Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 08.10.2009

LONDON CALLING

Der Name Branko Tomovic löst bei vielen Menschen bestimmt nur ein Achsel-zucken aus. Dabei ist der gute Mann gebürtiger Münsteraner, Schauspieler, wohnhaft in London und auf den heimischen TV-Bildschirmen und Kinoleinwänden kein Unbekannter. Bella Block, Siska, Ein Fall für zwei, The Bourne Ultimatum und Die Päpstin zählen zu seinen bisherigen Projekten. Um 17 Uhr MEZ will er mich anrufen und noch viel mehr über sich und seine Karriere berichten. 17:02 Uhr! Mein Telefon klingelt, die Telefon-Flatrate auf’s europäische Festland steht ...
Claus Hensel telefoniert mit Branko Tomovic.
Claus Hensel vom Stadtgeflüster Münster!
Branko Tomovic! Wir hatten heute einen Interview-Termin!

[Anm.: Wir klären die „Spielregeln“ und verständigen uns auf ein „du“.]

Sitzt du bequem in London?
Bei mir ist alles gut. Ich sitze gerade in diesem komischen Konferenzraum von meiner Presseagentur. Die haben mich hier alleine reingesetzt und nun habe ich Zeit. Fangen wir an!

Ich muss am Anfang ein wenig in die Groupie-Kiste greifen. Wie ist es mit prominenten Schauspieler-Kollegen vor der Kamera zu stehen?
Eigentlich ganz normal.

Du hast immerhin mit Leuten, wie Matt Damon und John Goodman gearbeitet. Bleibt es da bei einem Smalltalk?
Nein! Die sind wirklich entspannt. Natürlich ist eine Begegnung beim ersten Dreh aufregend, aber das legt sich. Insgesamt ist es einfacher mit solchen Kollegen zu arbeiten.

Das musst du mir erklären!
Matt Damon muss zum Beispiel nichts mehr beweisen, der ist mit sich im Reinen. Das spiegelt sich am Set wieder.

Schauen Etablierte nicht gerade argwöhnisch auf Neulinge und ihre Fehler?
Deswegen gab es vorher ein Casting und diese funktionieren wie ein Filter. Schon Agenten funktionieren wie ein Filter. Wenn du als Schauspieler also an einem Set bist, dann hast du auf jeden Fall schon etwas geleistet und verschiedene Stufen durchlaufen. Dann haben die Verantwortlichen und deine Kollegen auch Vertrauen in deine Person. Niemand kann riskieren, dass ständig etwas aufgrund deiner Person wiederholt werden muss. Im Grunde halten der Caster und der Agent ihren Kopf für dich hin.

Und? Sind schon Köpfe gerollt? Hast du schon mal einen Blackout vor der Kamera gehabt?
[Lacht] Bis jetzt zum Glück noch nicht!

Könnte man dies als die größte Angst eines Schauspielers betrachten?
Wenn du aufgrund von Versprechern die Produktion blockierst, dann ist das schon sehr peinlich. Auf der Bühne kommt das natürlich nicht gut an, da die Zuschauer Zeuge werden. Beim Film macht man fünf Minuten Pause und versucht danach einen neuen Take.

Du warst auf dem Lee Strasberg Theatre and Film Institute in New York! Was sollen dir denn dann jetzt noch für Fehler unterlaufen?
Ich weiß nicht, ob es die angesehenste Filmhochschule ist, aber sie hat auf jeden Fall ihren Ruf und Mythos. In den 50er Jahren waren dort James Dean und Marylin Monroe, und in den 70er Jahren Robert De Niro und Al Pacino als Schüler.

Na siehste! Die sind auch alle berühmt geworden.
Das ist aber kein Selbstläufer. Meine Lehrer wurden noch selbst von Lee Strasberg unterrichtet und waren in der Klasse von Robert De Niro und Al Pacino. Die haben nie den Durchbruch als Schauspieler geschafft und haben ihren Frust an uns Schülern ausgelassen. Es gab aber auch Lehrer, die darin ihre Erfüllung gesehen und ihr Wissen an uns weitergegeben haben.

Wie bist du damals nach New York gekommen?
Ich habe einen Artikel über das Institut in der „Cinema“ gelesen. Dann hab ich erstmal ein Jahr gejobbt, um Geld zu sparen. Danach ging alles ganz schnell. Irgendwie wollte ich auch weg aus Deutschland. Plötzlich saß ich zum ersten Mal im Flugzeug und dann auch noch direkt nach New York. Ich hatte zwei Wochen Zeit mir eine Wohnung zu suchen, bevor die Schule anfing. Mit dem ersten Tag am Institut war ich auch schon mitten drin im Trott. Von morgens 9 Uhr bis abends um 18 Uhr Unterricht, danach mussten wir noch Szenen für den nächsten Tag vorbereiten. Das war schon sehr anstrengend.

Du hast also noch keine Bleibe in den USA gehabt, als du New Yorker Boden betreten hast?
[Lacht] Genau! Das organisiert nicht die Schule. Das muss jeder selbst hinbekommen. Ich habe drei Wochen in einem heruntergekommenen Hotel gewohnt. [Lacht] Da hauste ein Mix aus Studenten und Nutten! Aber das ist dann eben New York.

Hängt Deutschland mit Schauspielschulen hinterher?
Ganz und gar nicht. Es gibt sogar sehr gute Schulen in Deutschland, aber ich wollte keine Bühnenausbildung machen. Im Grunde ist Schauspielerei dasselbe. Da ist es egal, ob man auf der Bühne oder vor einer Kamera steht. Ich bin aber kein Fan von lautem Sprechen und übertriebenen Gesten wie es in Deutschland gelehrt wird, sondern von natürlichem Schauspiel.

