Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 12.11.2009

STRATEGISCHE HEITERKEIT

Große Freude in der Stadtgeflüster-Redaktion: Kurzfristig und tatsächlich und leibhaftig dürfen wir mit Jan Josef Liefers sprechen, unserem charmanten Lieblingsprofessor aus dem Münster-Tatort. Plötzlich strahlt dieser regnerische Novembertag aus jeder gerade noch so trüben Pore. Und dann sagt Herr Liefers auch noch so schöne und kluge Dinge zu Frohsinn und Leichtigkeit. Das lassen wir uns gerne gefallen!
Swantje Diepenhorst telefoniert mit Jan Josef Liefers.
Herr Liefers, in dem Lied „Als ich ein Vogel war“ singen Sie „Irgendwann will jeder Mann raus aus seiner Haut“. Wo wollen Sie denn hin?
Ich sehne mich nach Langeweile. Nach langer Weile. Ich habe in vager Erinnerung, dass es ganz früher einmal so war, dass ich in den Tag bummelte. Dieses Gefühl „Mensch, ich langweile mich, was mache ich jetzt?“ fehlt mir heute manchmal.

Was ist passiert?
Seit einigen Jahren ist irre viel los: Zusätzlich zur Schauspielerei habe jetzt noch Musik und mein Buch. Das macht einerseits großen Spaß und andererseits bringt mich das an den Rand meines Zeitmanagements. Und dann gibt’s da ja noch das Leben mit Familie und Freunden. Also, ich wünsche mich grundsätzlich nicht raus aus meiner Haut, ich bin gerne in meiner Lage. Aber ein paar bummelige Tage hier und da wären toll!

Was genau besingen Sie in dem Lied?
Das hat was mit meinem Leben und der Situation in der DDR zu tun. Das bedeutet, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber nicht wenige Menschen führen ein Leben, das sie eigentlich nicht wollen. Den Wunsch, aus der Haut zu fahren und etwas ganz anderes anzufangen, spüre ich allerdings nicht. Ich mache genau das, was ich immer wollte.

Wie zum Beispiel jetzt Rockstar zu sein?
Ach wo, ich bin kein Rockstar. Bono ist ein Rockstar!

Zum Gitarrenzertrümmern eignet sich weder die Musik von Bono noch von Ihnen ...
Ich glaube, ich wäre sowieso kein guter Gitarrenzertrümmerer. Das kommt sicherlich aus meiner DDR-Zeit – es war nicht leicht, an eine gute Gitarre zu kommen. Abgesehen davon zerstören die ganz Wilden sowieso irgendwelche Dummies und nicht ihre besten Instrumente. Das Instrument stellt für einen Musiker schließlich einen großen Wert dar. Nicht nur finanziell, es ist nun mal sein Schätzchen.

Behandeln Sie Ihre Gitarre dementsprechend?
Meine viel versprechende Laufbahn als Gitarrenlegende wurde sehr früh beendet. Ironischerweise vom Gitarrenlehrer selbst. Das war ein sehr alter Mann, der wollte, dass ich Sachen singe wie „Tanz mit der Dorle, walz mit der Dorle, bis nach Schweinau, mit der Dorle!“ anstatt „Es steht ein Haus in New Orleans“ oder „Hey Joe“.

Oha.
Aus Protest habe ich den Gitarrenunterricht gekündigt und bin seitdem Autodidakt.

War der Gitarrenlehrer noch bei einem Ihrer Konzerte?
Nein, ich bin mir sicher, den deckt schon seit geraumer Zeit der kühle Rasen. Der war damals schon so alt, dass ich dachte, der hätte die Schlacht im Teutoburger Wald noch persönlich miterlebt.

Haben Sie Rituale vor oder nach Ihren Auftritten?
Oh ja, da gibt’s was. Die Band macht jedes Mal den Lovecircle.

Was verstehen Sie darunter?
Das muss man sich wie eine Fußballmannschaft vorstellen, die sich vorm Spiel im Kreis aufstellt, die Köpfe zusammensteckt und eine Parole ausgibt.

Hoffentlich vergessen Sie das nicht. Ihre Band heißt Oblivion [engl.: Vergesslichkeit].
Ich würde das weniger mit „Vergesslichkeit“ übersetzen, sondern eher mit „Vergessenheit“. Vergesslichkeit ist eher so die Frage, wo ich meinen Autoschlüssel liegengelassen habe. Das ist nicht gemeint.

Sondern?
Irgendeinen Namen muss eine Band nun mal haben. Als wir darüber nachdachten, entschieden wir uns, den Bandnamen an das zu knüpfen, was wir spielen wollten. Also an ein Nachdenken über die DDR-Zeit. Der „Soundtrack meiner Kindheit“ ist eher eine assoziative Geschichte. Den Zustand in meiner Kindheit schätze ich sehr und verbinde ihn ganz intensiv mit Musik. Ich habe Musik immer als Raumkapsel genutzt, mit der ich mich dann weggeschossen habe. In mein eigenes Universum. Was immer auch etwas mit – Achtung! – Selbstvergessenheit zu tun hatte. Um der Realität des Lebens kurz zu entkommen.

Gilt das auch heute noch?
Ich kann’s mir zeitlich selten leisten, aber umso mehr gilt das! Und ich halte gelegentlichen Realitätsverlust für lebenswichtig. Vom Ernst des Lebens.

