Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 10.09.2009

11 Feinde

Ich wähle die Nummer von Erik Wegener, um ihn zu interviewen. Er ist Journalist und Schalke-Mitglied. Da ich Dortmund-Fan bin, könnten sich die nächsten 45 Minuten zu einem kleinen Schlagabtausch entwickeln. Es bleibt aber ruhig. Wir reden über sein Buch „11 Feinde“, den fatalen Rückpass vom 19. Mai 2001, Oliver Kahn und den münsterschen Fußball.
Claus Hensel spricht mit Erik Wegener.
Herr Wegener, vier Spieltage der Fußball-Bundesliga sind vorüber. Wo landet Schalke 04 am Ende der Saison?
Der Tabellenplatz ist mir absolut schnuppe. Das ist eine Übergangssaison. Entscheidend ist: Die Mannschaft muss ein Gefühl rüberbringen. Mir ist es wichtig, dass wieder mitreißender Offensiv-Fußball gespielt wird. Der Knappe will staunen, „Boah“ schreien, juchzen, aufspringen.

Aber man muss doch ein Ziel haben.

Diesmal nicht. Alle Schalker dürs­ten danach, dass man sich die Augen reiben kann und fragt: „Was war das denn jetzt für ein super Spielzug?“ Momentan blüht ein Farfán auf und auch ein junger Kerl wie der Moritz schießt Tore. Da können die ruhig mal ein Heimspiel verlieren. Das Bauchgefühl muss einfach stimmen, die Fans müssen sich neu verlieben in die Kenias, Holtbys und Bordons.

Wie sind sie ein Königsblauer geworden?
Das war 1977, in der großen Zeit von Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik, da habe ich mit meinen Eltern einen Stadtbummel gemacht. Auf der Hammer Straße, in der Nähe der Josefs-Kirche, sind wir bei „Sport Arends“ vorbeigekommen. Es war Anfang der Saison und das ganze Schaufenster war königsblau dekoriert. Trikot, Schal, Ball, Mannschaftsposter, alles im schönsten S04-Blau.

Waren Sie verzaubert?
Ich stand wie paralysiert vor dem Schaufenster. Mein Vater hat mich dann mit in den Laden genommen und am Ende bin ich mit Schalke-Trikot, Hose und Mannschaftsposter nach Hause gegangen. Das war eine Weltklasseaktion von ihm.

Sind Sie stolz nach Hause gegangen?
Ich war richtig high, tagelang wie berauscht. Das Mannschaftsposter wurde sofort im Kinderzimmer aufgehängt. Man muss dazu sagen, dass Schalke 04 zu der Zeit eine wirklich starke Mannschaft hatte mit Sobieray, Fichtel, Bongartz, Lütkebohmert. Schalke wurde Vizemeister und hat attraktiven Fußball gespielt. Mit dem Trikot war ich endgültig ein Schalker!

Blau und Weiß war also ausschlaggebend?
Königsblau ist als Farbe sehr ansprechend, sehr dominant, und irgendwie ist Münster ja auch eine Schalke-Stadt. Gelsenkirchen ist ja nur 70 km entfernt.

[Entsetzt] Wie bitte?
[Lacht] Gut, es gibt sicherlich auch ein paar BVB-Fans, aber das brauchen wir jetzt nicht weiter zu besprechen.

Jetzt muss ich mich aber mal als Dortmund-Fan outen!
Meinetwegen. Ich bin Journalist und da entwickelt man eine gewisse Neutralität und Distanz. Andererseits bin ich in der Zwickmühle. Wenn sich bei mir die blau-weiße Seele zeigt, dann sehe ich die Schwarzgelben nicht so gerne.

Letzte Saison haben wir Dortmunder genau so viel erreicht wie die Schalker, nämlich nix! [Lacht] Gut, wir waren neun Punkte vor Schalke!
Sicher haben die Kartoffelkäfer eine deutlich bessere Saison gespielt. Aber das hat mich nicht gejuckt. Der Ärger über den Schalker Grottenfußball mit Rutten, Engelaar & Co. hat alles überdeckt.

Kommen wir auf Ihren Beruf zu sprechen. Sie haben einen Roman mit dem Titel „11 Feinde“ geschrieben, der seit Anfang Mai erhältlich ist. Für mich sind Fußballromane unüblich. Man kennt eher Sachbücher.
Als Journalist will man irgendwann auch mal ein Buch schreiben. Die Form des Romans lag sehr nahe. Ich wollte mich einfach auf diese exotische Schiene wagen. Man erinnert sich dann an Ereignisse, die einen emotional packen. Das ist bei mir erstens der FC Schalke, und zweitens das Jahr 2001 mit der Vier-Minuten-Meisterschaft. Man sollte kein Buch über eine Sache schreiben, der man leidenschaftslos gegenübersteht. Das wird dann nicht gut.

In Ihrem Buch entführt der Protagonist, ein Schalke-Fan, den Mannschaftsbus des FC Bayern mit allen Spielern. Ist das ein Racheakt für 2001?
Eher eine Donquichotterie. Man kann sich dafür nicht rächen. Da müsste man eher noch mal mit dem Schiedsrichter sprechen, diesem Zahnarzt, der damals das Spiel HSV gegen Bayern verpfiffen hat. Sie nennen Markus Merk, ich nenne einmal Matthias Schober. Damaliger Torwart der Hamburger, der einen angeblichen Rückpass in die Hände nahm. Bayern bekam einen Freistoß und machte das Tor. Warum hat Schober den Ball nicht auf die Tribüne gedroschen? Diese Frage habe ich längst abgehakt.

