Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 25.06.2009

Der Lebenstraum vom Fliegen

Welche geheimnisvolle Macht verbirgt sich hinter einer Handynummer, in der fünfmal in Folge die Sieben vorkommt? Genau genommen: keine! Zudem ist der Besitzer dieser Nummer deutlich interessanter als derartige Zahlenspiele. Der Rollstuhl machte ihm einen Strich durch jene Rechnung, an deren Ende er Berufspilot gewesen wäre. Stattdessen wurde er Vizeweltmeister der Drei-Mann-Kielboot-Segelklasse 2006 in Australien – und ein ziemlich guter Buddhist wurde er auch…
Malte Limbrock trifft Holger Schönenberg
Beim wählen deiner Handynummer muss man sich echt konzentrieren. Fünfmal nacheinander die Sieben, da musste ich zweimal nachzählen, ob’s auch  fünf waren…
Gut, oder? Ich hab eine halbe Stunde mit der Frau von der Telefongesellschaft geflirtet, bis sie die Nummer rausgerückt hat.

Vielleicht verbirgt sich eine geheimnisvolle Macht hinter „fünfmal die Sieben“. Die Illuminaten oder so…
Wahrscheinlich durfte sie die Nummer eigentlich gar nicht vergeben. Ich sollte mich mal erkundigen, ob die nette junge Dame noch lebt…

Unser Sprachgebrauch impliziert ja, dass alle Welt laufen oder stehen kann: Wie geht’s, wie steht’s? Wie läuft’s? Ist es albern, sich dir gegenüber möglichst korrekt ausdrücken zu wollen?
Absolut. Ich hab irgendwann geschnallt, dass es manchen Menschen schwer fällt, mit Behinderungen unverkrampft umzugehen. Deshalb gehe ich auf die Leute zu – da war’s wieder: Auf die Leute „zugehen“ – und lockere das mit Sprüchen ein bisschen auf.

Hast du dabei irgendwelche Favoriten?
Ich hab schon so Standardsprüche. Wenn jemand fragt: „Wie geht’s?“, sage ich: „Das laufen fällt mich schwer, aber sonst ist alles Ok!“ Das bricht das Eis. Mein Leitspruch ist immer: „Die Behinderten und ich“. Da hab ich null Stress mit. Ich bin mal vor vielen Jahren in meinem jugendlichen Leichtsinn aus einer Kneipe geflogen, weil ich Rollstuhlfahrerwitze erzählt habe. Der Wirt kam damit gar nicht klar. Irgendwann meinte er nur: „Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst“. Ich so: „Ich kann nicht gehen.“ Und er schmeißt mich raus.

Was steckte dahinter, dass du die Paralympics in China 2008 verpasst hast?
Ich habe mir bei der Weltmeisterschaft 2006 in Australien eine Sehnenentzündung in der Schulter zugezogen. Und wenn du im Rollstuhl sitzt und ständig deine Arme benutzen musst, zieht sich so etwas sehr lange hin. Das hat leider dazu geführt, dass ich 2008 nicht dabei war, obwohl ich mich qualifiziert hatte. Trotzdem habe ich mich riesig gefreut, als an meinem Geburtstag die SMS aus Peking kam, dass meine Mannschaft paralympisches Gold geholt hat.

Dein jüngster Erfolg bleibt also der Vize-Weltmeistertitel 2006 in Perth…
Das war ein tolles Erlebnis. Ein ganz renommierter Yachtclub. Das ist schon eine Ehre, wenn für deinen Wettbewerb die gleiche Kanone benutzt wird, mit der die ganz berühmten Regatten dort an - und abgeschossen werden. Das war eine starke Zeit.

Aber warum nur Vize? Was war denn da los?
Ja, was war los? Ich spreche das Vize auch immer sehr leise aus. Es wurde am letzten Wettkampftag sehr eng, weil wir zuvor etwas gepatzt hatten. Dann müssen die Nerven auch mitspielen. Und so ist es uns nicht ganz vergönnt gewesen.  

