Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 30.07.2009
Backline, Bullis, Bands

Der Schriftsteller Hunter S. Thompson sagte einmal: „Das Musikgeschäft ist eine grausame und hirnlose Geld-Kloake, ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen, und gute Menschen vor die Hunde gehen.“
Ich ließ mich eines Besseren belehren, traf Kristof Beliczey, und der erzählte mir, wie es wirklich ist mit Gitarren, Verstärkern und dem Leben unterwegs.
Ich ließ mich eines Besseren belehren, traf Kristof Beliczey, und der erzählte mir, wie es wirklich ist mit Gitarren, Verstärkern und dem Leben unterwegs.
Claus Hensel trifft Kristof Beliczey
Du arbeitest in der Musikbranche. Bist du Musiker von Beruf?
Na ja, eher die gescheiterte Musikerkarriere. Ich habe mal Fotolaborant gelernt und mich eine Zeit lang als Fotograf versucht.
Das ist ja ganz was anderes!
Ja, aber das war nix für mich.
Was machst du heute genau?
Seit 2003 habe ich eine eigene Firma mit Namen „2. Heimat Tourservice“. Hierbei handelt es sich um Dienstleistung im Tourneebetrieb.
Wie landet man in dieser Branche?
Also eigentlich der klassische Weg. Ich habe früher selber Musik gemacht, aber auf unterem semiprofessionellem Level.
Welches Instrument hast du gespielt?
Ich habe Gitarre gespielt und gesungen. Später bin ich durch die Managerin einer der Bands, bei denen ich damals gespielt habe, an Jobs bei Veranstaltungen gekommen. Das hat angefangen bei Security, Stagehands und anderen Dingen. Danach war ich freier Mitarbeiter bei Moskito Promotion. Für die habe ich dann die ersten Jahre Tourbegleitung, Merchverkauf und ein wenig Büroarbeit gemacht. Tja, und dann wären wir auch schon im Jahr 2003.
Das sind ja ganz schön viele Jobs im Musikbereich. War diese Zeit für dich sehr lehrreich, vielleicht sogar besser als eine richtige Ausbildung?
Auf jeden Fall, lehrreicher. Nehmen wir z.B. den Job des Veranstaltungstechnikers, vor allem wenn’s dann um Tourbetrieb geht. Da geht es um tägliche Abläufe und bestimmte Routinen, die man nach ein paar Jahren drauf hat. So was lernt man eben nur im täglichen Ablauf und alles andere, wie eben die technische oder kaufmännische Seite, lernt man sicherlich besser, komprimierter und schneller in der Ausbildung. Damals gab es aber diesen Ausbildungsberuf noch nicht und Erfahrung sammelst du dann nur, wenn du unterwegs bist.
Ist dir der Schritt von der Bühne hinter die Bühne schwer gefallen?
Nein, das war ja auch nicht in einem Schritt von heute auf morgen. Ich habe nicht gesagt: „So, jetzt hänge ich die Gitarre an den Nagel und werde Roadie.“
Das ging dann alles nach und nach. Mit der einen Sache konnte man Geld verdienen und mit der anderen Sache halt nicht. Ich war als Musiker nicht in der Position davon leben zu können. Mit den anderen Jobs konnte ich meinen Lebensunterhalt verdienen. So fiel die Wahl nicht schwer.
Hinter der Bühne gibt es aber nicht nur harte Arbeit?
Nein, es macht auf jeden Fall Spaß, sowie eine andere Arbeit auch Spaß machen sollte.
Welche Dinge gefallen dir denn sehr und welche Arbeit magst du nicht so als Tourbegleiter?
Puh, das ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Wenn du als Tourbegleiter z.B. mit einem Veranstalter zu tun hast, von dem du weißt, da gab es immer wieder Probleme mit dem Geld, dem Hotel oder der Technik, dann wird dir klar, es wird wieder ein Kampf. Solche Sachen gibt’s, aber das beachtet man im Vorfeld.
Ist es denn üblich, dass es in der Branche Geldprobleme mit dem Veranstalter gibt?
Das gibt es. Es kommt aber drauf an, auf welchem Level man unterwegs ist. Mit den Bands mit denen ich jetzt toure, ist es eigentlich so, dass die Gagen vorab zum größten Teil überwiesen werden, damit überhaupt sichergestellt ist, wir kommen. Bei Open Air Veranstaltungen ist es wieder schwieriger. Hier kann es sein, dass der Veranstalter einen Teil der Gage aus der Tageskasse bezahlen muss, was eigentlich nicht sein sollte. Dann fällt das Ding total ins Wasser, da nur 200 Leute statt geplanter 8000 kommen. Dann steht er da und sagt: „Ich kann euch nicht bezahlen.“ Das kommt aber äußerst selten vor.
Platten- und CD-Verkäufe gehen zurück. Jetzt hast du dich trotzdem in der Musikszene selbständig gemacht. Liegt das Geld nur noch bei der Live-Musik?
Nur da! Ich habe mit der Platten- und CD-Industrie, was meine Dienstleistung angeht, eigentlich gar nichts zu tun, obwohl alles zusammenhängt. Gerade im Live- und im Merchandising-Bereich wird noch Geld verdient. Die Bands müssen einfach auf Tour gehen, live spielen und T-Shirts verkaufen. Mit Plattenverkäufen kommt kein Geld mehr rein.
Mit welchen Bands arbeitest du denn zusammen?
In den letzten Jahren habe ich mich auf den Backline-Bereich konzentriert, sowohl was den Materialverleih angeht, als auch meine eigene Tätigkeit…
…Backline-Bereich?
