Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 20.08.2009
Biografische Fantasie eines Puppenspielers

Die Mauer war frisch gefallen, da ging ein junger Künstler nach Berlin. „Alle wollen da hin, deshalb will ich das auch“, singt Rainald Grebe selbst. Aufgrund einer diffusen Idee seiner Zukunft und dem Wunsch, leicht in den Hintern getreten zu werden, studierte er dort Puppenspiel, was seine Kunst bis heute prägt. Jede Textzeile beschießt vehement eine kleine Schnittstelle zwischen Komik und Tragik. Jeder Schuss trifft! Wie viel akribische Nachdenklichkeit hinter etwas so Lustigem steckt, hat mich überrascht…
Malte Limbrock telefoniert mit Rainald Grebe.
Guten Tag, Herr Grebe! Wo stecken Sie eigentlich gerade?
Ich bin zuhause in Berlin.
Arbeitszimmer, Couch…?
Ich laufe hier gerade durch meine Wohnung mit dem Handy am Ohr.
Sind Sie auch so ein Herumlauf-Telefonierer?
Jaja, genau! Unser Telefonat findet im Stehen und Gehen statt.
Was liegt bei Ihnen in den nächsten Tagen so an?
Da bereite ich mich auf zwei Theaterstücke vor, die ich in diesem Jahr noch machen werde. Das muss jetzt vorbereitet werden, weil ich ja im September und Oktober wieder unterwegs bin. Also lese ich viel und schreibe.
Geht ihr Arbeitsalltag momentan eher in Berlin über die Bühne?
Alltag möchte ich das gar nicht nennen, so was hab ich eigentlich gar nicht. Ich bin leider viel zu selten hier, weil ich immer weg bin. Wenn andere Leute Urlaub machen, mach ich „schreibfrei“ oder versuche es zumindest.
Sind Sie nach Berlin gegangen, weil das alle gemacht haben?
Da ist viel Wahres dran. Man trifft hier viele Leute, die relativ planlos in dieser Stadt sind. Das ist halt diese Magnetwirkung: „Berlin muss ja toll sein, da muss ja irgendwas dran sein.“ Bei mir war’s ja genauso, als ich vor fünf Jahren wieder her gezogen bin. Ich hab grad keine feste Stelle, also geh ich nach Berlin…ist doch klar.
Und ist Berlin so toll wie alle sagen?
Es ist eher dieses Überangebot. Und das ist schon toll. Kann einen auch erdrücken, weil man kriegt das ja nicht wirklich gefasst. Da kann jeder sein Glück versuchen, jeder seine Nische finden. Das hat mich lange Zeit auch überfordert. Aber jetzt geht’s mittlerweile.
Stand die Idee, Puppenspiel zu studieren bereits in irgendeinem Zusammenhang mit einem späteren Berufswunsch?
Nee, das war eher diffus. Da war ich 21, 22, hab zwar meinen Quatsch schon gemacht, auch ne eigene Truppe gehabt, aber ich dachte: Nur so als Autodidakt? Das reicht nicht…Ich wollte in den Arsch getreten werden und was lernen. Dann zeigte mir ein Kumpel, der an der gleichen Schauspielschule Regie studieren wollte, einen Wisch von der Puppenspiel-Abteilung, die kaum einer kannte, weil sie total klein ist. Und ich dachte: Das ist ja verrückt. Hab mich beworben und das studiert!
Was lernt man da so?
Man lernt sehr viel. Ich glaube, von allen Kunststudien hat das Puppenspiel-Studium am meisten Fächer. Man hat alles auf dem Lehrplan, was auch die Schauspielschüler haben, hat teilweise auch mit denen Unterricht. Dann kommt aber noch Puppentheater und Objekttheater dazu. Das ist sehr weit gefasst und gar nicht mal so übel. Man hat da eher ein Überforderungsproblem: Die Schauspielschüler lernen halt Schauspiel, was allein ja schon eine Lebensaufgabe ist. Und wir schnitzen dann zusätzlich noch an Köpfen rum und wedeln mit irgendwelchen Tüchern.
Was als diffuse Idee begann, hat also dennoch viel für den späteren Werdegang gebracht?
Auf jeden Fall! Man bekommt den Blick von außen, das ist ganz wichtig. Man ist als Puppenspieler auch immer Regisseur und lernt unheimlich viele Mittel kennen. Das ist eine Formenvielfalt, die mir sehr gefallen hat.
