Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 09.07.2009

Das Glück liegt auf der Straße

Abgefahren! Glamourös! Man stelle sich vor, flanierenderweise in Münsters Innenstadt unterwegs zu sein und plötzlich in einem Meer von Sternen zu stehen. Es schimmert, strahlt und blitzt. In jeden Stern ist ein anderer Name geschrieben. Dieses Szenario gehört zur Aktion HERZENSTERNE und wird ganz bald schon Wirklichkeit werden. Wir wollen wissen, was genau dahinter steckt und treffen uns mit einer Dame, die es wissen muss.
Swantje Diepenhorst trifft Claudia Müller
Waren Sie schon mal in L.A. auf dem Walk of Fame?
Nein, leider noch nicht...

Das macht ja gar nichts, denn Münster hat ja auch bald einen.
Richtig, den Herzensstern-Boulevard.

Wo kommt der hin?
Ins Hanse Carré direkt beim Café Ideal, zwischen Ludgeristraße und Stubengasse. Dort entsteht der Herzensstern-Boulevard – mit persönlichen Sternen von allen Teilnehmer unserer Aktion.

Was muss ich dafür tun?
Zum ersten Mal in Deinem Leben Blut spenden!

Oha. Blut gespendet habe ich ehrlich gesagt noch nie.
Genau darum geht’s ja – es gibt viele Menschen, die das Thema Blutspenden zwar wichtig und sinnvoll finden, selbst allerdings noch nie Spenden waren. Mit der Verleihung der Herzenssterne wollen wir sie motivieren, zu uns zu kommen.

Ein Stückchen Ewigkeit als Anerkennung für persönliches Engagement!?
Wir wollen den helfenden Einsatz der Menschen würdigen. Nicht mit Geld, sondern mit Ehre. Dabei greifen wir nach den Sternen!

Mir fallen gleich einige aus meinem Bekanntenkreis ein, die das ziemlich anmachen würde, so ein eigener Stern mitten in Münsters City.
Ich habe mich auch schon umgehört – da sind viele interessiert. Ich denke, dass die sich auch gegenseitig anstecken werden mit der Begeisterung über die Aktion. Allemal, wenn man bei Einkaufsbummel drüberschlendert und anderen den Stern zeigen kann.

Wie wird der denn genau aussehen?
Es wird einen großen und mehrere kleine Herzenssterne mit dem jeweiligen Namen des Spenders geben. Sie werden von einem Metallkünstler in seinem Münsteraner Atelier hergestellt.

Wird es so etwas wie eine Verleihung geben?
Wir planen Sternentage, an denen die persönlichen Herzenssterne verlegt werden. Jeder Spender bekommt außerdem eine Urkunde verliehen.

Hoffentlich trauen sich die Menschen zu Spenden. Es gibt da bei vielen sicherlich doch eine Hemmschwelle.
Ich denke, ein Problem besteht darin, dass nicht klar ist, wo und wann man Blutspenden kann. Durch den Herzensstern-Boulevard machen wir unser Haus in der Sperlichstraße bekannter, wo man fast jeden Tag Blutspenden kann, was viele nicht wissen. Es ist nicht weit weg vom Zentrum. Ich bin eben mit dem Fahrrad in 10 Minuten von dort zum Hanse Carré gefahren.

Ein anderes Problem?
Da ist sicherlich die Angst! Die meisten Menschen können sich angenehmere Dinge als Freizeitunternehmung vorstellen.

Nachvollziehbar!?
Auf jeden Fall, vergessen sollte man allerdings nicht, dass sicherlich so gut wie jeder im Notfall davon ausgeht, gut und sicher mit Bluttransfusionen versorgt zu werden. Angst oder Zeitmangel spielen nämlich dann keine Rolle mehr. Außerdem ist die Angst in erster Linie eine Kopfsache. 80-90% der Leute, die einmal Spenden waren, kommen wieder – diese Quote spricht wohl für sich.

Wer dürfte nicht spenden?
Es gibt eine ganze Menge Rückstellgründe. Das Mindestalter ist 18 Jahre. Ausgenommen sind z.B. jene, die unter 50 Kilo wiegen oder schwul sind. Eine Reise in ein Malaria-Land oder eine Tätowierung können dazu führen, dass man ein paar Monate lang nicht spenden darf. Man muss da aber immer den Einzelfall betrachten. Deswegen gibt es vor jeder Blutspende ein vertrauliches Gespräch mit einem unserer Ärzte zu individuellen Fragen.

