Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 5.11.2009

ALEXANDRA, BIST DU ON?

Die Schauspielerin Alexandra Kamp machte in letzter Zeit viel als Horst Schlämmers First Lady von sich reden. Dabei ist es wirklich viel aufregender, sich von ihr vorlesen zu lassen – wie ich jetzt feststellen durfte. Denn sie hat das Meisterwerk „Sexus“ von Henry Miller als Hörbuch produziert und das äußerst gelungen. Nun kommt sie für zwei Lesungen nach Münster und darüber möchte ich gleich mit ihr sprechen, wir sind nämlich verabredet zum Interview, ganz modern natürlich, per Videochat.
Thorsten Kambach und Alexandra Kamp sprechen per Videoskype.
Hallo Alexandra, die Aufnahme läuft jetzt ...
... geht es jetzt?

Ja wunderbar, ich kann dich gut hören. Sehen tue ich dich jetzt allerdings nicht, aber ...
Warte ... [Tastatur- und Mausklickgeräusche – Alexandra erscheint auf meinem Monitor] ... so!

Da bist du ja – hallo! Fangen wir mit etwas an, das sicherlich viele interessiert. Nämlich private Details aus deinem Leben.
Bitte??

Privates, meine ich, interessiert Leser immer!
[Lacht] Ja, genau ...

Als du noch viel kleiner warst, hast du im Regal deiner Eltern das Buch „Sexus“ von Henry Miller entdeckt.
[Schmunzelt] Ja ...

Du hast immer nur davor gestanden, das Buch aber nie in die Hand genommen?
Ne, ne, ich habe natürlich immer mal wieder reingeschaut, verbotenerweise schon als kleines Mädchen.

Und wie hat es dir gefallen?
Ich hab’ so gar nicht verstanden, worum es ging. Auch als Teenager habe ich immer mal reingelugt, einige in meiner Klasse hatten „Sexus“ nämlich tatsächlich schon gelesen und fanden es ganz toll und spannend. Da habe ich dann länger reingeschaut, aber ich wusste trotzdem nicht, was die alle haben.

Wahrscheinlich weil der Sex da sehr wild und trotzdem ästhetisch zu sein scheint.
Ja, aber mir war das alles viel zu heftig. Ich konnte die Begeisterung für Henry Miller nie teilen, nicht für „Nexus“, „Sexus“, „Plexus“ und auch für den „Wendekreis des Krebses“ nicht.

[Leicht irritiert] Da ist es ja auch nur logisch, wenn du dann hingehst und „Sexus“ als Hörbuch veröffentlichst ...
[Lacht] Nein, es war so, ich habe vor ungefähr sieben, acht Monaten ein bisschen im Keller bei meinen Eltern aufgeräumt. Die kommen aus Baden-Baden und einmal im Jahr verkaufe ich dort auf dem Flohmarkt Kruscht, meinen eigenen Kruscht.

Kruscht?
Ja, das heißt, alte Micky-Mouse-Heftchen, Kleider, Perücken von Filmen, Bücher, Teddy Bären, alles mögliche.

Also Kram?
Kram ja, meinen eigenen Kram. Da kommt immer sehr viel Geld zusammen und in diesem Fall spende ich es dem Hospiz in Baden-Baden, weil es die Schwester einer Klassenkameradin in den letzten Stunden auf ganz fantastische Art und Weise begleitet hat. Auf jeden Fall war ich also gerade beim Aufräumen im Keller und da fiel mir „Sexus“ in die Hände.

Das Buch verfolgt dich tatsächlich.
Ja, das stimmt und da hab’ ich gedacht, so Alexandra, jetzt kannst du es ja mal lesen, du bist knapp über dreißig und verstehst nun auch das ein oder andere. Da habe ich es dann gelesen.

Und?
Schon im ersten Drittel, oh man, wollte ich das Buch wegwerfen. Ich dachte, mein Gott, ist das eine arme Sau dieser Henry Miller. Und dann diese Selbstbeweihräucherung, wie er sich als Genie sieht, auf der gleichen Treppenstufe wie Nietzsche. Es war wirklich unerträglich, aber irgendetwas hat mich doch fasziniert, also muss mich fasziniert haben.

Ich bin wirklich gespannt, was das nun ist ...
Im letzten Drittel des Buches begann seine Sprache mich mehr und mehr in seinen Bann zu ziehen. Gegen Ende des Buches geht’s ihm ja nun nicht mehr so gut und ich werde Zeuge einer ganz radikalen Beichte.

