Jan Weiler
ZUM GLÜCK ÜBERREDET

Hallo, Herr Weiler!
Hallo! Ich muss mir mal eben einen Kaffee machen, kannst du in zehn Minuten noch mal anrufen?
[Zehn Minuten später]
Ist alles gut
gelaufen?
Ja, bestens!
Wie trinkst du
eigentlich deinen Kaffee?
Ich habe eine große italienische Kaffeemaschine, mit einem vernünftigen Heißbrüh-Kopf. Die verbraucht ungefähr so viel Strom wie Las Vegas. Ich trinke morgens durchaus einen Latte Machiato und einen doppelten Espresso so um vier. Wenn ich mehr trinke, kriege ich wackelige Knie.
Kann die Maschine auch
normalen Filterkaffee?
Nein, kann sie nicht! Das ist eine tolle Maschine mit zwei … wie heißen die Dinger ... Heizkreisläufen? Die macht auch tollen Dampf, aber Filterkaffee kann sie nicht, was meine Mutter schrecklich findet, wenn sie mich besucht. Dann will sie immer einen „anständigen“ Kaffee. Den hab ich aber nicht …
Arbeitest du von zu
Hause?
Ja, meistens. Außer, wenn ich ganz lange Sachen machen muss, da hab ich so ein Bootshaus am Starnberger See. Das gehört einem Freund und ich hab einen Schlüssel. Zu Hause will immer irgendwer irgendwas. Ich kann von meinen Kindern nicht verlangen, dass sie kapieren, dass ich auch arbeite, wenn ich aus dem Fenster glotze und dann nicht verfügbar bin.
Bootshaus am Starnberger
See klingt nach Traumjob …
… ist aber auch eine Bedingung, um eine Arbeitssituation herzustellen, in der man produktiv sein kann. Ein Traumjob ist es natürlich trotzdem.
An welcher Stelle
deines Werdeganges als Journalist hast du gesagt, ich schreibe jetzt ein Buch?
Ich ahne, dass du glaubst, dass mein Leben irgendwie masterplanmäßig verlaufen wäre. Ich hatte aber überhaupt nie den Plan, ein Buch zu schreiben.
Und wie ist es dann
passiert?
Wir mussten damals für das SZ-Magazin schnell eine Lücke zum Thema Italien stopfen. Ich solle doch was über meinen italienischen Schwiegervater schreiben, weil ich den immer so lustig nachmachen würde. Ich hatte aber keine Lust, keine Zeit und hab gesagt: Das ist eine Schwachsinnsidee, das will doch keine Sau lesen. Aber meine Kollegen haben nur die Arme verschränkt und keinen besseren Vorschlag gemacht. Daran, dass das dann doch an mir hängen blieb, kann man sehen, wie autoritär ich als Chefredakteur war.
So entstand dein
erstes Buch …
Genau. Die Geschichte ist dann erschienen, woraufhin sich jemand vom Ullstein-Verlag meldete, der meinte, ich solle darüber ein Buch schreiben. Keine Lust, keine Zeit. Ich fand alles nur nervig, hab mich aber dazu überreden lassen, wodurch „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ entstanden ist.
Manchmal muss man zu
seinem Glück überredet werden …
Genau, das war ein Riesenglück.
Wann hast du gemerkt,
dass die Familie deiner Frau den Stoff für ein Buch bietet?
Ich hab überhaupt nie das Gefühl gehabt, dass das zwei Bücher trägt, sondern die vom Ullstein-Verlag hatten das Gefühl und alle um mich herum. Ich bin anscheinend total fantasielos. Ich fand es eine Blödsinnsidee, was echt nicht für mich spricht. Um deine Frage zu beantworten: Nie!
Nervt der Vorwurf, man
bediene in seinen Büchern lediglich Klischees, umso mehr, wenn es gar nicht die
eigene Idee war?
