Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 02.07.2009

KONTAKT NULLNEUN

Laut Andy Warhol liegt die Sache so: Um als Künstler erfolgreich zu sein, muss man in einer guten Galerie ausgestellt werden. Wie Dior, der verkauft seine Originale auch nicht an einem Ladentisch bei Woolworth. Das leuchtet ein. Nun passt es gut, dass sich drei junge Münsteraner Galeristen zusammengetan haben und mit ihrem gemeinsames Ausstellungsprojekt „KONTAKT NULLNEUN“ Münsteraner Kunst zum Erfolg zu führen. Warhols Zuspruch hätten sie sicherlich.
Swantje Diepenhorst trifft die Galeristen Kolja Steinrötter, Konrad Abeln und Boris Lindner.
Es gibt soo viele Bilder auf der Welt. Nach welchen Kriterien wählt Ihr aus, was in Euren Galerien ausstellt wird?
Boris: Bei mir geht’s j um Fotografien. Ich muss in den Bildern eine gewisse Tiefe erkennen können. Ich stelle keine Werke aus, die nicht auf den zweiten, dritten, vierten Blick eine gute Leistung präsentieren.

Woran ist Tiefe zu erkennen?
Boris: Tiefe ist erstmal das Gegenteil von Oberfläche. Eine Arbeit muss einen Sinn verfolgen und eine Entwicklung durchgemacht hat. Wir haben Dinge ausgestellt, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind. Das sieht man und das ist geil.

Und wenn Künstler im ersten Semester sind und vor zehn Jahren tendenziell noch Sandburgen gebaut haben, statt ein großes Kunstprojekt zu starten?
Boris: Dann nehmen wir die sehr gerne auf, wenn uns ihre Arbeiten gefallen.
Konrad: Es ist durchaus möglich, dass schon Studienanfänger ausstellen, aber eher selten.
Kolja: Allerdings sehen die Professoren das nicht so gerne, wenn Leute zu früh ausstellen. Es gibt aber Ausnahmen. Als Galerie ist man letztlich ja eine Qualitätsprüfungsinstanz. Wir wählen aus einem riesigen Angebot von „Müll“ aus. Schon bei den guten Sachen gibt es ein Überangebot. Uns kann auf jeden Fall zugetraut werden, eine gute Auswahl zu treffen, auch unter Erstsemestern.

Seid Ihr, was die Auswahl betrifft, immer gleicher Meinung oder geratet Ihr da aneinander?
Kolja: Nein, weil wir unterschiedliche Galerien haben. Nur so geht’s. (alle lachen)
Konrad: Und die Chemie stimmt eben – die Grundvoraussetzung. Wir ergänzen uns gut.

Hängen in den anderen Galerien Bilder, die Ihr ganz sicher nicht genommen hättet?
Boris: Eher umgekehrt! Da hängen Sachen, bei denen ich denke: Och, die hätte ich aber auch gerne gehabt.
Kolja: Gerade bei Konrad fand ich bisher alles immer so gut, dass ich damit auch was gemacht hätte. Ich habe nie gedacht: Was ist das denn für ein Scheiß. Bei Boris mit den Fotografien ist das noch mal was anderes. Die fand ich immer mehr oder weniger schön, mache aber selber eben nichts damit.

Kunst ist ja ohnehin immer diskutabel. Seid Ihr selbst „nur“ Galeristen, oder auch Künstler?
Kolja: Ich bin durch meine Eltern mit Kunst aufgewachsen und bin durch meinen Vater zum Galeristenberuf gekommen. Die Sensibilität, die man als Künstler braucht, ist auch als Galerist notwendig.
Boris: Ich habe Fotodesign studiert, wie Konrad in Dortmund. Ich wollte aber nicht in der großen Künstlermasse verschwinden, deshalb habe ich mich für den Weg als Galerist entschieden.

Braucht man als Galerist immer einen Künstler, den man pusht und der einem dann durch seine Bekanntheit Wege zum Erfolg eröffnet?
Konrad: Da gibt es verschiedene Strategien. Wir haben sicherlich auch zusammengefunden, weil wir ähnliche Vorstellungen haben. Man kann natürlich mit berühmten Künstlern anfangen, so denn man an sie rankommt. Oder man fängt mit mittelberühmten an, weil sie z.B. gerade einen Karriereknick haben. Die Frage ist, ob es ist nicht viel spannender ist, die Leute von Anfang an zu begleiten. Das sind Leute, bei denen es noch rattert – das gefällt mir. Für mich hat sich die Frage nie gestellt, welche Strategie ich fahren will.
Kolja: Anke Feuchtberger als gute Comiczeichnerin ist zum Beispiel weltberühmt – aber eben nur in ihrer Nische. Bei mir läuft – ob der Künstler bekannt ist oder nicht – auch viel über Sympathie.

Netzwerken ist elementar?
Kolja: Wie Konrad gerade sagte, es kommt drauf an, welches Spiel man spielen möchte. Ob das Ziel die großen Messen oder Champagnerempfänge sind oder eben nicht.
Boris: Aber natürlich sind Netzwerke generell wichtig.
Kolja: Deswegen bilden wir ja gerade auch mal ein neues.

Wen wollt Ihr mit dem Ausstellungsprojekt denn ansprechen?
Kolja: Alle, die helfen, die Galerie am Leben zu halten. Es ist ja nun mal so, dass einem die Leute nicht die Galerie einrennen und die Bilder von der Wand reißen. Der Kreis der Menschen, die Kunst sammeln und kaufen ist klein. Aber genau diese Leute wollen wir erreichen und überall abgreifen – über Münsters Grenzen hinaus.

Und wenn das in schwierigen Zeiten nicht so klappt, ist Eure Arbeit eine idealistische Kulturarbeit?

