Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 17.09.2009
HAI SOCIETY

Ein ursprünglich münsterscher Baron, dessen Wahlheimat New York ist und der sich leidenschaftlich für den Schutz der Haie einsetzt, ist für einen Tag in unserer Stadt. Im Rahmen der Ausstellung „SAVE THE SHARKS!“ wird er heute Abend in der Galerie FB69 einen Vortrag über sein Engagement zur Erhaltung der Meere halten. Für uns Grund genug, um Baron Josef Baron Kerckerinck zur Borg zu treffen und uns mit ihm über über die Weiten, die Tiefen und die Bewohner der Ozeane auszutauschen.
Swantje Diepenhorst trifft Josef Baron Kerckerinck zur Borg.
Wie sind Sie denn – nach einer schon turbulenten Lebensgeschichte – schließlich darauf gekommen, Haie zu schützen?
Ich habe vier Töchter, drei erwachsene und dann noch eine fünfjährige. Ich habe zur Jahrtausendwende meine Töchter auf die Bahamas eingeladen, wo mich meine dritte Tochter, die damals Meeresbiologie studierte und begeisterte Taucherin war, auf einen Tauchgang mitgenommen hat. Obwohl ich eigentlich nicht vorhatte, mit 60 Jahren noch Taucher zu werden, willigte ich dennoch ein. Am Ende ist Phillipa in den zwei Wochen Urlaub nur das eine Mal zum Tauchen mitgekommen – die Mädels sind immer ausgegangen und morgens um fünf Uhr nach Hause gekommen – und ich ging um diese Zeit tauchen. Das hat mich einfach so gepackt.
Warum?
Es ist einfach eine so schöne Welt unter Wasser – keine Widerworte. Die Farben, die Korallen und Fische. Und so friedlich, es ist, als würde man fliegen, wenn man sich richtig austariert. Am schönsten finde ich es so auf 40 bis 60 Fuß. Tiefer zu tauchen ist gar nicht so schön, da dort die Farben fehlen.
Wann kamen die Haie ins Spiel?
Ich wollte etwas tun, was ich noch nie in meinem Leben getan hatte. So bin ich beim Surfen im Internet auf einen Käfig-Tauchgang mit großen weißen Haien gestoßen. Phillipa kam aus Pasadena in Kalifornien, ich bin aus New York nach San Diego geflogen, und wir waren die fünf Tage auf dem Schiff jeden Tag im Wasser. Mehrere Stunden verbrachten wir im Käfig, ganz nah davor neun große weiße Haie. Zusammen mit einem Wissenschaftler haben wir dann tatsächlich noch DNA-Proben entnommen. Mithilfe eines 100-cm-Speers mit scharfkantiger Hohlspitze haben wir denen etwas Haut abgeschürft.
Das klingt weniger schön und friedlich ...
Auf jeden Fall haben mich die Haie nach diesen Erlebnissen unter Wasser so fasziniert, dass ich mir sämtliche Bücher über Haie gekauft habe. Das sind hoch entwickelte Tiere, 450 Millionen Jahre alt, zum Teil viel ausgeprägtere Sinne als die der Menschen. Haie können zum Beispiel durch ein über den ganzen Körper verlaufendes Liniensystem auf Entfernungen fühlen. Deshalb schwimmen sie auch immer um einen herum, um durch die zurückkommenden Wellen, die an ihre Seitenlinien stoßen, Auskünfte über das Objekt zu erhalten. Mit Sensoren unter ihrer Nase sind sie außerdem imstande, auf eine kurze Entfernung den Herzschlag eines Lebewesens zu fühlen.
Und beißen dann zu, wenn mir das Herz bis zum Halse schlägt?
Nee, Menschen fressen die nicht. Es ist nicht so, dass ein Hai einen angreift – Menschen schmecken denen überhaupt nicht. Da die Geschmacksnerven eines Hais nur dummerweise im Maul sind, muss er erst mal einen Testbiss machen, um festzustellen, dass er „Mensch‘ nicht mag.
Wie ungünstig für die Testperson.
Davon abgesehen sind Haie äußerst faszinierende Lebewesen. Und so gefährdet: Weil die Chinesen gerne Haiflossensuppe essen, werden Millionen von Tieren umgebracht. Es gibt eine – zum Teil legale, zum Teil illegale – internationale Haiflossenmafia, die den Haien bei lebendigem Leibe die Flossen abschneidet und sie dann lebend wieder ins Meer schmeißt, wo sie unbeweglich auf dem Meeresgrund zurückbleiben. Alles wegen der Delikatesse „Haiflosse“. Kleine Boote in den Küstenbereichen bringen die Fänge zu riesigen Schiffen draußen im Ozean, wo alles gesammelt wird. Weiter gehts nach Japan und China.
