Wladimir Kaminer
Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 19.03.2009

Ein Mann gibt Auskunft

Endlich mal einer, der sich auskennt! Der sich Gedanken macht, statt abzuschalten, der kritisch ist, ohne sarkastisch zu werden. Der den Mut hat, eigene Ideen zu äußern und dabei nicht bierernst auf einem Podest steht und Angst vorm Publikum hat, sondern mit herrlichem Humor und russischer Seele für Stimmung und Glaubwürdigkeit sorgt. Wladimir, der Große, ist am Telefon. Ich freu mich!
Elisabeth Ostermann telefoniert mit Wladimir Kaminer
Wladimir, was gibts Neues?
In den letzten sechs Monaten sind zwei Bücher von mir herausgekommen und ich war zum ersten mal im Leben in Israel auf Einladung vom Goethe-Institut. Diese Einladung bestand schon lange aber aus verschiedenen Gründen hatte ich sie bisher nicht wahrnehmen können.

Und wie war es in Israel?
Das ist ein lustiger Ort, obwohl man das wahrscheinlich gar nicht so sagen darf, weil da ständig Attentate stattfinden und Menschen dabei draufgehen. Dieses Land zieht eben Verrückte aus allen Winkeln der Erde an. Schon am Flughafen konnte man das deutlich sehen. Als wir aus dem Flugzeug herauskamen, ist zum Beispiel eine Frau gleich auf die Knie gefallen und küsste die heilige Erde so lange, bis sie von Sicherheitskräften abgeholt wurde. Und ein Mann zog erst sein Hemd aus und verließ dann seinen Gepäckwagen. Die Sicherheitskräfte haben sehr viel zu tun. Sie müssen alle Irren einfangen und dann befragen, was sie in Israel vorhaben.

Was hattest du vor?
Ich sollte bei einer Buchmesse über die deutsche Schrebergartenkultur einen Vortrag halten auf einem Stand, der wie ein Schrebergarten dekoriert worden war. Die Grenzbeamten wussten natürlich weder was eine Buchmesse, noch was ein Buch oder ein Schriftsteller ist.

Oh, nein!
Ja, das war ein sehr lustiges Gespräch.
Die: "Was ist eine Buchmesse?"
Ich: "Eine Messe für Bücher."
Die: "Was sind Bücher?"
Ich: "Bücher schreiben Leute so über..."
Die: "Aha, und Sie schreiben solche Bücher?"
Ich: "Ja."
Die: "Schreiben Sie über Israel?"
Ich: "Nein."
Die: "Warum kommen Sie dann nach Israel?"
Ich: "Na gut, dann schreibe ich halt was über Israel."
Das ganze auch noch auf Englisch.

War es sonst noch gefährlich?
Nein, natürlich nicht. Das ist doch alles Propaganda! Im Fernsehen sieht jeder Teil der Erde gefährlich aus. Ich war neulich selbst in dieser Fernsehfalle. Im August sollte ich einen Film im Nordkaukasus bei meiner Schwiegermutter drehen. Für Arte, den deutsch-französischen Sender.

Kenne ich.
Arte hat bei mir diesen Film bestellt und sogar im Voraus bezahlt. Das war im Grunde genommen ein Glücksfall. Aber mein Fernsehteam aus Köln hat mich sitzen lassen weil es Angst vor dem Krieg im Kaukasus hatte.

Zum Krieg geht man ja auch nicht.
Also ein Krieg war das eigentlich nicht, eher ein Angriff zwischen Russland und Georgien. Aber das war vor allem nicht dort, wo wir drehen wollten. Es war im Süd-Kaukasus und ich war im Nord-Kaukasus auf der anderen Seite vom kaukasischen Gebirge, über 400 km weit entfernt. Es gab nicht mal einen Weg, der dahin geführt hätte aber im Fernsehen hieß es "Krieg im Kaukasus" und da fährt man natürlich nicht hin. Mein Team hat einmal in einer Sms gefragt, wie die Lage sei. Ich schrieb zurück "Alles ruhig. Der Krieg ist ganz woanders." Aber wem glaubt man? Einem Spinner oder dem Fernsehen?!

Konnte der Film deshalb nicht gedreht werden?
Nein, natürlich nicht. Aber wenn nicht wieder ein Krieg ausbricht, drehen wir den Film dieses Jahr. Für mich war die Situation ein bißchen blöd weil ich den Kaukasiern im Vorfeld schon eingeschärft hatte, dass jetzt die Leute mit den Kameras kommen. Die hatten sich sehr darauf gefreut und große Vorbereitungen getroffen. Ein Nachbar von uns hat sich für sein ganzes Geld neue Zähne machen lassen und dann kamen keine Kameras.

Schade. Aber sag mal, Wladimir, höre ich da ein Baby bei dir im Hintergrund schreien?
Nein, eine Katze. Es klingt jämmerlich. Das ist meine Katze Fjodor Dostojewski. Wir haben noch eine andere, aber die miaut nie. Es sind Siamkatzen.

Das sind die Hunde unter den Katzen.
Ehrlich? Ich würde eher sagen, dass sie vermenschlicht sind. Sie bekommen eine Art Charakter, wenn sie lange mit Menschen in einer Wohnung leben. Wir haben eine sehr große Wohnung. Die Katzen wachsen im Geiste und sind immer so groß wie die Wohnung. Ihr Verständnis von Zeit und Raum ist ein Anderes als beim Menschen. In einer fremden Umgebung kommen sie sich sehr klein vor und je vertrauter sie sich fühlen, desto größer werden sie.

Das ist beim Menschen ähnlich.
Ja? Verlieren sich Menschen in fremder Umgebung? Bei mir ist das anders.

