Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 17.07.2009

LAUF UM DEIN LEBEN

Der Kampf um seine Familie und eine drohende Gefängnisstrafe führten ihn vor fast 20 Jahren hinaus aus der Drogensucht. Und dann? Therapie, Training, Triathlon. Er hält den Rekord des besten Neueinsteigers beim Ironman, wurde später sogar zweimal Zweiter in dieser Wahnsinns-Disziplin. Sein Weg ist eine Hommage an das Leben. Schwer vorstellbar, dass dieser Mann früher auf Bahnhofstoiletten lag und sich Heroin spritzte. Gleich referiert er vor Münsters Studierenden. Vorher sind wir verabredet.

Malte Limbrock trifft Andreas Niedrig.
Bist du es nicht langsam leid, zehn Jahre nachdem deine Drogenvergangenheit öffentlich wurde, immer noch ständig deine Geschichte erzählen zu müssen?
Nee, eigentlich gar nicht. Es steht mittlerweile weniger im Mittelpunkt, wie ich drogenabhängig wurde. Klar, Drogen sind der Einstieg in meine Geschichte. Ich bin für Leute, die nie was mit der Szene zu tun hatten, wohl auch eine Art Paradiesvogel. Die Leute wollen heute aber vielmehr wissen: Wie ist der da raus gekommen?
 
Und wie geht das?
Es geht um Ehrlichkeit. Es geht darum, dass man nicht nur redet, sondern Dinge tut. Ich hab damals ne große Klappe gehabt und gesagt: Ich werde Triathlon-Profi. Ich werde nie vergessen, wie meine Eltern mich völlig verzweifelt angeschaut haben und dachten: Die Drogen haben doch Nachwirkungen. Jetzt dreht er völlig durch.
 
In der Zeit, in der du deine Heroinsucht vor deiner Familie zu verbergen versucht hast, warst du es eher gewohnt, zu lügen…
Ich merke heute, wenn man ehrlich ist, ist es weniger anstrengend und man kann seine Energie in andere Dinge hineinstecken. Kleines Beispiel: Vor kurzem hatten wir einen Versicherungsfall bei uns in der Familie. Da hab ich die Versicherung angerufen und gesagt, ich sei das Auto gefahren, dabei saß meine Tochter am Steuer. Ich dachte, die wäre nicht versichert, es ging um einen großen Schaden. Ich hab aufgelegt, aber innerhalb von drei Sekunden den Hörer wieder in die Hand genommen und gesagt: Scheißegal: Ich übernehme den Schaden selbst, meine Tochter ist gefahren.

Allein der Ehrlichkeit halber?
Sobald ich lüge, geht’s bei mir im Magen los. Gar nicht im Kopf. Es passiert was in meinem Gefühlshaushalt, dass es mir nicht gut geht.

Wann hat das angefangen?
In der Therapie. Ich versuche bei meinen Veranstaltungen bildlich zu erklären, was ich damals begriffen habe. Früher haben die Menschen die Welt als Scheibe gesehen. Alles, was wir getan haben, ist hinten rüber gefallen. Da gab’s irgendwo `nen großen Wasserfall, vor dem die Seefahrer Angst hatten. So hab ich mein Leben immer gelebt. Heute weiß ich, dass uns alles, was wir tun, irgendwann einholt. Im positiven wie im negativen Sinne. Ich hab durch meine Ehrlichkeit nicht nur offene Türen eingerannt. Ich hab auch oft auf die Fresse gekriegt.
 
Hat sich deine Wahrnehmung auch verändert, was die kleinen Dinge im Leben angeht?
Ja, klar. Ich halte ja auch Vorträge vor Managern. Denen erzähle ich ganz alltägliche Dinge. Ich muss versuchen, diese Leute wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Die Manager schauen mich dann manchmal ganz entsetzt an und denken: Was will der Idiot uns hier erzählen?

Wie gehst du damit um?
Ich muss hart zu mir selbst sein. Wenn ich merke, dass diese Leute überhaupt keinen Bock auf mich haben und denken, der Vollidiot hat doch voll einen an der Waffel, dann ist es schwierig, dran zu bleiben.

Diesen Blick für die Dinge hattest du früher nicht?
Das war mir das egal, weil ich ja auch drauf war. Ich hab mir meine eigene Welt durch die Droge vorgespielt. Wenn du Drogen nimmst, bekommst du ein gutes Gefühl, für das du nichts tun musst. Für ein freundliches „Guten Morgen“ musst du aber aktiv was tun, dich vielleicht überwinden. Bei der Droge musste ich nur abdrücken und das Gefühl war einfach da.

Du sagst, du findest dein Leben selbst gar nicht so besonders. Kannst du nachvollziehen, warum deine Geschichte auf die Leute eine so magnetisierende Wirkung hat?
Das ist schwierig. Ich muss mir bei meinen Vorträgen auch immer wieder sagen, dass die Leute, die da sitzen, das alles zum ersten Mal hören. Da muss ich die Begeisterung auch erst mal selbst bewahren. Ich seh mich nicht als etwas Besonderes an. Ich hab halt das Glück gehabt, nach der Abhängigkeit den Sport professionell betreiben zu können.