Von der Quälerei mal abgesehen – sind Haie denn besonders nützlich fürs Meer?
Haie halten das biologische Gleichgewicht im Meer, welches 70 Prozent unseres Sauerstoffs produziert und damit Grundlage unseres Lebens ist. Wenn das Meer kippt, haben wir alle keine Chance. Haie sind in diesem Ökosystem die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette.
Wie ist denn die Haiflossenmafia zu bekämpfen?
Das Einzige, was ich tun kann, ist, so vielen Leuten wie möglich von dem Thema zu erzählen und das Problembewusstsein zu schärfen, damit man Druck auf Politiker erzeugen kann. Aber das ist natürlich schwierig. Die EU hat zum Beispiel inzwischen Gesetze gegen das Finning, also das bloße Flossenabschneiden und Zurückschmeißen der lebenden Tiere, erlassen. Ob die eingehalten werden, ist natürlich schwierig zu überprüfen. Tja, und ich halte Vorträge und schwimme auch viel mit Haien, um zu beweisen, dass Haie keine Killer sind.
Und warum dann immer mal die angeknabberten Surfer?
Das passiert ja ganz selten. Bei den Milliarden Schwimmgängen ins Meer werden jedes Jahr zwischen 50 und 70 Badende von Haien gebissen. Und zwischen vier und acht Menschen sterben durch Haie. Da lohnt keine Statistik. In den USA sterben zum Beispiel ungleich viele Menschen mehr durch die Weißwedelhirsche, die einem ins Auto springen.
Gibt es eigentlich Schutzzonen für Haie, wie sie für Wale häufig diskutiert und eingerichtet werden?
Unter Präsident Bush wurde auf Hawaii ein großer Marinepark zum Schutzgebiet erklärt, da darf überhaupt nicht mehr gefischt werden. Das kommt natürlich auch den Haien zugute. Aber das reicht noch lange nicht aus, es muss viel mehr passieren.
Kann es aber sein, dass die Menschen gesättigt sind von all den Schutzmaßnahmen?
Ja, die Leute denken damit aber nicht weit genug. Es reden ja alle über Global Warming. Was ja auch nicht gut ist für die Welt, die Menschen, die Tiere und alles. Wenn wir aber das Meer verlieren, sind wir alle weg, bevor wir von der Klimaerwärmung überhaupt richtig was mitkriegen. Stichwort „Global Dying“ – der Schutz des Ozeans ist wichtiger als alles andere.
Haben Sie auf Ihren Einsatz schon Reaktionen aus China oder Japan bekommen?
Ich habe noch kein Einreiseverbot in Japan, obwohl ich die Japaner immer übel beschimpfe. Aber der Walschützer Captain Watson, der mit seinem Schiff in der Arktis zwischen die Walfangboote und Harpunlinien fährt, ist von den Japanern schon in übelsten Diskredit gebracht worden.
Haben Sie schon mal Hai gegessen?
Nein, gegessen noch nicht, aber ich habe vor Jahren beim Deep-Sea-Game-Fishing schon mal Haie geangelt.
Warum haben Sie das gemacht?
Ich hatte einfach Spaß daran. Ich habe ja auch einen Jagdschein, was für viele Menschen unverständlich ist, wenn ich mich als Haischützer vorstelle. Aber für mich ist das kein Widerspruch. Gezielte Wildjagd ist ja etwas anderes als das Gemetzel der Haimafia, die Quälerei, die damit einhergeht, und das Wegwerfen von Fleisch. Ich bin damit wohl nicht der typische Tierschützer. Ich bin der Meinung, dass man Tiere schießen darf, wenn man sie auch essen will. Nicht einfach aus Jux und Dollerei. Ja, und damals das Töten der Haie – ein schönes Schiff, im Urlaub, ein bisschen angeln ...
Tut Ihnen das heute leid?
Das tut mir sehr leid, ich würde das auch nie mehr machen. Ich esse zum Beispiel auch keinen Schwertfisch mehr. Denn wenn man den heute im Restaurant bestellt, ist das meistens auch Hai, weil es Schwertfische kaum mehr gibt. Genauso wie bei den Engländern Fish & Chips auch aus Hai ist, der gefleckte Dornhai. Schillerlocke in Deutschland besteht auch aus Hai, das sind die Bauchlappen vom Dornhai.