Bist du ehrgeizig?
Ich bin jetzt nicht so’n Verbissener. Ich entwickle schon Ehrgeiz, wenn es drauf ankommt. Ich weiß, dass viele Segler gerne an der Stelle gesessen hätten, an der ich gesessen habe. Und da muss ich auch was für leisten. Und ich sitz da jetzt nicht, um braun zu werden…

Aber auch ein bisschen…
Ja, braun wird man ja automatisch. Das war echt ordentlich, was da an Sonne runter kam…Nein, in solchen Momenten weiß ich, jetzt kommt’s drauf an. Jetzt bist du nicht zum Spaß hier, jetzt musst du Gas geben.

Bist du nur auf dem Wasser so?
Ich bin vor allem ehrgeizig in Alltagssituationen, in die man zum Beispiel mit dem Rollstuhl geraten kann. Wenn ich vor einem Hügel stehe…bevor ich mich da hoch schieben lasse, dauert es lieber etwas länger, aber ich komm da alleine rauf. Da packt mich dann der Ehrgeiz…

Hast du nicht auch mal Medizin studiert?
Ja, bis ich mich für das Segler-Dasein entschieden habe. Ursprünglich wollte ich für das Medizin-Studium nach Hamburg. Dann habe ich aber - witzige Geschichte - auf diesem Bewerbungsbogen die Nummern vertauscht. Und so ist es Münster geworden. Im Nachhinein bin ich ganz froh drüber.
 
Denn in Münster bist du Segler geworden…
Mein stringent verfolgter Plan war ja Berufspilot. Ich hab mit 14 angefangen mit Segelflug, aber dann kam halt dummerweise der Rollstuhl dazwischen, als ich 15 war. Jetzt hab ich einen inkompletten Querschnitt. Aber wenn mir heute jemand sagen würde, „du bekommst zwar kein Geld dafür, aber du kannst Pilot sein“, dann würde ich’s machen. Dann würde ich abends noch kellnern oder betteln gehen, aber halt fliegen.

Und wieso kam dann die  Idee, das Segeln anzufangen?
Das aerodynamische Prinzip des Fliegens ist beim Segeln auch in ähnlicher Form gegeben. Das fand ich schon immer interessant. Ich bin irgendwann während des Studiums zu Peter Overschmidt gegangen und hab gefragt: „Kann ich Segeln lernen?“ Peter hat gesagt: „Keine Ahnung. Krabbel mal auf das Boot. Und jetzt krabbel wieder runter.“ Ich hab das gemacht und er hat gesagt: „Wieso nicht?“

Was genau heißt inkompletter Querschnitt?
Das heißt, dass ich zum Beispiel meine Beine strecken kann. Das ermöglicht es auch, dass ich Segeln kann, ohne dass man z.B. mit Anschnallen arbeiten muss.

Ist das ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz bei den Paralympics?
Jein. Im Bereich des Behindertensports wird mit Klassifizierungen gearbeitet. Jeder Sportler bekommt eine bestimmte Kennzahl, je nach Schwere seiner Behinderung. Und pro Boot darf dann eine bestimmte Summe nicht überschritten werden. Das bedeutet, wenn man zwei Schwerbehinderte an Bord hat, könnte der Dritte theoretisch topfit sein.

Sitzen bei deiner Disziplin immer mehrere Leute in einem Boot?
Es gibt zwei paralympische Bootsklassen. Eine Ein-Mann-Klasse und ein Drei-Mann-Kielboot. Ich bin in dem Drei-Mann-Kielboot gefahren, Sonarklasse.
 
