Wiglaf Droste
WEIN ODER NICHT WEIN

Herr Droste, am Ende
Ihrer Ostwestfalenzeit stand der Zivildienst. Was lernten Sie als „Arbeitersamariter“?
Schon beim ersten Einstellungsgespräch, der sogenannten „Gewissensprüfung“, lernte ich Neues. Ich wurde gefragt, ob ich „Gewissensgründe“ hätte oder „gewisse Gründe“, den Kriegsdienst zu verweigern. Das war für mich ein Kontakt mit einer Wirklichkeit, die ich noch nicht kannte. Immerhin wurde mir dann in der zweiten Instanz von etwas zugänglicheren Leuten zugestanden, dass ich ein Gewissen und somit auch Gewissensgründe habe.
Und ab ging’s zum
Arbeiter-Samariter-Bund.
Ja, das ist ein toller Name – so schön proletarisch.
Arbeiter-Samariter sein, das klingt nach Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und
Altruismus. Der Zivildienst war eine profane und alltägliche Tätigkeit: Wir
haben alten Leuten geholfen, in erster Linie ging es ums Putzen. Ich lernte die
Regeln: „Erst die Ecken, die Mitte kommt dann von ganz allein.“
Konnten Sie das später
noch mal gebrauchen?
Die Erfahrungen aus diesem Jahr waren tatsächlich nicht schlecht. Ich lernte Ehepaare kennen, die sich nach 50 Jahren wirklich noch liebten. Ich sah auch Menschen, die sich in Hass anstarrten und anschwiegen. Oder die SS-Witwe, die den SS-Dolch ihres Mannes überm Bett hängen hatte. Ich traf auch alte Nazis, man muss das wirklich so sagen: Die waren nicht nur innen braun, sondern auch außen. Die standen da, die Inkontinenz verbreitete den entsprechenden Geruch, und herrschten uns an, was wir denn für Eltern hätten, die uns zu Feiglingen erzogen hätten. Dass wir Juden und Kommunisten seien. Und denen sollten wir dann das Klo putzen, was wir ja auch taten. Wortlos. Für Inkontinenz kann man ja nichts ...
Aber endlich war mal
jemand da zum Reden.
Wir haben mit diesen Menschen kein einziges Wort gesprochen, man muss da eine Grenze ziehen. Erstaunlich, sich von uns helfen lassen und das zum Anlass zu nehmen, uns anzupöbeln. Und sich außerdem in den vergangenen Jahrzehnten – es war 1981 – offensichtlich keine Gedanken gemacht zu haben, was früher aber sowas von völlig falsch gelaufen ist. Alles in allem war’s eine gute Vorbereitung aufs Leben.
Ist das die Bundeswehr
nicht?
Ich war ja nicht da, aber meine Mitschüler, die zur Bundeswehr gegangen waren, erzählten, dass die Bundeswehr der reine Stumpfsinn ist. Man lernt da falschen Gehorsam. Ich war ja nicht nur Kriegsdienstverweigerer, sondern vor allem auch Kriechdienstverweigerer.
Was brachte es Ihnen,
mit 26 Jahren Redakteur bei der taz zu werden?
Viel Neues. Ich war mit Abstand der Jüngste dort, die anderen konnten die Strategien und Spielchen der K-Gruppen (Anm.: Sammelbezeichnung für eine Vielzahl linker politischer Gruppen) aus dem Effeff. Das war mir damals alles neu, damit war ich nicht vertraut – wie man z.B. Intrigen anzettelt, erfuhr ich dort. Das durfte nie persönlich begründet sein, sondern immer politisch. Da ging es dann häufig auf Kollisionskurs, ich war dort – oft unfreiwillig – eine Art Katalysator. Es gab in den 80er-Jahren viele heilige Kühe: Alle Frauen sind schön, und gemeinsam sind sie auch noch besonders schlau. Das Leben sagte einem zwar, dass das nicht immer stimmte, und für solch harmlose Bemerkungen gab es dann richtig Ärger, das war in diesem Milieu damals so.
„Nicht alle Frauen
sind schlau und schön“ – darf das denn heute so gesagt werden!?
Es geht ja nicht darum, es unbedingt zu sagen. Man muss doch nicht uncharmant werden. Es wird nur an dem Punkt unangenehm, wenn ein Sprechverbot herrscht – unausgesprochen, aber deutlich spürbar. Wenn man eine Selbstverständlichkeit nicht aussprechen darf, dann muss man das ab und zu mal tun. Wenn man die Wahrheit aussprechen darf, kann man auch charmant genug sein, andere Wörter zu finden. Das waren damals zwangsneurotische Gesetzeslagen. Bestimmte Dinge wurden für tabu erklärt und intelligente Menschen sollten sich dran halten.
Und wenn die es nicht
taten?
