Jürgen Domian
TV ON THE RADIO

Jedem Schlaflosen ist sein Gesicht und seine Stimme fast so vertraut wie das eigene Spiegelbild, wenn er Nacht für Nacht mit den Traurigen, Verletzten, Perversen und Aufgeregten telefoniert. Heute wird er mir leibhaftig gegenübertreten und ich habe die Gelegenheit, Auge in Auge mit ihm zu sprechen, denn wir haben eine Verabredung in einem schönen Café gegenüber seiner alten Wohnung. Freunde, ich bin gespannt!
Du hast schon sehr
viele Interviews gegeben, was soll ich dich jetzt fragen, ohne dich zu
langweilen?
Es gehört zum Job dazu, viele Interviews zu geben. Im letzten Halbjahr haben sich ja die Themen geändert, weil ich einen Roman geschrieben und damit ganz neues Terrain betreten habe. Aber zur Sendung habe ich wirklich schon alles erzählt.
Ich frage trotzdem ein paar Sachen, okay? Hättest
du jemals gedacht, dass die Sendung so ein Erfolg wird?
Nie. Das ist ein
einzigartiges Sendeformat in Deutschland. Es hat uns immer gewundert, dass
andere so was nicht nachgemacht haben. Man kann damit eine Marke etablieren,
was in der heutigen Medienwelt sehr schwierig ist, aber man braucht mutige
Chefs, denn diese Sendung ist ein Minenfeld.
Warum?
Man muss höllisch aufpassen, dass nicht etwas passiert, was nicht passieren darf. Denunziationen zum Beispiel oder strafrechtlich relevante Dinge, die man vorher nicht absehen konnte.
Wenn plötzlich jemand
„Heil Hitler“ rufen würde, wäre das blöd, ja.
Genau, oder wenn jemand beschuldigt würde. In einer Livesendung ist so etwas möglich, denn wenn etwas gesagt ist, ist es gesagt. Nichts kann herausgeschnitten werden. Das heißt, da muss mit großer Akribie vorgesorgt werden.
Wie reagierst du im
Fall der Fälle?
Dann breche ich das Gespräch ab und weise darauf hin, dass das eine Anschuldigung ist, bei der die Gegenseite keine Chance zur Stellungnahme hat. Zum Glück ist das bisher nur im Kleinen passiert, sodass sich das wieder hingebogen hat. Dann gibt es noch den großen Bereich der Pornografie, der betreten werden könnte, wenn man nicht aufpasst. Wir haben viele Sexthemen und das ist auch mein Anliegen, denn ich sage immer, dass man über alles, was Sexualität betrifft, reden kann, auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es ist immer die Frage, wie man das macht. Das ist auch eine der Aufgaben meiner Mitarbeiter im Hintergrund, Leute herauszusortieren, die über ein drastisches Thema adäquat reden. Ich halte dann die Zügel straff und wenn jemand zu sehr ausgleitet, unterbreche ich das sofort.
War es für dich nie
befremdlich, dass dir Wildfremde ihre geheimste Wünsche und tiefsten
Verunsicherungen offenbaren?
Befremdlich nicht, aber in der ersten Zeit habe ich mich schon gewundert, weil sich die Leute dazu auf eine öffentliche Plattform begeben. Aber sie vergessen das in dem Gespräch mit mir. Ich habe mich von Anfang an bemüht, ehrlich und authentisch zu sein. Ich glaube, das ist das Geheimnis der Sendung.
Die Frage, warum da
jemand anruft, ist das eine, aber warum guckt da jemand zu?
Aus Neugier, Voyeurismus und grundsolidem Interesse.
Haben dir privat auch
schon immer gern alle Leute ihre Probleme erzählt?
Ich unterhalte mich seit jeher gerne und intensiv. Und so ist diese Sendung auch entstanden. Das war nicht geplant, sondern hat sich irgendwie ergeben. Eigentlich hatte ich früher im Radio nur ab und zu Telefonaktionen gemacht und da sagte mein damaliger Chef, dass es gut funktioniert, wenn ich mit den Leuten telefoniere. Daraufhin wollten wir nach amerikanischem Vorbild so eine Sendung machen. In den USA hat Talkradio eine lange Tradition und da es so etwas in Deutschland noch nicht gab und es im WDR sehr experimentierfreudige Menschen gibt, haben wir das getestet und das lief gleich wie ’ne Eins. Und mir macht es Spaß. Als dann 1LIVE entstand, verlegten wir alles in die Nacht und machten es bimedial. Da haben dann alle Fernsehfachleute prognostiziert, dass das nichts wird. Eine unbewegte Kamera und Talkgäste nur am Telefon, funktioniert nie. Die haben sich aber alle getäuscht.
Ha, ha, ha, diese
Looser!
Ich bin sehr froh, dass sich alles so entwickelt hat. Selbst jetzt, nach dreizehn Jahren, freue ich mich immer noch abends auf die Sendung. Ich bin zwar im Moment in einer Jetlag-Phase und daher manchmal abends etwas unkonzentriert, aber das nehmen mir die Leute nicht übel.
