Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 15.10.2009

IMMER SCHÖN PIANO

Die Haushälterin ist wirklich freundlich. Gleich wird sie uns in das Züricher Wohnzimmer von Udo Jürgens durchstellen. Bei einem Künstler seines Ranges erwartet man kein besonders persönliches Gespräch, obendrein sind wir Zeitung Nummer vier an diesem Tag. Unsere Erwartungen werden nicht erfüllt. Wir sind begeistert.
Hendrik Schulte telefoniert mit Udo Jürgens.
Millionen Frauen würden es gerne wissen, ich kann jetzt einfach nachfragen: Ich erwische Sie zuhause in Zürich – wie sieht es denn in Udo Jürgens’ Wohnzimmer aus?
Na, ich würde sagen ganz gemütlich. Schöne warme Farben, so Gelbtöne, die ich sehr mag. Weiß und viele helle Farben. Sagen wir, das Augenmerk liegt auf eleganter Gemütlichkeit – das ist so mein Stil. Bücher an den Wänden, Blick in den Garten raus ...

Und? Bademantel an?
Nein! Zuhause laufe ich nie im Bademantel rum. Nur morgens, wenn ich direkt nach dem Aufstehen in meine Schwimmhalle gehe, um meine Bahnen zu ziehen, dann habe ich einen an, aber sonst eigentlich nicht.

Sie sind nun schon über 70 Jahre alt und haben einen Terminkalender wie ein 28-jähriger Popstar – wie hält man das aus?   
Ja, mein Gott, ich fühle mich einfach gut, sicher nicht viel anders als vor zwanzig Jahren. Ich bin fit und Gott sei Dank sehr gesund. Die Konzerte zu machen strengt mich übrigens nicht mehr an als früher. Ich bereite mich nur noch solider vor, als ich das früher gemacht habe, ich versuche eigentlich, nix mehr dem Zufall zu überlassen. Je älter man wird, desto klarer wird einem, dass nichts so nachhaltig und wichtig ist wie eine gute Vorbereitung. Beim Sportler genauso wie beim Musiker. Bei mir heißt das sowohl am Klavier als auch gesanglich und textlich. Das muss alles sitzen mit den Musikern, muss detailliert besprochen sein und ich darf nicht überrascht werden von schrägen Klängen von hinten, die überhaupt nicht im Ohr gefallen. Also ich weiß genau, wenn ich zur ersten Probe gehe, was die Leute jetzt hinter mir spielen werden und das muss dann einfach nur gut gespielt werden – gute Vorbereitung ist einfach alles!

Viele wissen nicht, dass Sie Musik studiert haben ...
Das stimmt, ich habe mich lange und intensiv mit klassischer Musik beschäftigt, war auch Arrangeur und alles Mögliche. Ich habe aber gemerkt, dass ich in der klassischen Musik, damals in der Ausbildung gab es keine Jazzausbildung wie heute, nicht die wahnsinnige Begeisterung entwickelt habe. Ich hab mich rumgequält mit den Beethoven-Sonaten, das war nicht so das reine Vergnügen für mich. Ich hab viel lieber frei gespielt. Ich habe Jazz gespielt und meine eigenen Sachen versucht zu entwickeln, das hat mich viel mehr interessiert.

Sie haben sich schon des Öfteren kritisch zu neuen Musikern und gecasteten Bands geäußert. Das kommt natürlich manchmal rüber wie der meckernde Alte – gibt es für Sie auch positive Überraschungen?
Natürlich gibt es die. Es wäre ja vermessen, etwas anderes zu sagen.  Die Gesamtentwicklung zu immer mehr Techno und Technik, immer weiter weg vom lebenden Musiker und vom Orchester hin zu technischen Geräten, die haben natürlich alle „Leib-und-Leben-Musiker“ mit kritischen Augen und mit wenig Begeisterung verfolgt. Obwohl wir heute im Rückblick sagen müssen, dass eine Gruppe wie Kraftwerk einen großen Beitrag zur Musikkultur geleistet hat. Nur haben sie dann billige Nachahmer gefunden, wie das immer so ist. Heute gibt es ja zu unserer Freude wieder eine große Umkehr auch hin zu lebenden Musikern, zum Live spielen. Deshalb bin ich sehr versöhnt eigentlich. Es muss alle Formen der Musik und alle Formen des Experiments geben, das gehört dazu. So sehe ich auch die ganze Technik und Technoentwicklung, die es da gab und weiterhin gibt, als einen wichtigen Beitrag. Auch wenn ich sagen muss: Abends vor dem Schlafengehen würde ich mir jetzt keine Technoplatte reinziehen oder Trashmetal.