Wenn man sich richtig fremd und verloren fühlt, bleibt man klein, oder? Man wächst mit dem Wohlbefinden.
Natürlich, das stimmt sehr.

Am 26. März kommst du nach Münster, nicht?
Ja, zu einer Lesung von dem ganz neuen Buch, das jetzt erst erschienen ist mit dem umständlichen Titel: "Es gab keinen Sex im Sozialismus: Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts".

Worum geht es?
Um Erfahrungen, Missverständnisse und Geschichten, die ich selber in der sozialistischen Gesellschaft erlebt und gesammelt oder von anderen gehört habe. Um die Weisheit des Lebens im Sozialismus. Die aktuelle Finanzkrise war natürlich nicht von mir geplant aber sie passt perfekt als Werbekampagne für das Buch, wo doch gerade jetzt viel über den Sozialismus und die Krise des Kapitalismus gesprochen wird. Ich bin mit diesen Thesen aufgewachsen.

Stimmt, im Moment sieht es für den Kapitalismus eher bescheiden aus. Die DDR hätte sich jetzt wahrscheinlich, wenn sie noch existieren würde, totgelacht.
Man hätte das einfach etwas pragmatischer gestalten können. Ohne diese überflüssige Ideologie, sondern einfach nur von jedem System das nehmen, was funktioniert und zusammenlegen.
Im Sozialismus hat einiges gut funktioniert aber da man einen ideologischen Feind brauchte um die Menschen einzuschüchtern, hat man den Sozialismus dämonisiert.

Steht deine Bürgermeisterkandidatur noch?
Es gibt leider keine direkte Wahl zum Bürgermeister. Jemand, der Bürgermeister werden will, muss dazu geboren sein und sich gleich von Kind an darauf vorbereiten. Meine Initiative richtet sich jedoch an etwas Anderes. Ich wollte diese Stadt politisieren. Berlin braucht mehr bürgerliches Engagement weil es hier wenig große Wirtschaft gibt. Es gibt keine Audi- oder Opel-Werke. Die meisten Leute sind auf sich selbst angewiesen. In Deutschland ist die Politik nun mal sehr stark mit der Wirtschaft zusammengeschmolzen. Wo keine Wirtschaft ist, gibts auch wenig Politik. Die Politik beschränkt sich dann auf sehr kleine Angelegenheiten. Wir sind jetzt beispielsweise unsere letzten Bäume in Prenzlauer Berg losgeworden! Mit einer skurilen Begründung: Es waren DDR-Bäume. Leider ist das Buch über den Sozialismus schon raus, das hätte perfekt dazu gepasst. Alte, kranke DDR-Bäume, die mit weiß der Geier welchem sozialistischen Dünger gefüttert worden waren, wenn die jetzt auf ein kapitalistisches Auto fallen, dann zahlt die Versicherung nicht. Jetzt haben wir gar keine Bäume mehr.

Werden denn keine neuen gepflanzt?
Wir haben eine Bürgerinitiative gegründet, Geld gesammelt, einen Baum zusammen mit allen Nachbarn gekauft und gepflanzt. Die politische Hand reicht leider nur die Axt herüber. Das ist nicht die Hand des Verstehens.

Ich bin hier in Köln, ich kann nachvollziehen, wovon du sprichst...
Ah, bei euch fallen die Häuser zusammen. Das wird in den russischen Nachrichten ausführlich berichtet. Irgendwie fühlen sich die Russen solidarisch, wenn nicht nur dort die Häuser zusammenfallen, sondern sogar in Köln. Das hätten wir von den Deutschen nicht erwartet.

Ich auch nicht.
Die kapitalistische Politik hat nicht zum Ziel, den Menschen tolle Häuser zu bauen. Das wäre eine absurde Unterstellung. Sie verfolgt ganz andere Ziele, nämlich mit minimalen Investitionen in kürzester Zeit die maximalen Gewinne für die Wirtschaft zu ermöglichen, die diese Politik finanziert und bei der die Politik aus der Hand frisst. Natürlich ist die hauptsächliche menschliche Eigenschaft, die in einem solchen System gezüchtet wird, die Gier. So, wie es im Sozialismus die Faulheit war. Im Sozialismus waren die Menschen gezwungen, faul zu sein denn, egal, wie sehr sie sich bemühten, es hatte keinen Sinn. Der Kapitalismus bringt hingegen auch normale anständige Leute dazu, nach Sachen zu gieren, die sie nicht brauchen. Deswegen sage ich, dass man eine goldene Mitte finden muss.

Hast du schon eine konkrete Idee, einen politischen Entwurf oder so?
Ich glaube gar nicht, dass man da großartige Ideen zu haben braucht. Es liegt doch alles auf der Hand. Man muss sich nur selbst etwas engagieren. Das war auch mein Vorschlag bei der Bürgermeisterkandidatur, obwohl ich natürlich in Wahrheit meinen supertollen Job als reisender Geschichtenerzähler niemals gegen einen langweiligen Bürgermeisterposten tauschen möchte.

Und darüber sind wir froh!






Vita:
Wladimir Kaminers politische Mission nennt sich "Mehrstaatlichkeit". Dieses Thema genauer zu erläutern, würde jetzt leider den Rahmen sprengen. Er wurde kurz nach Mitte Juli 1967 in Moskau geboren und lebt heute mit seiner Frau, zwei Kindern und zwei Katzen in Berlin. Wer mehr wissen will, geht bitte auf www.russendisko.de. Einen direkten Eindruck von ihm bekommt man am 26. März um 20 Uhr, wenn Kaminer auf die Bühne der Aula am Aasee tritt. Karten sind online und bei allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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