Ich nehme mir von dieser Kritik nichts an. Das ist Blödsinn, weil ich ja nicht in die Familie von Umberto Eco eingeheiratet habe, sondern in eine süditalienische Arbeiterfamilie. Und da ist das einfach so! Die Oma hat eine Kittelschürze an, macht Nudeln und die sitzen da und gucken die Ziehung der Lottozahlen. Das mag ja ein Klischee sein, aber es ist die Wahrheit.
Will der Leser sogar
Klischees?
Der Vorwurf ist überhaupt etwas zu kurz gedacht. Schreib mal eine Geschichte ohne Klischees. Du brauchst sie zur Charakterisierung bestimmter Umstände. Da sind so Schlauberger, die meinen, sie wollen das alles mal anders. Aber es gibt doch auch keinen Western ohne Western-Klischees. Das wäre langweilig. Ich hab mit diesem Thema nix am Hut!
Jetzt mal rüber zu
deinem neuen Buch!
Schon gelesen?
Ja. War „Drachensaat“
dein bisher schwierigstes Buch?
Ja! Das ist stilistisch vielfältiger als die anderen Sachen. Es geht auch darum, Stile zu imitieren und Dinge in einen Zusammenhang zu bringen, den sie normalerweise nicht haben. Der Leser darf nicht merken, dass er sich einem gelenkten Blick aussetzt und quasi vom Autor zu einer bestimmten Erkenntnis geführt wird. Das ist ganz schön schwer.
Das musstest du in den
Antonio-Büchern nicht leisten?
Nein, weil sie linear erzählt werden. Da klingelt einfach das Telefon und ich fahre nach Italien. Darauf hat nach „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ in der Kritik komischerweise keiner abgehoben, dass die Geschichte keinerlei erkennbare Dramaturgie besitzt. Auch keine Brüche oder Konflikte. Das hatte ich bei „Antonio im Wunderland“ dann gelernt. Da gibt es einen ganz eindeutigen Konflikt zwischen Antonio und seinen Töchtern. Das war auch ganz absichtsvoll, um wegzukommen von diesem Friede-Freude-Eierkuchen-Geschreibe.
Wovon du mit
„Drachensaat“ auf jeden Fall weggekommen bist …
Da gibt es viele Konflikte, viele Ambitionen und viele verschiedene Motive von Personen, auf eine bestimmte Weise zu handeln. Das ist schwer zu erklären und zusammenzubinden. Hinzu kommt, dass „Drachensaat“ auch in unterschiedlichen Erzählperspektiven unterschiedliche Wahrnehmungen von denselben Ereignissen zeigt.
Der Begriff
„Drachensaat“ entstammt der Kadmos-Sage aus der griechischen Antike. Bist du da
irgendwann drüber gestolpert und dachtest: So nenne ich mein Buch!
Ja, schon vor ganz vielen Jahren. Der Zeitungsausschnitt klebt noch in irgendeinem Skizzenbuch von mir drin. Da stand eigentlich nur zusammengefasst, woher dieser Begriff kommt. Das fand ich unendlich spannend, weil man es auf unsere Gesellschaft beziehen kann. Die Krieger, die aus den Drachenzähnen heranwachsen und sich sofort selbst bekämpfen, das sind eigentlich wir. Das Tolle ist aber, dass das genauso schon für die Antike galt. Ich hab diesen Zettel aufgehoben und dachte: Darüber machst du mal eine große Geschichte. Und in der Verdichtung des Themas für das neue Buch merkte ich, das passt perfekt zusammen.
Das muss ein tolles
Gefühl sein.
Aus künstlerischer Sicht gibt’s überhaupt nichts Schöneres! Das sind die Momente im Leben, wo man denkt: Alles im Leben greift irgendwie ineinander.
Was hat dich ansonsten
zu diesem Buch inspiriert?
Die Schleyer-Entführung war eine Inspiration für vieles in diesem Buch. Vor allem die Verhöre Schleyers durch seine Entführer im Volksgefängnis, die der Boock in seinem Buch „Die Entführung und Ermordung des Hanns-Martin Schleyer“ schildert. Der hat am Ende Monopoly mit seinen Entführern gespielt, um ihnen das Wirtschaftssystem zu erklären. In meinem Buch entsteht eine Talkshow in ähnlicher Form.