Das merke ich mir für den nächsten Bummel übern Hamburger Fischmarkt. Herzlichen Dank für das Gespräch!
Ich habe vier Töchter, drei erwachsene und dann noch eine fünfjährige. Ich habe zur Jahrtausendwende meine Töchter auf die Bahamas eingeladen, wo mich meine dritte Tochter, die damals Meeresbiologie studierte und begeisterte Taucherin war, auf einen Tauchgang mitgenommen hat. Obwohl ich eigentlich nicht vorhatte, mit 60 Jahren noch Taucher zu werden, willigte ich dennoch ein. Am Ende ist Phillipa in den zwei Wochen Urlaub nur das eine Mal zum Tauchen mitgekommen – die Mädels sind immer ausgegangen und morgens um fünf Uhr nach Hause gekommen – und ich ging um diese Zeit tauchen. Das hat mich einfach so gepackt.
Warum?
Es ist einfach eine so schöne Welt unter Wasser – keine Widerworte. Die Farben, die Korallen und Fische. Und so friedlich, es ist, als würde man fliegen, wenn man sich richtig austariert. Am schönsten finde ich es so auf 40 bis 60 Fuß. Tiefer zu tauchen ist gar nicht so schön, da dort die Farben fehlen.
Wann kamen die Haie ins Spiel?
Ich wollte etwas tun, was ich noch nie in meinem Leben getan hatte. So bin ich beim Surfen im Internet auf einen Käfig-Tauchgang mit großen weißen Haien gestoßen. Phillipa kam aus Pasadena in Kalifornien, ich bin aus New York nach San Diego geflogen, und wir waren die fünf Tage auf dem Schiff jeden Tag im Wasser. Mehrere Stunden verbrachten wir im Käfig, ganz nah davor neun große weiße Haie. Zusammen mit einem Wissenschaftler haben wir dann tatsächlich noch DNA-Proben entnommen. Mithilfe eines 100-cm-Speers mit scharfkantiger Hohlspitze haben wir denen etwas Haut abgeschürft.
Das klingt weniger schön und friedlich ...
Auf jeden Fall haben mich die Haie nach diesen Erlebnissen unter Wasser so fasziniert, dass ich mir sämtliche Bücher über Haie gekauft habe. Das sind hoch entwickelte Tiere, 450 Millionen Jahre alt, zum Teil viel ausgeprägtere Sinne als die der Menschen. Haie können zum Beispiel durch ein über den ganzen Körper verlaufendes Liniensystem auf Entfernungen fühlen. Deshalb schwimmen sie auch immer um einen herum, um durch die zurückkommenden Wellen, die an ihre Seitenlinien stoßen, Auskünfte über das Objekt zu erhalten. Mit Sensoren unter ihrer Nase sind sie außerdem imstande, auf eine kurze Entfernung den Herzschlag eines Lebewesens zu fühlen.
Und beißen dann zu, wenn mir das Herz bis zum Halse schlägt?
Nee, Menschen fressen die nicht. Es ist nicht so, dass ein Hai einen angreift – Menschen schmecken denen überhaupt nicht. Da die Geschmacksnerven eines Hais nur dummerweise im Maul sind, muss er erst mal einen Testbiss machen, um festzustellen, dass er „Mensch‘ nicht mag.
Wie ungünstig für die Testperson.
Davon abgesehen sind Haie äußerst faszinierende Lebewesen. Und so gefährdet: Weil die Chinesen gerne Haiflossensuppe essen, werden Millionen von Tieren umgebracht. Es gibt eine – zum Teil legale, zum Teil illegale – internationale Haiflossenmafia, die den Haien bei lebendigem Leibe die Flossen abschneidet und sie dann lebend wieder ins Meer schmeißt, wo sie unbeweglich auf dem Meeresgrund zurückbleiben. Alles wegen der Delikatesse „Haiflosse“. Kleine Boote in den Küstenbereichen bringen die Fänge zu riesigen Schiffen draußen im Ozean, wo alles gesammelt wird. Weiter gehts nach Japan und China.
Von der Quälerei mal abgesehen – sind Haie denn besonders nützlich fürs Meer?
Haie halten das biologische Gleichgewicht im Meer, welches 70 Prozent unseres Sauerstoffs produziert und damit Grundlage unseres Lebens ist. Wenn das Meer kippt, haben wir alle keine Chance. Haie sind in diesem Ökosystem die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette.
Wie ist denn die Haiflossenmafia zu bekämpfen?
