Nagel (Muff Potter)
Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 23.04.2009
Muff Potter, Münster und mehr vom Leben

Es ist Dienstag, ein wunderbarer Frühlingstag. Um 11 Uhr bin ich zum Telefonat mit Nagel, dem Frontmann der Band Muff Potter, verabredet. Ich wähle die Nummer und höre am anderen Ende ein: „Hallo?!“ Münster telefoniert mit Berlin. Das kann was werden! Nach einer Stunde ist vieles geklärt: Münster hat den besten Plattenladen der Welt, in Berlin ist gutes Brot schwer zu finden und Faulheit darf auch mal sein.
Claus Hensel spricht mit Thorsten Nagelschmidt von Muff Potter
Störe ich gerade?
Nein, auf keinen Fall. Wir waren ja verabredet. Du erwischst mich gerade nur bei meinem ersten richtigen „Frühlingsgefühl“ des Jahres. Das kannst du ruhig so schreiben.
In Berlin ist schönes Wetter?
Ja, die Sonne scheint.
Du bist also gerade glücklich?
Ja, bei dem Wetter!?
Und insgesamt?
Insgesamt wahrscheinlich auch. Ich fühle mich im Reinen, mit dem was ich gemacht habe. Ansonsten bin ich extrem glücklich, aufgrund unserer neuen Muff Potter-Platte, die in Kürze erscheint. Trotzdem sind diese zwei bis drei Monate zwischen letzter Aufnahme und Veröffentlichung einer Platte immer eine Berg- und Talfahrt. Da gibt es Sachen, die klappen und funktionieren, dann gibt es aber auch immer mal wieder Streit innerhalb der Band.
Ich dachte immer, dass diese Tage die entspanntesten sind! Füße hoch und so …
Ganz und gar nicht! Wir bringen die neue Platte ja selbst auf unserem Label „Huck’s Plattenkiste“ heraus. Das bedeutet, dass wir die Platte selbst produziert haben. Nun heißt es Artwork, Videodreh, Fotos machen, Promo, mit dem Vertrieb sprechen usw.
Du hast gerade deine Lesetour beendet. 2007 erschien dein Debütroman „Wo die wilden Maden graben“ und nun gibt’s das Werk auch als Hörbuch. Am Mikro wirst du dort von Axel Prahl und Farin Urlaub unterstützt. Wie kam es dazu?
Ich habe nach sehr starken Charakteren gesucht. Axel Prahl hat bei uns schon in einem Video mitgespielt und Farin Urlaub kenne ich durch unseren Support mit Muff Potter bei der Ärzte-Tour letztes Jahr.
Gut, aber was sind die wesentlichen Kriterien? Sagt man, die Stimme ist geil, der Typ geht überhaupt nicht, aber den will ich?
Zum einen wollte ich keine professionellen Sprecher haben, die schon Dutzende andere Hörbücher oder Filmsynchronisationen gemacht haben. Zum anderen wollte ich richtige Typen. Leute mit Ecken und Kanten. Charaktere halt! Axel Prahl hat in Hörbuch-Hinsicht noch nicht so viel gemacht wie manch andere Schauspieler, Farin Urlaub hat noch nie ein Hörbuch eingesprochen. Da hat es mich sehr gefreut, dass die beiden sofort zugesagt haben. Es gibt aber auch noch andere Kriterien. Wir sind alle drei in einem unterschiedlichen Alter, jeweils ungefähr 10 Jahre auseinander. Ich habe also auf dem Hörbuch drei unterschiedliche Stimmen, alle drei heben sich voneinander ab, aber zusammenfassend ergänzen wir uns super. Das gibt dem Hörbuch eine Kurzweiligkeit, die ich sehr wichtig finde. Da kommt wohl irgendwie mein Punk-Rock-Hintergrund zum Vorschein.
Punk Rock?
Ja, einfach diese Kurzweiligkeit, die ich bevorzuge und liebe. Ich mag es, wenn etwas auf den Punkt kommt. Ich würde wohl nie Lieder von acht Minuten Länge oder 800 Seiten-Romane schreiben.
Apropos Schreiben! Hat sich dein Schreibstil in den letzten Jahren verändert?
Das ist ’ne gute Frage. Ich habe damals angefangen ein Punk- und Hardcore-Fanzine herauszubringen, das waren acht Ausgaben. Erst war es ein Musikfanzine, dann wurde es über die Jahre irgendwie zum Ego- und Pöbelfanzine. Allein in dieser Zeit gab es schon große Veränderungen. Meine größte Konstante ist aber das Textschreiben für Muff Potter. Im Grunde ist mir Stil dabei noch wichtiger als Inhalt. Es wird immer soviel über den Inhalt gequatscht, dabei ist es doch relativ einfach, eine Aussage zu irgendeinem Thema zu treffen. Nur wie man das macht, das ist doch die entscheidende Frage, vor allem wenn es um Songtexte oder Literatur geht. Hier wären wir wieder bei dem Kriterium, Sachen auf den Punkt zu bringen.
Gibt es Phasen, in denen für dich nur das Schreiben oder nur Musik machen zählt?
