Sabrina Kipp und Sigi Nasner
DRAUßEN!

draußen! steht an der Tür und drinnen erwarte ich deprimierte
Gesichter. Leute, die
angestrengt auf abgekauten Bleistiften rumnagen und immer wieder die leere
Kasse umdrehen, um doch noch ein paar Cent zu finden. Falsch! In der kleinen
Redaktion ist richtig was los. Jetzt wird die Arbeit unterbrochen, die Kaffeepötte
werden rausgeholt, und ein Besucher wird liebevoll aber energisch zum
Mundhalten verdonnert.
Dann erzählen mir Sabrina Kipp und Sigi Nasner, warum ihr Straßenmagazin
draußen! im Schlamassel steckt.
Wie ist es zu den
finanziellen Problemen gekommen?
Sabrina Kipp: Die Ausgaben sind gestiegen, die Auflage leider nicht. Wir haben im ersten halben Jahr jeden Monat ein Minus von 1.000 Euro gemacht.
Sigi Nasner: Außerdem haben
wir viele Verkäufer verloren. Zum Beispiel durch Krankheit oder weil sie nicht
mehr
konnten.
Was bedeutet das für
die draußen! ?
Sigi Nasner: Wenn der Verkauf wegbricht, ist zu wenig Geld da, und um dieses Minus wieder rauszuholen, müsste man eigentlich noch mehr verkaufen. Aber das haut nicht hin.
Sabrina Kipp: Jeder darf ungefähr 170 Zeitungen verkaufen, um auf den Freibetrag von 120 Euro zu kommen. Wenn dann gleich acht Verkäufer auf einmal wegfallen, dann können Sie sich ja ausrechnen, wie viele Zeitungen liegen bleiben. Aber der Druck muss natürlich trotzdem bezahlt werden.
Wie funktioniert das
denn mit den Zeitungsverkäufern?
Sabrina Kipp: Die Leute bekommen 70 Cent pro Zeitung. Das heißt, die kaufen die bei uns für 1,10 Euro ein und verkaufen die für 1,80 Euro in der Stadt und die 70 Cent dürfen sie sofort behalten. Das ist so ein bisschen ein Erziehungsprinzip. Das heißt, die Verkäufer müssen mit dem Geld hauswirtschaften lernen, denn sie müssen sich ja wieder am nächsten Tag die Zeitschriften kaufen können.
Und dann kann ich
loslaufen und wann und wo ich will die draußen! an den Mann bringen?
Sabrina Kipp: Wo sie wollen, nicht unbedingt, denn wir teilen die Leute schon ein. Aber wann sie wollen, schon. Bei uns kann sich jeder die Zeit frei einteilen. Er kann nach zehn Minuten wieder aufhören, wenn er nicht mehr stehen, sitzen, liegen kann, er kann auch nachts verkaufen.
Wer ist denn der
typische draußen!-Verkäufer?
Sabrina Kipp: Seit Hartz IV hat sich das alles stark verändert.
Was hat sich verändert?
Sigi Nasner: Wir sind zwar als Obdachlosenblatt entstanden, aber wir sind inzwischen für alle Leute da, die arm sind.
Sabrina Kipp: Und das fängt bei uns mit Hartz IV an. Zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter, deren Kind in den Kindergarten geht. Ob die putzen geht oder unsere Zeitung verkauft. Bei uns kann sie sich die Zeit frei einteilen. Oder auch Rentner.
Wo suchen Sie neue
Verkäufer?
Sabrina Kipp: Wir haben in den letzten Wochen in den Institutionen, in denen unsere Leute rumlaufen, also in Frühstücksstellen oder Obdachlosenunterkünften, eine Plakataktion gestartet. Normalerweise haben wir 20 bis 25 Verkäufer und ungefähr noch mal so viele ehrenamtliche Helfer.
Wie wird die draußen!
finanziert?
Sabrina Kipp: Wir
finanzieren uns ausschließlich durch Spenden, Anzeigenwerbung und den Verkauf
der draußen!. Dazu kommt noch ein ganz kleiner Zuschuss von 3.000 Euro im Jahr
von der Siverdes-Stiftung. Das Geld wird aber
für feste Sachen wie Telefonkosten
benutzt.
Wofür werden die
Einnahmen verwendet?
Sabrina Kipp: Von dem Geld werden unsere Büroräume bezahlt. Es sollten auch Angestellte davon bezahlt werden. Aber seit letztem Monat die Glocke geläutet hat, haben wir alle gesagt: Wir arbeiten jetzt erstmal ehrenamtlich, damit es überhaupt weitergeht.
Das heißt, Sie
bekommen zurzeit kein Gehalt?
Sabrina Kipp: Genau.
Was für eine
Unterstützung wünschen Sie sich?
Sabrina Kipp: Erstmal natürlich ein paar neue Verkäufer. Und was uns langfristig wirklich helfen würde, um nachhaltig arbeiten zu können und wirklich eine Substanz zu haben, das sind Anzeigenkunden. Dass die Innenstadt sich nicht so zurückhält, das wäre toll. Wir gehören jetzt dazu, wir sind jetzt mitten im Zentrum am Berliner Platz und nicht mehr unter ferner liefen.
Ist das nicht auch
manchmal schwierig, auf der Straße ein Magazin zu verkaufen?
Sigi Nasner: Die Anfangsjahre waren arg schlimm. Man musste wirklich ein dickes Fell haben, um da durch zu gehen. Klar kam da schon mal der eine oder andere mit einem fetten Mercedes vorgefahren und hat dich als Penner beschimpft. Aber das ist in den letzten Jahren immer seltener geworden. Ich habe da einfach eine Wand zwischen gebaut.
