Gibt es auch eine Bescherung?
Nach dem Essen gehen viele in die erste Etage, wo meine Frau die Kleiderkammer hat und werden dort komplett eingekleidet. Danach musst du mal versuchen, den einen oder anderen wiederzuerkennen: Die Leute werden einen ganzen Kopf größer, weil sie einen schicken Pullover anhaben oder weil sie eine flotte Lederjacke tragen, die sie sich nie hätten kaufen können. So einem jungen Kerl, der dann plötzlich richtig gut aussieht, sieht man das an: Das Selbstbewusstsein ist gestiegen. Sie müssen die Sachen aber schon erst anprobieren. Meine Frau ist da relativ streng. Wenn’s nicht passt, sagt die: „Ausziehen! Das sieht nicht aus …“ Und das wollen die auch wohl hören.
Wird jedes Jahr Kleidung verschenkt?
In diesem Jahr habe ich schwerpunktmäßig Bettwäsche gesammelt. Ich geh dann zur Kirche, stelle mich vor dem Segen vorne an den Altar und sage den Leuten, was ich brauche. Ich habe Unmengen Bettwäsche in diesem Jahr und jeder kann sich davon etwas mitnehmen. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren habe ich zu Heiligabend noch zehn Schlafsäcke gekauft. Für Leute, die „Platte machen“. Die mussten auch bei minus zehn Grad noch wärmen, sonst hätte ich bei den aktuellen Nachttemperaturen schon fünf Morde auf dem Gewissen. Aber diese Leute habe ich mittlerweile gar nicht mehr. Die haben heute alle eine Wohnung und brauchen daher Bettwäsche. Dafür bleibt von Hartz IV nie Geld über.
Wer nimmt das Angebot der Offenen Weihnacht in Regel wahr? Ist das eine homogene Gruppe?
Das sind alleinstehende, ältere Damen, so um siebzig, achtzig, und junge Kerle, so wie du. 30-Jährige, die nicht wissen, wo sie hingehen sollen, habe ich auch dabei.
Was bringen die Leute dann für Schicksale mit? Kommt man privat ins Gespräch?
Ab und zu komme ich mit jemandem ins Gespräch. Manchmal ist es ganz krass. Voriges Jahr begrüßte mich jemand mit den Worten: „Heute morgen ist meine Frau gestorben“.
Wie gehst du damit um?
Ich hab nur gefragt: „War’s schlimm? War sie schon krank? Na, dann ist ja gut, dass du hier bist. Wir setzen uns später mal zusammen.“
Ist es eher die Ausnahme, dass es sehr persönlich wird?
So ein Beispiel ist eher die Ausnahme, aber persönlich wird es häufig. Die Leute denken dann, ich wäre der Pastor … [Erwin lacht] … denn der Weihbischof kommt ja auch. Ich begrüße aber alle und sage ihnen was zum Sinn von Heiligabend.
Der da wäre …?
Ich sage ihnen, dass sie es gut miteinander meinen sollen und dass sie das praktisch üben sollen. Ich sag dann: „Wenn du dir ein Bier holst, dann frag doch mal deinen Kumpel, ob er auch ’ne Flasche will. Kostet doch nix heute Abend. Gib ihm eine Fluppe ab oder dreh ihm einfach eine mit. Und wenn ihr das heute praktiziert, dann habt ihr Heiligabend. Und wenn ihr das morgen noch macht, dann habt ihr’s auch morgen noch …“
Wie ist die Stimmung an so einem Abend?
Eigentlich sind die Menschen guter Dinge. Das ist auch wichtig für mich, dass die Leute weggehen und sagen: „Das war schön heute Abend. Ich komme nächstes Jahr wieder.“
Wie lange ist die „Stammkundschaft“ schon dabei?
Einige kommen sicher schon zehn, fünfzehn Jahre. Die haben auch ihren Stammplatz. Um sechs Uhr stehen schon die ersten vor der Tür. Die gehen sofort gezielt zu einem Platz. Nach dem Motto: „Das ist mein Tisch, da hab ich letztes Jahr gesessen, da sitzen auch meine Kumpels und hier ist jetzt alles besetzt – Punkt!“
Ist es manchen Gästen unangenehm, an der Veranstaltung teilzunehmen?
Es gibt welche, die bitten zum Beispiel darum, nicht fotografiert zu werden, weil sie nicht in die Zeitung wollen. Ich erinnere mich an jemanden, der sich genierte, in seiner Heimatstadt irgendwo hinzugehen, deshalb ist er nach Münster gekommen.
Drücken die Gäste ihre Dankbarkeit aus?
Ohne Ende. Meine Frau hat mal irgendwann gesagt: „Ich hab das ganze Jahr noch nicht so viele Küsse bekommen wie heute Abend.“ Ganz viele nehmen mich in den Arm, bedanken sich und sind zu Tränen gerührt. Das ist eine ganz ehrliche Dankbarkeit. Man kriegt ganz viel zurück.