Dann wurde exkommuniziert. Wie überhaupt in diesem spezifischen Milieu die Exkommunikation die Lieblingsform der Kommunikation ist. Es geht zu wie im Kindergarten, wie im Sandkasten.
Wo ist dabei der Sinn?
Ich würde gar nicht gleich die Sinnfrage stellen, vielmehr: Wo ist da der Spaß!? Der Spaß ist, bei solchen Leuten zu sagen: Du darfst aber nicht mitmachen! Diese Phase hat jeder mal, Vierjährige haben ganz große Allmachtsfantasien. Sie wollen den lieben und auch den bösen Gott spielen. Und irgendwann sind sie da durch. Nur einige bleiben drauf hängen. Die werden dann politischer Redakteur.
Was machen SIE
aktuell? Sie schreiben z.B. über „Wurst“ ...
Nach „Wurst“ kam 2007 „Weihnachten“ und jetzt „Wein“. Wie immer ist es eine Mischung aus Kunst (Nikolaus Heidelbach), großer Sachkenntnis und Geschichtenerzählerei (Vincent Klink) und gezielter Themaverfehlung. Dafür bin dann ich zuständig.
Wodurch wird eine
gezielte Verfehlung des Themas gut?
Zum Thema Wein gibt es Hunderte oder Tausende Bücher. Mit Weinexperten haben wir nichts zu tun, wir halten ja sogar Stuart Pigott für einen englischen Jockey. Wir vergeben keine Punkte, wir arbeiten nicht mit Skalen, das interessiert uns alles nicht.
Was denn dann?
Wein ist ein mythisches Getränk. Es gibt wenig Lebensmittel, die so exzessiv besungen worden sind wie der Wein. Es gibt den schönen Satz „Im Wein ist Wahrheit“ ... Moment, ich will das richtig zitieren [blättert im schlauen Buch].
Sagen Sie’s doch
einfach auf Latein „in vino veritas“.
Ja, aber es gibt da zwei ... Also, Friedrich Hegel sagt: „Im Wein liegt Wahrheit.“
„Und mit der stößt man überall an.“ Da wird es interessant. Es geht weg von der reinen Geschmacksebene, sondern darum, dass Wein auch immer etwas Anstößiges hat. Mit dem Weinglas kann man natürlich – pling – anstoßen, aber die Wahrheit, die das enthält und die derjenige, der Wein getrunken hat, möglicherweise ausspricht, die stößt an. Das ist dann anstößig für die Leute, die weder den Wein noch die Wahrheit nicht vertragen können.
Das klingt philosophisch.
Der Wein hat Dichter,
Schriftsteller, Philosophen über Jahrhunderte inspiriert. Deswegen gibt es
einen Zugang zum Wein, der nichts damit zu tun hat, ein sogenannter Weinexperte
zu sein, der beispielsweise schreibt: „Das ist ein fleischiger Wein.“ Ich
möchte mir gar nicht vorstellen, was ein fleischiger Wein ist! Oder wenn ich
lese, der Wein habe „Aromen von Sattelleder“. Im Münsterland wird ja auch viel
geritten, ich ritt als Jugendlicher und weiß, wie Sattelleder riecht: nach
Leder, nach Pferdeschweiß, aber auch nach Poposchweiß. Das ist eine herbe
Mischung. Wenn der Wein wirklich so schmeckt ...
... würde ich definitiv ein Bier trinken wollen.
Mit Bier lässt sich aber
der Zustand nach dem Weintrinken nicht erreichen. Bier ist eher ein
Erfrischungsgetränk oder Lebensmittel. Selbstverständlich kann man sich auch
davon so viel reinhämmern, dass irgendwelche Wirkungen erzielt werden. Von Bier
wird man duhn [Anm.: das war Plattdüütsk], während man von Wein – richtig
getrunken – in einen einzigartigen, sehr angenehmen, schwebenden, leicht erhobenen
Geistes-, Bewusstseins-, Zufriedenheitszustand geraten kann. Wo Wein
ausgeschenkt wird, sind die Menschen für gewöhnlich fröhlicher und nicht ganz
so westfälisch bis norddeutsch, wo es dann doch eher darum geht, sich den Kopf
zuzumachen.
Okay, Bier schafft’s also nur auf den 2. Platz.
Wussten Sie übrigens, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) dem
Wort „Herdprämie“ 2007 den 2. Rang beim Wort des Jahres schenkte? Wegen Ihrer
Zeitschrift „Häuptling eigener Herd“ frage ich mal ...
Ja, das weiß ich.
