Michael Kampemann
Stadtgeflüsterinterview in der MZ am 5.03.2009

Kinderquatsch mit Michael

Für mich bitte einmal den zweitältesten Wein, für meinen Mann das zweitbeste Steak und für meinen Sohn bitte die zweitälteste Kita der Stadt! Hä? Soll das hier eine Werbung sein?! Wir bitten euch, liebe Leserlein, Qualität ist die beste Werbung, da braucht " Der Kotten" unsere Hilfe nicht. Aber spannend ist das Thema trotzdem und deshalb haben wir einfach mal für euch recherchiert.
Elisabeth Ostermann spricht mit Michael Kampemann
Was unterscheidet eine Elterninitiative von einem städtischen Kindergarten?
Bei uns sind die Elter selbst Träger. Sie haben einen Verein gegründet und bestimmen selber die Konzeption, also was, wann, wie gemacht wird. Im Regelkindergarten haben die Eltern ein Mitspracherecht und bei uns haben sie alle Rechte.

Was ist denn ihr Konzept?
Wir sind sehr naturnah und wir machen viele Projekte.

Fahren sie raus in den Wald mit den Kleinen, oder wie kann ich mir das vorstellen?
Seit 1972 bis jetzt waren wir auf einem Bauernhof mit sehr großem Außengelände und Zugang zu einem Wald und einem Bach. Wir ziehen aber gerade um.

Oh, wohin denn?
Wir bleiben zwar auf dem Kappenberger Damm, ziehen aber etwas stadteinwärts in ein altes Siedlerhäuschen, da haben wir ein 900qm Grundstück. Das ist für uns eher klein, aber im Vergleich zu den Kitas in der Stadt ist es immernoch recht weitläufig.

Was ist denn die größte Herausforderung an ihrem Beruf?
Geduld, weil man alles, alles immer wieder tun muss. Bei uns wechseln die Kunden ständig und man hat sehr viel mit ihnen zu tun. Mehr geht kaum noch. Man fängt bei den neuen Kindern immer wieder von vorne an und dafür braucht man eben Geduld. Sowohl für die Kinder als auch für die Eltern! Die Anforderungen von außen, also zum Beispiel das neue Kindergartengesetz, stellt dann noch seine ganz eigenen Ansprüche.

Hat sich dadurch einiges geändert?
Ja. Der wichtigste Punkt ist, dass die Betreuung der unter Dreijährigen mit aufgenommen wurde, da ist zwar auch Geld investiert worden aber insgesamt wurde eher gespart. Personaltechnisch hat sich sehr viel zum Schlechten hin geändert, das haben gerade die Elterninitiativen in Münster gemerkt.

Wie viele Elterninitiativen gibt es denn hier?
Es gibt circa fünfzig.

Reicht das? Oder besteht noch größerer Bedarf?
Für Kinder unter drei auf jeden Fall, da haben schon immer Plätze gefehlt und seit den Personaleinsparungen erst recht. Die meisten Elterninitiativen arbeiten mit Kindern von einem halben Jahr bis zur Einschulung.

Wird das für ein Kind nicht öde, wenn es so lange in den Kindergarten gehen muss?
Ich weiß es nicht. Unsere Kinder in der Gruppe sind zwei bis sechs Jahre alt.

Und was ist Ihre persönliche Meinung?
Es kommt auf das Angebot an, ob man sich langweilt. Meine eigenen Kinder sind alle erst mit drei Jahren in den Kindergarten gekommen. Leben zu Hause wird doch auch nicht langweilig. Und Langeweile gehört vielleicht auch zum Leben dazu. Schule geht noch länger als sechs Jahre und ist manchmal öde.

Da kommen aber immer neue Herausforderungen, wechselnde Lehrer, Klassenkameraden und Fächer dazu.
Die Angebote und Möglichkeiten, die Kinder bei uns haben, wechseln und ändern sich auch mit wachsendem Alter. Ein zweijähriges Kind hat ganz andere Rechte und Pflichten als ein Sechsjähriges.

Zum Beispiel?
Ein jüngeres Kind lernt sich selber, seine Umwelt und die Gruppe erst kennen, erforscht noch sehr viel und kommuniziert ganz anders, als ein Älteres. Das geht allein in die Werkstatt, schnitzt und macht sogar mal ein Lagerfeuer.