Boris: Annähernd zu 100%.
Kolja: Es ist schon sehrsehr schwer, mit der Galerie sein Geld zu verdienen. Ein hartes Brot.
Konrad: Aber die Art der Arbeit dankt es einem ja! Solange man den Kopf über Wasser hält, ist alles ok.

Was ärgert Euch denn an der Arbeit manchmal?
Kolja: In NRW gibt es zwei Akademien: In Münster und in Düsseldorf. Dass Münster eine Akademie hat, ist etwas Besonderes, kommt aber irgendwie nicht so rüber. Die Position der Akademie ist nicht präsent.
Boris: In Düsseldorf kommt der Herr Soundso an und fragt, ob die Akademie für ihr Sommerfest nicht 2000 Würstchen haben will. Die Akademie in Münster muss zum Bratwurstmenschen hin und fragen, ob sie bitte 2000 Würstchen für das Fest kaufen könne.
Konrad: Wenn in Düsseldorf jemand Geld hat, kauft er Kunst, wenn in Münster jemand Geld hat, kauft er Ackerland.

Ihr bleibt trotzdem?
Boris: Ja, weil’s schön ist.
Konrad: Ich möchte außerdem in Berlin nicht einer von 5000 Galeristen sein.
Kolja: Münster ist Provinz. Das ist etwas gemein, aber je weniger provinziell die Menschen sein wollen, desto provinzieller werden sie. Es ist ja gar nicht schlimm, dass die Münsteraner im Herzen Bauern sind.

Aber?
Kolja: Das heißt nicht, dass man die Selbstverständlichkeit, sich mit Kunst zu beschäftigen, nicht auch hier erzeugen kann. Die Vorraussetzungen sind gut: Wir haben die Akademie, die Skulpturen, die Ausstellungshalle usw. – und Geld. Münster ist eine reiche Stadt. Die Grundlage für eine florierende Kunstszene, die über eine Galerieszene läuft, ist da.
Konrad: Ich habe die Hoffnung, dass es nur einen kleinen Schubs braucht.

Inwiefern hängt das an den Künstlern?
Konrad: Den Kunstbetrieb lernen Künstler an der Akademie oft kaum kennen. So ist einigen z.B. nicht klar, dass man in einer Stadt besser nur mit einem Galeristen zusammenarbeitet. Ich investiere als Galerist anfangs in die Geschichte.
Kolja: Man kann als Künstler eine Menge falsch machen. Wo hänge ich das Bild hin, für wie viel verkaufe ich es? Ich weiß von vielen Künstlern, die sich verarscht fühlten.

Durch wen oder was?
Kolja: Durch die Preisgestaltung. Es muss vorher geklärt werden, wer die Mehrwertsteuer oder die Produktionskosten zahlt.
Konrad: Häufig behalten Galeristen das Geld eines verkauften Werks auch so lange ein, bis der Künstler mal nachfragt.
Boris: Das geschieht aber auch durch Kundengefälligkeit!
Kolja: Zum anderen ist es unheimlich leicht, einem Künstler, der ganz am Anfang steht, zu suggerieren, dass seine Arbeit nichts wert ist. Seitens der Galeristen, aber auch seitens der Außenstehenden.

Welche Aussenstehenden?
Kolja: Oft passiert es, dass mir z.B. ein Zahnarzt anbietet, ein Bild in seiner Praxis aufzuhängen. Weil er da eine freie weiße Wand hat. Das ist völlig absurd, das ist ein großes Missverständnis gegenüber dem Kunstbetrieb. Damit würde der Künstler seine eigene Arbeit abwerten.

(Die Künstlerin Friederike Nemitz stößt zu uns – ihr ist beim Aufbau ihres Kunstwerks in der Galerie FB69 ein kleines Malheur passiert, erzählt sie. Da das irgendwas mit Gas oder Elektrik zu tun hat, stellt sich mir folgende Frage.)
Was ist denn eigentlich, wenn die Galerie durch ein fahrlässig gehandhabtes Kunstwerk abbrennt?
Kolja: Die entsprechende Versicherung ist natürlich abgeschlossen. Der Beitrag ist dementsprechend hoch. Von Friederike kann ich auf jeden Fall kein Geld einfordern, da gibt’s nichts zu holen.

Wie viel kosten Kunstwerke bei Euch?
Konrad: Das ist bei uns dreien ungefähr gleich. Zeichnungen beginnen in meiner Galerie bei 250 €, das Teuerste liegt zwischen 2000 und 6000 €.

Werdet Ihr subventioniert?
Kolja: Leider nicht. In Österreich werden Galerien staatlich gefördert. In den USA ist Kunst zu 100% absetzbar. Das ist eine Form der Kunstsubvention, die sinnvoll ist.

Ersteinmal sorgt Ihr selbst für den Erfolg – möge der Ansturm auf Eure Ausstellung riesig sein!
Kolja: Es ist eine wirklich interessante Welt. Hoffentlich erreichen und begeistern wir auch Menschen, die vorher noch nichts mit Kunst zu tun hatten.



Info
Um zahlreiche Münsteraner für Kunst zu begeistern, riefen die Galeristen Kolja Steinrötter, Konrad Abeln und Boris Lindner (plus der Herr Schidlowski) die Ausstellung „KONTAKT NULLNEUN“ ins Leben. In Zusammenarbeit mit Studenten und Absolventen der Kunstakademie Münster sind vom 1.-31.7. zahlreiche Werke in der Galerie FB69 (Hüfferstr. 18), der dst.galerie (Wolbecker Str. 120) und der Galerie Lindner & Schidlowski (Jüdefelderstr. 29-30) zu sehen. Im nächsten Jahr kommt dann – na klar – „Kontakt zehn“.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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