Das ist die amerikanische Philosophie?
Auf jeden Fall die von Lee Strasberg und vielen amerikanischen Schauspielern. Ein weiterer Vorteil meiner Ausbildung war, dass ich meinen Stundenplan individuell gestalten konnte. Natürlich gab es Grundkurse, Schauspielklassen, aber dazu suchte man sich noch weitere Seminare, wie Gesang oder Tanz. Du bist dort drüben sehr frei. [Lacht] Oh man! Das ist alles schon lange her. Ich weiß das gar nicht mehr so genau.

Ich wollte aber eigentlich jetzt noch einen Schritt zurückgehen! Hattest du schon in der Schule ein Faible für Verkleidung, Singen, Tanzen, Schauspielerei?
Überhaupt nicht. Es gab bei uns zwar eine Theatergruppe, aber das war nichts für mich. Außerdem ist Verkleiden nicht gerade ein Anzeichen für Schauspielerei. [Lacht herzhaft] Ich glaube, dass jemand, der unter einer gespaltenen Persönlichkeit und Schizophrenie leidet, den Weg eines Schauspielers locker einschlagen kann.

Du hast vorhin Castings erwähnt. Bist du noch nervös, wenn du für eine Rolle vorsprichst?
Früher war ich sehr nervös. Heute ist das nicht mehr so. Man kommt in den Raum und hat meistens eine Mauer von Leuten vor sich: Casting-Director, Regisseur, Produzent und andere Assistenten.

Wie sind die Erfolgsaussichten?
Es gibt schon viele Absagen. Man ist entweder zu jung, zu alt, zu schräg oder zu nett.

Da kommt doch Existenzangst auf!
Definitiv! Ich würde das sogar als Permanentzustand bezeichnen. Zum Beispiel höre ich von meinem englischen Agenten nie, warum ich die Rolle nicht bekommen habe. Die Gründe können dermaßen beliebig sein. Das tut bei einem tollen Projekt sehr weh.

Wie ist das Image eines deutschen Schauspielers im Ausland?
Natürlich ist es schwierig, da man nicht in seiner eigenen Sprache spielt. Ich bin aber der Meinung, dass man seinen Nachteil zum Vorteil wandeln kann. Ich spiele viele europäische Rollen, das kommt mir zugute. Eine derartige Nische ist für den Anfang absolut in Ordnung.

Du bist nun im Kino in „Die Päpstin“ zu sehen. Wie läuft so eine internationale Produktion ab?
Der Film wurde komplett auf englisch abgedreht. Trotzdem musste ich noch mal, auch für den deutschen Markt, nachsynchronisieren.

Synchronisierst du dich immer selbst ins Deutsche?
Ja, wenn es zeitlich hinkommt. [Lacht] Es ist zum Glück noch nicht so wie in Polen. Ich habe mal gehört, dass es dort einen Synchronsprecher für alle Rollen eines Films gibt, egal ob weibliche oder männliche Rollen. Es gibt in Deutschland aber so gute Sprecher, da hätte ich nichts dagegen, wenn die mich sprechen würden.

Kommst du neben der Arbeit noch zu irgendwelchen Hobbys?
Leider komm ich in letzter Zeit aufgrund der Arbeit sehr wenig zum Malen. In New York habe ich mit einem Kunststudenten zusammengewohnt. In London bin ich dann wieder angefangen und hatte mittlerweile auch drei Ausstellungen. Die Bilder stoßen bei vielen aber nicht auf große Gegenliebe. Alles sehr düster und dunkel, wie die Rollen, die ich in letzter Zeit spiele. [Lacht] Selbst meine Mutter hasst meine Bilder und schämt sich dafür. Sie meinte, ich sollte mal etwas Schönes malen. Blumen oder ähnliches. Alles was dabei herauskam waren Disteln. Meistens fehlen auch Körperteile und Augen in meinen Bildern. Ich will wirklich wieder anfangen zu Malen und eine neue Ausstellung auf die Beine stellen.

Gibt es die Rolle deines Lebens?
Das ist sehr schwierig. Alles ist so unvorhersehbar und überhaupt nicht unter deiner Kontrolle. Du kannst nur so gut spielen, wie du spielen kannst. Du musst auch einen guten Agenten haben. Es muss einfach alles stimmen und manchmal musst du zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ein großes Ziel wäre mit Regisseuren wie David Lynch und Tim Burton zu arbeiten.

Eine Heimkehr in den Münsteraner Tatort steht jetzt nicht auf deinem Wunschzettel?
[Schmunzelt] Ich würde es total gerne machen, zumal ich dann meine Eltern und meine Schwester wieder sehen würde. Ich habe noch nie einen Tatort gemacht, aber das könnte ich mir wirklich vorstellen.

Vielen Dank für das Telefonat und grüß mir die Insel!




Vita
Branko Tomovic kam 1977 in Münster zur Welt. Seine Setcard sagt folgendes über ihn aus: 1,85 Meter, braunhaarigrig. Sprachen: englisch, bosnisch, kroatisch, russisch, serbisch, serbokroatisch. Dialekte: westfälisch. Hobby: Bühnenkampf, Fitness, Kampfsport, Leistungsschwimmen, Wasserball. Führerschein: Klasse 3. Über New York verschlug es in nach London. Von hier startet er seine Projekte in die internationale Film-Branche. www.inka-stelljes.de

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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