Kannst du dir vorstellen, Heiligabend eines Tages wieder zu Hause zu verbringen?
Ja, klar. Sogar gut.
Wie lange dauert es noch bis dahin?
Keine Ahnung. Weiß ich auch nicht. Manchmal denke ich, wenn ich siebzig werde, also in drei Jahren, dann sollte ich langsam gucken, dass das jemand anderes macht. Andererseits ist man in der Sache irgendwie verwurzelt. Mir macht das Spaß und irgendwo ist es auch eine sinnvolle Sache. Und viele Kunden kenne ich ja auch schon so lange.
Was muss dein Nachfolger können?
Organisieren. Und eine kleine Ansprache halten, das muss er auch können. Wenn es mal Ärger gibt, muss er deutlich sagen: So nicht! Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man die Leute direkt und persönlich anspricht und man muss von dem überzeugt sein, was man tut. Es hat keinen Sinn, etwas anderes zu sagen als das, was man meint. Das merken sonst alle, das ist hohl.
Welch ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch und ein frohes Fest.
Ja, viele wünschen sich eine weiße Weihnacht. Ich finde es aber gar nicht so schlimm, dass es etwas taut, denn viele bleiben auch einfach zu Hause, wenn es zu sehr schneit.
Ist Weihnachten für dich ein stressiges Ereignis?
Nicht grundsätzlich. Aber weil wir Weihnachten immer 200 Gäste haben, gibt’s viel zu bedenken. Jetzt machen meine Frau und ich die Offene Weihnacht aber schon seit 23 Jahren. Da ist auch viel Routine dabei. Dennoch passiert immer irgendwas Überraschendes.
Was ist in diesem Jahr überraschend?
In diesem Jahr haben wir eine große Spende von einer Firma aus Roxel bekommen. In Zusammenarbeit mit dem Schuhhaus Zumnorde besorgen wir mit dem Geld für zehn bis fünfzehn Leute neue Schuhe.
Die landen dann unter dem Weihnachtsbaum?
Nein, die werden vorher vergeben. Meine Frau geht mit den Leuten los, um für jeden einzeln die passenden Schuhe zu finden. Außerdem verteilen wir 25 Kartons mit Altkleidern. Heiligabend habe ich einen vollen Terminkalender. Von morgens halb acht bis nachts um zwei.
An welchen Orten wird die Offene Weihnacht veranstaltet?
In den Räumen des Pfarrheims von St. Martini und St. Lamberti und im Hansahof. Als vierter Ort kommt in diesem Jahr erstmalig das Pfarrzentrum von St. Clemens in Hiltrup dazu. Dort bietet der ASB sogar einen Fahrdienst an. Ich würde mir wünschen, dass in diesem Jahr möglichst viele Leute zu Lamberti gehen, da war zuletzt nicht so viel los.
Das Essen wird von der Bundeswehr organisiert. Was zaubern die in diesem Jahr auf den Tisch?
Was Leckeres. Rheinischen Sauerbraten mit Rotkohl und Knödeln. Als Nachtisch gibt’s Eiscreme von der Münster-Tafel.
Wie werden die Leute auf die Veranstaltung aufmerksam?
Durch „Mund-zu-Mund“, durch die lange Tradition und 70 Prozent der Informationen kommen aus der Zeitung.
Wie ist der Ablauf?
Um sieben Uhr kommt der Weihbischof, liest das Evangelium vor und erklärt es auch. Das macht er schon seit 30 Jahren und hat die richtige Art, mit den Leuten zu reden. Er lässt sich unendlich viel Zeit, geht von Tisch zu Tisch und begrüßt alle Ehrenamtlichen. Vorher ist der Bläserchor Altenberge schon da. Das ist auch ’ne verrückte Sache. Die kommen jedes Jahr. Junge Leute, so alt wie du, kommen und spielen Weihnachtslieder für und mit uns.
Gibt es auch eine Bescherung?
Nach dem Essen gehen viele in die erste Etage, wo meine Frau die Kleiderkammer hat und werden dort komplett eingekleidet. Danach musst du mal versuchen, den einen oder anderen wiederzuerkennen: Die Leute werden einen ganzen Kopf größer, weil sie einen schicken Pullover anhaben oder weil sie eine flotte Lederjacke tragen, die sie sich nie hätten kaufen können. So einem jungen Kerl, der dann plötzlich richtig gut aussieht, sieht man das an: Das Selbstbewusstsein ist gestiegen. Sie müssen die Sachen aber schon erst anprobieren. Meine Frau ist da relativ streng. Wenn’s nicht passt, sagt die: „Ausziehen! Das sieht nicht aus …“ Und das wollen die auch wohl hören.
Wird jedes Jahr Kleidung verschenkt?