Paradoxerweise ist Schober jetzt Ersatztorwart bei Schalke. Hat man ihm die damalige Aktion verziehen?
Schobi ist auf Schalke sehr beliebt. Natürlich wird er oft darauf angesprochen, aber von Schalker Seite haben ihm da wohl die Wenigsten einen Vorwurf gemacht. Man muss das auch mal differenziert sehen.

Ach ja?
Es ist immer leicht zu sagen: „Hätte er den Ball auf die Tribüne geschlagen, wäre Schalke Meister gewesen!“ Die Regel sagt, der Keeper darf den Ball nicht aufnehmen, wenn man ihn kontrolliert und ohne Not zum Torhüter zurückspielt. Der Hamburger Tomas Ujfalusi aber hat den Ball in allerhöchster Bedrängnis durch Paulo Sergio nur grob in Richtung Torwart gespitzelt. Das war kein Rückpass, also definitiv eine Fehlentscheidung!

Von der Seite kann man das auch sehen.
Schober wird sich keiner Schuld bewusst gewesen sein. Wenn der Schiedsrichter nicht gepfiffen hätte, wären ja wertvolle Sekunden vergangen. Schober hätte den Ball aus der Hand abschlagen können.

Wo haben Sie 2001 das Spiel gesehen?
Ich war im Parkstadion auf der Gegengeraden und habe die letzten vier Minuten zwischen Hamburg und Bayern apathisch auf der Videoleinwand verfolgt.

Wie fühlte sich das an?
Intensiver geht es nicht. Das war eine surreale Stimmung, die ich nie vergessen werde. Ich habe vor kurzem noch mit dem Stadionsprecher der Schalker gesprochen. Er hatte damals durch die Lautsprecher verkündet, dass das Spiel in Hamburg noch läuft. Gehört hat das niemand.
Zurück zum Buch! Der Protagonist, Schalke-Fan und wohnhaft in München, entführt den Bayern-Bus. Klingt ein Stück autobiografisch!
Das stimmt. Es macht Spaß, erstmal von sich selbst auszugehen. An manchen Stellen steckt wirklich sehr viel von mir in Niko. An anderen Stellen wiederum nur fünf Prozent.

Ihr Held heißt Niko Malente. Hört sich irgendwie nach der Sportschule des schleswig-holsteinischen Fußballverbandes an, in der 1974 die deutsche Nationalmannschaft ihr WM-Trainingslager abhielt.

Das stimmt. Ich habe eine Sammlung von WM-Chroniken. Und in der Ausgabe von
1974 habe ich wohl zu oft rumgeblättert. Malente klingt norddeutsch, westfälisch und irgendwie eigenbrötlerisch. Das passt ganz gut.

Jetzt bekommt Niko Hilfe. Sein Freund, ein arbeitsloser 1860-München-Fan, macht bei der Entführung mit. Gibt es eine Fanfreundschaft zwischen Schalke und den Löwen?
1860 ist geil! Münchens große Liebe! Der beste Verein, mit dem man sich verbünden kann. Der Widerpart zum FC Bayern. Die Fanlager von Schalke und 1860 sind ähnlich, beide haben diese Inbrunst, beide müssen viel aushalten und die Vereinskassen sind oft leer.

Ich stelle mir die Entführung einmal in der Wirklichkeit vor. Es ist 2001, die Bayern sind Meister und auch noch auf dem Weg zum Champions-League-Titel. Wie entführt man einen Bus, in dem sich Oliver Kahn befindet?

Kahn ist durch einen Zufall gar nicht dabei. Das erleichtert die ganze Sache für die Entführer erheblich. Der Titan hat ein überdimensionales Ego, deswegen passte er nicht in mein Buch.

Vielleicht war er gerade in der Disko? Eine Vorstufe seiner noch folgenden Partyzeit! Beschreiben Sie doch mal kurz Ihr Leben als Schalker in München.
Das Bitterste: Ich bin hier räumlich extrem weit weg vom Ruhrgebiet und Königsblau. Es gibt fünf Tageszeitungen, aber nur ein Thema: die Dribbeldiva Ribéry. Spielt er in der Mitte, spielt er links, will er zu Real, ist er verletzt? Mich ödet das an. Zum Glück gibt es die „Isar-Schalker“, das ist ein supernetter Fanclub. Mit denen gehe ich öfter kicken.

Sie habe Ihre Jugend in Müns­ter verbracht. Gibt es eine Verbindung zu Preußen Münster?
Klar, der SCP ist mein Sandkastenverein. Wir haben immer nur einen Steinwurf vom Preußen-Stadion gewohnt. Mein Vater ist seit 38 Jahren Stadiongänger bei den Adlerträgern. Der macht alles mit, auch jetzt in der Regionalliga. Manchmal bin ich auch noch live dabei. Leider sind dann immer so langweilige Dorfklubs zu Gast wie Lotte oder Verl. Ganz ehrlich: Da gucke ich lieber FC Bayern gegen den VfB Stuttgart in der Arroganz-Arena.

Vielen Dank für das Gespräch und Glück auf!

Erik Wegener
Vita Erik Wegener, 1967 in Koblenz geboren, wurde schon früh mit dem königsblauen Virus infiziert. In Münster aufgewachsen, studierte er Germanistik und Journalistik in Bamberg und Salamanca (Spanien). Seit 2005 arbeitet er als freier Autor für verschiedene Medien, darunter SPIEGEL online, Financial Times Deutschland, 11 Freunde, Abendzeitung, Sportschau.de und Eurosport.de. Mit dem provokanten Schalke-Roman „11 Feinde“ (Kunst- und Textwerk Verlag, Paperback, 9,80 Euro, www.elffeinde.de) verarbeitet er die Saison 2000/01. Vielleicht gibt es in dieser Saison für ihn ein königsblaues Wunder!

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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