Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 4.06.2009

Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund

Bill Gates ist seit 2009 wieder der reichste Mann der Welt. Im Jahr 2008 war er auf Platz drei abgerutscht. Der nette Bill, der heutzutage auch sehr spendabel ist, traf sich 1975 mit seinem Kumpel Paul Allen in irgendeiner Garage der USA und gründete ein Weltunternehmen. Ich sitze in einer Küche nahe dem Aasee und irgendwie spüre ich, dass auch hier, wie damals bei Bill, etwas entstehen kann. Die drei „Jungunternehmer“ Markus Latzel (Merkel), Daniel Uphaus (Ups) und Johannes Leßke (Hannes) „machen“ in Shirts und Kapuzenjacken. Sie berichten von ihren Ideen, der Dauerbaustelle Internet und wie es sich anfühlt, irgendwann vogelfrei zu sein.
Claus Hensel trifft Markus Latzel (Merkel), Daniel Uphaus (Ups) und Johannes Leßke (Hannes).
Markus: Kann ich dir auch etwas anbieten? Kaffee? Bier? Vielleicht ein Nutella-Brot?

(Anmerkung der Redaktion: Markus schiebt sich drei Nutella-Brote in den Hals. Ups und Hannes sitzen entspannt auf dem Küchensofa.) Nein, vielen Dank! Ich melde mich, falls ich es mir anders überlege. Shirts entwerfen! Das ist keine Weltidee!
Hannes: Das sollte es auch gar nicht sein.

Aber einen direkten Auslöser gab es schon?
Hannes: Ich bin damals vor ein, zwei Jahren mit Markus vom Ludgerikreisel auf dem Weg in die Stadt gewesen.
Markus: Genau! Wir wollten Klamotten kaufen.
Hannes: Und zwar nicht dies ständige H&M-Gezuppel – irgendwas mit etwas mehr Stil … vielleicht sogar mit Charme und nicht den üblichen scheiß Schnitt, die schlechte Verarbeitung und das miese Material.

Das ist euch auf dem kurzen Weg klar geworden? Münsters Innenstadt hat doch noch mehr Läden zu bieten.
Markus: Das stimmt, aber es war halt unser Eindruck. Es wäre natürlich nun fatal, die Läden zu nennen, in denen wir nichts gefunden haben. Das wäre auch uncool. Auf jeden Fall war auf einmal diese Idee im Raum: Lass uns mal selber T-Shirts machen!

Das klingt wirklich spontan und simpel. Nun heißt eure Firma „Vogelfrei“! Kann man es überhaupt als Firma bezeichnen?
Ups: Lass uns lieber von einem Label sprechen.

Gut! Also Label! Wie ging es dann weiter? Wie kommt man auf den Labelnamen „Vogelfrei“? Ich weiß, dass mindestens zwei Drittel von euch surfen. Das klingt mir nach Road Trip und Freiheit.
Markus: Da liegst du nicht ganz falsch. Der Name entstand auch im Urlaub. Hannes und ich hatten gerade mit unseren Freundinnen Schluss. Scheiße, Hannes! Kann man das hier überhaupt sagen? Wie kommt das denn rüber?

Ehrlich!
Hannes: Ja, lass es so stehen. War ja auch so. Als wir wieder zu Hause waren, haben wir uns hingesetzt und angefangen (lacht). Nach einiger Zeit dachte ich aber, alles, was Markus malt, sieht scheiße aus.

So schlimm?
Hannes: Eigentlich nicht, aber es war nicht unbedingt der Bringer.

Bleibt noch die Frage, wie ist Ups zu euch gestoßen? Ich habe euch immer mit rauchenden Köpfen im Rick’s gesehen.
Ups: Ich hatte damals mein Diplom in Grafik-Design in der Tasche.

Du kommst also vom Fach?
Ups: (schmunzelt) Auf jeden Fall hatte ich zu der Zeit eine ähnliche Idee. Ich hatte mich auch irgendwie auf Klamotten eingeschossen, wusste aber, dass ich Münsters Stadtleben darin verarbeiten wollte. Ähnlich hatte dies in der Diplomarbeit geklappt.

Und wie hast du nun die beiden „Verrückten“ getroffen?
Ups: Ich war im Rick’s und hab die Jungs gesehen, wie sie irgendwas gescribbelt haben. Dann haben wir einfach unsere Ideen zusammengeworfen.

Im letzten halben Jahr hat man in der Stadt einige Aufkleber mit einem Vogel gesehen. War das eine gezielt versteckte Vorankündigung von euch?
Markus: Eigentlich waren die Aufkleber nicht wirklich weit verbreitet. Wir haben die Dinger im Bekanntenkreis verteilt und ganz spontan geklebt.

Mir kam es fast wie eine Kampagne vor. Die Aufkleber waren schon in vielen Bars und Kneipen zu finden. Dort sogar auf Kondomautomaten mit dem Slogan „coming soon“.
Markus: (lacht) Bist du dir sicher? Wer von uns war das denn?
Hannes: (schmunzelt) Vielleicht ich. Aber daran sieht man doch, dass die ganze Geschichte nicht geplant war, sondern immer spontan.
Ups: Im Nachhinein müssen wir sagen, dass die Aufkleber zu früh kamen. Wir hatten außer Ideen noch nicht viel in der Hinterhand.

Jetzt seid ihr einen großen Schritt weiter. Ihr habt einen gewissen Lagerbestand, eine grobe Aufgabenverteilung und die Internetpräsenz ist angelaufen.
Ups: Irgendwie sind wir aber immer mit Arbeit voll. Man muss sagen, dass dieses Label nur unser Hobby ist. Hannes und Markus stecken mitten in der Studien-Endphase und ich im Job.