War das Segeln für dich ein Schritt in die Richtung, progressiv mit deiner Behinderung umzugehen?
Ich glaube, eher nicht. Was wohl daran liegt, dass ich die Behinderung eher stoisch aufgenommen habe. Das war eben so…Ich bin aufgewacht und konnte nicht mehr laufen. Dadurch, dass ich das so gemacht habe, ist für mich nie die Notwenigkeit entstanden, etwas zu kompensieren. Deshalb würde ich diese Frage eher mit „Nein“ beantworten. Wo ich hingegen beschlossen habe, mich nicht von der Behinderung klein kriegen zu lassen, ist das Fliegen. Das ist immer mein Lebenstraum geblieben.

Was tut sich da aktuell?
Ich habe nette Leute im Segelfliegerclub kennen gelernt, u.a. Fliegerärzte, die das unterstützen und gut finden, dass ich das angehe. Ich stehe aktuell davor, wieder Segelzufliegen. Aktiv am Knüppel sozusagen.

Was würde dir am meisten fehlen, wenn du nicht mehr Segeln könntest?
Das Freiheitsgefühl auf dem Wasser…einfach zu spüren, dass du dich wirklich mit ganz viel Kraft und Energie fortbewegen kannst, ohne dass ein Motor läuft. Nur mithilfe des Windes und ein bisschen Technik…Ich mag es außerdem gerne, mit anderen zusammen zu segeln. Einfach irgendwo ankommen, abends ein Bier trinken, den Grill aufstellen, im Schilf liegen. Das hat was von Piratenfeeling.
 
Was muss denn passieren, damit du mal richtig aus der Haut fährst?
Witzigerweise bin ich da ein ziemlich guter Buddhist. Ich bin gesegnet mit einer großen Gelassenheit. Die Gefahr, dass ich mal aus der Haut fahre, tendiert gegen Null. Meine Freundin ärgert sich etwas darüber und sagt: „Mach nicht immer alles mit dir selbst aus.“ Ich fluche höchstens mal beim Autofahren.

Buddhismus ist nicht gerade die Standardreligion in Münster…
Meine Mutter kommt aus Thailand, deshalb hatte ich vielleicht eine gewisse Affinität für den Buddhismus, wobei sie das gar nicht praktiziert. Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, habe mich erst mit 16, 17 wirklich mit Religion auseinandergesetzt, viel gelesen und mich irgendwann aktiv für den Buddhismus entschieden. Das hat eine Zeit vor sich hingedümpelt, ist dann über die Jahre mehr geworden. Ich versuche, nach den Grundgedanken des Buddhismus zu leben und viel zu meditieren.

Warum hast du gerade deinen Fingerring angefasst, als du den Buddhismus erwähnt hast?
Ich bin als Kind mit meinen Eltern in Thailand gewesen und habe diesen Ring damals als Fünfjähriger von einem buddhistischen Mönch geschenkt bekommen. Damals passte der natürlich nicht auf meinen Finger, aber als ich mich dann für den Buddhismus entschieden hatte, kramte mein Vater diesen Ring wieder heraus und er passte wie angegossen. Ich habe dann gedacht, das ist so ein Omen, das scheint der richtige Weg für mich zu sein.

Glaubst du, Roberto Baggio, der ehemalige italienische Fußballspieler, hat sich über seinen verschossenen Elfmeter gegen Brasilien im WM-Finale 1994 ein bisschen geärgert, obwohl er Buddhist ist?
Ich glaube, ja! Denn Buddhisten sind erstaunlicherweise auch Menschen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!




Vita:
Holger, der Buddhist aus Lüdenscheid, wurde 1975 geboren. Er begann vor 13 Jahren ein Medizin-Studium in Münster, entscheid sich aber (zum Leidwesen seiner Eltern) während des Physikums, doch nicht Arzt, sondern Segellehrer zu werden. Inzwischen hat sich der Sonarklassen-Vizeweltmeister von 2006, der mit 15 nach einer Rücken-OP im Rollstuhl landete, als Geschäftsleiter der Agentur marke:faktur ein zweites Standbein als selbständiger Marketingberater geschaffen.

Kommentare

Bisher wurden keine Kommentare abgegeben.

Neuer Kommentar
Sie schreiben als:

Kommentar:





Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
Benutzeranmeldung