Christian Krause
Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 16.04.2009

Shake, Rattle And Roll

Früher hieß es am C64 „Skate Or Die“, dann drängte sich Tony Hawk in die virtuelle Welt, doch die Konsole bietet nur ein schwaches Abbild der Skateboard-Szene. Als ich Christian Krause, einen der bekanntesten deutschen Skater, um 13 Uhr treffe, erlebt Münster einen wunderbaren Frühlingstag. Christian nuckelt an seinem Milchshake, ich schlürfe meinen Kaffee und eine gute Stunde später weiß ich, dass Skateboard mehr ist als nur ein Brett mit vier Rollen.

Claus Hensel trifft Christian Krause.
Alles klar bei dir?
[Lacht] Ja, alles bestens.

Das heißt, gestern Abend war es gut?
Jo, hat alles gepasst. Ich bin gerade erst nach Münster gezogen. Von einem Freund habe ich erfahren, dass er noch ein Zimmer frei hat und innerhalb eines Tages bin ich umgezogen. Gestern Abend hab’ ich dann ein paar Jungs eingepackt und wir sind um die Häuser gezogen.

In einem Steckbrief von dir habe ich gelesen, dass du Skateboard fährst, weil Fußball scheiße ist. Ich spiele Fußball, bin ein Pflegefall auf dem Brett, aber Inliner fahren geht …
Das ist doch überhaupt nicht schlimm!

Ich dachte nur, wegen des Streits zwischen Skatern und Inline-Skatern!
Da hast du nicht ganz Unrecht. Wir stehen nicht so aufeinander. Es gibt einfach keine gemeinsame große Basis. Die Inline-Skater waxen die Curbs und Rails so stark, das ist für uns einfach zu glatt. In der Sommerhitze läuft der ganze Mist dann die Rampen runter und versaut uns den Parcours.

Äh, jetzt mal ganz langsam. Tut mir leid, aber was sind Curbs und Rails?
Ein Curb ist ein Bordstein bzw. eine Kante, an dem durch Slides und Grinds entlanggerutscht werden kann.

Das wird ja immer besser! Was sind denn Slides und Grinds?
Ein Slide ist ein Trick, bei dem mit dem Board, weniger mit den Rollen, über ein Hindernis gerutscht wird. Bei einem Grind ist es ähnlich, nur dass man dort mit den Achsen rutscht.

Jetzt fehlt mir noch die Erklärung vom Rail!
Das ist eine Stange, man könnte auch Schiene sagen. Stell dir ein Treppengeländer vor! Auch hier wird entlanggerutscht.

Wie ist das bei einem Skatepark? Wenn dort noch die BMX-Fahrer hinzukommen, dann seit ihr schon drei Gruppen.
Natürlich kann man sich nicht komplett aus dem Weg gehen. Wir schlagen uns aber auch nicht die Köpfe ein. Zum einen gehören wir alle dem Fun-Sport an, trotzdem macht jeder sein eigenes Ding und beäugt den anderen kritisch. Nehmen wir die Situation in Münster. Im Skaters Palace haben die BMXler ihren eigenen Tag bekommen. Die brauchen einfach zu viel Platz, zu viel Weg. Da bringt es nichts, wenn wir auch noch dazwischen abhängen. Daraufhin haben auch wir unseren eigenen Tag gefordert und das sieht ganz gut aus. Dienstag oder Mittwoch wird das nun sein. Außerdem haben wir immer noch das Areal vor den Stadtwerken.

Gibt es nicht auch noch einen Skatepark am Berg Fidel?
Genau, aber das ist nicht so mein Ding. Da ich mehr Street fahre, bin ich dort nicht oft.
Gievenbeck ist noch eine gute Adresse, da werd’ ich später am Tag auch noch mal hin.

Das klingt nach einem entspannten Tag heute.
Absolut! Ich wohne jetzt seit drei Wochen in Münster und hab’ momentan Urlaub. Dazu kommt jetzt noch die Sonne. Da steh’ ich jeden Tag auf dem Brett.

Ich dachte, du kommst aus Münster?
Nee, nee! Gebürtig komm ich aus Dülmen. Ich skate seit 2003 in Münster und nun bin ich wegen der Ausbildung hierher gezogen.

Ich überlege gerade, was du für eine Ausbildung machst. Irgendwie bekomm’ ich aber nur sportliche Berufsbilder in die Birne.
[Lacht] Ganz falsch! Ich mach ’ne Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Der Sport ist dabei ganz weit weg, aber das macht nichts. Es gefällt mir sehr gut und ich habe Spaß.

Ist Sport überhaupt der richtige Ausdruck?
Ich würde das Skaten eher als mein Hobby betrachten. Sport klingt irgendwie zu eingeengt, Sport klingt nach Training und Disziplin!

Du trainierst also nicht?
Nein, auf keinen Fall! Ich skate einfach nur. Manchmal täglich, dann hab’ ich aber auch mal vier Tage keinen Bock auf das Brett und chille einfach nur. Ich habe keinen festen Plan, in dem steht, dass ich dann und dann 2 bis 3 Stunden üben oder trainieren muss. Das ist einfach mein Leben.

Okay, und wann bist du mit deinem Hobby, deinem Leben angefangen?
Ich skate seit 2000, seit 2003 skate ich in Münster. Ich bin halt damals immer mit der Bahn nach Münster gebummelt und hab’ das Brett dann hier ausgepackt!

