Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 13.08.2009

Alles auf Grün

Jörg Weber ist Jurist! „Furchtbares Gebiet“, findet er selbst. Weil es ihm viel mehr Spaß machte, wichtige Themen wie Umweltschutz journalistisch an den Mann zu bringen, gründete er die ECOreporter.de AG und die ECOeffekt GmbH. Auf seiner Internetseite Ecoreporter.de verrät er den Leuten, wo sie ihr Geld hineinstecken können, ohne dass damit Waffen produziert oder Wälder abgeholzt werden. Wie hängen grüne Geldanlagen, Nachhaltigkeit und die globale Finanzkrise eigentlich zusammen?
Vorsicht: Hier kann man was lernen!

Malte Limbrock telefoniert mit Jörg Weber
Wo erwische ich Sie denn gerade?
Wir sitzen in der Redaktion und essen Kuchen, weil eine Mitarbeiterin Geburtstag hat.

Kuchenenssen wäre jetzt auch ne nette Alternative...

Jetzt bin ich aber schon wieder in meinem Büro und bereit für das Interview!


Gut, dann los: Sie sind nicht nur Journalist, sondern auch Jurist. Warum sind Sie eigentlich nicht im Rechtswesen gelandet?
Puh, furchtbares Gebiet! Ich hab schon in der Ausbildung kaum verstanden, warum es zu den meisten Streitigkeiten überhaupt gekommen ist. Ich dachte immer, ein normales Gespräch unter Menschen hätte es auch getan. Ich find's einfach so unsinnvoll. Am meisten hat mich gestört, dass man als Jurist erst eingeschaltet wird, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Ich habe Jura studiert, weil ich Umweltrecht machen wollte.

Wann kam Ihnen die Idee, dass Umweltschutz wichtig und gut ist?

Man traut sich das ja kaum zu sagen, aber ich hab als Jugendlicher schon angefangen, Naturschutzbücher zu lesen. Die gab's ja damals schon, selbst in den 70er Jahren, das hat sich einfach durchgezogen. Insofern mach ich jetzt das, was ich immer wollte.

...und dafür sind Sie auch mit diversen Umweltpreisen ausgezeichnet worden. Was bedeutet diese Form der Anerkennung für Sie?

Freude... darüber, dass das, was wir machen, auch wahrgenommen wird. Und Genuss... dass die Sachen, die man treibt, auch eine Wirkung haben. Wir bemühen uns, in Zeiten, in denen die Branche boomt, dennoch journalistische Distanz zu wahren. Das ist manchmal eine komische Rolle. Man selbst freut sich zwar, dass es der Branche gut geht, boomt aber auch mit. Gerade in solchen Zeiten strömen die meisten schwarzen Schafe auf den Markt, um schnell noch mit abzukassieren. Da freut man sich, wenn man einen Preis dafür bekommt, dass man gerade in Zeiten des Booms auch darüber berichtet, was alles schief läuft.

Was ist genau die Funktion des Ecoreporter-Netzangebots?
Wir sind eine Redaktion, die seit 1996 tagesaktuell und ausschließlich über nachhaltige Geldanlagen berichtet. Wir geben Tipps, wo man anlegen kann und sagen auch, wo man's nicht tun sollte.

Wie finanzieren Sie diese Arbeit? Mit Online-Journalismus Geld zu verdienen ist nun nicht gerade einfach...

Wir haben uns 2004 entschlossen, da einen anderen Weg zu gehen. Und zwar indem wir sagen, wer uns komplett lesen will, der muss ein Abo bezahlen. Dass das Angebot trotzdem wahrgenommen wird, erschließt unsere größte Einnahmequelle und ist zugleich eine journalistische Befriedigung für uns. Natürlich haben auch wir Werbeeinnahmen, aber nur aus Bereichen, die etwas mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Durch die Abo-Einnahmen haben wir die Möglichkeit, bestimmte Werbung abzulehnen.

Hat man im Online-Journalismus grundsätzlich ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Ich glaube, dass die Leser das wahre Glaubwürdigkeitsproblem des Online-Journalismus noch nicht erkannt haben. Wir sehen zum Beispiel, dass unseren Interessenten nicht gleich klar ist, wo der Unterschied zwischen einem redaktionell recherchierten Text und der Veröffentlichung einer gar nicht oder nur geingfügig bearbeiteten Pressemeldung von Unternehmen liegt.

Sie machen auf ihrer Website deutlich, dass Sie Wert auf eine Distanzhaltung zwischen dem Journalisten und seinem Berichterstattungsgegenstand legen. Fällt das bei einer Sache wie Umweltschutz nicht sehr schwer?

Schon. Oft kriegen wir auch Kritik aus der Branche zurück, wenn wir sie kritisieren. Wir sind aber nicht der Meinung, dass man sich gleich alles erlauben darf, nur weil man etwas macht, dass in eine gute Richtung geht.

Zum Beispiel?

Erneuerbare-Energie-Unternehmen gehen teilweise nicht korrekt mit ihren Arbeitnehmern um. Chinesische Solarunternehmen verursachen in erstaunlicher Form Umweltprobleme in ihrer Produktion. Es gibt super saubere Unternehmen in der Branche. Und es gibt solche, die veranstalten Schweinereien und lassen ihre Abwässer auf die Felder laufen.

Sind da viele Blender unterwegs?

