Andreas Perk
DIE SEELE VON RAHMEN UND SPEICHEN

Andreas Perk, was
bedeuten Ihnen Fahrräder?
Das Rad ist die perfekte Art der Fortbewegung. Radfahren ist umweltfreundlich und gut für die Gesundheit. Und es ist schön, einfach schön. Mir ist es wichtig, dass auch die Räder schön sind. Die müssen gut gepflegt sein, dann macht es auch Spaß, damit zu fahren.
Sind Sie selbst viel
mit dem Rad unterwegs?
Wenn man in Münster
wohnt, fährt man natürlich viel Fahrrad. Mein persönlicher Vorteil: Ich kann
täglich das Rad wechseln.
Wie alt sind die
ältesten Fahrräder, die hier stehen?
Mein Ältestes ist von 1907 und das geht dann so bis in die 80er-, 90er-Jahre.
Neue Fahrräder sind
nicht interessant?
Die ganz Neuen natürlich nicht, nur hochwertige Sachen. Mein jüngstes Modell ist von ’91, ein Carrera-Rennrad.
Werden Sie manchmal
auf der Straße von Fahrradbewunderern angesprochen?
Ja, wenn ich mit auffälligen Rädern unterwegs bin. Bei witzigen Sachen, zum Beispiel dem Bonanza-Rad, kommt bei vielen diese Kindheitserinnerung hoch: „Oh, das hatte ich auch mal.“
Geben Sie die
Fahrräder aus der Hand, wenn jemand kommt und fragt, ob er auch mal darf?
Das mache ich schon, aber nur für eine kleine Runde. Ich verleihe die Räder normalerweise nicht. Nur zu Dekozwecken oder für Ausstellungen.
Wo kommt die Fahrradbegeisterung her?
Mein Vater hat viel an
alten Rädern herumgebastelt – meins war ständig kaputt. Da habe ich einiges
mitbekommen. Vor zehn Jahren habe ich ein bisschen angefangen zu
schrauben, vor sechs Jahren hat mir meine Frau eine Mitgliedschaft im Verein
historische Fahrräder Deutschland geschenkt. Ich hatte schon immer einen Hang
zur Nostalgie, und ab da war ich völlig infiziert. Da lernt man Leute kennen,
die haben viel mehr Räder und viel viel bessere. Da ging’s richtig los.
Der Autofan wünscht
sich vielleicht den Ferrari, haben Sie ein bestimmtes Traumrad?
Eigentlich nicht.
Keine Ziele in Ihrem
Hobby?
Ich würde gerne eine Institution in Münster schaffen, wo alle Leute, die Spaß an Fahrrädern haben, zusammenkommen und sich austauschen können. Eine Art Fahrradpark. Ich wehre mich immer etwas gegen den Begriff Museum, das klingt so verstaubt. Dort müsste auf jeden Fall etwas passieren, Austausch stattfinden. Dafür wird sich auch unser Verein Leezenkultur e.V. einsetzen, der gerade gegründet wird. Das Fahrrad ist für mich ein Teil der Münsteraner Stadtgeschichte. Leider machen die bestehenden Institutionen da bisher nichts. Es gehen so viele Informationen über die Fahrradhersteller und die Fahrradkultur in Münster verloren.
Jetzt nennt sich
Münster gerne die „Hauptstadt der Fahrräder“. Stimmt das aus Ihrer Sicht?
Münster verfügt einfach vom Stadt-planerischen her über ein sehr gutes Netz aus Radwegen. Die große Fahrradherstellerstadt war eigentlich Bielefeld. Aber in Münster fahren alle. Man ist ruckzuck in der Stadt und ruckzuck auch wieder draußen. Das ist super. Nur um seine Fahrradgeschichte kümmert sich Münster zu wenig. Was kaum jemand weiß: Es hat hier eine Radrennbahn gegeben, viele berühmte Fahrer kommen von hier. Es fehlt eben dieser Knotenpunkt für Fahrradinteressierte. Ich wundere mich immer, dass in der selbst ernannten Fahrradhauptstadt nichts in dieser Richtung geschieht.
Passiert es Ihnen,
dass Sie auf der Straße ein Fahrrad sehen, dass Sie unbedingt haben müssen?
Häufig! Das Adler hier zum Beispiel gehörte einem Trödelhändler. Das war völlig verbaut, aber ich habe es dann wieder in den Originalzustand zurückversetzt.
Wie lange sitzen Sie
an einem Rad?
Allein die Reinigung dauert sechs Wochen. Das sieht man nachher nicht unbedingt. Aber wenn man das komplett zerlegt, reinigt und den Lack aufarbeitet, dann dauert das einfach. Wichtig für mich ist, dass die Räder im Original erhalten bleiben. Überlackieren kommt nicht in Frage. Das Alter muss man sehen.
