Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 19.11.2009

BÄNKELSÄNGER 2.0

Stoppok ist kein Rockstar, nie gewesen. Die große Geste liegt ihm nicht. Lieber sucht sich der begnadete Gitarrist kleine, intime Clubs und erzählt seinen Zuhörern Geschichten, die das Leben schreibt. Dann erkennt man, dass dieser näselnde Kauz ein großartiger Entertainer mit Humor und Köpfchen ist – eben ein Künstler. Genau das wird er am 6. Dezember im Cineplex Münster unter Beweis stellen. Im Interview spricht er über den Stamm der Bayern, Spaghetti, seine Mutter und warum er keinen kommerziellen Erfolg braucht.
Sarah Bornemann telefoniert mit Stoppok.
Stoppok, was ist das bitte für ’ne komische Vorwahl?
Das ist im tiefen Bayern, in Oberbayern, in einem gemütlichen Örtchen mit 1000 Einwohnern.

Aber du kommst doch aus Essen! Was verschlägt einen Pott-Poeten denn in den Freistaat?
Der Bayer an sich ist kein schlechter Mensch, kann ich darauf nur antworten [lacht]. Wenn man im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, kommt man überall klar. Und auch mit dem Humor, da biste als Ruhrgebietler hier gut dran. Die verstehen mich hier.

Die sind mit dir also auf einer Wellenlänge?
Jaha. Also das Ur-Bayrische, das mag ich total gerne, und das ist auch sehr ähnlich. Die Äußerlichkeiten sind immer andere, aber wenn man mit den Leuten so in Kontakt kommt, das ist vom Witz her ja sehr ähnlich.

Als Bayer, wählst du dann jetzt auch CSU?
[Lacht] Nee, definitiv nicht!

Und nun die viel wichtiger Frage: Was hast du an?
Was ich anhabe?!

Jetzt krieg das nicht in den falschen Hals, aber seit Jahren ziehst du dich ja konsequent schlecht an.
Ein neuer Spruch von der Tour dazu, wo wir immer viel Spaß mit der Band hatten, ist: Ich zieh’ an, was auf den Tisch kommt. Und wenn’s Spaghetti sind [lacht]!

Spaghetti?!
Und wenn’s Spaghetti sind! Der Gag kam zwar meistens nicht richtig an, aber wir haben uns immer sehr amüsiert. Ich hab den jeden Abend gebracht und die Jungs haben immer drauf gewartet, ob da überhaupt einer drauf reagiert. Ich hätte auch sagen können: Und wenn’s Kartoffeln sind.

Aha. Und was hast du jetzt an?
Ach, nix Auffälliges. Zuhause gönn’ ich mir das, das ist ja das Schöne, wenn man auf dem Land lebt: Ich kann hier mit fettigen Haaren und – ich hab jetzt keine Jogginghose an, aber ich könnte auch mit Jogginghose rausgehen.

Du gibst nicht viel auf Trends, auch musikalisch nicht. Alles ist hausgemacht, du textest, schreibst, produzierst in Eigenregie. Das war nicht immer so.
Damit hab ich aber ziemlich früh angefangen, weil ich mir nie mit Produzenten einig werden konnte. In den 80ern hab ich mal ein Album produzieren lassen. Aber das kann ich irgendwie nicht, auf Produzenten hören.

Brauchst du ja nicht mehr.
Ja, ich hab mein Studio und alles hier schön zuhause und mach alles in Eigenregie. Das birgt natürlich auch gewisse Nachteile. Es ist einfach auch anstrengend! Ich bin während so einer Produktion die ganze Zeit am Start ... Aber es gibt anstrengendere Sachen, ich will nicht jammern.

Du hast auch gar nicht so den Erfolgsdruck, oder?
Das ist, glaub’ ich, meiner Mutter zu verdanken. Wenn eine Mutter alles richtig macht, dann haben die Kinder keinen übermäßigen Geltungstrieb.