Mmmh ...
Bitte?

Nichts. Ich hatte mir die Szene nur mal kurz vorgestellt.
Das sind Versuche, mit einer Zeit fertig zu werden. Mit Aggression eine Ausdrucksform zu finden, die in eine gewaltbereite Zeit passt. Ich persönlich glaube, dass Gewalt auf der Bühne nicht die richtige Ausdrucksform ist. Aber dennoch: Versuche müssen gemacht werden in alle Richtungen, das ist lebendiges Musikleben und deswegen sehe ich das alles durchaus nicht nur negativ.

Außerdem scheint sich der Trend doch auch wieder zum echten Mensch auf der Bühne entwickelt zu haben.
Das Publikum hat eine große Sehnsucht, auf der Bühne einen Robbie Williams zu sehen. Und zwar auch weil sie wissen, da stehen Gitarristen hinter ihm auf der Bühne, das ist nicht nur synthetisch erzeugt – das ist echt! Orchester werden wieder gern gehört und alles Mögliche – alles positive Anzeichen.

Wie komponiert Udo Jürgens – unter der Dusche? Am Klavier?
Am Klavier schon eher. Also unter der Dusche wird nicht gesungen. Bei mir zuhause jedenfalls. Da lasse ich höchstens ein paar Urschreie ab unter eiskaltem Wasser. Ich fahre am liebsten weg, zum Beispiel nach Portugal in mein Haus, um mich zu sammeln, dann habe ich Notizen, die ich mir anschaue, dann versuche ich, viel Klavier zu spielen. Dann fließt mir etwas zu oder auch nicht. Die Ausarbeitung ist aber entscheidend, dass man nicht mehr locker lässt, bis das wirklich eine runde Angelegenheit ist. Jeder Song.

Wenn man sich mit ihrer Karriere beschäftigt, findet man auffallend wenig Streits in der Öffentlichkeit. Kaum Feinde, Hetze oder irgendwelche Boulevardschlachten.
Mit mir kann man schwer streiten. Einer meiner größten Fehler ist meine Harmoniesucht. Die führt zwar dazu, dass ich wenig streite, aber vielleicht wäre es manchmal besser, ich würde in manchen Situationen eine Klärung durch eine harte Auseinandersetzung herbeiführen. Ich neige dazu, die Dinge auf die sehr lange Bank zu schieben. Und irgendwann explodiert dann alles um mich herum.

Wenn sich diese vielleicht unterdrückten Emotionen in guten Kompositionen entladen, dann ist es auf eine andere Art doch wieder fruchtbar?
Meine Fehler haben sich tatsächlich auch als sehr positiv für mich herausgestellt. Daher denke ich mir, jeder Mensch muss lernen, mit seinen Fehlern umzugehen. Trotzdem, meine Harmoniesucht und fast Streitunfähigkeit ... manchmal bin dadurch auch fürchterlich ausgenutzt worden und alles Mögliche. Aber gut. Das ist eben so.

Wie oft sind Sie auf den Satz angesprochen worden „Frauen über vierzig haben keinen Sex“, den Sie angeblich gesagt haben?
Viertausendmal und immer wieder falsch zitiert!! Daran werde ich nicht so gerne erinnert. Ich habe mich sicher in Eile etwas ungeschickt ausgedrückt, das gebe ich gerne zu. Aber ich habe natürlich nicht gesagt, dass Frauen über vierzig keinen Sex haben, weil so dumm bin ich nun wirklich nicht, dass ich so einen Blödsinn reden würde. Man kann mir alles Mögliche nachsagen, aber eine penetrante Dummheit nicht.