Als nächstes großes Projekt steht die Gründung des gebietslosen Staates OBLIVION an. Auf Ihrer Homepage heißt es: „Wenn Ihr Vorschläge für die Verfassung oder für Gesetze habt, meldet Euch! Wir arbeiten an der Urkunde über die Staatsbürgerschaft und wollen mit Euch das Territorium in unseren Herzen und Köpfen entdecken, auf dem OBLIVION entstehen soll.“ Geht’s voran?
[Lacht] Ich habe das erstmal nicht weiter betrieben, weil so eine Staatsgründung ja eine ernste Sache ist. Da muss man sich ein bisschen Zeit nehmen. Mal gucken, was daraus wird. Man kann eigentlich Staatsbürger sein, wo man will. Zumindest in seinem Kopf.

Sie haben sich außerdem vorgenommen, „dem allmächtigen Frust ein Lächeln vor den Bug zu knallen“!?
Während ich mein eigenes Buch geschrieben habe, habe ich zwei andere gelesen. Das eine war „Unterwegs“ von Jack Kerouac und das andere „Der Ernst des Lebens und was man dagegen tun muss“ von den Brüdern Andreas und Stephan Lebert. Ein vehementes Plädoyer dafür, alles was die Heiterkeit im Alltag zerstört, aus unserem Leben zu schmeißen. Das hat mir gut gefallen.

Begegnet Ihnen Frust im Alltag?
Ich kenne keinen Menschen, der den ganzen Tag von einem Ohr zum anderen grinst, weil alles so spitzenmäßig läuft. Man hat mit unglaublich vielen Leuten zu tun, die einem die Stimmung versauen. Also müssen Strategien entwickelt werden, um durch solche äußeren Einflüsse den Tag nicht den Bach runtergehen zu lassen und ein fröhlicher Mensch zu bleiben. Die Heiterkeit behalten und Lachen – das ist auch bei den Oblivion-Auftritten ein Thema.

Verraten Sie mir eine Ihrer Strategien?
Die entstehen von Fall zu Fall. Man muss erstmal gucken, wer eigentlich die Feinde der eigenen Heiterkeit sind. Und was für Mechanismen ablaufen, dass man am Ende eines Tages frustriert ist. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Die Leute, die einen runterziehen, müssen gnadenlos aus dem eigenen System rausfliegen. Ich empfehle das erwähnte Buch!

Das von Ihnen oder das von Kerouac?
Das von mir empfehle ich sowieso! Ich habe es nicht geschrieben, um mich selbst zu therapieren, sondern damit sich Andere mit meinen Erfahrungen und Gedanken gut unterhalten. Die DDR – das Grau-In-Grau mit stinkenden Zweitaktern? Also, mein Leben war nicht grau-in-grau und nur phasenweise trist. Es hat in Parallelwelten stattgefunden. Enttäuschte Sehnsucht, Trauer, Wut und Freude drückten sich am besten in Musik aus, in Ost wie in West und in der ganzen Welt.

Da fällt mir ein: Alle Leute, die man in Münster nach Ihnen fragt, finden Sie cool.
Das freut mich. Die Menschen, die ich in Münster kennen gelernt habe, haben keine Berührungsängste und sind alle sehr herzlich und gerade heraus. Darüber, wie sie mich beurteilen und warum, mache ich mir aber keine Gedanken. Es ist wie bei einem Zaubertrick, sobald man wüsste, wie er funktioniert, wäre er für immer verloren. Ich kenne Leute, die waren mal charmant und sind jetzt nur noch schmierig.

Und dann?
Vielleicht haben sie zuviel darüber nachgedacht und versucht, ihren Charme gezielt einzusetzen. Und dabei ist er natürlich abhanden gekommen. Ich habe mir nie über Karriere Gedanken gemacht. Karriere ist ein Abfallprodukt von guter Arbeit. Manche denken zuviel über die falschen Dinge nach, zum Beispiel Imageberater ...

Hatten Sie mal einen?
Nee, um Gottes willen. Dieses Rumgebastel bringt es nicht. Ich glaube nicht daran, dass man mit Image, Marketing und tralala Entscheidendes erreichen kann. Mir wäre das auch zu anstrengend.

Was tun Sie, um gute Arbeit zu leisten?
Ich gehe spazieren, beobachte Menschen, ihre Gesichter und Verhaltensweisen, beschäftige mich mit ihren Konflikten. Berufliches und Privates vermischen sich, gedanklich gibt es keinen Feierabend. Sonst wäre zum Beispiel jemand wie Professor Boerne gar nicht möglich. In dieser Figur finden sich viele Beobachtungen, die ich gemacht habe. Aber privat will ich keine Amöbe sein, die sich anpassen muss, weil sonst das Image nicht stimmt.

Wie war der Drehtag, an dem Professor Boerne beide Arme in Gips hatte?
Der Drehtag? Es waren einundzwanzig! Ich habe mich wirklich auf den Feierabend gefreut. Aber zum Glück ist der Professor Privatpatient. Er hatte die Hightech-Variante eines Gips, so ein Vakuumpack, ganz leicht und als Schiene abnehmbar, das hat es erträglicher gemacht.

Vielen Dank für’s Gespräch!







Vita
Geboren am 8. August 1964 in Dresden erlebte Jan Josef Liefers eine Kindheit in der DDR und diversen Paralleluniversen. Heute lebt er mit seiner Frau Anna Loos und ihren gemeinsamen Töchtern in Berlin. Neben der Schauspielerei – bekannt z.B. als Professor Boerne im Münster-Tatort – hat er ein Buch herausgebracht und tourt mit seiner Band Oblivion durchs Land ... Mit genau dieser Band und dem Programm „Soundtrack meiner Kindheit“ wird Jan Josef Liefers am 10. Dezember im Congress-Saal der Halle Münsterland eine Reihe von Ostrock-Liedern spielen – allerdings eher Interpretationen als Cover. Kein Schwarz oder Weiß, kein Täter und Opfer der DDR, sondern vor allem das Dazwischen.

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Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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