Heinz Strunk
Keinstarallüren

Es ist das erste in meinem Leben und für ihn heute schon das vierte. Die Rede ist von einem Telefoninterview. Überhaupt hat er schon professioneller telefoniert als die meisten von uns, denn er tat es bereits mit seinen Freunden Rocko Schamoni und Jacques Palminger als legendäres „Studio Braun“ und gehört damit zu den Erfindern des publizierten Telefonstreichs. Wer mit diesem Mann unvorbereitet telefoniert, ist cooler als Clint Eastwood. Ich bin das nicht und deshalb heißt es für mich: Löschpapier lutschen, mit Whiskey gurgeln und ran an die Sprechmuschel.
Elisabeth Ostermann
Guten Tag, Herr Strunk! Haben Sie schon einmal ein Stadtgeflüster-Heftchen gelesen?
Ja, ich hab früher schon damit zu tun gehabt. Ich habe euch doch vor ein paar Jahren mal ein Interview gegeben.
Ah, schön. Dann wissen Sie ja, wie der Hase läuft. Kommen Sie denn gerne nach Münster?
Ja, ich bin jetzt schon sechs- oder siebenmal in Münster gewesen und die Stadt gefällt mir ganz gut. Sie ist architektonisch schön und belebt, hat einen ganz anderen Druck als andere Städte in der Größenordnung. Münster hat eher eine Großstadtenergie und sich dennoch die kleinstädtische Betulichkeit bewahrt. Ich nehme Städte deshalb so atmosphärisch wahr, weil ich immer nur einen Tag bleibe.
Toll, dass Ihnen Münster gefällt. Böse Zungen behaupten, wir seien eine provinzielle Hamburgkopie.
Mit solchen Schlagwörtern kann ich wenig anfangen und wenn Münster eine Hamburgkopie sein sollte, wäre das sicher nicht das Schlechteste.
Und heute haben Sie Ihr neues Buch vorgestellt ...
Was heißt vorgestellt?! Das war eine reguläre Lesung von zweimal 45 Minuten. In diesem Fall ohne Musik ...
Warum ohne Musik?
Ich hätte natürlich mein Saxophon mitbringen und irgendwas daddeln können ... Ja, meinetwegen nicht unbedingt. Es passte ja auch diesmal nicht. Das letzte Buch handelte von Musik, also lag das nah. Diesmal nicht. Für alle, die weder bei der Lesung waren, noch das Buch gelesen haben ...
Worum geht’s?
Um sieben Tage im Leben eines 34-jährigen Humorautoren, der es wirklich schwer hat. Es ist eine Abrechnung mit der deutschen Humorlandschaft, diese Comedylandschaft kriegt ihr Fett weg. Dieser Humorautor entscheidet innerhalb dieser sieben Tage, sein Leben ändern zu wollen. Es ist stark biographisch.
Dann behandelt es Ihre Vergangenheit, denn Sie sind ja keine 34 mehr.
Stimmt, bin ich nicht. Es schöpft zwar sehr stark aus meiner Biografie, ist aber dennoch ein fiktionaler Roman. Bei „Fleisch ist mein Gemüse“ habe ich einfach erzählt, wie es war. Das spielte in der Vergangenheit. Dieses jetzt spielt schon sehr in der Gegenwart.
Wie viele Bücher könnten Sie denn noch aus Ihrer Biografie schreiben?
Das kann ich derzeit nicht beurteilen. Im Moment hängt das davon ab, wie mir der Erfolg gewogen bleibt. Es kommt in diesem Jahr sogar noch ein drittes Buch raus. Für das habe ich drei Monate benötigt. Für „Die Zunge Europas“ drei Jahre, je nach Schwierigkeit des Stoffes oder nach der Stilistik oder ob man etwas recherchieren muss. Wenn die beiden neuen Bücher total untergehen sollten, wovon ich nicht ausgehe, dann werde ich es wieder an den Nagel hängen. Ich mache das noch nicht allzu lange, mit 40 habe ich das erste Buch geschrieben und bin jetzt 46.
Das hat gleich ganz gut geklappt.
Ja, es hat sensationell gut geklappt!
Macht es Spaß, so ein Buch zu schreiben?
Überwiegend nicht, nein.
Man sitzt viel herum?
Man sitzt viel herum und quält sich.
Und dann muss man permanent die richtigen Worte finden, denn man will ja irgendeine Wirkung erzielen, oder?
Also die Wirkung interessiert mich überhaupt nicht.
Die Wirkung interessiert Sie nicht?
Einen Scheißdreck.
Was wollen Sie dann?
Ich schreibe Bücher nach bestem Wissen und Gewissen und bin dabei überhaupt nicht ergebnissorientiert. Ich hoffe natürlich, dass es die paar Leute gut finden, die mir wichtig sind und an die es adressiert ist, aber ich überlege nicht, wie ich schreiben sollte, damit es möglichst vielen gefällt.
Und was soll diesen wenigen Leuten daran gefallen?