Findet man das auch in der Kunst wieder, die Sie heute auf der Bühne machen?
Ja, das glaube ich schon! Wenn man hinter so einem Kasten steht und 18 Puppen zu bedienen hat…man wechselt in Sekundenschnelle die Haltungen und die Rollen. Das ist schon prägend. Diese schnellen Wechsel von Sprechmasken, das ist Puppenspiel… mittlerweile auf Menschen übertragen vielleicht…
Wie viel Biografie steckt in Ihren Texten?
Letztlich ist alles biografisch, nur gequirlt und in Form gebracht. Die Ursprünge sind echt, das geht gar nicht anders. Jeder Satz ist irgendwie biografisch, was sonst? Auch Fantasie ist biografisch. Wenn man von einem konkreten Menschen ausgeht, dann aber den Namen ändert und noch verschiedene Facetten von anderen Personen drüberlegt, schafft man zwar Kunstfiguren, aber es letztlich alles von Dingen hergeholt, die ich erlebt habe.
War Dörte eine solche Kunstfigur? (Anm. d. Red.: Grebe besingt im Song „Dörte“ eine Ex-Freundin dieses Namens als „Ausweg aus der Spaßgesellschaft“)
Dörte war auch irgendeine Puppenspielerin, die hieß natürlich anders und war auch nicht nur durch eine Person inspiriert. Da sind mehrere zusammengeflossen.
Sie nennen die Liedermacher der 60er Jahre als Inspirationsquelle. Statt der eindeutigen politischen Richtung von damals fügen Sie ihren Texten lieber ein hohes Maß an Ironie hinzu. Braucht man als Künstler heutzutage diese Distanz zu politischen Aussagen?
Das ist ein sehr schwieriges Thema! Ich merke, dass bei diesen Eindeutigkeiten von damals, als ein Reinhard Mey, ein Hannes Wader sich auf die Bühne stellten und sangen: Sagt „nein“…zum Krieg beispielsweise…da läuft’s mir irgendwie kalt den Rücken runter. Ich möchte mich nicht mit so einer selbstverständlichen Aussage in ein Lied verpackt da hinstellen und die Faust ballen, das liegt mir sehr fern. Ich beziehe ja schon Haltung, das glaube ich schon…nur nicht in dieser linksausgelegten Haltung der 60er Jahre.
Worum geht es Ihnen stattdessen?
Es geht mir eher um Schwebezustände, um Erzählungen, die keine Lösung besitzen. Wie in einem Drama, wo verschiedene Stimmen zueinandergeführt werden. Mir geht es nicht darum , zu sagen: „Ich hasse Krieg“ oder „Hartz IV ist von vorne bis hinten verlogen und schlimm“. Auf der einen Seite ist es so, dass mir bestimmte Zusammenhänge tatsächlich nicht klar sind. Dann weiß ich zuwenig darüber, als dass ich da rumschreien könnte. Dazu sind die Dinge oft viel zu komplex. Oder die Leute sagen: „Ja, danke schön, hab ich verstanden!“ Das will ich halt auch nicht.
Da ist doch jetzt zu einem schwierigen Thema Einiges gekommen…
Ja natürlich, das beschäftigt mich ja auch bei jedem Lied, bei jeder Zeile letztlich. Es ist immer eine Entscheidungsfrage: Was schreibt man da? Was ist die Aussage? Hat es überhaupt eine? Ist das etwas, was eine Meinung oder eine Haltung vorgibt? Diese Frage stellt sich jedes Mal neu und dann merke ich, wie ich abbiege oder sage: „Nee, das interessiert nicht. Die Haltung ist uninteressant.“
Was ist Ihnen lieber: Dass die Zuschauer sich wegschmeißen oder dass sie traurig berührt nach Hause gehen?
Letztlich weder noch! Es geht darum, nicht zu langweilen, die Leute durchzuschütteln. Das Lachen ist ja immer dabei! Das find ich auch gut…muss aber nicht. Wichtig ist, dass die Zeile trifft, die man da sagt. Ob es dann letztlich in ein Lachen mündet oder nur Zuhören ist, das ist mir nicht so wichtig. Es kann immer beides sein. Wenn ich meine Songs ohne Publikum singe oder ohne große Augen zu machen, dann sind die Lieder an sich sehr traurig. Fast alle eigentlich…und wenn es eigentlich todtraurig ist und dann kippt das plötzlich, das finde ich interessant!