Ist ja schon eine Leistung: Du trittst seit 30 Jahren auf und es heißt immer noch: „Stoppok, der absolute Geheimtipp!“
Ja, ist doch toll [lacht]! Also, jetzt ohne Scheiß: Das Wichtigste ist ja, dass man den Spaß nicht verliert und dass man kreativ bleibt, und bei mir hat sich das wirklich so gut eingependelt, dass mir das so viel Spaß bringt. Das ist auch so ’ne Typenfrage: Manche können mit großem Erfolg umgehen. Ich könnte das, glaub ich, gar nicht.

Wieso?
Mir wär das, glaub’ ich, einfach zu viel, vielleicht bin ich da zu faul für.

Mit 18 rannte Müller-Westernhagen in Düsseldorf rum, Grönemeyer war Pianist am Schauspielhaus – was hat Stoppok mit 18 gemacht?
Der war in Südfrankreich auf der Straße und hat Straßenmusik gemacht. Ich war nicht nur in Frankreich, sondern Italien, Spanien, England und so weiter. Das war für mich eine sehr lehrreiche, entspannende Zeit. Das hab ich drei, vier Jahre gemacht und das ist die Grundlage für meinen ganzen Werdegang gewesen.

Hast du damals von der Hand in den Mund gelebt?
Richtig. Das hat dem Ganzen den Druck genommen, wenn man das erlebt, dass man sich dadurch über Wasser halten kann, dann geht man anders mit den Dingen um. Das hat mir so eine Sicherheit gegeben. Und ich hab natürlich auch musikalisch sehr viel erlebt, viele Leute kennengelernt und bin da sehr geprägt worden. Immer, wenn einer mit einem Instrument ankam, was ich noch nicht kannte, hab ich mir den gekrallt und hab den erst wieder losgelassen, wenn ich das konnte.

Wo siehst du deine musikalischen Wurzeln?
Ja, in all dem, was Ende der 60er, Anfang der 70er im Radio gelaufen ist. Das waren meine Quellen.

Und wenn du heute das Radio anmachst, was denkst du dann?
Mach ich nich’ an.

Nicht mal im Auto?
Doch. Da denk ich mir: Wo ist Deutschlandfunk, oder Bayern 2 Kultur oder so was. Wenn ich das hör’, denk ich mir, ach, geht doch alles, aber wenn ich so zwischendurch weiterschalte, denk ich: Wie grausam.

[Lacht] Was meinst du da genau?
Ja, was man so an Musik hört. Das ist ja bei den normalen Sendern nicht wirklich zu ertragen. Viel Schlimmer als die Musik ist die Moderation, dieses immergleiche, 0815-Lustige, mit einem Grinsen, einfach immer gut drauf sein – das geht mir am meisten auf den Sack.

Ich stell mir die Frage, ob deine Fans wohl eher älter sind.
Witzigerweise nicht. Das ist einer der vielen Vorteile, wenn du eben nicht so den großen Durchbruch gehabt hast. Es sind immer Zufälle, wo die Leute bei mir landen, und es sind immer unterschiedliche Lebensalter und Situationen. Das Publikum erneuert sich immer wieder, und das ist eben auch eine der Sachen, die mir am meisten Spaß bringen.

Obwohl deine Musik nicht auf MTV und VIVA läuft?
Das ist ja auch interessant. Es gibt immer noch, genau wie vor 30 Jahren, eine gewisse Prozentzahl an Leuten, die sich nicht ständig was vormachen lassen und sich was Neues suchen wollen, selber was entdecken wollen. Und das finden sie bei mir.

Was ist nach 30 Jahren Stoppok anders und was ist wie immer?
Anders ist, dass ich mit gewissen Dingen einfach entspannter bin. Wenn ich mir alte Sachen anhöre oder mir angucke, wie ich vor 20 Jahren noch drauf war, da war ich noch verkrampfter oder so, weiß ich auch nicht. Da hatte ich viele Sachen noch nicht im Griff, da hab’ ich mich oft einfach sehr aus der Ruhe bringen lassen. Aber die Motivation, Musik zu machen und auf die Bühne zu gehen, das ist eben das Gleiche wie vor 30 Jahren, also der Spaß ist genauso da oder sogar noch mehr.