Und wenn ich Ihnen von meinem Arschgeweih nichts erzähle? Schauen Sie nach?
Nein, wir würden nicht nachgucken. Wir lassen alle angezogen! Wir vertrauen auf die Richtigkeit Ihrer Angaben, es geht immerhin um ihre eigene Sicherheit und die der Patienten. Wenn Tätowierungen oder Piercings älter als ein halbes Jahr sind, ist das sowieso ok.

Der Ausschluss von Schwulen ist doch ein schwieriges Thema, oder?
Unter den HIV-Infizierten bilden homosexuelle Männer die größte Gruppe und sind damit eine so genannte Risikogruppe. Deswegen diese pauschale Regelung.

Und was ist, wenn ein Schwuler einen Stern haben möchte?
Er könnte zum Beispiel jemanden aus dem Freundeskreis zum Spenden animieren. Dann kriegen beide einen Herzensstern.

Haben Sie einen Überblick über besonders spendefreudige Städte oder soziale Gruppen?
Besonders viele Spender gibt es in ländlichen Gebieten. Für Städte gilt: Je größer eine Stadt ist, desto geringer der Anteil der Bevölkerung, die Blut spendet. In Münster sind es zum Beispiel 5 Prozent, in Köln weniger als ein Prozent.

Weil’s in Köln so viele Schwule gibt.
Nee, auch in anderen vergleichbar großen Städten sind’s sehr wenige. Und ein paar heterosexuelle Kölner gibt es ja auch.

Gibt’s beim DRK Angestellte, die noch nie gespendet haben?
Mich zum Beispiel! Weil ich keine 50 Kilo wiege, darf ich nicht spenden – und bekomme so leider auch keinen Herzensstern. Es sei denn, ich überrede einen Bekannten. Aber auch wenn jemand aus weniger offensichtlichen Gründen nicht möchte, wird das akzeptiert. Da wird kein Druck aufgebaut, jede Blutspende soll freiwillig sein.

Motiviert durch einen Herzensstern – viel Erfolg!



Vita
Claudia Müller kommt ursprünglich aus Lüdenscheid, hat in Münster Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Geschichte studiert und kehrte nach einem Volontariat in Bremen wieder zurück. Der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit in einer PR-Abteilung führte sie zum Deutschen Roten Kreuz. Dort steht sie u.a. für die Aktion Herzenssterne, die der Gewinnung von Neuspendern dient.

Kommentare

Kommentar von Martin L.:
(10.07.2009 09:43 Uhr)

Interessantes Interview, aber leider werden da auch wieder Vorurteile gegen Homosexuelle verstärkt und Erst- und  möglicherweise Einmalspender honoriert. An die Spender die verantwortungsvoll mit ihrer eigenen Gesundheit und der der möglichen Empfänger umgehen und regelmäßig zur Blut- oder Blutpräparatespende gehen denkt an dieser Stelle keiner. Ich persönlich kann auf einen solchen "Stern"  gut verzichten und werde auch ohne diesen weiter regelmäßig Blut spenden gehen.

Gruß Martin L.


Kommentar von Lars:
(10.07.2009 20:44 Uhr)
also ich finde, dass es notwendig ist, Neuspender zu gewinnen. Denn von den Neuspendern kommen 80 bis 90 % wieder. Und durch die Sterne könnte es doch sein, dass viele zur Erstspende kommen – und vor allem: wiederkommen. Gruß zurück, Lars

Kommentar von MarcelColin:
(07.08.2009 19:41 Uhr)
Ich bin schwul - führe aber eine ganz artige, monogame Beziehung. Im Vergleich zu meinen heterosexuellen Arbeitskollegen, die sich Wochenende für Wochenende durch die Weltgeschichte vögeln, fühle ich mich garnicht so sehr als Risikogruppe. Ob sich diese Diskriminierung mit den Grundsätzen des Roten Kreuzes vereinbaren lässt? Menschlichkeit? Nun ja - so knapp kann das Blut aber dann ja garnicht sein.

Für ein erhöhtes Infektionsrisiko ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Personengruppe nicht maßgeblich, sondern vielmehr das individuelle Verhalten in riskanten Situationen.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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