Ist diese Schnittestelle der Kern des Ganzen?
Ja, genau! Die Themen sind eigentlich immer todtraurig, handeln von Verlust oder Mittelmäßigkeit. Das hat aber auch was damit zu tun, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Man möchte etwas Tragisches sagen, aber sobald man es ausspricht, klingt es total lächerlich. Deshalb suche ich wahrscheinlich immer das Entladen in einer Pointe oder diese Überspitzung.
Besteht die Gefahr, dass das auch mal nicht funktioniert?
Ja, ständig!
Was würden Sie heute machen, wenn die Sache von Anfang an schief gegangen wäre?
Dann wäre ich vielleicht Dramaturg am Stadttheater. Mein erster Auftritt mit 18 war glücklicherweise ein Erfolg. Die Leute fanden es beim ersten Mal schon toll. Wenn die mich damals ausgebuht hätten, ich weiß nicht, ob ich dann weiter gemacht hätte. Das erste Mal war wie so ein Propfen, der geploppt ist. Es war ein glücklicher Umstand, der mich nie verlassen hat. Da geht dann so ein Kanal auf…
Was sind die Themen Ihres neuen Albums, das Sie auch in Münster vorstellen?
Geld und Kunst. Durch mich durchgeschossen. Die Figur, um die es geht, ist im weitesten Sinne ein Teil von mir. Ein abgewichster Alleinunterhalter, der alles macht, aber immer durchkommt. Im Januar war ich in Hongkong und hab da vor Wirtschaftsleuten gespielt. Da schloss sich der Kreis. Ich bin ja letztlich mit meinem Zeug auch in der freien Wirtschaft unterwegs. Deshalb hab ich viel zu erzählen. Viele Kollegen machen ja so Galas oder Weihnachtsfeiern von Betrieben, wo die Kunst letztlich nur Salatbeilage ist…was sie letztlich sowieso in vielerlei Hinsicht ist. Das Zusammenspiel von Geld und Kunst bietet viele Themen. Die Leute in Münster kriegen also das Hongkong-Konzert um die Ohren gehauen.
Rauchen Sie eigentlich noch?
Ich habe während dieses Interviews schon zwei Zigaretten geraucht.
War es so nervenaufreibend?
Das mache ich immer!
Es hören doch momentan alle auf…
Vielleicht höre ich auch eines Tages auf…aber jetzt noch nicht!
Vielen Dank für das interessante Gespräch!
Ich bin zuhause in Berlin.
Arbeitszimmer, Couch…?
Ich laufe hier gerade durch meine Wohnung mit dem Handy am Ohr.
Sind Sie auch so ein Herumlauf-Telefonierer?
Jaja, genau! Unser Telefonat findet im Stehen und Gehen statt.
Was liegt bei Ihnen in den nächsten Tagen so an?
Da bereite ich mich auf zwei Theaterstücke vor, die ich in diesem Jahr noch machen werde. Das muss jetzt vorbereitet werden, weil ich ja im September und Oktober wieder unterwegs bin. Also lese ich viel und schreibe.
Geht ihr Arbeitsalltag momentan eher in Berlin über die Bühne?
Alltag möchte ich das gar nicht nennen, so was hab ich eigentlich gar nicht. Ich bin leider viel zu selten hier, weil ich immer weg bin. Wenn andere Leute Urlaub machen, mach ich „schreibfrei“ oder versuche es zumindest.
Sind Sie nach Berlin gegangen, weil das alle gemacht haben?
Da ist viel Wahres dran. Man trifft hier viele Leute, die relativ planlos in dieser Stadt sind. Das ist halt diese Magnetwirkung: „Berlin muss ja toll sein, da muss ja irgendwas dran sein.“ Bei mir war’s ja genauso, als ich vor fünf Jahren wieder her gezogen bin. Ich hab grad keine feste Stelle, also geh ich nach Berlin…ist doch klar.
Und ist Berlin so toll wie alle sagen?
Es ist eher dieses Überangebot. Und das ist schon toll. Kann einen auch erdrücken, weil man kriegt das ja nicht wirklich gefasst. Da kann jeder sein Glück versuchen, jeder seine Nische finden. Das hat mich lange Zeit auch überfordert. Aber jetzt geht’s mittlerweile.