Woher kommen die
Figuren?
Ich wollte auf keinen Fall Leute in exponierten, interessanten Berufen, wie man so schön sagt. Die moderne deutsche Literatur neigt dazu, von irgendwelchen Werbegrafikern, Leuten vom Fernsehen oder anderen tollen Hechten zu erzählen. So was wollte ich nicht. Ich wollte die normalsten Menschen der Welt. Sachbearbeiter bei einer Versicherung zum Beispiel, Postbote, Busfahrer. Der exponierteste Protagonist, was ich aber auch noch verhältnismäßig normal und bodenständig finde, ist Architekt.
Es geht in diesem Buch
um Systemkritik, Gesellschaftskritik, Medienkritik. Hatte sich bei dir da etwas
angestaut?
Das liest sich so, ne? Nein, ich finde, man muss schon Dinge sagen, die einen Sinn haben. Sonst sollte man lieber das Maul halten. Man kann ja was Kritisches sagen und die Leute dabei trotzdem bestmöglich unterhalten. Ich finde, das ist unsere Aufgabe, sozusagen der Reason for Being, dass wir mit dem Zeug, das wir zwischen Buchrücken drucken, was Vernünftiges wollen.
Wieso machst du die
Frage nach Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zum Kernthema?
Weil damit brennende Fragen verbunden sind: Wie schaffen wir es, in unserer Gesellschaft Gerechtigkeit herzustellen? Kann unser System überhaupt noch gerecht sein? Müssen wir uns mehr um einander kümmern oder nur jeder um sich selbst? Wie müssen wir unsere Kinder dahingehend erziehen? Hoppla, das ist aber ein irrsinnig trockenes Thema. Deshalb muss man es so über die Rampe bringen, dass die Leute vielleicht zwischendurch auch mal lachen.
Hattest du in deinem
Buch die Chance, dieses Problem zu lösen?
[Seufzt] Das Problem kann ich nicht lösen. Vieles, was die Figur Barghausen in meinem Buch erzählt, sind Argumente, die ein Ackermann, ein Esser oder René Obermann wirklich geäußert haben. Die sagen dir: So, Herr Limbrock, ich erkläre Ihnen jetzt, warum Ihre Stelle bei uns überflüssig ist. Und nach zehn Minuten sagst du, ich kündige freiwillig und ohne Abfindung und will mich Ihnen auch nicht länger aufdrängen. Die sind nicht doof, diese Leute. Die können dir die Sch… im A… umdrehen. Und sie sind deshalb nicht mal böse oder schlechte Menschen. Was die sagen, hat Hand und Fuß.
Wann gibt’s das
nächste Buch?
Ich arbeite gerade an einem Kinderbuch, das erscheint nächstes Jahr im März. Dann gibt’s im September 2009 ein Kochbuch. Ich betreibe mit zwei Freunden eine Weinhandlung mit einem kleinen Restaurant, der „Vinoteca Marcipane“. Einer der Freunde, der Koch, macht die Rezepte und ich schreibe Geschichten dazu. 2010 wird’s das Kolumnen-Buch vom Stern geben. Den nächsten Roman gibt’s 2011.
Es gibt immer was zu
tun …
Es muss immer was zu tun geben, sonst kriege ich Existenzängste. Ich könnte ja auch mal zwei Jahre nichts machen, aber ich hätte eine wahnsinnige Angst, dass dann keiner mehr was lesen will.
Lohnt es sich
überhaupt für Leute, die „Drachensaat“ schon gelesen haben, zu deiner Lesung im
Word Club in Münster zu kommen?
Ja klar! Es wird aus der „Drachensaat“ zwei Ausschnitte geben, natürlich auch was von Antonio und die besten und lustigsten Stern-Kolumnen. Es wird zwei Stunden ausgewogenes, lustiges Programm geben. Das lohnt sich auf jeden Fall!
Gut, also bis dann!
Vielen Dank für das interessante Gespräch!


Kommentare
Bisher wurden keine Kommentare abgegeben.