Das Einzige, was ich tun kann, ist, so vielen Leuten wie möglich von dem Thema zu erzählen und das Problembewusstsein zu schärfen, damit man Druck auf Politiker erzeugen kann. Aber das ist natürlich schwierig. Die EU hat zum Beispiel inzwischen Gesetze gegen das Finning, also das bloße Flossenabschneiden und Zurückschmeißen der lebenden Tiere, erlassen. Ob die eingehalten werden, ist natürlich schwierig zu überprüfen. Tja, und ich halte Vorträge und schwimme auch viel mit Haien, um zu beweisen, dass Haie keine Killer sind.
Und warum dann immer mal die angeknabberten Surfer?
Das passiert ja ganz selten. Bei den Milliarden Schwimmgängen ins Meer werden jedes Jahr zwischen 50 und 70 Badende von Haien gebissen. Und zwischen vier und acht Menschen sterben durch Haie. Da lohnt keine Statistik. In den USA sterben zum Beispiel ungleich viele Menschen mehr durch die Weißwedelhirsche, die einem ins Auto springen.
Gibt es eigentlich Schutzzonen für Haie, wie sie für Wale häufig diskutiert und eingerichtet werden?
Unter Präsident Bush wurde auf Hawaii ein großer Marinepark zum Schutzgebiet erklärt, da darf überhaupt nicht mehr gefischt werden. Das kommt natürlich auch den Haien zugute. Aber das reicht noch lange nicht aus, es muss viel mehr passieren.
Kann es aber sein, dass die Menschen gesättigt sind von all den Schutzmaßnahmen?
Ja, die Leute denken damit aber nicht weit genug. Es reden ja alle über Global Warming. Was ja auch nicht gut ist für die Welt, die Menschen, die Tiere und alles. Wenn wir aber das Meer verlieren, sind wir alle weg, bevor wir von der Klimaerwärmung überhaupt richtig was mitkriegen. Stichwort „Global Dying“ – der Schutz des Ozeans ist wichtiger als alles andere.
Haben Sie auf Ihren Einsatz schon Reaktionen aus China oder Japan bekommen?
Ich habe noch kein Einreiseverbot in Japan, obwohl ich die Japaner immer übel beschimpfe. Aber der Walschützer Captain Watson, der mit seinem Schiff in der Arktis zwischen die Walfangboote und Harpunlinien fährt, ist von den Japanern schon in übelsten Diskredit gebracht worden.
Haben Sie schon mal Hai gegessen?
Nein, gegessen noch nicht, aber ich habe vor Jahren beim Deep-Sea-Game-Fishing schon mal Haie geangelt.
Warum haben Sie das gemacht?
Ich hatte einfach Spaß daran. Ich habe ja auch einen Jagdschein, was für viele Menschen unverständlich ist, wenn ich mich als Haischützer vorstelle. Aber für mich ist das kein Widerspruch. Gezielte Wildjagd ist ja etwas anderes als das Gemetzel der Haimafia, die Quälerei, die damit einhergeht, und das Wegwerfen von Fleisch. Ich bin damit wohl nicht der typische Tierschützer. Ich bin der Meinung, dass man Tiere schießen darf, wenn man sie auch essen will. Nicht einfach aus Jux und Dollerei. Ja, und damals das Töten der Haie – ein schönes Schiff, im Urlaub, ein bisschen angeln ...
Tut Ihnen das heute leid?
Das tut mir sehr leid, ich würde das auch nie mehr machen. Ich esse zum Beispiel auch keinen Schwertfisch mehr. Denn wenn man den heute im Restaurant bestellt, ist das meistens auch Hai, weil es Schwertfische kaum mehr gibt. Genauso wie bei den Engländern Fish & Chips auch aus Hai ist, der gefleckte Dornhai. Schillerlocke in Deutschland besteht auch aus Hai, das sind die Bauchlappen vom Dornhai.
Das merke ich mir für den nächsten Bummel übern Hamburger Fischmarkt. Herzlichen Dank für das Gespräch!


Kommentare
Kommentar von Helmut Wipplinger:
(17.09.2009 12:41 Uhr)Gratulation zu dem tollen Artikel!
...und so lerne ich auch die MZ kennen
weitere Infos zum Thema:
www.sharkprotect.com
Herzliche Grüße aus Wien
Helmut Wipplinger (www.sharkproject.org)
Kommentar von Jochen Hofknecht:
(17.09.2009 15:53 Uhr)Gratulation!
Ich wünsche mir ein volles Haus heute Abend ;-)
LG aus Böblingen
Jochen Hofknecht
www.keep-sharks-alive.com