„Häuptling eigener Herd“ hat mit der Herdprämie aber nichts zu tun. Ich finde
es relativ öde und feige, was die Gesellschaft für deutsche Sprache da
veranstaltet. Jedes Jahr werden turnusmäßig Wörter, die auf dem Bild- oder
Spiegel-Titel standen oder von führenden Berufspolitikern benutzt wurden, als
Worte und Unworte des Jahres gekürt. Letztere, heißt es, seien sprachliche
Entgleisungen und diffamierende Worte. Das Komische ist, dass die Jury diese
Unworte auf diese Weise eigentlich erst in Umlauf bringt. Ich fand das Wort
„Herdprämie“ an sich nicht diskreditierend; übel ist, wie der deutsche Staat
sich in das Leben seiner Bürger einmischt.
Wo denn?
Nehmen Sie das Kindergeld. Einen Staat geht der Geschlechtsverkehr seiner Bürger nicht das Geringste an. Also alimentiert und subventioniert man ihn auch nicht mit Kindergeld! Arno Schmidt hat Kindergeld als „Bockprämie“ verspottet.
Und was ist jetzt mit
„Herdprämie“?
Ich finde es kein besonders schönes Wort, aber es doch merkwürdig, wie die deutsche Sprachgesellschaft die Leute sozial bekochlöffelt und mit Schönfärberei betuttelt. Sprache ist doch aber vielmehr dazu da, Dinge deutlich zu machen.
Das heißt?
Ich habe das damals als Mitherausgeber von „Häuptling eigener Herd“ so kommentiert: Ich lehne die Herdprämie als solche ab, nicht aber das Wort. Es gibt eine Ausnahme: Wenn ich kochend am Herd stehe, beide Hände voll zu tun habe, entsprechend wehrlos bin und meine Liebste das ausnutzt, mich in den Nacken küsst oder mir herzhaft an den Hintern fasst, dann ist das eine sehr willkommene Herdprämie.
So vielseitig ist
Sprache.
Ein verbissener Umgang mit der Sprache wie beim Verteilen von Zensuren „gutes Wort – böses Wort“ ist doch blöd. Worte sind immer kontextgebunden, es gibt auch so was wie ironischen Umgang mit Wörtern – uneigentliches Sprechen. Die arme Sprache hält ja viel aus und wird auch diese GfdS-Leute ertragen, diese unterbeschäftigten Philologen.
Wie war die Reaktion
auf Ihr persönliches Wort des Jahres 2007: „Trittbrettficker“?
Danach habe ich meine Kolumne bei der taz eingestellt. Der Trittbrettficker-Text selbst gab den Ärger zwar nicht her, aber der Redakteur fühlte sich offenbar selbst mit diesem Wort gemeint, obwohl es gar nicht um ihn ging. Er hat sich ein Paar Schuhe angezogen, das nicht für ihn hingestellt worden war. Das muss er ja selbst wissen, ob sie ihm passen oder nicht. Daraufhin trennten sich unsere Wege.
Wegen eines erfundenen
Wortes ...
Das ja noch nicht mal im Duden steht, genauso wenig wie das Wort „Waschbrettkopf“, das ich mal für den Bundeswehrsoldaten verwendete und daraufhin wegen Beleidigung verklagt wurde. Ein Wort, das es eigentlich gar nicht gibt. Die Duden-Redaktion schrieb, dass ein Wort, sofern es eben keine Modeerscheinung ist, nach etwa 15 Jahren in die deutsche Sprachfamilie aufgenommen wird. Das fand ich sehr hübsch: Die deutsche Sprachfamilie – wie sie da alle sitzen, Mama und Papa, Oma und Opa, einige Wörter sind noch ganz klein, jung und wild, und manche sind auch schon tot.
Oder zumindest
vergessen.
Sprache ist immer verräterisch. Tom Buhrow sagt in den „Tagesthemen“: „Das ist der Knackpunkt.“ Da weiß man, dass man es mit einem umnachteten Menschen zu tun hat. Knackpunkte gibt es nicht, Punkte knacken nicht – das ist reines Journalistendeutsch. Beim Eckpunkt ist es ähnlich, Eckpunkt ist die Quadratur des Kreises.
Wie gefällt Ihnen der
westfälische Regiolekt?
Jetzt haben Sie ein Wort gesagt, das ich noch nie gehört habe: Regiolekt. Das bedeutet regionaler Dialekt? Danke! So lange ein Dialekt – oder eben Regiolekt – unaufdringlich gesprochen wird, mag ich das. Das Westfälische ist mein Sprachzuhause, das bleibt, auch wenn ich längst weggegangen bin. Dölmern, dameln, ramentern schätze ich bis heute. Auch den ironischen Umgang mit Wörtern. Habe ich früher Unsinn gemacht, sagte meine Oma „Was seid ihr denn für Experten.“ So verwende ich die Worte Experte und Stratege bis heute. Das Schöne daran ist: Die Menschen, die sich ganz im Ernst selber Experten und Strategen nennen, ahnen nicht, was sie damit über sich sagen.
Herzlichen Dank für
das Gespräch!


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