Johann König

ENERGIELEVEL AM SCHEITELPUNKT

Er stammelt, brüllt und tanzt. Bei ihm bekommt der Stimmbruch einen neuen Klang. Von Haus aus schüchtern und bodenständig lehrten ihn zehn Jahre Bühnenerfahrung, im richtigen Moment zu eskalieren. Sein Publikum ist vor keiner Überraschung sicher. Er ist ein bekennender Morgenmuffel, der eine emotionale Beziehung zu Münster hat. Er redet privat lieber wenig, verrät Stadtgeflüster aber das Geheimnis seines Erfolges.
Malte Limbrock

Gehen Sie noch jährlich auf die berühmte Allerheiligen-Kirmes in Ihrer Heimatstadt Soest?

Ja, natürlich. Jedes Jahr bin ich da. Aber jetzt nicht mehr so exzessiv wie früher, eher ein bisschen gemäßigter. Ich komm immer viermal im Jahr nach Soest: Weihnachten, Kirmes, Ostern und dann noch einmal so.

Ist es mittlerweile problematisch, sich unter die Leute zu mischen?

Wenn die Leute besoffen sind, dann ist das schon nicht so lustig. Die verlieren dann ja die Hemmungen und brüllen und fassen mich an. Aber dem kann man ja mit Sonnenbrille und Mütze aus dem Weg gehen. Außerdem geh ich jetzt eher tagsüber. Mal so zum Schießstand, ein bisschen Pferderennen, ein paar Karussells, ein paar Bier, dann reicht das auch mittlerweile.

Sie erwähnen schon mal Ihr Problem damit, früh aus dem Bett zu kommen. Wie hat’s heute geklappt?

Ich hab mir keinen Wecker gestellt, weil ich frei habe. Den Wecker meiner Freundin hab ich nicht gehört, weil ich Ohrstöpsel im Ohr hatte. Ich bin dann um zehn aufgewacht und dachte, es ist acht Uhr. Ich komm immer schwer in die Gänge morgens, dafür bin ich abends länger wach.

Beim Comedypreis 2007 hat Oliver Pocher Sie auf der Bühne imitiert und damit total abgeräumt. War das ein Kompliment für Sie?

Das war auf jeden Fall ein Kompliment. Ich hab in dem Moment schon gestutzt und dachte: Oh, Gott! Was macht der denn da? Ich hab dann auch leider schlecht reagiert. Ich hätte schreien können: Ja, ja. Sehr witzig, Pocher! Oder irgendwas, weil die Kamera auf mich gerichtet war. Es spricht für ein gewisses Markenzeichen, dass er mich ausgesucht hat. Rüdiger Hoffmann, Mario Barth und mich hat er nachgemacht. Alle Großen werden irgendwann karikiert …

Welche anderen Comedians gefallen Ihnen momentan gut? Gehört Pocher dazu?

Bei Pocher kann ich nicht lachen. Kurt Krömer find ich gut. Serdar Somuncu wäre noch ein Beispiel. Die anderen sind eher unbekannte Slammer, da würde keiner einen Comedypreis gewinnen.

Fühlen Sie sich auf der Theaterbühne wohler als vor der Kamera?

Ich bin im Jahr ungefähr drei Stunden im Fernsehen und dreihundert Stunden im Theater, also auf der Bühne. Da ist klar, dass mir das auch mehr Spaß macht. Im Fernsehen hat man vier bis fünf Minuten Zeit, um alles durchzukriegen, und es ist total hell. Totaler Stress. Klar, die Kollegen sind nett, aber das ist nicht das, was ich gerne mache. Das gehört einfach dazu, um bekannt zu werden, damit die Theater auch voll werden.

Kommen Sie im Fernsehen anders rüber?

Ich bin am Anfang immer recht aufgeregt und darum ist die Stimme auch so komisch. Im Fernsehen, da hab ich ja nur fünf Minuten, da ist die Stimme dann immer komisch. Wenn ich aber 90 Minuten auf der Bühne stehe, dann denkt danach keiner: Der hat ja ’ne komische Stimme, weil das auch nachlässt. Viele Leute denken aber: Oh Gott! Das kann ich mir nicht den ganzen Abend lang anhören. Einfach nur auf dem Tisch liegen oder auch gar nichts machen geht im Fernsehen nicht. Da muss es schon knallen! Das ist nicht so meins …

Wenn man Sie erzählen sieht, scheint es oft, als müssten Sie sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen …

Ich finde das immer wieder komisch, dass ich irgendwo stehe und Leute mir zuhören und lachen. Ich weiß ja vor allem gar nicht, wann die lachen. Die lachen ja manchmal, weil jetzt gerade keine Pointe kommt. Ich bin jemand, der immer sehr schüchtern gewesen ist, hab mich nie gemeldet in der Schule, hab nie Referate gehalten oder freiwillig vor Leuten geredet. Jetzt steh ich da und alle gucken mich an. Dass das funktioniert, mit dieser Schüchternheit, das find ich immer wieder erstaunlich.