Man kümmert sich im Grunde um alles, was auf der Bühne steht. Instrumente und Verstärker. Hat nichts mit Ton, PA oder Licht zu tun. Im Grunde ein spezieller Service für die Musiker. Das mache ich hauptsächlich seit 3 Jahren für Mando Diao. Die Jungs sind sehr viel unterwegs und so ist das momentan meine Hauptband. Dann aber auch Samy Deluxe, der jetzt mit seiner neuen Platte und Band unterwegs ist. Hier aus Münster die H-Blockx, ab und zu die Donots und auch Muff Potter. Dann kommen aber auch Vertretungsjobs hinzu, so dass von Karel Gott bis Hot Water Music alles abgedeckt ist.
Den Begriff Backline haben wir geklärt, aber deine Firma steht noch für andere Dienstleistungen. Wer oder was ist denn FOH?
Das ist die Abkürzung für Front Of House. Das ist derjenige der am Mischpult steht und den Sound für das Publikum macht.
Licht, Tourbegleitung, Fahrer und Fanartikelverkauf sind mir klar. Was hat es mit dem Shuttle-Service auf sich?
Das ist eigentlich die Hauptdienstleistung von „2. Heimat Tourservice“. Ich vermiete speziell ausgebaute Sprinter für den Tourneebedarf. Wir bieten dann zum Beispiel bei einem Festival Fahrer und Sprinter, die dann den Shuttle übernehmen. Fahrten zum Hotel oder Abholungen vom Flughafen.
Was ist ein Runner?
Runner sind die Leute bei einer Veranstaltung, die den ganzen Tag Gewehr bei Fuß stehen und losfahren, wenn ein Sänger Kopfschmerztabletten braucht. Es sollte ein ortskundiger Mensch mit einem schnellen Auto sein, der das Jackett von Roland Kaiser durchaus auch am Sonntag noch mal gereinigt bekommt.
Roland Kaiser will am Sonntag sein Jackett gereinigt haben?
Den Fall gab es schon hier in der Halle Münsterland. Das war aber nicht bei mir, sondern bei einem Freund.
Du vermittelst auch noch Physiotherapeuten und Masseure für Musiker. Wer braucht denn da eine Massage?
Das passiert alles auf einer Netzwerkbasis. Diese Leute sind nicht fest bei mir angestellt. Bei den großen Festivals ist das reichlich gefragt. Da gibt es dann Physios, die sich schon darauf spezialisiert haben. Die Musiker nehmen es dankend an und lassen sich behandeln.
Wann hast du speziell die meiste Arbeit? Vor, während oder nach einem Konzert?
Das kommt auf die Band an. Für den Auf- und Abbau habe ich natürlich Helfer vor Ort. Da steht nur die Frage im Raum, wie ich das koordiniere. Was ich während des Konzerts zu tun habe, dass hängt von der Band ab. Es gibt Bands, die schick ich auf die Bühne, die spielen ihr Set runter und danach bau ich wieder ab. Natürlich muss ich zwischendurch dableiben. Bei Mando Diao gibt es während eines Konzertes sehr viel Arbeit. Innerhalb des Sets gibt’s viele Umbauten, es werden die Instrumente gewechselt, da fällt im Hintergrund ein anderer Vorhang. Da ist eine Menge was los.
Anspannung für dich?
Positive Anspannung. Natürlich muss ich aber konzentriert alles im Blick haben.
Machen Musiker einen Tourbegleiter für ein schlechtes Konzert verantwortlich?
Das beeinflusst sich alles gegenseitig. Es kann sein, dass irgendwann einfach schlechte Stimmung herrscht. Da ist es völlig egal ob der Sound mies war, die Gitarre verstimmt, ob die Band sich selber verspielt hat oder ob der Tourbegleiter den falschen Champagner gebracht hat. Inwieweit du das an dich heran lässt ist deine Sache. Natürlich mache ich auch Fehler, aber dann entschuldigt man sich. Wenn ich aber Ärger bekomme, obwohl ich alles richtig gemacht habe, dann muss man auch mal hart sein.
Manche Bands zerstören nach dem Konzert ihre Instrumente auf der Bühne. Rockstar-Attitüde! Blutet dir da dein Herz?
(eiskalt) Ist mir völlig egal! Mein Problem ist nur, dass ich am nächsten Tag in München stehe und die gleiche Gitarre besorgen muss, die am Vortag zu Bruch gegangen ist.
Du suchst noch Praktikantinnen oder Praktikanten. Was sind denn die Anforderungen?
Die müssen einen Führerschein haben und Mitdenken können. Interesse an dem Bereich wäre aber auch nicht schlecht.
Keine technischen Vorkenntnisse?
Hab ich doch auch nicht. Man muss keine Elektrotechnik studiert haben. Wenn auf der Bühne ein Verstärker raucht, dann hilft es mir nicht, wenn ich Diplom-Elektrotechniker bin. Den Verstärker kann ich sowieso nicht auf der Bühne reparieren. Wichtig ist, dass ich vorher ein Ersatzverstärker so hingestellt und eingestellt habe, dass innerhalb von 30 Sekunden alles wieder läuft. Fertig ist das. Nach der Show sollte ich dann wissen, wo ich das Gerät schnell wieder flott bekomme. Da setzte ich mich nicht selber mit einem Lötkolben hin.
Gibt es „die“ Tourgeschichte, die du dein ganzes Leben nicht mehr vergessen wirst?
(schmunzelt) Die gibt es bestimmt, aber Regel Nr. 1: Alles was im Tourbus passiert und abläuft, bleibt auch im Tourbus.
Vielen Dank für das Gespräch!


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