Stand die Idee, Puppenspiel zu studieren bereits in irgendeinem Zusammenhang mit einem späteren Berufswunsch?
Nee, das war eher diffus. Da war ich 21, 22, hab zwar meinen Quatsch schon gemacht, auch ne eigene Truppe gehabt, aber ich dachte: Nur so als Autodidakt? Das reicht nicht…Ich wollte in den Arsch getreten werden und was lernen. Dann zeigte mir ein Kumpel, der an der gleichen Schauspielschule Regie studieren wollte, einen Wisch von der Puppenspiel-Abteilung, die kaum einer kannte, weil sie total klein ist. Und ich dachte: Das ist ja verrückt. Hab mich beworben und das studiert!
Was lernt man da so?
Man lernt sehr viel. Ich glaube, von allen Kunststudien hat das Puppenspiel-Studium am meisten Fächer. Man hat alles auf dem Lehrplan, was auch die Schauspielschüler haben, hat teilweise auch mit denen Unterricht. Dann kommt aber noch Puppentheater und Objekttheater dazu. Das ist sehr weit gefasst und gar nicht mal so übel. Man hat da eher ein Überforderungsproblem: Die Schauspielschüler lernen halt Schauspiel, was allein ja schon eine Lebensaufgabe ist. Und wir schnitzen dann zusätzlich noch an Köpfen rum und wedeln mit irgendwelchen Tüchern.
Was als diffuse Idee begann, hat also dennoch viel für den späteren Werdegang gebracht?
Auf jeden Fall! Man bekommt den Blick von außen, das ist ganz wichtig. Man ist als Puppenspieler auch immer Regisseur und lernt unheimlich viele Mittel kennen. Das ist eine Formenvielfalt, die mir sehr gefallen hat.
Findet man das auch in der Kunst wieder, die Sie heute auf der Bühne machen?
Ja, das glaube ich schon! Wenn man hinter so einem Kasten steht und 18 Puppen zu bedienen hat…man wechselt in Sekundenschnelle die Haltungen und die Rollen. Das ist schon prägend. Diese schnellen Wechsel von Sprechmasken, das ist Puppenspiel… mittlerweile auf Menschen übertragen vielleicht…
Wie viel Biografie steckt in Ihren Texten?
Letztlich ist alles biografisch, nur gequirlt und in Form gebracht. Die Ursprünge sind echt, das geht gar nicht anders. Jeder Satz ist irgendwie biografisch, was sonst? Auch Fantasie ist biografisch. Wenn man von einem konkreten Menschen ausgeht, dann aber den Namen ändert und noch verschiedene Facetten von anderen Personen drüberlegt, schafft man zwar Kunstfiguren, aber es letztlich alles von Dingen hergeholt, die ich erlebt habe.
War Dörte eine solche Kunstfigur? (Anm. d. Red.: Grebe besingt im Song „Dörte“ eine Ex-Freundin dieses Namens als „Ausweg aus der Spaßgesellschaft“)
Dörte war auch irgendeine Puppenspielerin, die hieß natürlich anders und war auch nicht nur durch eine Person inspiriert. Da sind mehrere zusammengeflossen.
Sie nennen die Liedermacher der 60er Jahre als Inspirationsquelle. Statt der eindeutigen politischen Richtung von damals fügen Sie ihren Texten lieber ein hohes Maß an Ironie hinzu. Braucht man als Künstler heutzutage diese Distanz zu politischen Aussagen?
Das ist ein sehr schwieriges Thema! Ich merke, dass bei diesen Eindeutigkeiten von damals, als ein Reinhard Mey, ein Hannes Wader sich auf die Bühne stellten und sangen: Sagt „nein“…zum Krieg beispielsweise…da läuft’s mir irgendwie kalt den Rücken runter. Ich möchte mich nicht mit so einer selbstverständlichen Aussage in ein Lied verpackt da hinstellen und die Faust ballen, das liegt mir sehr fern. Ich beziehe ja schon Haltung, das glaube ich schon…nur nicht in dieser linksausgelegten Haltung der 60er Jahre.
Worum geht es Ihnen stattdessen?