Was ist denn das Wichtigste, was Kinder im Kindergarten lernen können?
Das Zusammenleben mit Anderen und alles, was dazu gehört: Rücksichtnahme und Selbstwertgefühl. Es ist eine tolle Erfahrung, vor einer Gruppe zu sprechen, wenn einem zugehört wird.

Woran erkenne ich als Mutter einen guten Kindergarten?
Ein Kindergarten sollte die Eltern zum Hospitieren einladen, damit sie mal direkt am Geschehen teilnehmen können. Außerdem braucht man eine erzieherische Übereinstimmung. Man sollte mit dem Konzept und mit dem Wertesystem einverstanden sein. Wenn ich möchte, dass mein Kind lernt zurückzuschlagen, sollte ich einen Kindergarten wählen, in dem die Erzieher darauf achten, dass Konflikte möglichst immer mit der Faust gelöst werden. In einem guten Kindergarten fühlen sich auch die Eltern wohl.

Als Mann ist man in dem Beruf recht einsam, oder?
In meinem Ausbildungsjahr waren wir vier Männer auf 60 Frauen. Ich weiß nicht, ob sich die Verhältnisse geändert haben.

Warum ist das so?
Das liegt daran, dass die Bezahlung wesentlich geringer ist, als in anderen Ausbildungsberufen.

Und man braucht eher weiblich assoziierte Qualitäten, nicht wahr?
Ich denke, dass Kinder, genau wie sie zu Hause einen Vater gut gebrauchen können, von einem männlichen Erzieher profitieren. Kinder sollten abspeichern, dass Windeln und Kochlöffel auch in Männerhände gehören. Und dann gibt es natürlich auch "typisch männliche" Sachen bei der Kinderbetreuung. Kleine Abenteuer können Männer auch im Kindergarten sehr gut anbieten. Die männlichen Erzieher sind immer sehr beliebt, wobei das Mannsein ansich natürlich nicht die einzige Qualität sein darf, die man mitbringt. Ein Quotenmann nur aus Prinzip ist für die Kolleginnen lästig.

Wobei die Herren, die diesen Beruf ergreifen bestimmt sehr genau überlegt haben, ob sie das machen wollen. Für Frauen ist diese Wahl doch recht nahliegend.
Das kann sein. Man muss natürlich bei jedem Vorstellungsgespräch schauen, wieso jemand überhaupt Erzieher werden möchte. Es gibt tatsächlich Erzieherinnen, die den Beruf auswählten, weil sie eine Allergie gegen die Chemikalien im Friseursalon entwickelt haben.

Die armen Kinder.
Ja, in solchen Kindergärten wird nachmittags halt Fernsehen geglotzt.

Aber ist ein schlechter Kindergarten nicht besser als gar keiner?
Nein. Es gibt zwar die Diskussion um die Einführung einer Kindergartenpflicht aber unmotvierte Erzieher in einem schlecht ausgestatteten Umfeld, die ein Kind nur verwahren, tut definitiv nicht gut.

Aber es hätte Spielkameraden.
Wenn ein kleines sensibles Dreijähriges von anderen unterdrückt und verprügelt wird, ist das auch keine große Hilfe. Es wäre alleine zu Hause vielleicht doch schöner, wenn man dann mit sechs Jahren stärker und älter in die Schule kommt. So schlechte Kindergärten sollte es gar nicht mehr geben.

Gibt es eine Instanz, die das prüft?
In Münster bietet die Stadt an, bei einem Qualitätsmanagementsystem mitzumachen. Da gibt es bestimmte Kriterien zur Selbstkontrolle. Es gibt aber keinen, der die Arbeit in den Kindergärten direkt überprüft.

Dann prüfe ich jetzt mal: Wie sieht bei euch der typische Tagesablauf aus?
Die Kinder kommen zwischen halb acht und halb zehn Uhr. In dieser Zeit bieten wir ein offenes Frühstück an, da steht ein gedeckter Tisch im Gruppenraum und man kann sich setzen und essen, wann man möchte. Danach gehen alle raus, das ist Pflicht.
Dann gibt es ein Vormittagsangebot, das zum aktuellen Thema passt, momentan ist das "Märchen". Wenn das Wetter mitspielt, gehen wir aber auch bloß raus und bauen einen Schneemann oder fahren Schlitten. Halb zwölf ist unser Mittagskreis, dann schauen wir, welche Kinder fehlen. Dann singen wir und besprechen weitere Pläne. Wir gehen zum Beispiel mal in den Zoo und auch regelmäßig schwimmen. Dann gibt es Mittagessen und das kochen unsere Eltern selber.