Etliche Blender sind im Finanzbereich unterwegs. Durchaus auch im nachhaltigen Finanzbereich. Es gibt immer wieder diejenigen, die denken: Jetzt ist gerade Nachhaltigkeit der Trend, jetzt machen wir auch mal schnell einen Solarfonds, obwohl wir gar keine Ahnung davon haben. Da ist es unsere Aufgabe, die Produkte wirklich zu prüfen, um den Leuten sagen zu können, wovon sie die Hände lassen sollen.

Woher stammt Ihr Interesse für die Themenbereiche Finanzen und Ökologie?

Mich hat der Widerspruch gereizt, dass in Sachen Umweltschutz im Grunde alles über's Geld geht, dieses Thema aber bei den Umweltverbänden total verpönt war. Die sehen Umweltschutz zum Teil heute noch als etwas an, das man mit Politik, Gesetzen und Aktionen regeln muss. Aber auch mit Geld kann man viel machen.

Geld ist also die Stellschraube, auf die Sie und Ecoreporter setzen?
Ja. Ich glaube auch, dass die Veränderungen, die wir in der Energiewirtschaft in Deutschland erlebt haben und die wir wahrscheinlich auch letztlich in Europa und den USA erleben werden, viel mehr durch Geld gesteuert werden als durch Umweltpolitik.

Welches Geld bezeichnen Sie als grün?

Damit sind Geldanlagen gemeint, die neben dem reinen Renditeaspekt auch inhaltliche Ziele verfolgen. Dabei können diese inhaltlichen Ziele ganz unterschiedlich sein. Zum Beispiel ethisch orientierte Geldanlagen, wo es darum geht, nicht in Rüstung zu investieren. Da ist grünes Geld ein Sammelbegriff, der etwas unscharf ist, der sich aber eingebürgert hat.

Was sind das für Leute, die in Nachhaltigkeit investieren?

Mittlerweile geht das quer durch die Bevölkerung. Das reicht vom Studenten bis zur Milliardenerbin.

Muss man sich sowas nicht vor allem auch leisten können? Schnelle Rendite ist da ja nicht unbedingt zu holen...

Andererseits: Die Leute, die in den letzten fünf Jahren darauf aus waren, schnelle Rendite zu erzielen, haben besonders schnell verloren. Die, die nachhaltig investiert haben, haben sich am besten gehalten. Da gibt's allerdings grüne Dagoberts, die zocken mit Solaraktien. Auch manche von denen haben Geld verloren. Die grüne Geldanlage spiegelt im Grunde alles wider, was es auch auf dem konventionellen Markt gibt, bis auf extrem spekulative Produkte. Die Renditen sind in etwa gleich oder ein bisschen besser.

Was muss man diesbezüglich aus der aktuellen Finanzkrise lernen?

Eine der wichtigsten Lehren für die Anleger sollte sein, dass man die Finger von einem Produkt lassen sollte, das man nicht versteht. Ich glaube, dass man hingegen die meisten nachhaltigen Produkte gut verstehen kann. Banken machen auch bestimmte Dinge nicht mit. Da gibt es zum Beispiel keinen Weiterverkauf von Hypothekenschulden. Man kann sagen, dass die nachhaltigen Banken in und nach der Krise sehr gut dastehen, weil sie keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

Kann die internationale Zusammenarbeit in Zeiten der Finanzkrise als Beispiel dafür dienen, dass sich Probleme im Notfall doch global bekämpfen lassen?

Ich fürchte, dass Politik sich nicht so rational verhält!

Sollte man nicht gerade jetzt abermals auf globale Probleme wie den Klimawandel aufmerksam machen?

Ja, sollte man. Trotzdem bin ich eher pessimistisch, dass die Politik oder große Unternehmen das von sich aus tun werden. Der Antrieb, da weiter was zu bewegen, wird eher von unten kommen.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages ein anderes Thema in den Vordergrund Ihrer Berichterstattung zu stellen, weil Sie keine Lust mehr auf diese Sachen haben?

Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Schlichtweg: Wirtschaft! Nicht mit Fokus auf Finanzen.

Haben Sie mal daran gedacht, in der Politik aktiv zu werden?

Nein, weil ich einfach viel zu gerne Journalist bin.

Wenn Sie morgen die Welt verändern könnten, wo würden Sie anfangen?

Da habe ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. Da kann ich jetzt nicht so schnell drauf antworten.

Deshalb ist es ja auch meine letzte Frage...

(Jörg überlegt kurz) Dann würde ich ein System in die Tat umsetzen, das transparent macht, wo Gehälter, Subventionen oder Steuern aus dem öffentlichen Bereich hinfliessen. Vor allem, was den Umweltbereich betrifft. Ich glaube, alleine dadurch, dass man wüsste, wo dieses Geld hinfliesst, würde sich schon die Richtung vieler Zahlungsströme ändern. Das könnte durchaus sinnvoll sein.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!



Jörg Weber
Jörg Weber wurde 1960 in Dortmund geboren. Er studierte Jura und erwarb bei Tageszeitungen das journalistische Rüstzeug, das ihm zu seinem heutigen Beruf verhalf. Er gründete 1997 ECOreporter.de, ein Magazin, das im Internet und gedruckt über nachhaltige Geldanlagen berichtet. Außerdem schrieb er Bücher und räumte viele Preise ab. Die ECOeffekt GmbH, eine Tochter der ECOreporter.de AG, veranstaltet am 5. September die Messe "Grünes Geld, die damit ihren 10. Geburtstag feiert. Weber moderiert diese Veranstaltung im Münsteraner Stadtweinhaus un dist bei einem Vortrag selbst zu hören.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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