Was zeichnet dich als Musiker aus?
Das ist, gerade in Verbindung mit der deutschen Sprache, ein spezieller Rhythmus, eine spezielle Musikalität, gerade wenn ich mit Reggie Worthy unterwegs bin – das groovt auf eine spezielle Art und Weise, wie es eigentlich ganz selten ist. Wir haben zusammen wirklich eine eigene Musik gefunden, einen eigenen Groove, und das ist das Schöne.

Hast du dir mal überlegt, auf Englisch zu singen?
Witzigerweise hab’ ich dieses Jahr das erste Mal einen Titel auf Englisch aufgenommen ... einen Song aus dem letzten Album, „Nur ein Herz“. Der wird jetzt im November in Kalkutta veröffentlicht. Das hat mich auch einigen Schweiß gekostet, Englisch zu singen, aber meine indischen Freunde habe mich überzeugt und gesagt: Das musst du auf Englisch machen, sonst versteht das in Indien keiner.

Das ist richtig! In deinen Liedern erzählst du ja lustige, traurige und skurrile Geschichten aus dem Alltag, von Udo und Inge...
... und Willi und Gerd ...

Genau. Bist du ein Geschichtenerzähler, ein Barde sozusagen?
Jetzt wo du dat sachst, mit Barde, was ich mache, das ist ja wirklich ’ne upgedatete Form von einem Straßensänger oder einem Bänkelsänger. Die upgedatete Form ist eben, in kleinen Clubs zu spielen und die Leute so zu erreichen. Musik ist irgendwie für mich ein Muss, alles, was mich von dem Musik machen und dem direkten Kontakt zu den Leuten ablenkt – und das wäre eben, sich auf eine große Karriere zu stürzen und mit Medien zu kooperieren und die große Geste zu machen – das würde mir keinen Spaß machen und mich von diesem Dingen abbringen.

Siehst du dich als einen gesellschaftskritischen Künstler?
Ich glaub’, das würde in die Irre führen. Ich bin allen Dingen, also auch mir selber gegenüber, sehr kritisch, ja. Aber mein Zustand ist nicht kritisch, das ist ganz wichtig, das zu unterscheiden [lacht].

 „Learning by Burning“ ist übrigens mein Lieblingslied – wann lacht man schon mal so herzhaft, während man Musik hört? Großartig.
Und vor allen Dingen, nur wegen dem Lied kannst du das akzeptieren, dass ich in Bayern leb’. Das ist das erste Lied, was ich in Bayern geschrieben hab’! Es ist so: Die erste Strophe ist wirklich definitiv so passiert. Die erste Fete, die ich hier auf dem Lande erlebt hab, die war so. Und nach der Fete wusste ich: Es ist nicht verkehrt, hier zu leben, wenn so was dabei rauskommt.

Dafür hat sich’s gelohnt. Es sei dir verziehen.
Danke.

Vielen Dank fürs Gespräch!



Vita:
Stefan Stoppok (21. Februar 1956) kam in Hamburg zur Welt. Nach seiner Zeit als Straßensänger gründete er 1982 die Band Stoppok und schuf eine ganz eigene Mischung aus Folk, Blues, Rock und Country. Seitdem singt er mal laute, mal leise Lieder über Dumpfbacken oder große Gefühle. Sein Lieblingslied ist „Fairytale of New York“ von The Pogues. Am 6.12. ist Stoppok mit Reggie Worthy zu Gast im Cineplex.

Kommentare

Bisher wurden keine Kommentare abgegeben.

Neuer Kommentar
Sie schreiben als:

Kommentar:





Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
Benutzeranmeldung