Worin besteht denn die momentane Arbeit?
Markus: Labeln, bügeln, zählen, Buchhaltung.

Man mag mich engstirnig nennen, aber was ist labeln?
Markus: Du kennst doch bestimmt die kleinen Logo-Etiketten, die immer an die Textilien genäht sind, entweder im Nacken oder auf dem Ärmel oder sonst wo. Die muss ja einer da drannähen (lacht).

Wer von euch macht das?
Markus: Bis jetzt mache ich das. (Markus hält mir seine beiden Hände entgegen.) Man benötigt dafür sehr geschmeidige Finger.

Ist klar!
Ups: Das ist alles ein Prozess, jeder Handgriff. Stillstand gibt es eigentlich nicht.
Markus: Man kann es nicht so einfach herunterbrechen. Irgendwie macht jeder alles. Vielleicht hat jeder seinen Schwerpunkt, aber unterm Strich ist Vogelfrei ein Gemeinschaftsding. Nein, warte! Die Labels darf nur ich nähen!

Ihr entwerft also alles, druckt aber nicht selber?
Ups: Genau, angefangen bei Motiven bis zur Website, auch wenn Hannes am liebsten mit Fingerfarbe selber jedes Shirt bemalen würde. Wir fangen ja klein an und investieren alles direkt wieder in neue Klamotten, Drucke und bald verstärkt auch in die Werbung.

Eure T-Shirts bewegen sich preislich meist um die 24 Euro. Geht’s nicht billiger?
Markus: Der Preis ist vollkommen gerechtfertigt. Die Qualität ist hochwertig und wir arbeiten ausschließlich mit guten Markenprodukten. Unsere Shirts sind von American Apparel und die Zipper von Continental Clothing.
Ups: Momentan verdienen wir noch kein Geld mit dem Label. Es ist ein reines Hobby und wir finden es geil, wenn unsere Ideen die Leute erfreuen.

Ihr habt den Schritt, wenn auch erst nur als Hobby, gewagt. Könnt ihr eine Labelgründung empfehlen?
Ups: Klar! Einfach machen.

Würdet ihr den gleichen Weg noch mal gehen?
Hannes: Man hat nun mehr Erfahrung bekommen. Wir würden einige Dinge bestimmt anders angehen.
Markus: Wir haben besonders die kleinen Dinge unterschätzt und gerade diese haben uns schon oft den letzten Nerv geraubt. Nehmen wir unsere Internetseite: Setzen wir den Button dorthin? Welche Farbe nehmen wir hier? Ist die Schrift groß genug? Das Internet ist eine Dauerbaustelle, die aber wichtig ist.

Mal ans Aufhören gedacht?
Markus: Ups wäre fast eingeknickt.
Ups: Wir hatten zu Beginn vor allem andere Motivvorstellungen, aber das ist geklärt. Hannes ist der Chef. (lacht) Jetzt läuft alles. Nee, zwischendurch sind wir uns aber schon mal tierisch auf den Sack gegangen und wir sind alle Chef.
Markus: (schmunzelt) Ist das so? Ich hatte das Gefühl, dass wir Probleme zügig mit Fäusten geregelt haben.
Hannes: Ich bin der Chef.
Markus: Unsere Kombination ist enorm ausschlaggebend. Wir hören unterschiedliche Musik, haben unterschiedliche Einstellungen und Vorlieben. Man stelle sich bei uns ein Cluster vor. Hannes würde alle Ideen farbig festhalten. Ups ist mehr der Designer und ich gebe den letztendlichen Senf dazu.

Ihr seid demokratisch in eurer Arbeitsweise?
Ups: (zu Hannes) Du lernst, dich in der Gruppe zurückzunehmen. Gibt es Bier?

Vorhin wolltest du noch einen Tee.
Markus: (öffnet den Kühlschrank) Wir haben Milch!

Wir sind gleich fertig. Erzählt mir schnell von euren Zukunftsideen!
Ups: Ich würde gerne Actionfiguren von uns machen. Nebenbei kann dann jeder Kleidung für die Puppen kaufen.
Markus: Es gibt in nächster Zeit ein „Vogelfrei-Surfbrett“, aber das ist unverkäuflich.

Actionfiguren?
Ups: Ich habe sie Fitting Dolls getauft!
Markus: Anziehpuppen!
Ups: (lacht) Mein Traum wären aber Dackeljacken!

Ich danke euch für das Gespräch!







Vita
Hannes, Ups und Markus haben ihren Lebensmittelpunkt in Münster. Auf einem 6000-km-Trip reifte die Idee, Shirts an die Frau und den Mann zu bringen. Nachdem Ups fest mit im Boot saß, starteten die drei voll durch. Ihr Label „Vogelfrei“ steht für Shirts und Pullis im Flex- und Siebdruckverfahren. Sind die drei nicht klamottentechnisch unterwegs, so tummeln sie sich meist in der Nähe der Aegidiistraße. Die Jungs bleiben bewusst auf dem Teppich, hätten aber auch nichts dagegen, wenn der Vogel etwas höher fliegen würde. www.vogel-frei.com

Kommentare

Kommentar von unbekannt:
(04.06.2009 18:49 Uhr)
Tolle Interviews in letzter Zeit!

Kommentar von unbekannt:
(15.06.2009 11:56 Uhr)
oh, danke sehr Unbekannter oder Unbekannte!!!

Kommentar von unbekannte:
(07.07.2009 18:23 Uhr)

Klasse Interview.

Detlev Jöcker ist ein ganz toller Mensch.

Ich wünsche Ihm alles Liebe und Gute

und weiter viel Erfolg

 


Kommentar von PattyJ:
(10.09.2009 16:33 Uhr)
Das sind auf jeden komische Vögel (zumindest hannes und markus)

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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