Steigern Sie dadurch die Situationskomik?

Ich versuch mich schon zusammenzureißen. Ich darf ja nicht einfach loslachen. Ich könnte mich natürlich noch mehr zusammenreißen, aber ich finde, dass man das auch zulassen muss und dass es auch wiederum einen neuen Witz ergibt, dass du auf der Bühne stehst und das selber witzig findest. Aber das ist ein ganz schmaler
Grat …

Nehmen Sie das Leben manchmal komplett im Reimschema wahr, weil Sie auf der Suche nach einem neuen Gedicht sind?

Es kommt schon vor, dass ich umherlaufe, meine Freundin etwas sagt und ich das dann im Reim vervollständige. Ich liebe schöne Reime, die automatisch manchmal einfach da sind. Manchmal stehe ich schon unter Reimzwang, aber es gibt Schlimmeres …

Schreiben Sie nur oder lesen Sie auch mal was?

Ich lese nicht, nee! Ich lese wirklich so gut wie gar nicht. Es ist so: Wenn ich was lese, dann denk ich ganz schnell: Oh, das hätt’ ich jetzt aber anders geschrieben. Dann fällt mir ’ne Geschichte dazu ein. Die Gedanken von anderen, das mag ich nicht so sehr. Ich mache mir lieber meine eigenen. Klar lese ich auch Bücher von Kollegen. Ich hab letztens „Feuchtgebiete“ gelesen und das neue Buch von Heinz Strunk, weil es mich interessiert. Da geht’s ja auch um die Comedy-Szene. Aber eigentlich lese ich nur Zeitung und das war’s …

Gehen Sie Ihrem Umfeld manchmal auf die Nerven?

Das ist eher selten, glaub ich. Ich bin kein guter Geschichtenerzähler, so privat. Wenn man zu viert irgendwo sitzt, dann ist es nicht so, dass ich da viel rumflachse, Schabernack mache oder viel erzähle. Ich höre lieber zu. Ich bin nicht so ein exzentrischer Komiker. Da gibt’s ja schon andere Egomanen in meinem Geschäft.

Sind Ihre Kollegen hinter der Bühne auch anders?

Hennes Bender zum Beispiel redet auf der Bühne und privat gerne viel. Ich rede auch privat gerne wenig.

Wie akut ist Ihre Angst, dass Sie eines Tages nicht mehr beim Publikum ankommen?

Die Gefahr gibt’s bei jeder Form von Kunst. Ich wusste am Anfang ja auch nicht, warum die Leute eigentlich lachen. Also wüsste ich jetzt auch nicht, warum sie plötzlich nicht mehr lachen. Ich hab nie von diesem Beruf geträumt, und jetzt ist es mein Traumberuf. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als rumzuziehen und die Leute zum Lachen zu bringen. Wenn das irgendwann nicht mehr wäre, wäre das ganz schlimm. Aber das ist das Risiko.

Wie schützen Sie sich vor diesem Risiko?

Wichtig ist, dass man sich auch verändert und nicht auf nur eine Masche verlässt. Rüdiger Hoffmann hat ja die Langsamkeit als seine Masche patentiert. Und ich versuche eben, genau das nicht zu machen, dass ich immer nur in die Schublade der Langsamkeit gesteckt werde. Und ich hab mittlerweile auch mehr Geschichten, die ich schnell erzähle, oder wo ich laut werde und ausraste. Die Kunst ist, sich immer zu verändern und sich gleichzeitig treu zu bleiben.

Wie geht das?

Man muss die Leute immer wieder überraschen. Ich schreib jetzt gerade an einem Programm, in dem für mich der Knackpunkt ist: Wo kann ich die Leute überraschen? Was kann ich mal ganz anderes machen? Vielleicht Keyboard lernen oder so. Dass die Leute danach sagen: Ja, das war cool, wo der da ... Hätt’ ich ja nie gedacht, dass der das auch kann.

Also kann sich das Publikum am 3.12. im Word Club keineswegs zurücklehnen …

Bei der Lesung mache ich immer Sachen, die ich vorher noch nicht gemacht habe. Da singe ich auch, was ich mich sonst nicht traue. Die Lesung ist immer ein Wagnis, ein Probierfeld, wo ich natürlich auch auf Münster speziell eingehe. Ich kenne Münster ja schon sehr lange und werde mich schon informieren, ob es diesen Schwan noch gibt!