Jeder Plot ist aus meinem Leben erzählt. Es gibt da nichts dazuzuerfinden. In der Literatur ist sowieso schon alles gesagt, es geht immer darum, wie man etwas sagt. Es gibt den schönen Satz: Stil ist alles. Und den halte ich für sehr wahr.
Lesen Sie Gedichte?
Nie.
Warum nicht?
Das interessiert mich nicht. Interessiert mich genauso wenig wie Theater oder Architektur. Ich mache zwar selber auch Theater, aber im Grunde interessiert mich das nicht. Ich interessiere mich nur für Dinge, die mich direkt angehen oder berühren.
Was ist das? Was berührt Sie?
Musik und Literatur, aber keine Lyrik. Diese Form ist mir einfach zu unpopulär. Es gibt aktuell keine erfolgreichen Lyriker. Wenn Sie mir da Ignoranz vorwerfen, kann das sein.
Sie sind ziemlich populär oder berühmt.
Nö, also das finde ich nicht. Mein Gradmesser für Berühmtheit ist, dass man, wenn man auf die Straße geht, von vielen Leuten erkannt oder angesprochen wird.
Werden Sie nicht erkannt? Jeder, den ich kenne, kennt Sie.
Wenn das so ist, freut mich das. Aber ich lege es gar nicht so darauf an, berühmt zu werden. Ich mache ja nur so Nischenkram. Ich habe nie die Berührung mit dem Mainstream oder mit dem Fernsehen gesucht. Das sind ja die Medien, wo man berühmt werden kann, wenn man Glück hat.
Ist das Glück, plötzlich berühmt zu sein?
Für mich nicht. Mir geht es nur um meine Kunst. Das, was ich mache und wovon ich überzeugt bin, dass es gut ist, das soll möglichst viele Leute erreichen.
Sie suchen also Gleichgesinnte?
Ja, ich suche Leute, die verstehen, was ich mache. Ich werde mich nicht bei Olli Geißen aufs Sofa setzen und die Hits der 90er kommentieren.
Darum bitte ich auch. Dann wäre Ihre Glaubwürdigkeit völlig dahin.
Ja, absolut.
Charlotte Roche ist jetzt in die Mühlen der Masse geraten durch ihr Buch. Haben Sie Angst, dass Ihnen so etwas auch passieren könnte?
Nö, eigentlich nicht, denn das Buch von Charlotte ist sagenhaft schlecht. Ich war entsetzt. Das hat mit Literatur nichts zu tun. Es ist von Grund auf und komplett misslungen.
Sind Sie Fan von irgendwem?
Es gibt schon Leute, die ich gern mal kennenlernen würde. Helmut Schmidt zum Beispiel. Leider halte ich das für völlig unrealistisch.
Gibt es sonst noch jemanden, mit dem wir ein Date vereinbaren sollen?
Botho Strauß. Und Karl Lagerfeld, den finde ich auch beeindruckend, dem würde ich sehr gerne mal begegnen.
Machen Sie Sport?
Ja, ich mache Pilates gegen meinen Rückenkram und ansonsten eine Mischung aus Laufen und Kraftsport, aber nicht im Fitnessstudio, sondern allein. Früher war ich ein ziemlich guter Fußballer.
Ach! In welcher Position?
Torwart.
Ehrlich? Wie groß sind Sie denn?
Ich bin jetzt 1,83 Meter.
Und früher waren Sie größer, oder wie?
Nee, damals war ich so 14, 15, 16 und ziemlich klein. Ich bin mit 18 überhaupt
erst gewachsen.
Da waren Sie ein ganz schöner Spätzünder. Fühlen Sie sich denn mittlerweile wohl in Ihrer Haut?
Überwiegend nicht.
Vielleicht sind Sie da ja auch ein Spätzünder.
Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Ich werde in diesem Leben wohl kein vor Lebensfreude übersprudelnder Optimist mehr werden. Das macht aber nix.
Herr Strunk, waren Sie schon mal im Gefängnis?
Nee, wie kommen Sie denn darauf? Eher Gefängnis oder eher Dschungelcamp? Da Gefängnis nicht unter Beobachtung ist, würde ich das dem Dschungelcamp wirklich vorziehen. Da ist man wenigstens auch alleine.
Das ist ein wunderbares Schlusswort! Danke für das Interview.


Kommentare
Kommentar von Ranger:
(09.01.2009 16:12 Uhr)Super Typ!
Kommentar von Hirnwichsen:
(15.04.2009 12:44 Uhr)Hey Elisabeth, darf ich schüchtern fragen ob du mich vergessen hast? Leider ist mein Mailaccount zwischendurch "verstorben", daher fehlt mir deine Mailadresse, aber vielleicht erreicht dich diese Nachricht ja auch.
Grüße
Sybille L.
Kommentar von Niels:
(01.01.2010 23:06 Uhr)Halfpape heißt der eigentlich? is ja irre, wer hätte das gedacth, dass sich einer nach einer Sportart nennt.