Es geht mir eher um Schwebezustände, um Erzählungen, die keine Lösung besitzen. Wie in einem Drama, wo verschiedene Stimmen zueinandergeführt werden. Mir geht es nicht darum , zu sagen: „Ich hasse Krieg“ oder „Hartz IV ist von vorne bis hinten verlogen und schlimm“. Auf der einen Seite ist es so, dass mir bestimmte Zusammenhänge tatsächlich nicht klar sind. Dann weiß ich zuwenig darüber, als dass ich da rumschreien könnte. Dazu sind die Dinge oft viel zu komplex. Oder die Leute sagen: „Ja, danke schön, hab ich verstanden!“ Das will ich halt auch nicht.
Da ist doch jetzt zu einem schwierigen Thema Einiges gekommen…
Ja natürlich, das beschäftigt mich ja auch bei jedem Lied, bei jeder Zeile letztlich. Es ist immer eine Entscheidungsfrage: Was schreibt man da? Was ist die Aussage? Hat es überhaupt eine? Ist das etwas, was eine Meinung oder eine Haltung vorgibt? Diese Frage stellt sich jedes Mal neu und dann merke ich, wie ich abbiege oder sage: „Nee, das interessiert nicht. Die Haltung ist uninteressant.“
Was ist Ihnen lieber: Dass die Zuschauer sich wegschmeißen oder dass sie traurig berührt nach Hause gehen?
Letztlich weder noch! Es geht darum, nicht zu langweilen, die Leute durchzuschütteln. Das Lachen ist ja immer dabei! Das find ich auch gut…muss aber nicht. Wichtig ist, dass die Zeile trifft, die man da sagt. Ob es dann letztlich in ein Lachen mündet oder nur Zuhören ist, das ist mir nicht so wichtig. Es kann immer beides sein. Wenn ich meine Songs ohne Publikum singe oder ohne große Augen zu machen, dann sind die Lieder an sich sehr traurig. Fast alle eigentlich…und wenn es eigentlich todtraurig ist und dann kippt das plötzlich, das finde ich interessant!
Ist diese Schnittestelle der Kern des Ganzen?
Ja, genau! Die Themen sind eigentlich immer todtraurig, handeln von Verlust oder Mittelmäßigkeit. Das hat aber auch was damit zu tun, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Man möchte etwas Tragisches sagen, aber sobald man es ausspricht, klingt es total lächerlich. Deshalb suche ich wahrscheinlich immer das Entladen in einer Pointe oder diese Überspitzung.
Besteht die Gefahr, dass das auch mal nicht funktioniert?
Ja, ständig!
Was würden Sie heute machen, wenn die Sache von Anfang an schief gegangen wäre?
Dann wäre ich vielleicht Dramaturg am Stadttheater. Mein erster Auftritt mit 18 war glücklicherweise ein Erfolg. Die Leute fanden es beim ersten Mal schon toll. Wenn die mich damals ausgebuht hätten, ich weiß nicht, ob ich dann weiter gemacht hätte. Das erste Mal war wie so ein Propfen, der geploppt ist. Es war ein glücklicher Umstand, der mich nie verlassen hat. Da geht dann so ein Kanal auf…
Was sind die Themen Ihres neuen Albums, das Sie auch in Münster vorstellen?
Geld und Kunst. Durch mich durchgeschossen. Die Figur, um die es geht, ist im weitesten Sinne ein Teil von mir. Ein abgewichster Alleinunterhalter, der alles macht, aber immer durchkommt. Im Januar war ich in Hongkong und hab da vor Wirtschaftsleuten gespielt. Da schloss sich der Kreis. Ich bin ja letztlich mit meinem Zeug auch in der freien Wirtschaft unterwegs. Deshalb hab ich viel zu erzählen. Viele Kollegen machen ja so Galas oder Weihnachtsfeiern von Betrieben, wo die Kunst letztlich nur Salatbeilage ist…was sie letztlich sowieso in vielerlei Hinsicht ist. Das Zusammenspiel von Geld und Kunst bietet viele Themen. Die Leute in Münster kriegen also das Hongkong-Konzert um die Ohren gehauen.
Rauchen Sie eigentlich noch?
Ich habe während dieses Interviews schon zwei Zigaretten geraucht.
War es so nervenaufreibend?
Das mache ich immer!
Es hören doch momentan alle auf…
Vielleicht höre ich auch eines Tages auf…aber jetzt noch nicht!
Vielen Dank für das interessante Gespräch!


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