Oh, wo warst du denn
im Urlaub?
Ich bin ein großer Freund Skandinaviens und Reise gern nach Lappland.
Was gibt es denn da zu
entdecken?
Viel Natur und Einsamkeit. Ich miete mir Blockhäuser und wandere von einem zum nächsten.
Ich hab meinen Atlas
gerade nicht dabei. Wo genau ist denn Lappland?
Lappland ist eine Region, die sich von Nordnorwegen, -schweden, -finnland bis nach Nordrussland zieht.
Sprichst du diese
Sprachen?
Nein.
Wie kommunizierst du
dann?
Englisch und deutsch.
Aber wahrscheinlich
nicht besonders viel.
Nein. Nur um Häuser anzumieten.
Urlaub heißt für dich,
zu schweigen.
Das ist der große Gegenpol zu meinem Leben, das absolut überkommunikativ ist. Abzutauchen in eine Welt des Schweigens ist so etwas, wie Exerzitien halten.
Kannst du es gut
ertragen, zu schweigen?
Nicht immer. Manchmal ist es sehr schwer. Denn wenn man sich vor Augen führt, was wir in unserer Welt den ganzen Tag quasseln, sind die ersten Tage in der Stille schon eine Herausforderung. Der Idealzustand nach einiger Zeit ist dann für mich, auch nichts mehr zu denken.
Das ist dann fast Zen.
Beschäftigst du dich auch sonst mit dem Buddhismus?
Ja, sehr. Ich würde aber nicht sagen, dass ich ein Buddhist bin. Der Dalai Lama sagt schlau, wenn man eine spirituelle Sehnsucht hat, soll man sich erstmal an die Religion wenden, die aus dem eigenen Kulturkreis kommt. Nur habe ich das ja alles hinter mir. Der Buddhismus ist allerdings sehr schwer zu verstehen und auch nicht leicht in diese Welt zu übertragen. Und somit suche ich mir die Sachen heraus, die mir gut gefallen und komme damit eigentlich ganz passabel über die Runden. Die Ethik ist vergleichbar mit der des Christentums, aber der Buddhismus ist entspannter, friedlicher. Im Namen des Buddhismus wurden keine Kriege geführt.
Bist du katholisch
oder evangelisch?
Ich war evangelisch.
Bist du aus der Kirche
ausgetreten?
Ja. Von 15 bis Anfang 20 war ich ganz gläubig, wollte Theologie studieren, bin auf den Kirchentag gefahren, habe bei der CVJM gearbeitet und war jeden Sonntag in der Kirche. Dann gab es einen großen Einbruch in meinem Leben und ich wandte mich von allem, was Glauben bedeutet, ab, beschäftigte mich mit Nietzsche und Feuerbach, hasste das Christentum und lebte eine radikal atheistische Zeit. Ich hatte mit dem Verlust des Glaubens eine ganz große Lebenskrise und ich beneide heute noch Menschen, die ganz intensiv in einer Religion stehen. Denn du weißt um den Sinn des Lebens, du hast klare moralische Kategorien und du meinst, das wohl erschütternste Phänomen unserer Existenz zu begreifen, nämlich den Tod. Daher ist das eine große Gnade, wenn du glauben kannst. Das war bei mir damals alles in sehr kurzer Zeit weggebrochen.
Dann hast du nicht
Theologie, sondern Deutsch, Politik und Philosophie studiert.
Ja, die Studienzeit war sehr schwer. Ich habe ewig studiert und einen ganz schlechten Abschluss gemacht.
Das hört man nicht
selten! Welchen Autor fandest du in damals besonders interessant?
Hermann Hesse. Er ist für mich etwas ganz Entscheidendes, weil ich erst mit 18 Jahren mein erstes Buch gelesen habe und das war Hermann Hesses „Steppenwolf“. Ich bin nämlich zu der Zeit auf ein humanistisches Gymnasium gekommen. Ich war erst Hauptschüler, dann auf einer Handelsschule, dann habe ich ein Jahr in einer Firma gearbeitet, dann war ich auf einer Fachoberschule für Wirtschaft und habe dann den Versuch gewagt, auf ein Gymnasium zu gehen. Ich war ein ganz spezieller Fall und mein Schuldirektor in Gummersbach sagte damals, das wenn ich bereit wäre, die gesamte Oberstufenzeit nur zu lernen, er es mit mir zu versuchen bereit wäre. Dort bin ich dann das erste Mal mit Kunst und klassischer Musik konfrontiert worden. So kam ich zu meinem ersten Buch.
Und dann bist du aus
den Latschen gekippt.
So kann man es nennen. Das weckte mein Interesse an Literatur bis zum Studium, das mir dann die Freude an Belletristik fast zehn Jahre versaut hat. Viele, viele Jahre habe ich freiwillig eigentlich nur noch Sachbücher gelesen. Die Liebe zum Schreiben war aber immer da, seit Hermann Hesse.