Was haben Sie denn nun tatsächlich gesagt?
Ich habe gesagt, dass ein jeder Mensch mit vierzig an so eine Schwelle des Lebens kommt, wo er sich etwas mehr Gedanken um seine Partnerschaften, auch um sexuelle Partnerschaften macht, als mit zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren.

Da wird Ihnen kaum jemand widersprechen ...
Ich glaube, dass das nur wahr ist. Ich war damals in Eile auf dem Weg zur Bühne, habe das vielleicht nicht geschickt ausgedrückt und dann wurde da eine Schlagzeile draus. Aus einem ganz harmlosen Interview übrigens, das auch vollkommen richtig abgedruckt war und gar keine Sensation war. Erst durch die Umdrehung eines Satzes, der zur Schlagzeile gemacht wurde, wurde der Skandal entfacht.

Das ist, glaube ich, der einzige Fall, wo man sich richtig auf Sie gestürzt hat. Um nicht zu sagen: verbal einen Panzer auf Ihnen gewendet hat ...
In der Tat. Dadurch konnten sich deutsche Psychologen im Fernsehen über mich auslassen und mich als „senilen und impotenten alten Sack“
bezeichnen. Als „impotenten Sack“. Ich musste eine schwere Ehrenbeleidigung über mich ergehen lassen. Da habe ich mich auch gefragt, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich inzwischen leben. Also, dass man ungestraft einen Menschen extremst beleidigen kann und zwar über das Medium Fernsehen, ohne dass man zur Rechenschaft gezogen wird. Man hat mich also wirklich als alten senilen Sack bezeichnet, als impotenten Sack! Also ich muss Ihnen ehrlich sagen, das habe ich nicht gern gehört. Meine Kinder haben mich sofort angerufen und haben gesagt „Hast du das gesehen im Fernsehen? Papa, das ist ja schrecklich, was sagen die denn da über dich?“ Da überlegt man sich schon manchmal, ob die noch alle Tassen im Schrank haben in unserer modernen Medienwelt. Aber gut. Das ist zweifellos aus dem Ruder geraten, diese Sache, aber da muss man den Stahlhelm aufsetzen, die Schultern hochziehen und da einfach durch. Es geht vorbei wie ein Unwetter, aber ich frage mich, warum es so was geben muss. Wegen nichts und wieder nichts [lacht].

Vielen Dank für das Gespräch!


[Anm. in eigener Sache: Für alle, die es schon nach der ersten Zeile des Vortextes bemerkt haben: Dieses Gespräch haben wir in weiser Voraussicht bereits im Jahr 2005 und damit vor Erscheinen der ersten Stadtgeflüster-MZ-Seite für Sie aufgezeichnet. In den letzten Tagen hatten wir nämlich so einiges Zeitraubendes zu bewerkstelligen: Die „nanu – Die Wochenschau“ ist seit gestern sowohl als Heft als auch online (www.nanu.de) in tollem neuen Gewand auf dem Markt ... Viel Spaß beim Lesen!]




Vita
Udo Jürgen Bockelmann wurde 1934 im österreichischen Klagenfurt geboren, wuchs auf dem elterlichen Schloss Ottmanach in Kärnten auf und studierte unter anderem am Mozarteum in Salzburg Musik. Auf Bachsonaten und so ein Zeug hatte der Udo aber nicht wirklich Bock – wer’s kann, komponiert halt lieber selber. In diesem Fall unter anderem für Shirley Bassey und Quincy Jones! Udo Jürgens, der Mann im weißen Bademantel, gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Musiker.

Kommentare

Bisher wurden keine Kommentare abgegeben.

Neuer Kommentar
Sie schreiben als:

Kommentar:





Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
Benutzeranmeldung