Petra!

Petra, genau!

Die ist zuletzt durch Negativschlagzeilen aufgefallen, weil sie den Tretbootschwan gegen einen hübscheren, lebendigeren Höckerschwan eingetauscht hat. Ein kleines Flittchen …

Ja? Oh ...

Vielleicht ist das für die Münsteraner ein empfindliches Thema.

Oh, das ist gut! Das werde ich auf jeden Fall einbauen!

Was ist von Münster sonst noch im Gedächtnis geblieben?

Meine erste große Liebe ist nach Münster gezogen. Wir haben oft am Aasee gesessen und … haben uns auch dort getrennt, glaub ich … Bei diesen großen Kugeln sind wir oft gewesen. Sind da rumgelaufen, haben uns geküsst und gestritten.

Wie viel bleibt vom normalen Johann König übrig, wenn er auf die Bühne geht?

Da wird eigentlich nur ein kleiner Schalter umgelegt. Ich verändere mich nicht sehr, aber entscheidend. Wenn ich auf der Bühne so bliebe, wie ich privat bin, das wäre völlig spannungslos und langweilig. Ich muss ein bisschen anders werden, allein dadurch, dass ich zwei Meter höher stehe und dass ich angeguckt werde. Das ist ein Automatismus. Ich weiß nicht, ob das bei Schauspielern auch so ist. Ich bin aber kein Schauspieler, bei mir ist das einfach so passiert …

Reisen Sie noch viel mit der Bahn und verstellen unterwegs Koffer?

Das kann passieren. Mittlerweile bin ich aber mehr mit dem Tourbus unterwegs. Früher bin ich überall mit dem Zug hingefahren und habe immer sehr schöne Ideen gehabt.

Im Tourbus Koffer verstellen kommt eher nicht gut?

Genau. Dann muss man umdrehen, zurückfahren, dann fehlen Sachen auf der Bühne, sodass man sich ins eigene Fleisch schneidet. Ich hab jetzt auch mehr Zeug zu schleppen, deshalb sind diese Spielchen vorbei.

Apropos vorbei: Sie sind jetzt seit zehn Jahren im Geschäft. Sind Sie auf dem Höhepunkt oder geht noch mehr?

Es war bisher in jedem Jahr meiner Laufbahn so, dass ich mehr Zuschauer hatte als im Jahr davor. Ich denke, jetzt ist der Scheitelpunkt erreicht. In meinen jetzigen Programmen flippe ich aus, schreie und pöbele rum. Das kann man eigentlich nicht mehr steigern. Ich kann nicht noch einen draufsetzen. Vom Energielevel her geht’s demnächst wieder etwas puristischer zu. Man kann aber nie vorhersagen, wie die Zuschauer drauf reagieren. Da gibt’s kein Rezept.

Können Sie spontan ein Gedicht verfassen, in dem die Begriffe „Johann“, „Prinzipalsaal“ und „Münster“ vorkommen?

[nach kurzer Bedenkzeit]

Johann und sein jüngster Sohn,
die fuhren mal nach Münster, schon,
fragt ihn Johann: „Bist du fit,
und möchtest du heut Abend mit
in den Prinzipalsaal gehn?“
„Och, im Prinzip ja, mal sehn,
was denn diese schöne Stadt,
sonst noch so zu bieten hat,
außer dem Geplapper
von meinem Papa.“


Vielen Dank für das interessante Gespräch!



Johann König
Johann wurde am 21. Juni 1972 in Soest geboren. Er machte eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger und studierte an der Deutschen Sporthochschule und der Heilpädagogischen Fakultät in Köln. Ebenfalls in dieser Stadt begann vor zehn Jahren seine Karriere als Comedian beim Open Microphone. Am 3.12.08 liest er beim Word Club im Prinzipalsaal aus „Gestammelte Werke – missversteht mich nicht falsch“, am 4.4.09 präsentiert er sein neues Programm im H1. Außerdem: www.johannkoenig.com

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Kommentare

Kommentar von unbekannt

(19.08.2010 22:04 Uhr)

Ist dieser hübscher Kerl vergeben?
» Kommentare zum Interview
Kommentar von moni

(15.08.2010 20:05 Uhr)

guido ♥ die kluftpuppe ist auf sparflamme geworfen :D
» Kommentare zum Interview
Kommentar von roulette system

(12.08.2010 20:24 Uhr)

Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?
» Kommentare zum Beitrag
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