In diesem Jahr habe ich schwerpunktmäßig Bettwäsche gesammelt. Ich geh dann zur Kirche, stelle mich vor dem Segen vorne an den Altar und sage den Leuten, was ich brauche. Ich habe Unmengen Bettwäsche in diesem Jahr und jeder kann sich davon etwas mitnehmen. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren habe ich zu Heiligabend noch zehn Schlafsäcke gekauft. Für Leute, die „Platte machen“. Die mussten auch bei minus zehn Grad noch wärmen, sonst hätte ich bei den aktuellen Nachttemperaturen schon fünf Morde auf dem Gewissen. Aber diese Leute habe ich mittlerweile gar nicht mehr. Die haben heute alle eine Wohnung und brauchen daher Bettwäsche. Dafür bleibt von Hartz IV nie Geld über.
Wer nimmt das Angebot der Offenen Weihnacht in Regel wahr? Ist das eine homogene Gruppe?
Das sind alleinstehende, ältere Damen, so um siebzig, achtzig, und junge Kerle, so wie du. 30-Jährige, die nicht wissen, wo sie hingehen sollen, habe ich auch dabei.
Was bringen die Leute dann für Schicksale mit? Kommt man privat ins Gespräch?
Ab und zu komme ich mit jemandem ins Gespräch. Manchmal ist es ganz krass. Voriges Jahr begrüßte mich jemand mit den Worten: „Heute morgen ist meine Frau gestorben“.
Wie gehst du damit um?
Ich hab nur gefragt: „War’s schlimm? War sie schon krank? Na, dann ist ja gut, dass du hier bist. Wir setzen uns später mal zusammen.“
Ist es eher die Ausnahme, dass es sehr persönlich wird?
So ein Beispiel ist eher die Ausnahme, aber persönlich wird es häufig. Die Leute denken dann, ich wäre der Pastor … [Erwin lacht] … denn der Weihbischof kommt ja auch. Ich begrüße aber alle und sage ihnen was zum Sinn von Heiligabend.
Der da wäre …?
Ich sage ihnen, dass sie es gut miteinander meinen sollen und dass sie das praktisch üben sollen. Ich sag dann: „Wenn du dir ein Bier holst, dann frag doch mal deinen Kumpel, ob er auch ’ne Flasche will. Kostet doch nix heute Abend. Gib ihm eine Fluppe ab oder dreh ihm einfach eine mit. Und wenn ihr das heute praktiziert, dann habt ihr Heiligabend. Und wenn ihr das morgen noch macht, dann habt ihr’s auch morgen noch …“
Wie ist die Stimmung an so einem Abend?
Eigentlich sind die Menschen guter Dinge. Das ist auch wichtig für mich, dass die Leute weggehen und sagen: „Das war schön heute Abend. Ich komme nächstes Jahr wieder.“
Wie lange ist die „Stammkundschaft“ schon dabei?
Einige kommen sicher schon zehn, fünfzehn Jahre. Die haben auch ihren Stammplatz. Um sechs Uhr stehen schon die ersten vor der Tür. Die gehen sofort gezielt zu einem Platz. Nach dem Motto: „Das ist mein Tisch, da hab ich letztes Jahr gesessen, da sitzen auch meine Kumpels und hier ist jetzt alles besetzt – Punkt!“
Ist es manchen Gästen unangenehm, an der Veranstaltung teilzunehmen?
Es gibt welche, die bitten zum Beispiel darum, nicht fotografiert zu werden, weil sie nicht in die Zeitung wollen. Ich erinnere mich an jemanden, der sich genierte, in seiner Heimatstadt irgendwo hinzugehen, deshalb ist er nach Münster gekommen.
Drücken die Gäste ihre Dankbarkeit aus?
Ohne Ende. Meine Frau hat mal irgendwann gesagt: „Ich hab das ganze Jahr noch nicht so viele Küsse bekommen wie heute Abend.“ Ganz viele nehmen mich in den Arm, bedanken sich und sind zu Tränen gerührt. Das ist eine ganz ehrliche Dankbarkeit. Man kriegt ganz viel zurück.
Kannst du dir vorstellen, Heiligabend eines Tages wieder zu Hause zu verbringen?
Ja, klar. Sogar gut.
Wie lange dauert es noch bis dahin?
Keine Ahnung. Weiß ich auch nicht. Manchmal denke ich, wenn ich siebzig werde, also in drei Jahren, dann sollte ich langsam gucken, dass das jemand anderes macht. Andererseits ist man in der Sache irgendwie verwurzelt. Mir macht das Spaß und irgendwo ist es auch eine sinnvolle Sache. Und viele Kunden kenne ich ja auch schon so lange.
Was muss dein Nachfolger können?
Organisieren. Und eine kleine Ansprache halten, das muss er auch können. Wenn es mal Ärger gibt, muss er deutlich sagen: So nicht! Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man die Leute direkt und persönlich anspricht und man muss von dem überzeugt sein, was man tut. Es hat keinen Sinn, etwas anderes zu sagen als das, was man meint. Das merken sonst alle, das ist hohl.
Welch ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch und ein frohes Fest.


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