Wie stell ich mir das denn vor?
Unsere Eltern kochen abwechselnd. Wir kaufen dafür im Bioladen ein.

Wie oft wäre ich dran?
Einmal alle zwei wochen. Einmal in dieser Zeit kochen wir Erzieher und ein Kind. Die ganz Kleinen suchen sich dann nur aus, was es geben soll. Die großen Kinder schnippeln und kochen selbst.

Was gibt es so zu essen?
Alles, aber vegetarisch.

Was?
Wir nehmen Rücksicht auf die Kinder, deren Eltern Vegetarier sind. Diejenigen, die Fleisch essen, können das zu Hause machen. Unsere Familien, die zu Mc Donalds gehen, stört es nicht, dass wir hier unter der Woche gesund essen. Wer Mc Donalds essen kann, der kann auch mal einen Grünkernbratling vertragen, der ist ja schließlich einiges gewohnt. Wem andererseits die Ernährung sehr wichtig ist, der sucht sich unsere Kita aus, weil wir nicht jeden Tag nur Wurst auftischen.

Und die Kinder essen das gerne?
Na klar. Und die sind vor allem stolz, wenn das Essen ihrer Eltern gut ankam. Gemäkel gibt es natürlich auch, das ist normal. Der eine isst keine Möhren, der andere keine Kartoffeln aber man muss es ja nicht essen, dazu wird bei uns niemand gezwungen. Mit wachsendem Alter werden die Kinder lockerer und wenn man sie in Ruhe lässt, dann klappt das immer irgendwann.

Wie geht denn ein Profi wie Sie mit Antipathien um?
Wenn ich als Erzieher ein Kind nicht mag? Das gibt es zwar, aber wenn man so lange Zeit zusammen ist, lernt man einander sehr gut kennen und ein Kind, das nur scheiße ist, gibt es nicht. Man sieht immer auch die guten Seiten. Man fokussiert halt darauf und rauft sich so zusammen. Den Kindern geht es ja genauso. Die mögen sicherlich den einen von uns lieber als den anderen, aber man kommt trotzdem klar. Jeder kann mit einem bestimmten Typen Mensch besser umgehen und so verteilt sich das unter uns Erziehern.

Mit den Kollegen führt man auch fast eine Ehe, oder?
Jein. Es ist zwar familiär aber doch anders, denn der Umgangston ist freundlicher. Es gibt ja immernoch eine größere Distanz als zu Hause. Wir haben einander ja nicht ausgesucht.

Sie sind der Chef?
Ja.

Was würden Sie unter keinen Umständen bei Kollegen tolerieren?
Da gibt es einiges. Wenn man unfair ist, den Kindern gegenüber, beispielsweise ein Lieblingskind bevorzugt. Oder wenn man die Augen verdreht, weil jemand etwas falsch macht. Wer den Kindern gegenüber nicht wohlwollend und nur genervt ist über ihre Ansprüche, der hat bei uns auch nichts verloren. Man sollte auch keinen zu großen Wert auf Mode legen, denn man muss vielseitig einsatzbereit sein. Wer Angst hat, nass zu werden und auf Stöckelschuhen bauchfrei herumspaziert, ist bei uns auch falsch. Ein Erzieher muss wetterfest sein.

Das hört sich plausibel an. Danke, für das Gespräch und viel Spaß!




Vita:
Michael Kampelmann ist Leiter der Elterinitiative "Der Kotten", die gegründet wurde, als er selbst noch ein Dreikäsehoch war, nämlich 1971. Er kann gar nicht genug von Kindern bekommen, deshalb hat er sich mit seiner Frau privat auch noch vier Stück zugelegt. Wer seinem Kind eine Zeit als Kottenkind gönnen möchte, der kann sich die nötigen Informationen auf www.derkotten.de besorgen.

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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