Ist die Deutlichkeit in der Sprache Millers nicht heute ziemlich unspektakulär?
Nein, die auch heute noch genauso stark ist wie 1947. Natürlich sind gewisse Gesichtspunkte veraltet, klar, aber er war einer der wenigen Schriftsteller, der seine Geschichten nicht nur niedergeschrieben, sondern komplett ausgelebt hat und seinen eigenen Namen dahinter stellte. Man weiß, das war das Leben von Henry Miller, so hat der eben gelebt. Das finde ich sehr mutig, davor ziehe ich den Hut.

Wie war es, ein Hörbuch zu machen? Liest du einfach das Buch vor oder spielst du den ganzen Text mehr oder weniger?
Ich bin wahrscheinlich anders an das Hörbuch rangegangen, als andere Schauspieler Ganz einfach weil dies mein erstes Hörbuch ist. Es war, als würde ich für ein Theaterstück lernen. Ein Theaterstück mit, was weiß ich, zwanzig verschiedenen Charakteren.

Die du alle spielst?
Ja. Ich habe gemeinsam mit dem Regisseur und Dramaturg Helge Björn Meyer einen Monat lang die ganzen Figuren erarbeitet. Das heißt, ich kann eigentlich das ganze Hörbuch auswendig. Ich habe die wirklich wie Rollen erarbeitet. Und das, so hoffe ich – nein, das wird mir auch immer wieder gesagt – merkt man meiner Lesung auch an.

Viele Künstler, die das Genre wechseln, werden nicht ernst genommen. Fühlst du dich ernst genommen?
Ich fühle mich sehr ernst genommen, auch natürlich weil ich in der letzten Zeit viele sehr gute Kritiken für mein Hörbuch bekommen habe. Da gibt es so tolle Kritiken, dass ich denke, Halleluja Alexandra, da haste was richtig gemacht.

Es ist dein erstes Hörbuch und zudem deine eigene Produktion, waren die Zweifel da groß?
Am Anfang hatte ich natürlich schon Schiss,dass das etwas sein könnte, was ich nicht kann. Die Angst war also da, ja. Aber jetzt nicht mehr, ich gehe mit großer Freude daran, weil mir sehr viel Freude entgegen gebracht wird.

Passiert es, dass Leute denken, du wolltest auf der Welle von Charlotte Roche und anderen mitreiten?
Thorsten, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele bekloppte Interviews ich in letzter Zeit geben musste! Gerade gestern hat mich so ein Depp gefragt, ...

... das hast du aber schön gesagt!
Moment, nicht das da jetzt ein falscher Eindruck entsteht, die meisten haben wirklich was in der Birne, aber der gestern fragte mich, Frau Kamp, sie haben ja jetzt auch ein Sexbuch raus gebracht, was können Sie uns denn jetzt noch mitteilen, was die Welt noch nicht gesehen hat. Da lange ich mir an den Kopf!

Wie reagierst du darauf?
Ich fragte ihn, ob er nicht mal einen Hauch hätte recherchieren können? Denn dann hätte er, bevor jetzt diese beknackte Frage stellt, gemerkt, dass ich gar kein Buch geschrieben habe!

Das kann man nur so stehen lassen. Wirst du eigentlich auf der Straße häufig erkannt?
Eigentlich nicht, nur manche gucken, und dann habe ich das Gefühl, das ist dann so der Blick, den man hat, wenn man denkt, die kenne ich doch, ist die nicht mittwochs bei mir in der Stillstunde? Was aber vielleicht auch daran liegt, dass ich privat immer ungeschminkt bin und Jeans und T-Shirts trage.

Weißt du eigentlich, dass du drei Tage nach Henry Miller Geburtstag hast?
Ach du Scheiße, ist das ’n Steinbock?

Ja.
Oh man, das wusste ich nicht.

Jep! Bis zur Lesung, ich freue mich sehr!




Vita
Nach dem Abitur in Baden-Baden studierte sie an der Schauspielschule LES COURS FLORENT in Paris. Danach viele Fernseh- und Kinofilme. Und nun ein Hörbuch. Ausgerechnet und gelungen: das Meisterwerk „Sexus“ von dem die New York Times sagt, es sei das obszönste Buch Henry Millers überhaupt.

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Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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