Jetzt hast du endlich
ein Buch geschrieben.
Ja.
Wie heißt das?
„Der Tag, an dem die Sonne verschwand“, daraus habe ich auch in Münster gelesen.
Warst du vorher schon
mal in Münster?
Ja, oft, ich mag Münster sehr.
Wofür kann man Münster
mögen?
Ich finde, es ist eine sehr hübsche Stadt, die sehr schön wiederaufgebaut wurde. Gerade wenn man aus dem Moloch Köln kommt, ist es eine große Erholung, hier durch die Altstadt oder um den Aasee zu spazieren. Und die Umgebung ist ja wohl ein Traum.
Worum geht es in
deinem Buch?
Es geht um einen Mann, der nach einem plötzlichen Wintereinbruch im Hochsommer bemerkt, dass er ganz allein auf der Welt ist. Dieser Mann wird im Buch begleitet, es gibt Rückblicke in sein Leben und wie er es dann meistert, mit der Frage umzugehen, ob er der letzte Mensch auf der Welt sei.
Das Schreiben ist
wiederum das Gegenteil deiner anderen Arbeit.
Ja, es ist sehr still, zurückgezogen und bisweilen auch qualvoll.
Du kommst aus
Gummersbach. Woher kennt man denn das?
Vom Handball und von Hella von Sinnen. Wir haben zusammen Abitur gemacht und uns sofort angefreundet.
Wie war die in der
Schule?
Auch schon sehr schräg. Sie hat das seltene Talent, dass sie ohne Text Menschen unterhalten kann. Das hat sie in der Schule auch schon immer gemacht. Hella ist gleich nach dem Abi nach Köln gegangen und ich hab noch Zivildienst in Gummersbach gemacht und dann haben wir Dirk Bach hier in der Studiobühne der Uni kennengelernt. Hella hat dort Theaterwissenschaften studiert. Dann sind die beiden zusammengezogen und deshalb waren wir viel zusammen.
Und jetzt seid ihr
alle im Fernsehen. Das ist für viele Menschen der absolute Traum.
Ja, aber man muss sich im Klaren sein, dass man dann unter ständiger Beobachtung steht, sowohl während des Jobs als auch danach. Bei mir hält sich das noch in Grenzen und wenn ich erkannt werde, sagen die Leute in der Regel nette Sachen. Das Fernsehen ist ja auch das perfekte Medium, um Eitelkeiten zu befriedigen. Alle Menschen, die ins Fernsehen streben, sind irre eitel.
Du auch?
Absolut.
Was ist denn
Eitelkeit?
Sein Ego präsentieren. Es ist sicherlich auch eine Kompensation.
Wofür? Für ein
verkümmertes Privatleben?
Das kann man so nicht sagen, aber alle haben eine Grundmotivation, die auf ein Manko hindeutet. Man darf nicht unterschätzen, wie gut es tut, von vielen Menschen anerkannt zu werden.
Wärst du gern
weltberühmt?
Nein! So, wie es jetzt ist, ist es okay. Weltberühmtheit bedeutet, nichts mehr ohne die Öffentlichkeit tun zu können. Das fände ich schrecklich. Was mich sehr nervt, ist, wenn Prominente selbst darüber jammern, dass sie nicht rausgehen können, dass sie belästigt werden und so. Das finde ich völlig bescheuert. Denn niemand wird dazu gezwungen, vor einer Kamera zu arbeiten.
Wer war der
Berühmteste, mit dem du je gesprochen hast?
Ich hab mal in einer Talkshow, bei Alfred Biolek, Karl Lagerfeld kennengelernt. Er ist ein toller Typ, da war ich am Anfang sehr nervös, denn das ist ja wirklich ein Weltstar, größer geht es ja kaum noch.
Und wie war der?
Der ist ganz normal, sehr warmherzig und humorvoll. Ich komme aus ganz einfachen Verhältnissen, nämlich aus einer Arbeiterfamilie, und er aus einer Industriedynastie. Und auch unser jetziges Leben unterscheidet sich gravierend voneinander, aber er war wirklich interessiert, hat mich viel gefragt und war ganz besonders nett. Wir haben uns genauso unterhalten, wie wir beide jetzt!
Bei wem würdest du
dich über einen Anruf freuen?
Naja, anrufen ist
vielleicht etwas schwierig, aber ich würde mich gerne mal mit dem Papst
unterhalten oder Putin oder dem Dalai Lama. Bei Putin oder dem Papst wäre
praktisch, dass ich mit denen in meiner Muttersprache sprechen könnte. Mit dem
Dalai Lama wäre ein Gespräch schon komplizierter.
Vielleicht kann man
mit dem auch auf andere Weise kommunizieren.
Bestimmt.
Ich bin mir sicher und
danke recht herzlich!


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