Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 3.12.2009

GORILLA MARKETING

Es war einmal ein kleines Mädchen, das von einer Gorillaherde im afrikanischen Urwald aufgezogen wurde. Unter irgendwelchen Umständen gelangte es dann zurück in die Zivilisation, Ende der Geschichte. Heute lebt das Mädchen in Münster und besucht manchmal die Gorillas im Zoo, um mit ihnen zu sprechen – sie kann natürlich immer noch gorillisch. Wir haben sie heimlich verkabelt und als Interviewerin zur Affenbande geschickt ...
Sarah Bornemann trifft Gana.*
Hallo Gana! Eine Schweinekälte ist das heute wieder, was?
Na, besser als Schweinegrippe [grunzt]! Hier im Wintergarten ist es aber schön warm. Außerdem macht mir das Wetter nicht so viel aus, hab’ ja ein dickes Fell.

Und noch dazu so gut ?gepflegt ...
Oh, danke, das geht runter wie Öl.

Wie ich sehe, hängt Claudia sehr an dir!
Das kannst du laut sagen. Manchmal hätte ich gerne auch mal fünf Minuten für mich, aber ich bin wirklich sehr glücklich über mein Junges. Ich denke, sobald sie anfängt zu laufen, werde ich schon arg daran zu knabbern haben ... sie werden so schnell erwachsen!

Ja, ist fast so, als würde sie zuhause ausziehen.
Darüber möchte ich gar nicht nachdenken müssen! Gestern erst ist sie vier Monate alt geworden.

Oh, dann herzlichen Glückwunsch nachträglich!
Ach Quatsch, ist doch noch kein richtiger Geburtstag.

Gana, du bist in den letzten Jahren sehr oft in den Schlagzeilen gewesen, international wurde über dein Schicksal berichtet.
[Seufzt] Das stimmt, der Medienrummel war extrem. Diese Zeit ist für mich nicht leicht gewesen und auch jetzt fällt es mir schwer, darüber zu reden.

Verstehe. Erst das Drama um Mary Zwo, das 2007 in den Medien breitgetreten ?wurde ...
Als Mary Zwo geboren wurde, war ich einfach noch nicht reif für ein Kind, das ist mir heute bewusst. Was die Presse allerdings daraus gemacht hat, das fand ich total unfair. Mein Mann N’Kwango hat uns bedroht, wir alle standen unter extremem Druck und mir ging es zu diesem Zeitpunkt psychisch sehr schlecht. Niemals wollte ich, dass Mary Zwo etwas passiert!

Ich glaube dir.
Danke. Deswegen bin ich auch froh darüber, dass sie in Stuttgart ein sicheres Zuhause gefunden hat. Vielleicht werde ich sie eines Tages wiedersehen, wer weiß.

Das hoffe ich natürlich für euch beide! Geht es dir denn wieder gut, ein Jahr nach dem Tod von Claudio?
Überwinden werde ich das wahrscheinlich nie. Claudio war für mich so was wie ein Neuanfang, mein Sonnenschein. Als er tot in meinen Armen lag, fühlte ich mich, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Die Zeit mit ihm [Anm. d. Redaktion: Gana trug Claudios Leichnam noch eine Woche durch das Gehege] habe ich einfach gebraucht, um mit dem Schmerz fertig zu werden.

Soweit ich informiert bin, ist diese Art der Trauer bei Gorillas ganz natürlich. Du hast dir also nichts vorzuwerfen, denn diese Entzündung konnte ja niemand voraussehen!
Ich weiß, ich weiß. Trotzdem vermisse ich ihn sehr. Das Einzige, was mir Trost spendet, ist meine kleine Claudia [gibt Claudia einen Kuss].

Die Kleine ist aber süß! Sie kann sich bestimmt vor Fans gar nicht retten, oder?
Allerdings! Täglich kommen Menschen, um Fotos von uns zu machen – ihr von der Presse seid da natürlich auch nicht anders. Ich muss sagen, anfangs hat mich das auch sehr gestört.

Wie meinst du das?
Naja, immer wenn ich eine Kamera gesehen habe, bin ich sofort geflüchtet. Ohne Grund eigentlich. Heute habe ich gelernt, mit meiner Rolle und den Kameras umzugehen.

Wollen wir mal hoffen, dass der kleinen Claudia der Ruhm nicht zu Kopf steigt. Stimmt es eigentlich, dass sie nach der ARD-Wetterfee Claudia Kleinert benannt wurde?
Das ist richtig, Frau Kleinert hatte 2008 bereits eine Patenschaft für Claudio übernehmen wollen und hat dies nun auf Claudia übertragen.