Du zählst zu den bekanntesten und besten Skatern in Deutschland, du hast eine Menge Sponsoren im Hintergrund. Wie steigt man in der „Szene“ auf und wird so erfolgreich?
Na ja, zum einen natürlich, wenn du erfolgreich auf Contests abschneidest. Dann auf jeden Fall durch Mundpropaganda. Ein großer Teil wird aber durch Videos geregelt.

Videos?
Ja, du drehst von dir fast ein Bewerbungsvideo. Dann schickst du das an bestimmte Sponsoren, Firmen, Teams. Tja, dann heißt es, noch gut ankommen, und vielleicht klingelt dein Telefon und du hast einen potenziellen Sponsor.

Das mit dem Filmen interessiert mich jetzt aber. Das machst du in Eigenregie?
Zum Glück hab’ ich da meinen Kumpel Gerrit. Für mich momentan der beste Skatefilmer in Deutschland. Er skatet selbst, hatte aber früher viel Pech mit Stürzen. Nun schnappt er sich mehr die Cam, als das Board. Der hat das Gefühl, bestimmte Situationen in Szene zu setzen. Das ist sehr wichtig. Da sind wir schon wieder bei dem Ausdruck: Skateboarden als Lebensgefühl!

Film und Lebensgefühl! Davon können sich ja die Leute am Donnerstag, 23. April um 20 Uhr, im Cineplex in Münster selbst überzeugen!
Ja, da gibt es die Movie Night of Extreme-Sports Tour 2009! Der Film wird bestimmt klasse. Die DVD vom letzten Jahr habe ich zu Hause. Auch meine Tricks aus dem aktuellen Streifen habe ich schon gesehen. Insgesamt geht es um Extreme-Sports und das jeweilige Lebensgefühl. Skaten, Snowboarden, Paragliden, BMX … Wir waren mit einer großen Gruppe im Nightliner der Sportfreunde Stiller in ganz Deutschland unterwegs. Abends München, morgens Berlin. Das war ’ne geile Zeit.

Und zwischendurch habt ihr eure Bretter ausgepackt?
Genau! Entweder bei einer gechillten Session mit den Kids vor Ort, bei Skateshops oder anderen Meetings. Dabei hat uns dann immer eine Kamera begleitet.

Du warst bei der deutschen Meisterschaft ganz vorne, bist schon beim Münster Monster Mastership gefahren, da waren deine Autogramme bei der Tour doch sehr gefragt?
Das ist ganz witzig. Natürlich kommen die Kids zwischendurch, wollen Autogramme oder bewundern nur dein Brett. Sie gucken dann, was und welche Einstellungen du fährst. Das ist halt immer ganz witzig, aber auch schön!

In der Szene haben manche Leute ein Markenzeichen! Auf was schaut man bei dir?
Früher hatte ich meine Hose hochgekrempelt beim Skaten. Heute trage ich Röhrenjeans. Obwohl das eigentlich nicht so etwas Besonderes ist.

Ist Röhre nicht normal?
[Schmunzelt] Überhaupt nicht. Es gibt genügend Fahrer, die tragen Baggy-Pants und hören Hip-Hop. Richtige Gangster sind das.

Aber ihr versteht euch alle untereinander?
Klar. Wenn wir bei Contests oder gemütlichen Sessions zusammenkommen, dann ist kein Neid im Vordergrund. Wir sind eine verrückte Familie. Bei uns wird applaudiert, wenn einem etwas Spektakuläres auf dem Brett gelingt. Man freut sich mir dem Anderen.

Wenn Skaten dein Leben ist, trau’ ich mich gar nicht nach anderen Hobbys zu fragen.
Ich habe mir vor kurzem eine Kamera gekauft und fotografiere ein wenig rum. Das gefällt mir wirklich gut. Ansonsten lande ich doch wieder auf dem Brett. Im Winter gehe ich Snowboarden, Surfen hab’ ich im Sommer auch schon ausprobiert, oder ich entspanne auf meinem Cruiserboard.

Cruiserboard?
Ja, das ist ein kürzeres Longboard. Im Sommer macht das tierischen Spaß.

Apropos Sommer! Man sieht doch immer, dass in einem Pool geskatet wird!
Das ist wirklich bombig. Hab’ ich schon mal gemacht, ist in Deutschland aber sehr wenig bis gar nicht aufzufinden. Ein paar Typen in Österreich bauen sich die Dinger privat in den Garten. Das wäre ein Traum. Wir Deutschen sind leider zu „konservativ“. Bei uns muss alles immer geradlinig und eckig sein. Die Amerikaner können auch abgerundete Dinge bauen, zum Beispiel einen Pool zum Skaten!

Wer ist für dich momentan der beste Skater der Welt?
Da sag’ ich mal Mark Appleyard aus den USA. Ich kenne ihn leider nur aus Videos. Mein bester Freund ist aber sein größter „Fan“ und es wird ihn bestimmt freuen, dass ich Mark genannt habe.

Vielen Dank für das Gespräch!






Vita:
Christian Krause ist am 23.9.1988 in Dülmen geboren und steht seit 2000 auf dem Brett, das für ihn die Welt bedeutet. Er fährt ein Über-Brett (8 Inch), Bones Kugellager, 52 mm Wolfsmensch Rollen, 149er Independent Achsen und ein Jessup Griptape. Zusammenfassend lässt sich sagen, er steht lieber auf einem breiteren Brett und viele Leute würden ihn aufgrund seiner weichen Achseneinstellung für verrückt halten.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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