Ich trenne das nicht so bewusst. Da entscheide ich ganz nach Laune. Musik zu machen oder zu schreiben war ja nie mein Berufsziel, sondern einfach etwas das ich machen will. Wenn ich aber an neuen Muff Potter-Texten oder an einem Buch arbeite, dann bin ich bestimmt nicht besonders angenehm für meine Mitmenschen, weil ich mit dem Kopf ständig woanders bin. Andersherum bin ich aber auch ein Freund von Faulheit, ich finde es auch ganz wichtig einfach mal faul zu sein, abzuhängen, sich treiben zu lassen.
Du hast jetzt einmal die Gelegenheit, in deiner alten Heimat Münster Werbung zu machen. Was sollte man sich in nächster Zeit unbedingt anschaffen und woher bekommt man es?
Natürlich die neue Muff Potter-Platte. Die ist seit dem 17. April auf dem Markt, sehr gut und wir brauchen das Geld. Kaufen sollte man die Scheibe im besten Plattenladen der Welt, bei Green Hell. Für mich ist das immer noch die erste Adresse, wenn ich mal in Münster bin. Aus alter Verbundenheit, und weil der Laden einfach perfekt sortiert ist. Letztes Jahr habe ich viel Soul gehört und sogar solche Platten bei Green Hell bekommen.
Abwrackprämie, Wirtschaftskrise! Beschäftigst du dich mit der Tagespolitik?
Teilweise schon, aber ich finde nicht, dass solche Dinge in ein Muff-Potter- oder Nagel-Interview gehören. In einem Song des neuen Albums heißt es: Schlimmer als nichts zu wissen, ist nichts zu wissen und das Gegenteil zu behaupten. Ich wehre mich gegen diese Unkultur, immer zu allem und jedem eine Meinung haben zu müssen. Warum nicht einfach mal sagen, damit kenn’ ich mich zu wenig aus?
Bist du nach so vielen Jahren auf der Bühne noch nervös?
Ich bin manchmal nervös, aber nicht so, dass ich mich übergeben muss. Ich bin nervös, wenn Menschen im Publikum sind, die man selbst bewundert oder vor denen man Respekt hat. Und natürlich bei den ersten Malen, die es so gibt. Mit fünf Jahren nimmt man am meisten von seiner Umwelt auf, dann Schule, erster Sex, das erste Mal besoffen, erstes Auto, erste eigene Wohnung, erstes Mal alleine verreisen und so weiter ... Leider werden diese ersten Male immer weniger. Es wiederholt sich so viel, auch oder gerade bei Künstlern. Davor bin ich auf der Hut. Ich will auch mit über 30 noch neue Sachen machen. Zum Beispiel eben auf Lesetour gehen und gucken, ob man das hinkriegt, alleine zwei Stunden lang das Publikum zu unterhalten.
Wie war’s denn auf der Buchmesse?
Gut! Ich dachte, kein Schwein interessiert sich für mich und meinen Fäkalhumor, hinterher waren doch 80 Leute da und sind sogar geblieben.
Also, Muff Potter, eigene Lesetour, gibt’s denn von deinem Soloprojekt Freunde der Nacht/Ruhe auch noch mal ’ne Platte?
Es gibt ja einen Sampler mit Namen „Herz statt Kommerz“, den mein Freund Kevin Ha-mann (Clickclickdecker) herausgebracht hat. Darauf ist eine Einspuraufnahme von mir. Das ist die einzige physische Freunde der Nacht/Ruhe-Veröffentlichung. Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass Lesungen mir einfach viel mehr Spaß machen und ich bei Solokonzerten genauso viel rede wie bei Lesungen. Da habe ich das einfach kombiniert. Außerdem sind mir zurzeit irgendwie zu viele Singer/Songwriter unterwegs … Oh, im Radio läuft gerade Ghost of Tom Joad, da freu ich mich ja jetzt … Äh, wo waren wir? Ach ja, wenn ich auf der Bühne Musik mache, möchte ich Brami am Schlagzeug hinter mir
haben.
Du hast vorhin schon Green Hell aufgezählt, aber was vermisst du noch in Berlin und was kannst du in Berlin empfehlen?
Gutes Brot ist in Berlin sehr schwer zu finden, die Bäcker sind tendenziell echt schlecht. Was kann ich empfehlen? Man sollte auf der Insel der Jugend sitzen und viel zu viel Wein trinken. Ansonsten mag ich die Anonymität in Berlin. Klingt aufgrund der Größe der Stadt vielleicht erstmal paradox, aber ich finde genau deswegen hier mehr Ruhe.
Ich würde dir gern ein paar Begriffe an den Kopf werfen. Sei einfach spontan!
Okay.
Herz oder Verstand?
Nicht das Eine ohne das Andere. Verstand ist ja irgendwie uncool konnotiert. Zu Unrecht. Ich finde Verstand ziemlich wichtig. Ohne Herz wäre es aber auch traurig.
Hörbuch oder lesen?
Eindeutig selber lesen!
Kondition bolzen oder Muskeln stählen?
Kondition … Es ist wichtig durchzuhalten, man muss einstecken können, deswegen Kondition.
Wein oder Bier?
Wein! Ich mag kein Bier.
Möchtest du zum Abschluss den Stadtgeflüster-Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?
[Überlegt lange] Ach … vielleicht ein Selbstzitat: „Das Beste am Winter ist, dass danach der Frühling kommt.“ Und man sollte mehr Otis Redding hören!
Danke für das Telefonat und genieß die Sonne heute noch!


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