Was hat es mit dieser Patenschaft auf sich?
Tierpate kann eigentlich jeder werden. Die Patenschaft in unserem Zoo läuft mindestens über ein Jahr, kann aber auch verlängert werden. Je nach Tier sind die Kosten allerdings unterschiedlich hoch: Bei den Flughunden bist du schon mit 50 Euro ein Pate, bei einem Gorilla wie mir liegt der Betrag allerdings bei 2500 Euro.

Das ist ’ne ganze Menge Geld!
Ja, leider sind wir darauf angewiesen. Die paar Bananen, die N’Kwango nach Hause bringt, reichen für unsere Herde vorne und hinten nicht. Als Hausfrau und Mutter will ich für Claudia da sein und kann nicht auch noch arbeiten gehen!

Schwierige Situation.
Ich sag’ N’Kwango ja immer, dass er mal in der Gorilla-Bar anfragen soll, ob die nicht einen Job für ihn hätten! Die haben damals zum Beispiel zehn Quadratmeter vom Affricaneum gekauft, um den Affen in Afrika zu helfen – warum nicht auch uns?

Wo du das gerade ansprichst, es findet doch bald diese Benefizveranstaltung in der Gorilla-Bar statt, oder?
Richtig, am 13. Dezember. Bernd Redeker hat da diese wunderbare Idee gehabt: Promis zapfen für den Artenschutz. Ich hab gehört, es kommen Angelina Grün, Guido Knollmann, Bernd Heidicker, Steffi Stephan, Dave Gappa, ach, so viele andere noch!

Aha, weißt du noch mehr?
Ja, Zoodirektor Jörg Adler wird noch einen Bildvortrag über Gorillas halten. Letztendlich soll der Erlös des Abends in eine Patenschaft umgesetzt werden – die Gorilla-Bar möchte mein Pate sein.

Mensch, das sind ja super Neuigkeiten!
Ich freu’ mich auch echt darüber. Eine Verkettung glücklicher Zufälle, könnte man sagen!

Wieso?
Na, wenn 2009 nicht das Jahr des Gorillas wäre UND die Gorilla-Bar nicht zufällig am 14. Dezember 3000 Tage alt werden würde, vielleicht wäre das alles dann gar nicht zustande gekommen.

Jahr des Gorillas! Wie fühlst du dich dabei?
2009 scheint auf jeden Fall mein Jahr zu sein – nicht zuletzt wegen Claudia [lächelt]. Allerdings ist der Grund für das Jahr des Gorillas ein anderer: Drei der vier Gorilla-Arten stehen auf der Roten Liste bedrohter Arten.

Was bedeutet das genau?
Dass wir Gorillas vom Aussterben bedroht sind. Grausame Wilderer, Ebola und die Zerstörung unseres Lebensraumes haben dazu geführt, dass die Zahl meiner Artgenossen im letzten Vierteljahrhundert um 60% zurückgegangen ist.

Oh, das sind wirklich alarmierende Zahlen.
Ja, leider. Deswegen hoffe ich, dass das symbolische Jahr des Gorillas erst der Anfang ist und ihr Menschen irgendwann versteht, dass Tropenholz und Regenwaldpapier einmal Teil unseres Lebensraums waren!?[Claudia fängt an zu weinen.]?Entschuldige bitte, die Kleine hat Hunger.

Tut euch keinen Zwang an.
[Gana füttert Claudia.]

Was ich noch fragen wollte: Wie ist es eigentlich, sich mit mehreren Frauen einen Mann zu teilen?
Puh, schwer zu sagen, ich kenne es ja nicht anders. Aber warum Menschen sich immer nur zu zweit zusammenfinden, kann ich überhaupt nicht verstehen. Wenn ich den ganzen Tag mit N’Kwango alleine wäre, würde er mir ziemlich schnell auf die Banane gehen.

Ja, das ist bei Menschen auch so, glaub’ mir ...
Du hast ja keine Ahnung, was sich hier vor den Gittern manchmal abspielt. Und dabei bezahlen die hier den Eintritt! Hahaha-uhuhuh!

Dann wird euch in den nächs-ten Jahren wohl nicht langweilig werden. Vielen Dank für das Gespräch!
Nich’ dafür.

*Die Wahrheit ist, dass wir einfach nur zuviel How I Met Your Mother geguckt haben und nicht wirklich mit Gorillas kommunizieren können. Spaß hatten wir trotzdem.






Vita
Gana wurde 1997 im Zoo Köln geboren und zog im Juni 2004 nach Münster. Am 2. August 2009 kam ihre Tochter Claudia zur Welt. Die beiden gehören zur Gattung Westlicher Flachlandgorilla, Kennern auch als Gorilla gorilla gorilla bekannt. Zusammen mit ihren Artgenossen Fatima, Changa-Maidi, Thabo und N’Kwango leben sie auf 1250 m² im Allwetterzoo Münster.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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