Sabrina Kipp: Wir haben es auch schon mal mit schwierigen Charakteren zu tun, trotzdem finde ich meistens irgendwas, was er kann. Zeitungen verkaufen, das ist nun mal nicht jedermanns Ding. Wir haben einen etwas schwierigen Verkäufer, der mit sich, der Lage und der ganzen Nation unzufrieden ist. Wir haben lange was Passendes für ihn gesucht. Und: Der kann Lose verkaufen! Sie glauben nicht, wie der Lose verkaufen kann, der Mensch.
Sigi Nasner: Der könnte auch auf dem Send arbeiten!
Macht sich die miese
Wirtschaftslage eigentlich auch bei den Zeitungsverkäufen und den Spenden
bemerkbar?
Sabrina Kipp: Wir haben schon Angst. Gerade jetzt, wo so viele Leute wegen dieser Bankengeschichte Geld verloren haben, sollen die uns unterstützen? Aber wir glauben ganz fest, dass die Münsteraner uns helfen. Wir merken jetzt schon, dass sie uns nicht hängen lassen.
Wie macht sich das
bemerkbar?
Sabrina Kipp: In der letzten Ausgabe haben wir geschrieben, dass wir ein Verkäuferpärchen haben, dass ein Kind bekommt. Das erste Baby in 15 Jahren, das bei draußen! geboren wird. Da steht zwar drin, dass die Leute eine Wohnung haben, aber keine Klamotten. Und Sie glauben es nicht: Wir können bald ein Babylager aufmachen [lacht]! Wir haben gestern noch ganz lange hier gesessen und immer noch Anrufe von Leuten entgegen genommen, die uns alles Mögliche – vom Kinderbett bis zum Schnuller – vorbeibringen wollen.
Sigi Nasner: Die Sachen, die das Pärchen dann nicht braucht, geben wir natürlich weiter. Es gibt viele Eltern, die Hilfe brauchen.
Was würde passieren,
wenn die draußen! eingestampft würde?
Sabrina Kipp: Das wäre für viele Leute eine Katastrophe. Sigi kann sicher aus eigener Erfahrung einiges dazu sagen.
Sigi Nasner: Ich bin vor 15 Jahren bei der Gründung dabei gewesen. Damals hatte ich sehr schlechte Karten. Ich kam aus dem Knast, war drogenabhängig. Ich habe dann gemerkt, wenn du jetzt nicht wieder aufstehst, dann kannst du dir gleich einen Strick nehmen und dich aufhängen. Dann habe ich doch noch die Kurve gekriegt. Die draußen! und die Musik spielten dabei eine große Rolle. Ich habe sogar wieder angefangen in einer Band zu spielen.
Die draußen! ist also nicht nur ein Job für die
Verkäufer?
Sigi Nasner: Nein. Es ist vor allem ein Stück Familie, ein
Zusammenhalt. Das haben wir jetzt besonders gemerkt, seitdem wir in der Krise
stecken. Die Leute sind richtig fertig, weil sie gemerkt haben, wenn das kaputt
geht, dann fehlt uns unser Halt im Leben. Nicht nur das Geld.
Was gibt den Leuten diesen Halt?
Wir haben zum Beispiel
einige, die durchs Schreiben wieder Anschluss gefunden haben. Oder durchs
Zeichnen. Wir haben einen guten Comic-Zeichner, der hat auch psychische
Probleme, hat sich sehr zurückgezogen, und seitdem der für uns zeichnet, ist
der wie erfrischt, der ist wie ausgewechselt.
Sabrina Kipp: Einige Verkäufer haben auch ihre Stammkunden.
Die gehen gezielt durch die Stadt, weil zum Beispiel der nette alte Herr jeden
Mittwochmorgen da ist und ein Pläuschchen mit ihnen hält. Der eine oder andere
hat dadurch auch schon mal einen Job oder ein Wohnungsangebot bekommen.
Was bedeutet Ihnen persönlich die draußen!?
Sigi Nasner: Wenn zum Beispiel jemand hier reinkommt und ist am Boden zerstört, dann geht Sabrina hin und sagt: „Ach, komm“, und dann nimmt sie ihn auch schon mal in den Arm, drückt ihn und dann geht es wieder. Die würden zwar nie sagen, kann mich mal einer in den Arm nehmen, aber im Grunde muss halt immer jemand da sein. Wie eine Mama.
Sabrina Kipp: Das fängt bei kleinen Sachen an. Nicht nur bei Leuten von der Straße. Die Vereinsamung ist eine ganz große Geschichte in der heutigen Zeit. Wenn jemand keinen Grund mehr hat raus zu gehen, dann hört er vielleicht auf, sich zu waschen, sich zu rasieren, überhaupt da zu sein, er vegetiert nur noch vor sich hin. Mit der draußen! hat er wieder einen Grund aufzustehen. Und dafür lohnt es sich, hier zu arbeiten.
Sigi Nasner: Wenn die
draußen! weg wäre, würde mit ein Stück vom Leben fehlen.


Kommentare
Kommentar von M.Meier:
(02.08.2010 21:45 Uhr)Mama was sollter scheiss ... wieso hast du uns verlassen?? Sag mir warum hast du das gemacht und hast dich nicht gemeldet??
Kommentar von M.Meier:
(02.08.2010 21:49 Uhr)du hasst ignoranz und unehrlich?? was soll der scheiß du warst das beides doch selber weisst du wie ich mich gefühlt hab als ich dein bild im internet sah?? kannst du dir das vorstellen ich hab dich jetzt seit ich klein war nicht mehr gesehn?? seit ich zwei war du hast dich nicht gemeldet gar nichts'