Haben Sie schon mal
eins geklaut?
Nee, höchstens vom Sperrmüll mitgenommen. Mir ist auch noch keins geklaut worden, ich schließe die immer ordentlich ab.
Wie finanzieren Sie
Ihr Hobby?
Ich schaue immer, dass ich ein restauriertes Rad verkaufe und mir dafür ein grundsätzlich besseres leisten kann. Viele Einzelteile hole ich vom Sperrmüll und verbaue sie dann oder verkaufe sie über das Internet. Das Geld, das ich bei der Arbeit verdiene, bleibt so weit wie möglich für die Familie.
Wie viel Zeit
verbringen Sie in der Werkstatt?
Morgens so knapp zwei Stunden und dann – wenn ich Zeit habe – tagsüber auch noch mal eineinhalb oder zwei Stunden. Ich habe meistens mehrere Projekte, weil ich oft auf Ersatzteile warten muss. Ich kann nicht einfach in das Regal greifen und ein Teil nehmen. Das passt nicht, das passt nie. Manche Räder bekomme ich in gutem Zustand und dann dauert es trotzdem sechs Wochen, bis das Rad wieder stimmig aussieht.
Woher wissen Sie denn,
welche Teile an welches Rad gehören?
Über den Verein Historische Fahrräder sind 500 oder 600 Fahrradfreunde in ganz Deutschland miteinander vernetzt. Wenn ich ein bestimmtes Rad finde, zum Beispiel ein Adler, dann frage ich im Verein nach und bekomme über die Rahmennummer die korrekten Informationen. Vieles läuft natürlich auch über Gefühl.
Sind Ihre Räder
verkehrssicher?
Ja, die meisten baue ich wieder so auf. Aber bis in die 30er-Jahre war es zum Beispiel noch nicht Pflicht, hinten Licht zu haben. Und vorne gab es nur Karbidlampen.
Hat Sie schon mal die
Polizei mit so einem Rad angehalten?
Ja, ein Mal. Ich habe versucht den Polizisten zu erklären, dass das Rad noch nie eine Beleuchtungsanlage hatte.
Und die Antwort?
„Da müssen Sie Ihr Scheißrad ins Museum stellen.“
Machen Sie auch
normale Reparaturen?
Nein, eigentlich nicht. Das muss schon etwas Besonderes sein, um meine Begeisterung zu wecken. Dann ist es auch egal, wie das Rad aussieht. Dann will ich rausholen, was rauszuholen ist. Dieses Putzen und Säubern, dass es nachher gut aussieht, ist natürlich viel Arbeit, aber das ist auch die Belohnung, dass es nachher blitzt. Ich habe kürzlich ein englisches Offiziersrad vom Sperrmüll aufgearbeitet, das war komplett verrostet. Aber das geht, weil die alten Räder sehr hochwertig sind. Das hat in den 70ern 1500 Mark gekostet, das war ein Vermögen. Ich freue mich immer, wenn ich so ein Rad „retten“ kann. Ich kaufe ganz oft Räder, die ich gar nicht brauche, bevor sie verkommen. Und ich verkaufe auch Räder nicht an Leute, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sie nicht pflegen. Wenn da ein unsympathischer Typ kommt und gleich mit den Scheinen wedelt, geht mir nur ein Spruch durch den Kopf: „Auch für Geld kann man nicht alles kaufen.“ Da habe ich keinen Bock drauf.
Haben Sie da schlechte
Erfahrungen gemacht?
Ein, zwei Male habe ich Räder von mir in miserablem Zustand
gesehen und da vergeht mir die Lust. Wenn dann so jemand zur Reparatur kommt,
sage ich ihm das auch. Für mich hat ein Fahrrad eine Seele. Diese alten Sachen
haben eine Seele. Wenn man vergleicht, wie die Fahrräder aussehen, wenn ich sie
bekomme und wie sie nachher aussehen, das ist unglaublich. Wie schön die wieder
dastehen, auch nach 50, 60, 70 Jahren. Was für eine Eleganz diese Räder
ausstrahlen. Ich sage häufig Leuten: „Schau dein Rad mal genau an, du musst das
mal vernünftig putzen.“ Diese Kleinigkeiten, darauf lege ich
großen Wert.
Reicht es nicht irgendwann mit Fahrrädern?
Na ja, es reicht, wenn der Keller voll ist. Aber man schafft ja immer wieder Platz, am Anfang hatte ich hier im Keller nur einen Raum. Mittlerweile sind alle Räume Werkstatt. Aber vergrößern will ich mich eigentlich nicht. Lieber würde ich die Sachen öffentlich zeigen. In einer Ausstellung oder einem Showroom. Mein Wunsch für die Zukunft.


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