Darfst du als ehemaliger Fixer eigentlich jemals wieder Blut spenden?
Nein, obwohl ich kerngesund bin. Die meisten, die damals mit mir Drogen konsumiert haben, hatten Hepatitis C. Das war damals noch nicht bekannt. Viele hatten Aids. Ich habe aber nie mit anderen zusammen gefixt. Ich glaube, ich bin überhaupt der meistgetestete Mensch, auch wegen meines Sports. Ich würde liebend gerne Blut spenden, auch all meine Organe. Aber man lässt mich nicht, weil ich mal drogenabhängig war.

Konntest du nur soweit nach oben gelangen, weil du von ganz unten kamst?
Ist `ne gefährliche Frage. Ich bin kein Vorbild für jungen Menschen. Ich kann das Ideal eines Sportlers nicht darstellen. Ich hatte ganz viel Glück, dass meine Familie zu mir gehalten hat und dass ich mit 26 zum Sport gefunden hab, wofür ich ein gewisses Talent hatte. Ich habe es durch die Abhängigkeit und die Therapie geschafft, ein komplexerer Mensch zu werden. In der Zeit der Sucht bin ich vor meinen Problemen und Sorgen davon gelaufen, habe mich denen nie gestellt. Ich glaube, wenn man das nicht tut, kann man auch nicht leistungsfähig sein. In keinem Bereich. Der Tag, an dem ich gelernt hab, dass man nicht alles alleine schaffen kann, sondern sich auch Hilfe holen muss, hat mir erst ermöglicht, so erfolgreich zu werden. Ich habe damals nicht gerafft, dass ich eigentlich ein zielorientierter Mensch bin. Ich wollte immer ganz viel vom Leben haben, habe aber als Kind nie gelernt, diesen Weg zu finden.

Ist das ein gesellschaftliches Problem?
Wir haben viele junge Menschen, die fantastisch sind, denen aber nicht die Hand gereicht wird. Junge Menschen sind ziellos, sind schwach. Bei mir ganz persönlich musste dieser Weg so sein. Ganz viele Menschen, die mit mir damals den Weg der Sucht gegangen sind, haben es nicht heraus geschafft. Die sind heute alle tot. Es ist keiner mehr da, der aus meiner Zeit des harten Konsums heute noch lebt. Das muss man ganz klar anführen. Es ist ein Glücksfall, dass ich aus all den kleinen Dingen, die mir passiert sind, das Nötige abgeleitet habe, um heute Anderen was mitzugeben.

Welche Botschaft liegt dir dabei am Herzen?
Die Menschen müssen besser miteinander kommunizieren. Im familiären wie unternehmerischen Bereich. Ein E-Mail kann ich schnell schreiben, ohne es emotional so zu meinen. Das face-to-face findet nicht mehr statt. Die Strukturen in der Drogenmafia funktionieren doch nur deshalb so gut, weil die sich in die Augen gucken, wenn sie miteinander reden. Die werden nicht gepackt, weil die sofort durchschauen, wenn jemand nicht ehrlich ist.

Hast du dir mal Motivationstheorien aus der Psychologie angelesen oder kommt das aus dem Bauch heraus?
Ich hab mal ein Rhetorik-Seminar bei einem Prof. Dr. Dr. Irgendwas gemacht. Der hat mich eine halbe Stunde angeguckt und dann gesagt: Herr Niedrig, gehen Sie wieder nach Hause. Bleiben Sie so, wie Sie sind und fangen Sie nicht an, sich irgendwas anzulesen. Ich bin zwar manchmal unsicher, wenn ich meine Geschichte erzähle, aber authentisch.

Du verstehst dich also nicht als Motivator?
Bloß nicht. Mein Ziel ist es, dass die Leute mit einem Lächeln aus meiner Veranstaltung gehen. Wir haben doch ein super geiles Leben. Man muss die Leute nur immer wieder mit dem Kopf darauf stoßen, dass wir nur dieses eine Leben haben. Ich habe so viel Zeit verplempert. Das will ich nicht mehr. Ich mag es nicht, wenn die Leute dauernd gestresst sind, auf die Uhr gucken und immer denken, sie hätten keine Zeit. Wenn ich keinen Bock drauf hätte, hier mit dir zu sitzen und es mir nicht gut tun würde, dann würde ich das nicht machen.

Das ist gut zu wissen. Vielen Dank.




Vita:
Mit 13 Jahren fing Andreas Niedrig aus Oer-Erkenschwick an, Haschisch zu rauchen. Es folgten LSD, Koks und Heroin. Andreas wurde kriminell, von Frau und Kind verlassen und war auf dem besten Weg ins Gefängnis, als ihm die Wende gelang. Er wurde für zehn Jahre zu einem der besten Triathleten der Welt und gewann seine Familie zurück. Heute ist Andreas 42, in einer Stiftung und zahlreichen Projekten u.a. zur Suchtprävention in Schulen aktiv, die von der Techniker Krankenkasse gestützt werden. Seine sportliche Profi-Karriere hat er nach verletzungsbedingten Rückschlägen vor kurzem beendet. www.andreas-niedrig.com

Kommentare

Kommentar von Niels:
(01.01.2010 23:04 Uhr)
Schönes Interview! ich kann nur sagen, Hut ab Andreas. Ich selber habe ähnliches erlebt, allerding war ich nicht so erfolreich. aber das macht aufjeden Fall Mut! Niels
Kommentar von Niels:
(01.01.2010 23:05 Uhr)
frohes neues Jahr wünsche ich außerdem noch allen hier!
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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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